Bisheriger Inhalt:

Katalonien hat gewählt - was kommt

Die Karfreitagsprozessionen in Perpignan und Roses ...

Karneval in Roses 2014 - Bildergalerie und Text (neu)

Die Heiligen Drei Könige in Katalonien

Weihnachtsbräuche in Katalonien

Der Wolf in Katalonien...

Eine kleine Einführung in die Geschichte und Gegenwart Kataloniens

Katalonien hat gewählt - was kommt?

Wahlkandidaten - in welchem "Rahmen" werden sie agieren? ( Bild: La Vanguardia, Llibert Teixidó)
Wahlkandidaten - in welchem "Rahmen" werden sie agieren? ( Bild: La Vanguardia, Llibert Teixidó)

Ein mit Spannung erwartetes Wahlergebnis

 

Nicht nur Katalanen und Spanier, sondern auch die Ausländer, die in Katalonien zeitweilig oder dauernd leben, haben den Ausgang der Wahl 27-S zum Parlament der Autonomieregion mit Spannung erwartet. Der Präsident der Generalitat, Artur Mas, hatte die Wahlen vorgezogen, um ein klares Votum für seine Politik zu bekommen, die zur Unabhängigkeit von Spanien führen soll. Nachdem die Regierung in Madrid unter Ministerpräsident Rajoy und das spanische Verfassungsgericht eine Abstimmung über die Unabhängigkeit in Katalonien für illegal erklärt hatten, wurden die Wahlen zu einer indirekten Abstimmung über den Status Kataloniens umfunktioniert. Das, was eine „Landeswahl“ eigentlich bringen sollte,  die Wahl der Parteien und Abgeordneten, die die überzeugendsten Lösungen für die anstehenden Probleme des Landes vertreten, spielte nur am Rande eine Rolle. Und Katalonien hat eine Menge Probleme: hohe Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit, Armut, Mängel im Gesundheits- und Bildungsbereich, Umwelt, Korruption…Lediglich die Gruppe „Catalunya sí que es pot“ – die die Anhänger der „Podemos“-Bewegung sammelte - bestand auf dem Vorrang sozialer Fragen und musste sich wider Erwarten mit einem Stimmenanteil von 9 % begnügen.

 

Ein Wahlkampf der Schreckenszenarien und der Illusionen

 

Der Wahlkampf war heftig - emotional und manipulativ - geführt worden. Die Gegner der Unabhängigkeit malten Schreckensszenen finanzieller und wirtschaftlicher Folgen an die Wand, die Anhänger verbreiteten illusionäre Versprechungen - nach dem Motto: alle Probleme lösen sich, wenn wir nur unabhängig sind. Fakt ist, dass die Folgen einer staatlichen Selbstständigkeit Kataloniens schwierige Zeiten des Übergangs, große Organisationsprobleme hohe Kosten und Einschnitte für die Bevölkerung bringen würden und heute nicht genau absehbar sind. Statt Gewissheiten gibt es Unsicherheiten, die nur in langwierigen Verhandlungen und Bemühungen gelöst werden könnten. Fakt ist aber auch, dass die halsstarrige Politik Rajoys und seiner Regierungspartei PP gegenüber den Anliegen Kataloniens viele Katalanen aufgebracht hat, so dass sie allein in der Unabhängigkeit eine Lösung sehen. Hinzu kommt die tief liegende geschichtliche Erfahrung, vom Zentralismus der bourbonischen Herrschaft und des Franco-Regimes in den nationalen Eigenheiten und Rechten unterdrückt worden zu sein.

 

Kein eindeutiger Wahlsieg

 

So hatte diese Wahl einen Entscheidungscharakter, der 77,5 % der Wähler an die Urnen rief.

Artur Mas und sein Bündnis „Junts pel Sí“  („Gemeinsam für das Ja“), das seine bürgerlich-konservative Partei CDC und die national-links gerichtetete Partei ERC unter Oriol Junqueras umfasst, erreichten ihre Ziele nur teilweise. „Junts pel Sí“ erreichte 62 Sitze; mit der kleinen radikal national-antikapitalistischen Partei CUP bekommen die Unabhängigkeitsbefürworter aber 72 Sitze im Parlament. Diesen stehen 63 Abgeordnete der anderen Parteien, die der Unabhängigkeit ablehnend (Ciutadans/ bürgerlich, PSC/ sozialistisch, PP/ konservativ) oder reserviert (Catalunya Sí que es pot/ direktdemokratisch) gegenüberstehen. Die Unabhängigkeitsbefürworter haben also die absolute Mehrheit im Parlament.  Sie konnten aber nur knapp 48% der Stimmen auf sich ziehen. Sieht man das Wahlergebnis unter dem plebiszitären Aspekt, der von „Junts pel Sí“ und der CUP herausgestellt wurde, dann haben sich 52% der Wähler gegen die Unabhängigkeitspolitik dieser Parteien gestellt. (Die Sitzmehrheit der Unabhängigkeitsbefürworter ergibt sich aus dem d´Hondschen Wahlverfahren.) So muss man feststellen, dass die Bevölkerung Kataloniens in der Frage der Unabhängigkeit gespalten ist und es divergierende und wahrscheinlich auch kompliziertere Meinungen gibt, als es das Wahlergebnis zu erkennen gibt. So dürfte es eine nicht unbeträchtliche Zahl geben, die einer konföderativen Lösung zuneigen, die ja auch das vernünftigste und praktikabelste Ziel wäre.

Klarheit könnte hier nur eine regelrechte Abstimmung wie in Schottland bringen.

 

Die Aufgabe des nächsten Präsidenten wäre es, die gespaltene Gesellschaft Kataloniens zusammen zu führen. Mas hat sich in dieser Richtung geäußert. Ob ihm das aber gelingt, erscheint zweifelhaft. Seine bisherige Politik hat polarisiert.

 

Eine schwierige Regierungsbildung

 

Das Lager Mas und Verbündete haben in der Wahlnacht überschwänglich einen Sieg gefeiert, bezeichnenderweise im der alten Markthalle „El Born“ in Barcelona, die die Ruinen des 1716 auf Geheiß des Bourbonenkönigs Philipp V. zerstörten Stadtteils Ribera birgt. Mas erklärte, dass er und sein Bündnis überzeugend und demokratisch das Mandat erhalten habe, den Weg zur Unabhängigkeit zu beschreiten. Er rief die Neinsager auf, den Sieg der Jasager zu akzeptieren und appellierte an die (nicht vorhandene) Einigkeit der Katalanen, diesen Weg gemeinsam zu beschreiten.

Am Tag darauf kehrte Ernüchterung ein. „Junts pel Sí“ vereinigt zwei sehr divergierende Parteien. Hier wird es noch schwierige Verhandlungen über die politische Linie geben müssen. Die CDC  und die ERC sind auf die Unterstützung der CUP angewiesen. Sie ist das „Zünglein an der Waage“ und ein noch schwieriger Partner für die CDC als die ERC. Die CUP hat erklärt, dass sie es vorziehen werde, den Weg zur Unabhängigkeit ohne den „Technokraten“ und „Wirtschaftsverbündeten“ Mas als Präsidenten zu beschreiten. (Sie will aber wohl auch nicht verhindern, dass Mas Präsident wird.) So ist es nicht sicher, ob Mas vom Parlament wieder gewählt wird. Das könnte allenfalls im zweiten Wahlgang geschehen, wenn sich die Abgeordneten der CUP der Stimme enthalten. Die junge bürgerliche Partei Ciutadans (im Spektrum der „Mitte“ angesiedelt), die erstaunlich erfolgreich war (25 Sitze) und der PP und der PSC den Rang abgelaufen hat, aber auch ein natürlicher Konkurrent der CDC ist,  hat dann auch erklärt, dass Mas angesichts der unklaren Wahlergebnisse abtreten und Neuwahlen ausschreiben müsse. Mas würde sich mit dieser Partei einer starken Opposition gegenübersehen, die die für ihn nicht überzeugenden Wahlergebnisse ins Feld führen wird. Die "C´s", die auch bei den spanischen Wahlen antreten wird, könnte ernsthaft Rajoy und seine PP gefährden und auch dadurch in Katalonien gestärkt werden.

 

Ein langer Weg – wo führt er hin?

 

Es wird aber wohl doch so kommen, dass die CDC, die ERC und die CUP eine Koalition und eine vermutlich sehr zerbrechliche Regierung bilden werden, die einen langwierigen und mühsamen Weg in Richtung Unabhängigkeit einschlagen wird. Denn es ist nicht so, wie die CUP erklärte, dass mit der Wahl ein neuer Staat geboren ist. Mit diesem brüchigen Wahlsieg ist noch lange nicht ausgemacht, dass der Weg in der Loslösung von Spanien und einem neuen unabhängigen Staat in Europa enden wird. Rajoy hat am Tag nach der Wahl endlich Gesprächsbereitschaft signalisiert, sofern die spanischen Gesetzesgrundlagen von der neuen Regierung respektiert werden. (Es stehen ja auch  Wahlen an und das Wahlvolk Kataloniens kann dabei eine wichtige Rolle spielen.) Von Seiten Madrids ist vor den spanischen Wahlen nicht viel zu erwarten. Es besteht aber doch die Hoffnung, dass sich mit der Zeit und im Zuge von Verhandlungen auf beiden Seiten – Madrid und Barcelona – der unvernebelte Blick auf die Realitäten und die Vernunft wieder durchsetzen wird und praktikable Lösungen gefunden werden. Auch Europa ist hier gefragt. Sicher ist aber eins, die katalanische Frage wird nicht mehr zur Ruhe kommen und muss in einer Weise gelöst werden, die für alle Teile akzeptabel ist.

