Grafenfestung und Zauberburg - El Castell de Quermançó

Wer von Figueres nach Llançà fährt, sieht in der Höhe von Vilajuïga rechter Hand einen felsigen Bergkegel mit der Burg liegen. Jeder, der unsere Gegend bereist, kennt diesen unübersehbaren Ort. Aber wer kennt die Geschichte und die Geschichten, die mit ihm verbunden sind?

Manchmal zieht die verlassene Burg das Interesse der Öffentlichkeit auf sich. So ging 2003 die Meldung durch die regionale Presse, dass man im Zuge archäologischer Ausgrabungen zwei Skelette im Hof der Burg gefunden habe. Mehr Beachtung fand die Meldung 2004, dass man im Zusammenhang mit dem 100. Geburtstag Dalis eine Tramontana-Windorgel installieren wolle, eine Idee, die auf den Maler selbst zurückgeht (aus verschiedenen Gründen ist der Plan bis jetzt noch nicht verwirklicht worden). 2010 wurde mitgeteilt, dass die Burg nach einer umfassenden Instandsetzung durch den Eigentümer Josep Maria Martorell i Pastoret der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werde.

 

Dank einer Übereinkunft des Rathauses von Vilajuïga, dem Centre d´Acollida Turistica (CAT), und dem Besitzer gibt es geführte Besichtigungen, die vom CAT – dem Tourismuszentrum in Vilajuïga – ausgehen. Aber auch sonst gibt es Veranstaltungen, meist kultureller Art, auf der Burg. Die Bemühungen des Besitzers um Belebung und Erforschung der Burg werden von einer Vereinigung unterstützt, der „Associacion d´Amics  Castell de Quermançó“.

 

Wenn man die (Galerie-)Bilder anklickt, werden sie vergrößert und erscheint ein Text

 

Von der Burg aus hat man einen umfassenden Blick auf die weite Ebene des Empordà und die umliegenden Berge.

 

Der Canigó -heiliger Berg der Katalanen - im Blickwinkel
Der Canigó -heiliger Berg der Katalanen - im Blickwinkel

 

Die Festung wurde von den Grafen Hug I. (931-1040) und Ponç I. (1040-1078) von Empúries im 11. Jahrhundert ausgebaut, geht aber wohl schon auf das 10. Jahrhundert zurück. Funde deuten darauf hin, dass der Berg bereits in iberischer und römischer Zeit besiedelt war (Quermanço - sprich: Karman'ßo -von „Quarta mansio = vierte Wachstation? "Quer" - vorromanischen Ursprungs - bedeutet aber sonst "Felsen"; "Quermançó" wäre dann "Felsenhaus"). Vielleicht spielte der herausgehobene und schwer zu erobernde Ort auch in westgotischer und maurischer Zeit eine Rolle. Wegen ihrer strategisch wichtigen und günstigen Lage wurde die Burg immer wieder belagert, zerstört und wieder aufgebaut. Ein Hauch von Tragik liegt über dem Ort und hat zur Bildung von Legenden geführt.

 

Die Festung beherbergte eine Zeitlang (ab 1029) das Archiv der Grafen von Empúries, "weil sie der festeste und am besten zu verteidigende Ort der Grafschaft, mit drei Mauern" war. Das Archiv war für die Herrscher wichtig, weil es die Rechte und Pflichten der Herrschaft und der Untertanen, sowie die diplomatischen Vereinbarungen dokumentierte.

 

Siegel eines Grafen von Empúries
Siegel eines Grafen von Empúries

1128 und 1138 verschanzte sich der streitbare ( und wohl auch streitsüchtige) Ponç (Hug) I. (II. / Graf 1116-1154) in der Festung, als die mächtigen Grafen von Barcelona, Ramon Berenguer III. und dann Berenguer IV., gegen ihn zu Felde zogen. Sie, die auch Herren der Provence und (letzterer) des Königreiches Aragonien wurden, beanspruchten die Oberhoheit, der sich Ponç nicht beugen wollte. Er wurde besiegt, in der Burg gefangen genommen und erhielt erst den Friedensschluss, als er versprach, die Burg „auf ewig“ zu schleifen.

 

Offenbar geschah dies nicht vollständig, denn 1288 wurde die Burg von den Kreuzrittern des französchen Königs Philipp des Kühnen belagert und zerstört. Diesmal stand der Graf von Empúries auf Seiten des Königs von Aragon/Katalonien Pere II. Gegen ihn hatte der Papst aus politischen Gründen zum letztlich erfolglosen Kreuzzug aufgerufen.

 

Im 14. Jahrhundert war die Burg in den Händen der Adligen Vilarig. Sie durften mit Erlaubnis des Bischofs von Girona einen Altar in der Burgkapelle St. Pere errichten, um dort Messe feiern zu können.