 

Eingefahrene Positionen überdenken

 

Die demonstrierenden Massen auf Straßen und Plätzen, die Junts pel Sí und verbündete Organisationen aufgeboten haben, waren eindrucksvoll und sind beachtenswert, sie repräsentieren aber - wie wir an dieser Wahl sehen - nicht die gesamte Bevölkerung und können nicht das letzte Wort behalten. Spanien und Katalonien befinden sich - mit guten Gründen - nicht in einer direkten, sondern in einer parlamentarischen Demokratie. Sich eventuell einseitig über eine geltende Verfassung hinweg zu setzen, wäre keine Grundlage für einen "neuen" europäischen Staat. Zu einer lebendigen parlamentarischen Demokratie gehört aber auch, dass auf Herausforderungen, wie sie die Unabhängigkeitsbestrebungen in Spanien darstellen, flexibel reagiert wird. Verfassungen können geändert oder ergänzt werden, und eine Demokratie muss nicht zentralistisch ausgerichtet sein. Nicht nur Katalonien, sondern auch das übrige Spanien sollte nach dieser Wahl eingefahrene Positionen überdenken.

Nach der Wahl - wohin wird Katalonien steuern? (Bild: EFE/Quelle: publico.es)
Nach der Wahl - wohin wird Katalonien steuern? (Bild: EFE/Quelle: publico.es)

Eine Gesellschaft zwischen frommer Tradition, Folklore und Säkularität

Die Karfreitagsprozessionen in Perpignan und Roses - und eine geheimnisvolles Gemälde in einer Kapelle in Perpignan

 

Karfreitag in Katalonien
 
Am 3. März 2015, dem Karfreitag, fuhren meine Frau und ich nach Perpignan. Perpignan ist von unserer Wohnung in Roses schnell zu erreichen. Wir wollten die Karfreitagsprozession in Perpignan  besuchen, „La Processó de la Sanch“,  die „Prozession des (kostbaren) Blutes (des Herrn)“. In Katalonien – wie in ganz Spanien – gedenkt man der Passion Christi vielerorts durch Umzüge und Passionspiele. Das jetzt französische Perpignan gehörte ja auch ursprünglich (bis zum „Pyrenäenfrieden“ 1659) zum Königreich Aragonien. Heute pflegt man dort wieder vielfach die katalanische Tradition und Sprache.
 

Oft haben die öffentlichen Passions- und Osterdarstellungen eine lange Geschichte, die bis ins späte Mittelalter zurückgeht. Meistens wurde die Tradition in der Neuzeit unterbrochen, vielfach aber in der restaurativen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen. Es ist immer noch eine fromme Tradition, an der sich nicht wenige gläubige Katholiken beteiligen. Sie haben sich meist in „Bruderschaften“ zusammengeschlossen, die innerhalb der Kirchengemeinden tätig sind. Andere beteiligen sich aus Traditionsbewusstsein. Für die Massen an Menschen, die die Straßen säumen, durch die die Prozessionen ziehen, oder die Zuschauer der theatralischen Darbietungen, ist das in der Regel ein interessanter Spektakel, bunte religiöse Folklore. Mit Christentum und Religion verbindet sie meist nur noch wenig, „Buße“ und Andacht liegen ihnen fern. Auch die Städte und Dörfer, in denen solches stattfindet, nehmen das in ihrem Veranstaltungskalender als touristisches Ereignis auf, in der Hoffnung, Leute anzuziehen. Auch die früher so katholische spanische und vollends die französische Gesellschaft ist – wie es heißt – „säkular“, „weltlich“ ausgerichtet.

 

Die meisten „Events“ dieser Art in unserer Gegend haben wir schon besucht, für uns oder mit Teilnehmern der „Kulturspaziergänge“. So die nächtliche Prozession mit dem berühmten „Totentanz“ in Verges oder das Passions- und Osterspiel in Sant Climent Sescebes.

 

Die größten und bekanntesten Karfreitagprozessionen finden in Girona und Perpignan statt. Beide hatten wir noch nicht miterlebt. Der Besuch des Umzuges in Perpignan wird dadurch erleichtert, dass er um 15.00 Uhr beginnt und nicht wie in Girona spät abends. Dies und das schöne Wetter erleichterte uns die Entscheidung für Perpignan.

 

Die Prozession in Perpignan

 

In Perpignan angekommen, führte uns das Navi in die Nähe der Kirche Sant Jaume oder Saint-Jaques, wo der Umzug beginnt. Allerdings war es unmöglich, dort einen Parkplatz zu finden und so mussten wir wieder umdrehen und weiter entfernt parken. Dafür hatten wir dann einen schönen Spaziergang am Palast der Könige von Mallorca vorbei, über kleine und große Plätze und enge Gassen, am Schluss durch das pitoreske, aber ärmliche Viertel der Algerier und Zigeuner.

 

Immer mehr Menschen strebten mit uns dem Ereignis zu und schließlich trafen wir auf den Zug, der sich schon in Bewegung gesetzt hatte. Vorneweg Mitglieder der Bruderschaft „La Sanch“ in roten Roben und spitzen Hauben mit Augenschlitzen auf dem Kopf, die Person unerkennbar, die „Regidors“ (Anführer). Andere folgen in schwarzen Roben. Wieder andere „Caparutxes“ tragen große und schwere, meist blumengeschmückte Gestelle auf den Schultern, auf denen Figuren zu sehen sind, die die „Misteris“ („schmerzlichen Geheimnisse des Glaubens“) darstellen. Das Jahr über werden die Gestelle in der Kirche Sant Jaume aufbewahrt, dem Sitz der Bruderschaft, wo wir sie schon gesehen haben. 

 

Die Figuren stellen die Leidensstationen Christi dar, sein Gebet im Garten Gethsemane, die Geißelung, die Dornenkrönung und Darstellung als „Ecce Homo“,  den Kreuz-Weg nach Golgatha, seine Grablegung. Dazwischen Marienstatuen, die den Weg der sieben Schmerzen der „Mater dolorosa“ zeigen. Auch Menschen, die Jesus auf dem Weg zum Kreuz begleitet haben, werden gezeigt, Jünger, ihm nahe stehende Frauen. Die Marienstatuen werden immer von Frauen getragen, in Trauerkleidung, aber ohne die verhüllenden Roben und Hüte der Männer, die die Assoziation an „Ku-Klux-Klan-Verkleidungen nahe legen. Natürlich hat dieser Aufzug hier nichts mit der amerikanischen rassistischen Geheimgesellschaft Ku-Klux-Klan zu tun. Gemeinsam ist allenfalls,  dass die teilnehmende Person nicht erkannt werden soll. Die mittelalterlichen Büßer wollten unerkannt bleiben, denn sich in den Zug der Büßer einzureihen, bedeutete, sich als „Sünder“ zu bekennen, auch als Vornehmer, Einflussreicher. Jeder hätte sich gefragt, was hat denn der „verbrochen“.

 

Schier endlos zieht der Zug an den Zuschauern vorbei, die in dichten Reihen Plätze und Straßen säumen. Aus Lautsprechern ertönen altertümliche fromme Gesänge, so genannte „Goigs“. Langsam, Schritt für Schritt und schweigend ziehen die Büßer. Immer wieder wird Halt gemacht, das Gestell auf Gabelstangen abgesetzt, Träger wechseln. Dann ein Klopfen des Anführers mit der Stange auf den Boden, die Träger heben das Gewicht von neuem auf die Schultern. Frauen wischen sich den Schweiß vom Gesicht. Manche scheinen bewegt, Tränen glitzern an ihren Augen. Sie erleben nach: Jesus, der gute Mensch, der Mann Gottes, der Heiland, wird zu Grabe getragen. Seine Mutter und mit ihr die Frauen, die ihn geliebt haben, der ihre Hoffnung war, sind von schmerzlicher Trauer erfüllt.

 

So zieht der Zug durch die Gassen und Plätze der Altstadt Perpignans, an den Kirchen vorbei, drei Stunden, bis er wieder zu Sant Jaume zurückkehrt. Eine große Strapaze für die Teilnehmer. Wir fragen uns, was bewegt sie, diese Mühen auf sich zu nehmen? Ist es der Glaube, Sehnsucht nach religiöser Erfahrung und Einbettung, echte Bußgesinnung oder die alte Tradition, auf die man stolz ist, in die man sich einreiht?

Für uns als protestantisch erzogene Menschen ist das Geschehen befremdlich und als christentumsfreundliche, aber religionskritische Zeitgenossen machen wir uns Gedanken über den Sinn solcher Aufzüge heute.

 

Wir wandern in einem Strom von Menschen zur Kathedrale. Hier hat sich die hohe Geistlichkeit, in ihren Prachtgewändern aufgereiht und begrüßt den Zug. Unter ihnen der neu ernannte Bischof von Perpignan-Elne, Norbert Turini. Für sie – die im säkularen Umfeld der französischen Gesellschaft nur noch wenig Bedeutung und Beachtung haben – muss der Moment erhebend sein.

 

Wir machen uns auf den Rückweg.

 

Weiterlesen...unter der Bildergalerie. Die Bilder lassen sich durch Anklicken vergrößern

Ein geheimnisvolles Bild

 

Auf dem kleinen „Place de la Révolution française“ ruhen wir mit anderen Gästen in einem Bistro aus. Französische Atmosphäre, idyllische Ruhe um uns. Hier stoßen wir auf  den geschichtlichen Ursprung der Prozession in Perpignan.

 

Wir sehen über uns Treppen, die zu einem offenen alten Tor mit einer leider nicht mehr erkennbaren Inschrift darüber führen. Neugierig treten wir durch das Tor. Ein kleine steingepflasterte Gasse öffnet sich, die an einem Kirchenportal endet. Das ist der alte Eingang zur großen Klosterkirche der Dominikaner. Das Portal ist verschlossen, aber die Kapelle links davon ist geöffnet: die „Chapelle du Tiers-Ordre“  aus dem Ende des 18. Jahrhundert. Sie wurde von den Dominikanermönchen für die Laienmitglieder des Ordens eingerichtet, Frauen und Männer, die sich dem Orden anschlossen, ohne Voll-Mönche oder -Nonnen zu werden, aber im Geiste des dominikanischen Ordens leben wollten. Das leere und verfallene im klassizistischen Stil gehaltene Innere zeigt die Spuren der Zeit und des sicher wechselvollen Schicksals des Gebäudes. Offensichtlich wird es auch nicht mehr als Gotteshaus benutzt, auch „säkularisiert“ eben.

 

Doch was erhalten geblieben ist, und was uns beeindruckt, ist das Decken-/Wandgemälde in der Apsis über dem kahlen Altartisch aus Stein. Sofort ins Auge springt in der Mitte des Chores eine majestätische weibliche Gestalt in klassizistisch-kriegerischer Gewandung mit Krone und Zepter. Um sie schweben Putten in weißem Gewölk. Die Gestalt ist von einem blauen Baldachin umgeben, der sich vom Hauptgemälde in der Deckenwölbung aus öffnet, wobei ihn Engelchen wie einen Theatervorhang aufziehen. Diese Figur müsste eigentlich Maria als Himmelkönigin sein, aber ihr Outfit lässt sie eher als antike Göttin erscheinen.

Im Zentrum des Hauptgemäldes sehen wir – das lässt sich deutlich identifizieren – Gottvater auf einem Wolkenthron, hinter dem die Sonne hervorbricht, in seinen Armen der Gottessohn, noch in Leidenhaltung, nackt, mit einem Lendenschurz angetan. Um die Szene schwebt triumphierend allerlei Himmelvolk.

Was aber zunächst auch unerklärlich bleibt, ist ein Zug angreifender und Schwerter schwingender antiker Krieger auf dem unteren Rand des linken Halbrundes – offenbar auf der Erde – und rechts ein Gedränge fliehender und fallender Gestalten. Ein Engelchen schleudert Blitze auf sie. Vor allem eine Frau in wehendem Gewand in voller Flucht fällt in dieser Gruppe auf, eine andere dahinter verteidigt sich mit Pfeil und Bogen.

Begleitet wird das Wand-./Deckengemälde von zwei Frauengestalten in illusionär gemalten Seitennischen des Altarraumes., auch im klassizistischer Aufmachung.

 

Was es mit diesem Gemälde auf sich hat, erfahren wir aus einem Blatt, das in der Kirche ausliegt. Das Gemälde stammt von dem Maler Jacques Gamelin (*1738 Carcasonne, + 1803 auch in Carcasonne). Er war offenbar ein gefeierter Maler seiner Zeit; nach malerischer Schulung in Toulouse, Paris und Rom wurde er dort Kunstprofessor und Hofmaler des Papstes Clemens XIV., wird also als getreu erscheinender Katholik aufgetreten sein. Clemens XIV. war ein aufklärungsfeindlicher, der Inquisition zugetaner Papst. Nach der französischen Revolution muss sich Gamelin gewandelt haben, oder er hat einfach seinen Malerkittel in den jeweils wehenden Wind gehängt. Er wird im Range eines „Capitaine“  Militärmaler unter General Dugommier, dem Befehlshaber des kirchenfeindlichen Revolutionsheeres, das gegen die Truppen des spanischen Königs zog. Gamelin malt im klassizistischen Stil, was wir in dem Deckengemälde bestätigt finden, obwohl es auch barocke Züge zeigt.

 

Wir erfahren, dass das Gemälde den Titel trägt: „Der Kampf der Dominikaner gegen die Häresie. „Aha“, denken wir, die Krieger am unteren Rand sollen also den Kampf der Dominikaner gegen die „Häresie“ symbolisieren, die fliehende Haupt-Dame rechts die „Häresie“. In der Tat haben sich Dominikus (1170-1221) und seine Nachfolger im Kampf gegen von der katholischen Kirche abgefallene Christen, unter anderen die Katharer, hervorgetan. Sie haben einen Großteil der Inquisitoren gestellt. Das passt in das Bild des päpstlichen Hofmalers. Dazu passen würde auch, dass die baldachinumgebene Maria so groß herausgestellt wird. Denn die „Himmelkönigin“ ist die Schutzpatronin der Dominikaner. Es verwirrt aber, dass sie als antike Göttin dargestellt wird, und die den Vorhang aufziehenden Engelchen Freimaurer-Symbole tragen. Im Informationsblatt wird sie auch als die Göttin der „Vernunft“, als „Minerva“, bezeichnet. Offenbar wurde das Deckengemälde in oder nach der Französischen Revolution „umgewidmet“ oder verändert, vielleicht vom Maler selbst. Wahrscheinlich verehrte man dann in dieser Kirche – wie auch anderenorts“ - die „Vernunft“, der zu Ehren man während der französischen Revolution Standbilder in zu „Tempeln der Vernunft“ umgewandelten Kirchen aufstellte.Die „Vernunft“ in der Mitte des Kirchenchores wird von den Allegorien der „Liberté“ und der „Justice“ in den illusionären Seitennischen begleitet. Eine „Dreieinigkeit“ der französischen Revolution! Vielleicht diente die Kirche auch Versammlungen der Freimaurer, die ja – wenn überhaupt - eine übergreifende „aufgeklärte“, „vernünftige“ Religion vertreten.

 

Das passt ja nun sehr gut zu unseren religionskritischen Gedanken, die uns angesichts der Prozession in Perpignan kamen. Denn die „Aufklärung“ ist die Mutter der modernen Religionskritik. Ein interessanter Gegensatz, den wir in Perpignan erleben: eine wieder belebte mittelalterlich-fromme Tradition und ein künstlerisches Dokument der Aufklärung, noch dazu in einer Kirche, einer Dominikanerkirche!

Übrigens wurde die Chapelle du Tiers-Ordre später Militärkirche der nahe liegenden Garnison. Die kriegerischen Szenen auf dem Gemälde müssen den Militärs gefallen haben! Angeblich haben sie das Bild auch noch in ihrem Sinne verändern lassen.

 

Der Heilige Vicent Ferrer im Zug
Der Heilige Vicent Ferrer im Zug

 

Ursprung der Karfreitags-Prozession

 

Bemerkenswert ist auch, dass der Platz der Französischen Revolution früher „Plaça dels Predicators“, „Platz der Prediger(mönche)“ hieß, gemeint sind die Predigermönche der Dominikaner. Hier – vor ihrem Klosterbezirk - hielten sie wohl ihre Antiketzer- und Bußpredigten an das Volk. Auf die Predigt eines der ihren soll die Gründung der Bruderschaft „Sanch“ und der „Processó de la Sanch“ zurückgehen

 

Wohl in der Passionszeit des Jahres 1416 hielt der aus Valencia stammende Dominikanermönch Vicent Ferrer, geistlicher Berater des Königs von Aragon, Beichtvater des Papstes Benedikt XIII., später heilig gesprochen, eine aufrüttelnde Predigt in Perpignan:

Pest gehe um, die Christenheit sei gespalten und uneinig, Ketzerei erhebe ihr Haupt, Ungläubige zögen gegen die christlichen Länder. Dies seien die Zeichen der Endzeit. Der Anti-Christ zeige seine Fratze, das Jüngste Gericht habe sich genaht.  Nur Buße, Umkehr und Hinwendung zum Gottessohn, der für uns gelitten habe, könne bei seinem kommenden Richtspruch vor der ewigen Verdammnis retten.

 

Tatsächlich war eine Pestwelle über Europa hinweg gezogen, der osmanische Sultan Bayezid I. hatte König Sigismund von Ungarn, den späteren deutschen Kaiser, in einer Schlacht geschlagen, es gab drei Päpste, die sich bekämpften, einer saß in Avignon, ein zweiter in Pisa und ein dritter in Rom. Benedikt XIII., vom aragonesischen König und von Vicent Ferrer unterstützt, hielt sich mehrfach in Perpignan auf und hielt dort ein Konzil zu seinen Gunsten ab. Im Jahr 1415 war auf dem Konzil zu Konstanz, das das „große abendländische Schisma“ beenden sollte, Johann Hus als Ketzer verbrannt worden.

 

Die Predigten des „Wanderpredigers“ Ferrers überall im Königreich Aragonien hatten großen Zulauf und Wirkungen. So auch in Perpignan. Zwei der bedeutendsten Handwerkergilden gründeten unverzüglich die „Confraria de la Preciosissima Sanch (sprich: Sank) de Jesus Christ“, die „Bruderschaft vom kostbarsten Blut Jesus Christi“. Sie veranstalteten öffentliche Bußzüge vor allem in der Passionzeit, Kreuze wurden geschleppt, man geißelte sich…dies sollte die eigene Bußgesinnung bezeugen und die noch Zögernden zur Buße aufrufen. Zudem übernahm man die Aufgabe, die zum Tode Verurteilten auf dem Gang zum Galgen oder zum Scheiterhaufen zu begleiten und sie zur Buße zu bewegen, um ihre Seele zu retten. Dies wurde bis ins 19. Jahrhundert fortgeführt. Im Mittelalter und auch später waren die Delinquenten nicht selten Opfer der Inquisition, angebliche Ketzer oder „rückfällige“ Juden, die Christen geworden waren. Sowohl Ferrer wie Benedikt XIII. waren in unrühmlicher Weise darum bemüht, Juden zur christlichen Taufe zu bewegen. Die roten Roben der Bruderschaft symbolisierten nicht nur das Blut Christi, sondern auch das der zum Tode Verurteilten. Diese trugen übrigens auf ihrem Gang zur Richtstätte Hauben wie die Mitglieder der Bruderschaft.

 

In der Zeit der französischen Könige wurden diese Umzüge als „spanisch“ unterdrückt, während der französischen Revolution natürlich abgeschafft. Die Prozessionen der „Confraria de Sanch“ wurde in den Zeiten, wo sie möglich waren, auf die Kirche Saint-Jacques beschränkt Man nahm wohl auch als Ersatz an der großen Prozession in Sevilla teil.

 

Ab 1950 fanden die Umzüge dann wieder öffentlich statt, wohl auch im Zuge einer  Rückbesinnung auf die katalanische Vergangenheit Perpignans. Heute sieht man während des Umzuges häufig die katalanische Flagge. Publikumsfreundlich wurde der traditionell in der Nacht des „Gründonnerstag“  stattfindende Umzug auf den Nachmittag des Karfreitags verlegt.