 

 

Die letze Belagerung der Burg durch die napoleonischen Truppen 1808 (Gemälde: Archiv Amics Castell de Quermançó)
Die letze Belagerung der Burg durch die napoleonischen Truppen 1808 (Gemälde: Archiv Amics Castell de Quermançó)

Nach weiterem wechselvollem Schicksal wurde die zerfallene Burg 1808 von den napoleonischen Truppen als Stützpunkt repariert und erweitert. Fern von den englischen Kanonen auf den Schiffen in der Bucht von Roses, errichteten sie ein Waffen- und Munitionslager. Bei ihrem Rückzug aus Spanien ließ der Marschall Suchet Quermanço sprengen.

 

1880 ließen sich eine Zeitlang aus Frankreich vertriebene Benediktiner in der Gegend nieder, gleichsam ein Zeichen des Friedens an diesem bisher wenig friedlichen Ort.

 

Heute sieht man noch die Reste von Mauern, des Hauptturmes, eines großen Saales, der Kirche, einer Zisterne und zweier Außentürme.

 

Bild Goldziege im Goldenen Buch von Quermançó
Bild Goldziege im Goldenen Buch von Quermançó

Volk und Schriftsteller haben manche Sage mit der Burg verbunden. So gibt es die auch an anderen Orten zu findende Erzählung von einer Goldziege (cabra d´or), die in einem Gang unter der Burg versteckt sein soll. Die legendären Juden von Vilajuïga, eine Königin oder ein maurischer König hätten sie bei ihrer jeweiligen Flucht verborgen. Bisweilen wurde sie noch des Nachts gesehen, wie sie hervorkam, einen Dämon auf dem Rücken, der nächtliche Besucher erschreckt. Auch Hexen sollen sich um Quermançó getroffen und dort Goldstücke versteckt haben.

 

Dali, der die Burg liebte und erst für sein Museum und dann für seine Muse Gala erwerben wollte, lud 1951 seine Cousine zu einem Spaziergang ein, um die goldenen Ziege zu suchen (die auch Motiv in einem seiner Gemälde ist). Er war der Auffassung, dass man von der Burg aus die schönsten Sonnenuntergänge der Welt sehen könne.

 

 

Weiterhin wird von einer Gräfin, Teresa von Molins, erzählt. Sie verließ ihr adliges Leben, um sich einer Räuberbande als Anführerin anzuschließen. Endlich war sie ihrer Untaten und der Streitereinen unter der Bande müde. 1826 ging sie mit einer Fackel in den Keller der Burg und sprengte sich mitsamt ihren Genossen und ihrer Behausung mit den Resten des Schießpulvers, das die Franzosen hinterlassen hatten, in die Luft. (Mehr zu ihrer Geschichte hier unter „Legenden, Mythen, Erzählungen“.)

 

Wandmalerei auf der Wartburg: Klingsor
Wandmalerei auf der Wartburg: Klingsor

Wird die Burg San Salvador über Sant Pere de Rodes mit Parzival und dem Gral verbunden, so ist Quermançó das Gegenstück, die Burg Schastelmarveille. Auf ihr hauste der Zauberer Klinschor und hatte große Schätze angehäuft. Er, der wegen einer Liebesaffäre entmannt worden war, "gönnte weder Mann noch Weib Gutes" (Wolfram von Eschenbach, Parzival). Er hielt auf seinem Schloss viele Frauen gefangen, die dort der Erlösung harrten. Man kann sich gut vorstellen, das auf dem ehemals hohen Torre mestra, dem Bergfried von Quermançó, seine Zaubersäule gestanden haben könnte, in der er – wie in einem Spiegel - "alle Länder ringsum erblickte".

 

Andere verbinden aber auch die Burg Quermançó mit dem Gral. So sollen Katharer auf ihrer Flucht vom Montsegur mit dem Gral auf der Burg Zuflucht gesucht haben, ehe sie zum Montserrat weiter zogen. 

 

 

 

Guillaume Bélibaste (+1321), der letzte "Perfekte" und Wanderprediger des okzitanischen Katharismus, hielt sich vor seiner Gefangennahme und Verurteilung zum Scheiterhaufen im Gebiet des heutigen Katalonien (Castelbó, Alt Urgell) und wohl auch in der Grafschaft Empúries auf (Torroella de Montgri). Katalanische und empordanesische Adlige waren des Katharismus angeklagt; von einigen wurden die sterblichen Reste exhumiert und verbrannt.

Es wird auch erzählt, es habe eine geheime Grals-Bruderschaft gegeben, die in den unterirdischen Kavernen und Gewässern ihre Neophiten initiierte. (Neuaufnahme durch ein Ritual, das Tod und Wiedergeburt symbolisierte.)

 

Es gibt also einiges an Geheimnissen und Schätzen in und um die Burg zu entdecken!

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Ingrid und Heinz (Sonntag, 23 Februar 2014 11:23)

    Hallo, Wolfram,
    Herzlichen Glückwunsch zu so tollen historischen Werken! Ich bin begeistert!
    Grüße aus Figueres, Ingrid