 

Soweit die Geschichte dessen, was wir erlebten. Auf unserem Rückweg zum Parkplatz kreuzten wir noch mehrfach den Weg der Prozession. Sichtlich erschöpft wirkten jetzt die Teilnehmer und manche konnten nur noch mit Mühe die Gestelle erheben. Nahezu makaber wirkte es auf uns, als der Zug an einem großen Wandgemälde vorbei schritt, auf dem unter anderem ein Esel zu sehen ist, der, mit verschränkten Beinen auf einem Ast sitzend, ruhig und nachdenklich auf den Betrachter herabblickt. Wir fragten uns: was mag der Esel wohl darüber denken, was jetzt unter ihm stattfindet? Esel sind ja Symbolträger, auch für Katalanen, die den katalanischen Esel gern als Aufkleber an ihr Auto heften.

 

Eine weitere, freudigere, Prozession in Perpignan findet am Ostersonntag statt, der „Zug der Auferstehung“ – von Saint-Jacques zur Kathedrale Saint-Jean.

 

Zurück nach Roses

 

Wir fahren nach Roses zurück. Wir wollen auch die „heimische“ Karfreitagsprozession dort erleben. „Ein bisschen viel Buße an einem Tag“ sagen wir uns. Aber nach dem Abendessen machen wir uns wieder frisch gestärkt auf den Weg.

 

Um 9.00 Uhr abends stehen wir in einer dicht gedrängten Menge auf dem Vorplatz der Kirche Santa Maria. Die schöne klassizistische Kirche wurde übrigens von einem der Baumeister der Festung Ferran in Figueres errichtet, aus der Militär-Baumeister-Familie Zermeňo. Unter Trommelwirbel und Trompetenklang ziehen die „Manaies“, römische Soldaten ein, die den Begräbniszug Jesu begleiten. Unter ihnen auch Frauen und Kinder. Aus den Türen der Kirche kommt der Zug heraus. Ein großes mit weißem Tuch umhülltes Kreuz wird dem Zug voraus getragen. Die Mitglieder der Bruderschaft in roten, blauen oder schwarzen Roben folgen, teilweise mit weißen Augenschlitz-Spitzhauben, die sich vom schwarzen Gewand leuchtend abheben.

 

Die nächtliche Prozession in Roses

 

Auch hier in Roses wird die Prozession von einer kirchlichen Bruderschaft betrieben, der „Hermandad del Nazareno“, aber auch von der „Associació Rosinca des Festes“ mitgetragen, einer Vereinigung, die die populären Feste in Roses wie den Karneval organisiert und zur touristischen Attraktivität des Ortes beiträgt. Die Prozession in Roses ist längst nicht so alt wie die in Perpignan oder Verges, sondern wurde wohl in den 50ziger Jahren des letzten Jahrhunderts aufgenommen und ruhte eine Zeitlang. 2010 wurde sie wieder belebt.

 

Wir begeben uns vom Kirchenvorplatz schnell in eine Seitengasse, durch die der Zug kommt. Auch hier säumen Menschen den Weg, aber nicht so dicht gedrängt wie bei der Kirche. Uns fällt auf, dass es vor allem Einheimische sind, die hier stehen, kaum Franzosen, die in dieser Zeit in großer Zahl die Lokale bevölkern. Nun naht der Zug, das große weiß umhüllte Kreuz voran. Die Menge verstummt. Früher hieß die Prozession „Processó del Silenci“, „Zug des Schweigens“ und tatsächlich fand der Zug unter großer Stille statt, bei den Akteuren und den Zuschauern. Jetzt wirken Tambourschläger, Trommler und Fanfarenbläser mit. Die Tambourträger sind blau gekleidet, ohne Maskierung, die Trommler, die riesige Trommeln handhaben, schwarz mit weißer Kopfverhüllung mit Augenschlitzen. Der dumpf dröhnende Rhythmus der Tamboure und Trommeln bestimmt den Schritt des Zuges. Gemessen schreitet er voran, in einer Art gleichmäßigem wiegenden Pilgerschritt, der alle Mitwirkenden verbindet. Wenn die Trommeln verstummen, verharrt der Zug. Das wirkt alles in der spärlich erleuchteten Gasse eindrücklich, ja unheimlich.

 

Auch hier werden die verschiedenen Figuren Jesu auf dem Kreuzweg auf großen Gestellen getragen. Auch die „Mater dolorosa“ ist in mehreren Ausführungen dabei. Wie in Perpignan tragen Frauen die Marienfiguren. Träger und Begleiter sind bunter und vielseitiger gewandet als in Perpignan. Der Versuch, Kolorit der Zeit Jesu herzustellen, ist erkennbar. Manche der Teilnehmer, vor allem Frauen und Kinder, tragen Kerzen, deren Licht sich von der Dunkelheit abhebt. Der Zug, der sich durch die Gassen des alten Fischerstädtchens bewegt, ist lang, erstaunlich für Roses, aber natürlich nicht so lang wie in Perpignan.

 

Beeindruckend ist, dass sich am Schluss des Zuges Gläubige mit Kerzen in den Händen angeschlossen haben und weitere sich anschließen. Hier gibt es nicht nur unbeteiligte Zuschauer, sondern ein Teil der Bevölkerung empfindet und lebt offenbar mit. Insgesamt hat uns der Zug, die Atmosphäre, in Roses viel mehr berührt als in Perpignan. Hier wurde wirklich etwas von dem traurigen Geschehen, in das Jesus und die Menschen um ihn verwickelt war, deutlich – mindestens da, wo wir standen. Und man wird zum Nachdenken darüber angeregt, was es mit diesem Menschen auf sich hatte. Nach Perpignan müssen wir nächstes Jahr nicht mehr fahren, aber in Roses wollen wir wieder dabei sein, wenn es uns möglich ist.

 

Bildergalerie Karneval in Roses 2014

Umzug am Sonntag (02.03) und Schnappschüsse am Rande

Die Bilder bitte anklicken - dann öffnet sich eine Diaschau mit Bildunterschriften

Ausklang am Montagabend - "Beerdigung der Sardine"

Karneval in Katalonien

Seine Majestät „Carnestoltes“ tritt die Herrschaft an


Karneval wird vor allem in den katholisch geprägten Ländern gefeiert. Es bezeichnet eine Reihe von Tagen vor der österlichen Fastenzeit, die durch Ausgelassenheit, Schmausereien und Verkleidungen geprägt sind. Der Zusammenhang mit der kirchlich verordneten Fastenzeit ergibt sich aus der Bezeichnung, die wohl von lateinisch carne levare, d. h. „den Fleischgenuss aufgeben“ kommt. Ehe die ernste und durch Enthaltsamkeit geprägte Zeit des Gedenkens an die Passion Christi begann, hatte das Volk die Gelegenheit zur Freizügigkeit, zum „närrischen“ Verhalten, zum Schlemmen und (Be-)Trinken, zum gemeinsamen Feiern und zum Rollenwechsel, zum Verspotten der kirchlichen und weltlichen Autoritäten. Die „Laster“, die man ablegen sollte, wurden dargestellt und auch ausgelebt.

 

Wie überall in der katholischen Welt hat sich in Katalonien eine Tradition des Karnevals ausgebildet, die manche Eigenständigkeit aufweist. Aber auch innerhalb der „Hochburgen“ des katalanischen Karnevals, in Solsona, Sitges, Vilanova i la Geltru, Tarragona, Barcelona oder Roses gibt es Eigentümlichkeiten und Unterschiede mit verschiedenen Gebräuchen und Figuren.

 

Aber überall ist die Hauptfigur „Sa Majestat en Carnestoltes“, der „Karnevalskönig“, der die Karnevalstage und ihr Treiben verkörpert und repräsentiert. „Carnestoltes“ ist auch die katalanische Bezeichnung für den Karneval. Dieses Wort hängt ebenfalls mit der Abkehr vom Fleischgenuss zusammen und leitet sich von lat. „carnes tollendas“, also dem „weg zu schaffenden Fleisch“ ab. Carnestoltes kann sich allerdings unter verschiedenen Namen und Gestalten verbergen, so ist er in Castello d´Empuries  der „Janot“, in Vilanova der „Moixo Foguer“, das „Feuervögelchen“, eine in Vogelfedern gekleidete Gestalt, der „Narr“ im Federkleid. Ursprünglich ist der Carnestoltes ein „Ninot“, eine Puppe, was sich in manchen Orten erhalten hat, aber meistens wird er jetzt durch einen jungen Mann repräsentiert. Vielerorts hat er auch eine „Concubina“ oder eine „reina“, die Karnevalskönigin“. In ihm haben sich die Katalanen, die in der Geschichte so oft von eigenen und fremden Herrschern und Herren unterdrückt wurden, einen eigenen volkstümlichen König geschaffen, der die Regeln und Anordnungen der Obrigkeiten unterläuft und verspottet. Dieser „König“ hat „anarchistische“ und „individualistische“ Züge, was ja durchaus im katalanischen Volkscharakter verankert ist.  So hat sich auch die Obrigkeit immer wieder gegen das Karnevalsstreiben gewandt.

 

In Roses haben wir die erste dokumentarische Erwähnung des Karnevals 1780.  Damals beklagte sich der Bürgermeister von Roses in einem Schreiben an die übergeordnete Behörde über den spanischen Militärgouverneur wegen dessen Geringschätzung der „autochthonen“ Bevölkerung und weil er im Namen der Ordnung die „Zelebrierung“ des Carnavals verbieten wollte. 1936 verbot Franco den Karneval mit seinen Verkleidungen und satirischen Elementen. Die Einwohner von Roses wussten sich aber zu helfen und feierten ihn weiter mit Bällen und Gemeinschaftsessen in Sälen (allerdings ohne Masken - und unter Aufsicht der Guardia Civil), als „ folkloristisches“ Fest. Nach der Franco- Zeit begann dann das Wiederaufleben des Karnevals in Katalonien.

  

Mancher mag bedauern, dass die Herrschaft des freizügigen „Narrenkönigs“ nur so kurz dauert, vom „Dijous Gras“ – dem „schmotzigen“ (schmalzig-fetten) Donnerstag - an dem in Katalonien Omeletts (truita), Schweinefüße, butifarra (Bratwurst) und Coca de Llardons (schmalzgebackenes Hefegebäck) gegessen wird, bis zum „Dimecres de Cendra“, dem Aschermittwoch. Schließlich haben sich die „Comparses“, die in „collas“, Gruppen, zusammengeschlossenen und in den Umzügen einheitlich auftretenden Teilnehmer, lange auf diese Tage vorbereitet. Auch die verschiedenen Kommissionen, die Teile des Carnavals gestalten, haben viel Mühe auf ihre Auftritte verwandt.

 

Carnaval in Katalonien ist ein Gemeinschaftsereignis, das die Bevölkerung verbindet. Aber weniger die Zuschauer als vielmehr die Beteiligten und ihre Angehörigen. Ursprünglich taten sich Häuser (Familien)  in den Dörfern oder Barrios in den Städten zusammen und bildeten „collas“, feierten, aßen und tranken gemeinsam. Der Spaß und die Freude lag bei denen, die sich aktiv beteiligten. Und das ist auch heute noch zu bemerken. Diejenigen, die den Karneval in Düsseldorf oder Köln kennen, wundern sich, warum bei den Umzügen in Roses oder anderswo so wenig von der Ausgelassenheit  der Festzugsgruppen auf die Zuschauer überspringt. Die Mitglieder der collas wollen die Zuschauer gar nicht animieren oder sich ihnen gegenüber exhibitionistisch  darstellen. In erster Linie wollen sie unter sich feiern und Spaß haben. Kontakt nehmen sie in der Regel mit denen auf, die sie kennen. Die vielen fremden Zuschauer sind willkommen, aber gehören eigentlich nicht dazu, sie sind touristisches Beiwerk.

 

Niemand soll sich dadurch den Spaß an den prächtigen und farbenfrohen Umzügen verderben lassen. Aber man erlebt auf diese Weise nur einen Teil dessen, was zum Carnaval in Katalonien gehört.

 

„Carnaval“ hat seine „Liturgie“

 

Der Carnaval hierzulande läuft nach einer eigenen „Liturgie“ und bestimmten Ritualen ab, die das Ganze ausmachen.

 

Am  Abend des „fetten Donnerstag“ zieht „seine Majestät, der Carnestoltes“ ein und ergreift die Herrschaft. Er hält ein „Prego“, eine Ansprache, in der die Zeit der Ausgelassenheit, der Freiheit und der Satire angekündigt wird. Ereignisse und Personen des Ortes werden aufs Korn genommen, was nicht immer Freude bei den Angesprochenen hervorruft. Wegen des Ärgers, den dies oft schafft, ist die Rolle und die Aufgabe des Carnestoltes zu dieser Gelegenheit mancherorts nicht  mehr beliebt und man versucht sie zu ersetzen.

 

Meist am Freitagabend finden dann die „Rues“, die großen Umzüge, statt, die an darauf folgenden Tagen wiederholt werden. Auch den Kindern räumt man Umzüge ein, die oft in den Schulen vorbereitet werden. Nach den Umzügen treffen sich die Mitglieder der Collas und feiern weiter. Man veranstaltet Bälle - heutzutage auch große Freiluftparties. Auch zu gemeinschaftlichen Essen trifft man sich – in Roses am Montag -, wobei in den einzelnen Orten bestimmte Spezialitäten zubereitet werden, z. B. Escudellas (Suppen mit Einlage) oder Reisgerichte („Arrossada“ in Roses). Ursprünglich waren die Mähler für die Teilnehmer der Collas und ihre Angehörigen gedacht,  kostenlos und alle beteiligten sich bei der Zurichtung. Heute sind aber auch Gäste nach Entrichtung eines Obulus willkommen.

 

Am Montagabend oder am Dienstag naht dann das Ende der Herrschaft des Carnestoltes. Er wird feierlich zum Tode verurteilt, verbrannt und beerdigt ( in diesem Fall greift man wieder auf die Puppe zurück). Er hinterlässt ein Testament, das von einem „Notar“ verlesen wird. Wieder wird satirisch Bezug auf alle möglichen örtlichen Geschehnisse genommen.Traditionell wurde auch zur Beachtung der Fastenzeit aufgerufen. Mancherorts verbindet sich die Verlesung des Testaments mit dem „Enterrament de la Sardina“ am Aschermittwoch oder früher (so vor allem in Orten, wo der Sardinenfang eine Rolle spielte). Dabei wird eine große Papiersardine begraben und werden Sardinen oder Sardellen (aber auch noch süßer Wein) gereicht. Wahrscheinlich hat diese Sitte auch etwas mit den Verzichtleistungen der Fastenzeit zu tun. Man „begräbt“ symbolisch die Köstlichkeiten des Gaumens und der Sinne, ja den ganzen „ alten Adam“. Ab jetzt herrscht die „Vella Quaresma“,  die katalanisch gekleidete Alte mit dem Bacala (Stockfisch) in der Hand und sieben Füßen, die die Fastenzeit mit ihren sieben Wochen  und die wiederhergestellte „Ordnung“ repräsentiert.

 

Die Heiligen Drei Könige in Katalonien

Auch dieses Jahr kommen die Reyes Magos oder die Reis Mags – wie sie in Katalonien heißen – wieder aus dem Orient und bringen ihre Gaben. In Roses landeten sie bisher und in Empuriabrava kommen sie immer noch am Vorabend des Dreikönigstages per Schiff an. Das entspricht den Angaben der „Legenda Aurea“, der mittelalterlichen Legendensammlung des Erzbischofs von Genua Jacobus de Voragine (gest.1298). Nach ihm kamen sie auf Tharsisschiffen übers Meer. Anderswo kommen sie freilich mit zeitgemäßeren Verkehrsmitteln an: mit Auto, Hubschrauber oder gar Hochgeschwindigkeitszug. Sie gehen eben mit der Zeit. Aber einig sind sich alle in der Christenheit – da stimmen sogar die Katalanen mit den Spaniern überein – sie kommen aus dem Orient. Das entspricht der biblischen Ursprungserzählung bei Matthäus: “Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland (wörtl.: von Sonnenaufgang, Orient, Osten, her) nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.“

 

Erst später – ab dem 3. Jahrhundert - werden unter dem Einfluss alttestamentlicher Weissagungen aus den „Weisen“ (im Urtext: Magoi, d. h. persische Magier, Priester) Könige, wird ihre Dreizahl festgelegt, und erhalten sie Namen.

Drei Magier, Ravenna
Drei Magier, Ravenna

Auch wir Deutschen kennen die Drei Könige. Ihre Gebeine liegen ja im Kölner Dom, in dem berühmten edelsteingeschmücktem Drei-Königs-Schrein aus vergoldetem Silber. Ihre Reliquien wurden aus dem Orient über Mailand nach Köln gebracht. Kaiser Friedrich I. („Barbarossa“) schenkte sie 1164 nach der Eroberung Mailands seinem Reichkanzler, dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel. Von Köln aus hat sich die Verehrung der Drei Könige ausgebreitet und ist auch nach Katalonien und Spanien gekommen. Wahrscheinlich gehen verschiedene katalanische Drei-Königs-Sitten auf spätmittelalterliche Gebräuche Kölns zurück.

 

Aber in Deutschland hat von den vielen alten Bräuchen am Dreikönigstag nur weniges überlebt. (Ursprünglich ist dieser Tag „Epiphanias“, das Erscheinungsfest, das Weihnachtsfest der alten Christenheit, an der man das Erscheinen Gottes auf Erden feierte.) Hauptsächlich der wieder belebte Brauch der „Sternsinger“ ist bei uns geblieben; Kinder, die – meist in katholischen Gebieten – von den Kirchengemeinden ausgesandt werden, und in der Tracht der Drei Könige vor einem Stern einher ziehen und für einen guten Zweck Gaben erbitten. Mit geweihter Kreide schreiben sie an Türpfosten die drei Buchstaben C+B+M umgeben von der Zahl des neuen Jahres. Diese wird gedeutet als: Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus. Aber natürlich stecken ursprünglich hinter den Buchstaben die Namen der drei Unheil abwehrenden Könige: Caspar, Melchior und Balthasar.

 

Balthasar mit Gefolge
Balthasar mit Gefolge

Da geht es in Katalonien und Spanien schon anders her mit den drei Königen. Ihr Tag ist hierzulande eines der beliebtesten Feste im Jahreslauf; ihr Einzug – spanisch Cabalgata, katalanisch Cavalcada – gehört zu den populärsten Umzügen mit –allerdings heute stark zurückgetretenem - religiösem Hintergrund. An ihm machen fast alle Familien mit jüngeren Kindern mit – oft auch die muslimischer Konfession. Denn die Heiligen Drei Könige bringen den Kindern Geschenke. Sie erinnern nicht nur daran, dass jedes Kind ein „Christkind“ sein kann, sondern auch, dass so vieles in der spanischen Geschichte aus dem Orient kam. Und so begrüßt man denn, lautstark und ausgelassen, oft mit Feuerwerk, die Ankunft der prächtig orientalisch herausgeputzten Könige mit ihrem großen, bunten Gefolge.

 

Auf Pferden, manchmal Kamelen oder mit Gestirnsymbolen geschmückten „Carrosses“ ziehen sie ein, winken leutselig und werfen Bonbons. Begleitet werden sie von ihren „Patges“, den Pagen, und allerlei anderen Gestalten, „Capgrossos“, Tanzmädchen, Musikanten… Man fühlt sich an Karneval erinnert. In Barcelona war letztes Jahr der Zug 900 m lang und 15 000 kg „Carameles“ wurden verteilt!

Doch an jedem Ort läuft das unterschiedlich und in unterschiedlichem Ausmaß ab. Auf jeden Fall sind die Drei Könige und ihre Pagen der Mittelpunkt.

-         Melcior ist der „weiße König“ mit heller Haut, weißem Bart und Haar. Eigentlich ist er der jüngste König, aber nach einer Legende wurde er, weil er mit seiner Jugend protzte, vom Jesuskind zum Ältesten verwandelt. Er repräsentiert das Alter und Europa. Er bringt das Gold, das edelste und beständigste Metall, das Mächtigen und Königen als Geschenk zusteht.

-         Gaspar ist der „Rei ros“, der jüngste mit „rosiger“ Haar – und Hautfarbe - wie Melcior traditionell mit  Kleidern im „gotischen“ Stil angetan. Er repräsentiert die Jugend, Asien und bringt „encens“, Weihrauch (hergestellt aus dem Harz des Boswelliabaumes), der dem Göttlichen dargebracht wird.

-         Baltasar  ist der dunkle König, der „Mohr“ (Maure) mit brauner oder schwarzer Hautfarbe und orientalischer Gewandung.  Er repräsentiert das mittlere Alter, Afrika, und bringt „mirra“, die „bittere“ und heilkräftige Myrrhe (aus dem Harz eines Balsambaumes), mit der Könige, Propheten, aber auch Verstorbene gesalbt wurden. Diese Gabe weist darauf hin, dass Christus leiden und sterben musste, um die Menschen zu erlösen.

 

Manchmal gibt es noch einen vierten König. Er hat sich verspätet, weil ihn Not und Leiden von Menschen, die ihm unterwegs begegnet sind, aufhielten. Dieser König repräsentiert die späteren, den gegenwärtigen Menschen, der sich auf Christus zu bewegt.

 

Die Könige haben Pagen als Herolde und Helfer. Diese kündigen die Könige an, nehmen Karten der Kinder mit ihren Wünschen an und teilen die Geschenke aus, in kleineren Orten manchmal direkt, oft klettern sie dazu über Leitern auf Balkone und kommen so in die Häuser. Üblicherweise stellen aber die Kinder abends Schuhe auf Balkone, dazu auch einen Teller mit Torrons (Mandelkonfekt) und ein Glas Sekt als Wegzehrung für die Könige, und morgens finden sie dann die Geschenke vor.

 

Die Pagen treten örtlich verschieden auf. In Barcelona ist es der Patge Gregori, der mit seinen großen Augen und Ohren alles sieht und hört und den Königen berichtet, ob die Kinder sich gut oder schlecht betragen haben. Für die Guten gibt es Geschenke, für die Unartigen Kohle, den Carbo de Reis. Als Ansporn zur Besserung wandelt sie sich im Munde allerdings in Zucker. (Die Kohle war ein Geschenk eines legendären Köhlers an die Heilige Familie. Auf Geheiß des Jesusknaben nahm sie der Köhler in den Mund und siehe da – sie schmeckte süß! Irgendwie ist die Kohlengabe dann zu den Königen gelangt. Vielleicht hat sie das Jesuskind auch an die Könige verteilt und sie haben sie dann in ihr Geschenkrepertoire übernommen.) Woanders gibt es andere Pagen. In Alicoi sind es die dunklen Negres  des Königs Baltasar, die auf die Balkone klettern und Geschenke verteilen. In Igualada ist es der Maure Faruk, in Girona und im Alt Emporda der en Fumera mit seinen sieben Augen am Kopf und einem Auge an einem langen Finger, auch eine Art „Spion“ der Könige, der wie der Rauch durch die Kamine kommt und überall herumschnüffelt.

 

Noch eine andere Sitte ist zu nennen, die als typisch spanisch gilt. Am Morgen des Dreikönigstages verzehrt man den Roscon de Reyes (katalanisch: Tortell de Reis), einen überzuckerten Hefekranz, gefüllt mit Orangeat und Marzipan. Mit ihm wird eine Krone geliefert. Er enthält eine getrocknete Bohne und eine Figur, meist einen König. Wer auf den König beißt – Vorsicht mit den Zähnen! – darf sich die Krone aufsetzen und als König repräsentieren. Wer auf der harten Bohne kaut, muss den Kuchen oder noch mehr bezahlen.  

 

Die Namen der Könige, die symbolischen Bedeutungen der drei Gestalten, des Aussehens, der Gewandung sind alt, auch der Zug der Könige geht auf alte Vorbilder zurück. Wer aber meint, es handelt sich bei den heutigen Kavalkaden um uraltes Traditionsgut, täuscht sich. Die älteste Cavalcada ist die von Alcoi (Region Alicante), die 1866 eingeführt wurde – und damit berühmt und viel besucht ist. Danach kommt die von Igualada (Region Barcelona), die es ab 1895 gibt. Die meisten Cavalcadas stammen aus dem 20. Jahrhundert, oft aus der jüngsten Zeit. Sie werden von bestimmten Vereinigungen, dem örtlichen Handel und manchmal vom Ajuntament oder gemeinsam veranstaltet.

Dementsprechend tritt der kommerzielle Hintergrund, das Spektakel, die Tourismusattraktion, deutlich hervor. Immerhin stand dagegen am Anfang eine religiöse und soziale Ausrichtung: In Alicoi bewegt sich der Zug auf ein „Naixement“, auf eine Geburtsszene, zu und man wollte ursprünglich arme Arbeiterkinder beschenken.

 

Bei ihrem Zug durch die Länder und Zeiten haben die Drei Könige manche Veränderung mitgemacht. Aber immer noch sind dieses „Migranten“ aus dem Orient Gestalten, die Deutschland und Spanien und darüber hinaus Orient und Okzident verbinden.

Epiphanie / Anbetung der Heiligen Drei Könige - Fresko in der Absis der romanischen Kirche Santa Maria in Taüll (Pyrenäen/ Katalonien)
Epiphanie / Anbetung der Heiligen Drei Könige - Fresko in der Absis der romanischen Kirche Santa Maria in Taüll (Pyrenäen/ Katalonien)

Weihnachtsbräuche in Katalonien

Katalanische Weihnachtskrippe
Katalanische Weihnachtskrippe

Bildreportage "Pessebre vivent" (Lebende Krippe) unter dem Text

 

Weihnachtskrippen mit der Darstellung der Geburt Jesu kennen wir auch von Deutschland. Aber hier beschränken sich die Krippenfiguren meist auf die zentralen Figuren, die wir mit der Weihnachtsgeschichte verbinden: Das Jesuskind in der Krippe, im Stall, umgeben von Maria und Joseph, Ochs und Esel, den Hirten, dem Engel der Verkündigung, den Heiligen Drei Königen…Blicken wir auf katalanische Krippen („Pessebres“ – ein spanisches Wort!), so entfaltet sich ein ganzes Panorama von Szenen und Figuren. Natürlich sehen wir irgendwo den Stall oder eine Höhle mit dem Kinde, wir finden auch Maria und Joseph, Ochs, Esel (hier meist ein Maultier) und über der Geburtsstätte einen Verkündigungsengel. In Landschaften mit Moos, Steinen und Holz gestaltet, sehen wir dann die Hirten, die auf dem Felde bei ihren Tieren tätig sind. Und es ist gleich eine Vielzahl von Hirten mit verschiedenster Beschäftigung: die einen lauschen den Engeln, ein anderer hört nichts, weil er kocht, andere streiten…Aus der Ferne ziehen die drei „magischen Könige“ herbei, dem Stern nach, in orientalischem Gepränge, auf Kamelen, mit Dienern, einer meist schwarz, manchmal auf einem Elefanten. In großen Krippen erstreckt sich die Szenerie vom Dorf Bethlehem bis auf das hochragende Jerusalem, die katalanischen Dörfern oder Städten nachgebildet sind. Und überall entfaltet sich das Volksleben, die verschiedensten traditionellen Berufe sind zu sehen, Bauern, Handwerker, Töpfer, Köhler, Schreiner, ein Fischer an einem See, Frauen am Brunnen mit Krügen…Dazwischen reitet ein Priester im schwarzen Habit…Menschen versammeln sich auf einem Markt. Viele Tiere beleben die Szenen: kleine Vögel, Enten, Hühner, Ziegen, Wolf…Meist sind die Kostümierung, die Geräte, die Tätigkeiten nicht historisch, sondern aus dem katalanischen Leben vergangener Zeiten gegriffen.

 

In großen Krippen wird nicht nur die Geburtsszene dargestellt, sondern auch Vorhergehendes und Nachfolgendes. Wir sehen in Jerusalem, wie der Engel Gabriel Maria die Geburt ihres Kindes verkündigt, wir finden den König Herodes, der die drei Könige befragt, an anderer Stelle wird uns die Flucht des Heiligen Familie nach Ägypten gezeigt, der Mord an den Kindern in Bethlehem durch Herodes dargestellt, auch Joseph mit dem Jesusknaben in seiner Werkstatt ist zu finden. Und dann gibt es Figuren, die für uns ganz befremdlich in diesem Geschehen sind: In einer Höhle sitzt ein Teufel und hinter einem Busch der „Caganer“ mit heruntergezogener Hose, der sein „Geschäft“ erledigt. Das heilige Geschehen wird hier sehr realistisch in das traditionelle katalanische Alltagsleben eingebettet.

 

In den katalanischen Krippen spiegelt sich eine andere Auffassung von Weihnachten, als wir sie kennen. Weihnachten ist nicht wie bei uns – herkömmlicherweise - ein „besinnliches“ Fest, auf das man sich in der Adventszeit vorbereitet und das man still im engen privaten Kreise feiert, mit dem Höhepunkt am „Heiligen Abend“, an dem auch die „Bescherung“ stattfindet. Die Adventszeit kennt man in Katalonien kaum mehr, der Beginn der Weihnachtszeit ist der 13. Dezember, Santa Lucia, das Lichterfest, oft verbunden mit Firas, Märkten, die überhaupt die Vorweihnachtszeit prägen. Dann stellt man die Krippen auf, in Häusern, Plätzen und Kirchen. Die Krippen stehen an Stelle der Adventskränze und Weihnachtsbäume bei uns. An den Krippen vergegenwärtigt und verfolgt man das Weihnachtsgeschehen. So rücken die Kinder die Reis Mags immer näher an den Geburtsort Jesu bis zum Dreikönigstag, an dem sie dann Geschenke, nicht vom „Christkind“ oder „Weihnachtsmann“, sondern von den Heiligen Drei Königen erhalten. (Natürlich haben inzwischen im Zeitalter der Amerikanisierung und Vereinheitlichung auch Santa Claus oder Papa Noel hierzulande Einzug gehalten und gibt es in manchen Familien Geschenke schon zur „Nit de Nadal“, am „Heiligen Abend“).

 

Weihnachten ist ein fröhliches und geselliges Fest, in dem Scherz und Ausgelassenheit durchaus ihren Platz haben. So zogen früher die Jugendlichen in der Nit de Nadal umher, sangen Weihnachtslieder mit manchmal zweideutigem und burleskem Charakter, forderten Gaben für das Weihnachtsmahl, tanzten und trieben Scherze. Oft traf sich das ganze Dorf in der Nacht, brachte Holzscheite, die zu einem Feuer entzündet wurden; ein auf heidnische Zeiten zurückgehender Brauch, der die Wiederkehr der Sonne und des Lichtes feierte. Auch heute noch gibt es in der Weihnachts- und Neujahrszeit Anklänge an Karneval, so der 28. Dezember, der unserem 1. April entspricht oder der „Home de los Nassos“, eine Art „Karnevalskönig“, mit großer Nase (ursprünglich den 365 Nasen/Tagen des Jahres), der in manchen Ortschaften an Silvester kommt und Süßigkeiten an Kinder verteilt. Bei all den Gebräuchen schimmern die römischen „Saturnalien“, ein ausgelassenes Fest am 17. Dezember, durch. Die bäuerlich-dörflichen Sitten haben sich aber heute nur noch in Resten erhalten. In der bürgerlichen Gesellschaft sind der Caganer und der Tio geblieben.

 

Die katalanische Sitte des „Tio“ in der Nit de Nadal hat scherzhafte Züge. Dies ist ein großer Ast, heute mit Gesicht, „Barretina“ (roter Mütze) und Füßen. Am hinteren Ende ist er hohl. Ab dem 8. Dezember wird er mit Süßigkeiten – vor allem Torro/Mandelkonfekt - gefüllt. Bis Weihnachten sollte er verhüllt sein. Die Kinder schlagen in der Nit de Nadal auf ihn ein, bis er die Leckereien von sich gibt. (Manchmal befinden sich unter ihm auch Geschenke.) Dabei singen sie - so oder ähnlich:

Caga, tio,

sino et dare cop de basto,

caga torrons

i pixa vi blanc.

 

Sch…e, Ast, sonst setzt es Schläge, sch… Mandelkonfekt und pis...e weißen Wein (oder Sekt).

 

Ursprünglich sollte der Ast Wärme und Licht bringen. Dass er etwas von sich gibt, zeigt, dass er – wie der Caganer – auch ein Fruchtbarkeitssymbol war, adaptiert zu Weihnachten, das ja die Geburt Christi feiert, der Licht und neues Leben mit sich bringt. Der christliche Firnis ist aber nur dünn; „Eschatologie“ (Lehre vom Ende der Welt) wird von „Skatologie“ (Lehre von den Ausscheidungen) unterwandert. Auch der Caganer hat diesen ironischen Charakter: er düngt die Erde, woraus Neues wächst. Außerdem zeigt er, dass die menschlichen Bedürfnisse, die „Notdurft“, durchaus neben dem Heiligen und Feierlichen bestehen können. Schließlich müssen auch Heilige und Könige mal …, genauso wie Hirten und Bauern. Da steckt eine Absage gegen allzu große (Weihnachts-)Feierlichkeit drin.

 

Womöglich ist die Tätigkeit des Caganers auch eine Folge des üppigen Essens, das am ersten Weihnachtstag in Katalonien üblich ist. Nicht umsonst heißt es: Menja be, caga fort i no tinguis por a la mort – Iss gut, sch… kräftig und kümmere dich nicht um den Tod. Warum ist es Sitte, an Weihnachten so zu schlemmen und ausgelassen zu sein? Das hat sich aus den Zeiten erhalten, als man noch im Advent fastete.

 

Woher kommen die Krippen? Traditionell - es gibt aber auch moderne – sind sie im barocken Stil angefertigt und in dieser Zeit kamen sie auf und erhielten ihren volkstümlichen Charakter, man denke z. B. an die sich an das Volk wendenden und oft drastischen Predigten von Abraham a Santa Clara. Krippen dienten der Volksmissionierung und die war volkstümlich und anschaulich. Schließlich konnten damals bei weitem nicht alle Menschen lesen und so wurden andere Wege der Vermittlung gesucht Die Krippen erzählten ohne Buchstaben und Worte die in der Weihnachtsgeschichte enthaltenen Botschaften.

 

Volksnahe, realistische mit vielen Figuren und Szenen ausgeschmückte Krippen wurden in Italien und besonders in Neapel hergestellt. Von dort brachte sie König Carlos III. (1715-58), der auch König von Neapel und Sizilien war, nach Spanien und Katalonien. Übrigens hat dieser König 1763 auch die spanische Weihnachtslotterie eingeführt – um den Staatssäckel zu füllen. Auch in den neapolitanischen Krippen findet sich der ka…nde Hirte, der dann mit katalanischen Besatzungssoldaten bis in flandrisch-belgische Krippen gelangte.

 

Aber die Erfindung der Krippen liegt noch weiter zurück. Abgesehen von der Plastik und Malerei, die die Geburt Christi schon früh darstellte (ab dem 4. Jahrhundert auf Sarkophagen) und immer beeinflusste, gilt als Initiator der Heilige Franziskus von Assisi (1181-1230).

 

Nach Thomas von Celano (gest. 1260), dem Verfasser der ersten Lebensbeschreibung des Franziskus, ließ der „Poverello“ (der kleine Arme, wie Franziskus auch genannt wurde) in dem Dorf Grecchio 1223 eine „Weihnachtsfeier“ im Wald, in einer Höhle, vorbereiten. Er soll gesagt haben: „ Ich möchte nämlich das Gedächtnis an jenes Kind begehen, das in Bethlehem geboren wurde und ich möchte die bittere Not, die es schon als kleines Kind zu leiden hatte, wie es in eine Krippe gelegt, an der Ochs und Esel standen, und wie es auf Heu gebettet wurde, so greifbar als möglich mit leiblichen Augen schauen.“ „Nun wird eine Krippe zurechtgemacht, Heu herbeigebracht, Ochs und Esel herzugeführt. Zu Ehren kommt da die Einfalt, die Armut wird erhöht, die Demut gepriesen und aus Grecchio wird gleichsam ein neues Bethlehem. Hell wie der Tag wird die Nacht, und Menschen und Tieren wird sie wonnesam“ (Thomas von Celano). Das war also die erste „Pessebre Vivent“, die lebende Krippendarstellung, vorerst nur mit Krippe, Heu, Ochs und Esel – das Christuskind wurde visionär geschaut - Maria und Joseph und andere Gestalten fehlten, denn „Mütter sind wir, wenn wir Christus… in unserem Herzen und Leibe tragen; wir gebären ihn durch ein heiliges Wirken…“ (Franziskus) und ebenso sind wir Väter, Hirten, Könige und Engel, wenn wir ihre Hingabe und Aufgabe übernehmen.

 

Die Pessebres vivents, die heute in vielen Ortschaften Kataloniens, mit unterschiedlicher Qualität und Ausführung, aber immer mit viel Hingabe von den Beteiligten gefeiert werden, sind freilich jüngeren Datums – die erste wurde 1962 in Corbera de Llobregat eingerichtet.

 

Man orientiert sich an den Haus- und Kirchenkrippen, wobei heute ein historisierender Zug zu bemerken ist – man will das Leben in Palästina zur Zeit Jesu möglichst echt darstellen, wobei die alten katalanischen Dörfer und die sie umgebende Natur eine sehr passende Kulisse bilden.

 

Auch die „Pastorets“, die Hirtenspiele, sind ein Produkt des (frühen) 20. Jahrhunderts. Allerdings haben auch sie sehr alte Vorgänger: spätmittelalterliche liturgische Spiele in den Kirchen zur Weihnachtszeit, in denen die Verkündigung an die Hirten – Menschen, in denen sich das Volk wieder erkannte - und ihr Weg zur Krippe geschildert wurde. Auch Engel, die die Hirten zur Krippe leiten wollen und Teufel, die sie daran hindern möchten, und ihr Kampf untereinander, spielten eine Rolle Dabei konnten durchaus burleske und derbe Szenen vorkommen, die schließlich zum Verbot dieser Spiele führten Die heutigen volkstümlichen – sehr unterschiedlichen - Theaterstücke nehmen diese Tradition und die Hirtenszenen der Krippen auf und setzen sie in Handlungen um, meist mit Musik und alten oder neuen Liedern.

Das Ganze ist oft mit Anspielungen an das heutige, oft örtliche Leben und viel Klamauk, aber auch mit großer Spielfreude und vielen Einfällen, verbunden. Volkstheater, das man zum großen Teil verstehen wird, auch wenn man nicht Katalanisch kann.

 

Noch eine Frage: woher kommen die verschiedenen Gestalten und Szenen der Krippendarstellungen? Die kirchlich anerkannten neutestamentlichen Schriften der Bibel bilden die Grundlage: Matthäus spricht von der „Jungfrauengeburt“, erzählt von den „Weisen aus dem Morgenland“ ( nicht aber von ihrer Zahl oder gar ihren Namen), der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten und ihrer Rückkehr, auch vom Kindermord des Herodes. Über die Umstände der Geburt Jesu lässt er sich nicht aus. Dies trägt Lukas nach: er bringt eine lange Vorgeschichte mit der „Verkündigung“ der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel an Maria. Dann erzählt er die bekannte „Weihnachtsgeschichte“ mit der Geburt Jesu in einer Krippe bei oder in einer „Herberge“, den Hirten, dem „Verkündigungsengel“ und den lobsingenden Engeln mit der Friedensverheißung sowie dem Gang der Hirten zur Krippe und ihre Rückkehr. Aber wo bleiben Ochs und Esel, wo bleiben genauere Umstände? War der Geburtsort ein Stall oder eine Höhle? Wo die Überlieferung lückenhaft oder ungenau ist, blüht die Phantasie. Die Lücken füllen „apokryphe“, spätere, nicht von der Kirche offiziell anerkannte Evangelien aus. Ochs und Esel stammen aus dem „Pseudo-Matthäusevangelium“, das sich auf alttestamentliche Stellen bezieht und auch von einer Höhle als Geburtsstätte spricht ( der Stall wird aus dem Lukas-Evangelium geschlossen). Dass es drei Weise waren, folgerte man aus ihren Geschenken: Gold, Weihrauch, Myrrhe. Das „Armenische Kindheitsevangelium“ gibt ihnen Namen: Kaspar, Melchior und Balthasar. Dann machte man sie zu Königen. Weiterhin heften sich allerlei symbolische Bedeutungen an die Tiere und Gestalten.

 

Ein weiteres Beispiel. In den neapolitanischen und katalanischen Krippen findet sich der „Carboner“, der Köhler, der Holzkohle zur Krippe bringt. Außerdem gibt es in Katalonien die Sitte, den weniger braven Kindern ein Stück schwarze „Zucker-Kohle“ zu verabreichen, die der Tio ausscheidet. Der Köhler ist an sich eine typische Erscheinung des vergangenen Kataloniens. Aber seine verborgene Herkunft in den Krippen liegt in einem koptischen apokryphen Kindheitsevangelium. Da erscheint ein verrußter Köhler auf einem Esel in Nazareth und bringt einen Haufen Kohle, damit „unser Herr“ – der jetzt bereits Knabe ist - sich erwärmen könne. Die Brüder Jesu helfen auf Geheiß Josephs beim Abladen und Maria speist den Köhler mit Brot und Wasser. Da ergreift der Jesusknabe ein Stück Kohle und gibt es dem Köhler mit dem Wort: „Iss!“ Der Köhler isst – gedankenverloren oder gläubig – und siehe da, das schwarze Stück Kohle verwandelt sich in seinem Mund in Zucker.

 

Möge Ihnen, liebe Leser, das katalanische Weihnachten gut bekommen! Bon Nadal!

 

Bildreportage "Pessebre vivent" (Lebendige Krippe) im Park des Schlosses Peralada - durch Anklicken werden die Bilder vergrößert und erscheint eine Beschriftung

Der Wolf in Katalonien - Mythen und Realität

Kehrt der Wolf wieder nach Katalonien zurück?

(aus: www.fondosgratis.mx/lobos)
(aus: www.fondosgratis.mx/lobos)

In seinem Werk „Costumari Catala“ („Katalanische Bräuche“/1950-56) hatte der bedeutende katalanische Volkskundler Joan Amades auch die im Volke umherlaufenden Geschichten über Wölfe und die mit ihnen zusammenhängenden Bräuche gesammelt und beschrieben. 2004 veröffentlichte der katalanische Schriftsteller und Direktor des „Centro de Historia Contemporanea“, Albert Manent, sein Buch über den Wolf in Katalonien: „El Llobo a Catalunya, memoria, llegenda, historia“. Diese Bücher sollten ein Abgesang auf ein Tier sein, das das Leben der Landbewohner Kataloniens geprägt hat und dessen zwei letzte Exemplare 1935 in der Terra Alta (Tarragona) erlegt wurden. Wenn ein geschichtliches Phänomen verschwunden ist, treten die Historiker auf den Plan.

 

Doch zur selben Zeit, als das Buch von Manent erschien, kamen Pressemeldungen, die fragten: „Kehrt der Wolf wieder nach Katalonien zurück?“ Hierzu ein eigenes Erlebnis: Im Herbst 2004 unternahm ich eine Wanderung in die Alberes, begleitet von meinem Hund. Ich begann die Wanderung hinter Garriguella. Sie führte mich in eine waldige und einsame Gegend. Auf der Suche nach einem Dolmen kämpften wir uns an einem Bergabhang durch das Unterholz. Auf einer kleinen freien Fläche stießen wir auf die Reste eines gerissenen Damhirsches. Abgenagte Knochen lagen verstreut umher. Ich wollte mich interessiert nähern, als mein Hund plötzlich erstarrte und nicht mehr zu bewegen war, weiter zu gehen. Seine Nackenhaare hatten sich gesträubt und er fixierte einen Punkt im Gebüsch. Ich blickte auch dorthin und sah ein Tier, schäferhundgroß, gelblich-graue Farbe, die Rute gesenkt. Das Tier beobachtete uns reglos eine Weile, dann verdrückte es sich lautlos tiefer ins dichte Gebüsch. Auch wir zogen uns vorsichtig zurück. Hatten wir einen Wolf gesehen – das war mein Eindruck – oder war es ein verwilderter Hund? Auffällig war, dass mein Hund sich anders verhielt, als bei der Begegnung mit umherstreunenden Hunden. In diesem Fall zeigte mein Hund – spanischer Herkunft – nie Angst, sondern versuchte Kontakt aufzunehmen. Aber auch die wilden Hunde reagierten bei solchen Begegnungen anders als dieses Tier.

 

Einige Zeit später lass ich in einer regionalen Zeitung, dass man Wolfsspuren in den Alberes gefunden habe. Noch etwas später kamen Berichte, dass Wölfe in den Pyrenäen, im Naturschutzgebiet Parc Natural del Cadi-Moixera, aufgetaucht seien. Sie hätten auch Vieh gerissen, Kälber, Schafe. Es stellte sich heraus, dass auch schon in den Jahren vorher vereinzelte Wölfe in den katalanischen Pyrenäen aufgetaucht sind. Funktionäre der Generalitat bestätigten die Anwesenheit der Wölfe. Inzwischen gibt es in der genannten Gegend eine kleine Wolfspopulation. Der Wolf darf in Katalonien nicht gejagt werden, außer es gäbe eine größere Interessenkollision zwischen Mensch und Tier, er wurde aber nicht in die Liste der zu schützenden und wieder einzugliedernden Tiere aufgenommen. Man duldet ihn offiziell und entschädigt die Viehhalter bei nachweisbaren Wolfschäden. Bei der Bevölkerung in den Bergregionen, vor allem bei den Viehzüchtern und Hirten, hat die Anwesenheit von Wölfen unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Alte Erinnerungen von der Bedrohlichkeit des Wolfes wurden wach, andererseits sieht man aber, dass sich Verhältnisse und Einstellungen gewandelt haben. Bauern und Hirten besinnen sich darauf, ihre Herden mit Methoden zu schützen, die den Tod des Wolfes nicht nötig machen. Nach Meinung von Naturschützern stellt die Wiederkehr des Wolfes eine Bereicherung der Fauna dar, Wolf und Mensch könnten bei entsprechenden Maßnahmen gut zusammenleben.

Fortsetzung des Textes unter den Bildern - die Bilder werden durch Anklicken groß

Typen iberischer Wölfe - von Norden nach Süden ( lupus.madteam.net)
Typen iberischer Wölfe - von Norden nach Süden ( lupus.madteam.net)

Der iberische Wolf - eine Unterart

 

Die neuen Wölfe Kataloniens sind Immigranten. Sie gehören der Unterart canis lupus italicus an und stammen ursprünglich aus den Abruzzen. Von dort sind sie über die Alpen und Frankreich nach Katalonien gewandert. Das ist die Meinung von Naturkundlern – obwohl unter pyrenäischen Viehhaltern die Meinung verbreitet ist, die Generalitat habe sie heimlich eingesetzt.

 

Der in Spanien und früher auch in Katalonien heimische Wolf ist der Iberische Wolf, canis lupus signatus – genannt nach seiner weißen Zeichnung an der Unterschnauze und schwarzen Streifen über Rücken, Schwanz und Läufe. Heute schätzt man seine Population auf ca. 1500 - 2000 Exemplare, die hauptsächlich im Nordwesten Spaniens, aber auch Portugals, leben, in Galizien, Kastilien und Leon, Asturien. Am dichtesten ist die Wolfpopulation im Naturschutzgebiet der Sierra de la Culebra (Zamora). Es gab übrigens auch noch einen Spanischen Wolf, canis lupus deitanus, den Angel Cabrera in seiner grundlegenden Schrift „Los Lobos de Espagna“ 1907 beschrieben hat. Cabrera hat ihn wohl noch in der Gegend von Murcia erlebt, heute ist er ausgestorben.

 

Neuerdings scheint es aber nicht nur den Zuzug von Wölfen nach Katalonien über die französischen Küstengebirge und Garrigues zu geben, sondern auch vom Nordwesten Spaniens über die pyrenäische (Vor-)Gebirgslinie. 2008 wurde in der Cerdanya ein Iberischer Wolf gesichtet. Auch am Canigou fand man Wolfsspuren. Inzwischen gibt es einen regelrechten „Wolftourismus“ in die Sierra de Culebra ( der von Naturschützern bereits mit Argwohn betrachtet wird). In unserem Bereich führt Galanthus in Celra solche Wolfsexkursionen durch. Unter den touristischen Nutznießern in Zamora ist der Spruch „Ein lebender Wolf ist besser als ein toter“ (in Umkehrung des früheren Wortes) zum Schlagwort geworden. Die Provinzialregierung von Castilla y Leon verkauft eine begrenzte Zahl von Abschüssen an reiche Jäger, für 8000-9000 Euro. Jeder lebende Wolf bringt aber weit mehr an Einnahmen durch Touristen. Naturkundler prognostizieren, dass in 10 Jahren der Wolf wieder in den katalanischen Pyrenäen und den Vorgebirgen verbreitet sein wird. Ob dann unsere Wandergruppen in den Alberes wieder Wölfe heulen hören oder gar sichten werden? Vielleicht führe ich dann neben Kulturspaziergängen auch Wolfsexkursionen durch. A ver..

Hirtenszene: Wolf raubt ein Schaf, verfolgt von einem Mastin (aus: Amades,Costumari catala)
Hirtenszene: Wolf raubt ein Schaf, verfolgt von einem Mastin (aus: Amades,Costumari catala)

Die Geschichte des Wolfes in der hiesigen Region

 

Im 19. Jahrhundert war der Wolf in den weniger besiedelten und waldreichen Gebieten unserer Region noch weit verbreitet. Die Alberes, die Gavarres, La Selva, Montseny und natürlich die Pyrenäen waren die Rückzugsgebiete.

 

Der letzte Einfall von Wölfen in den Bergen über Roses geschah 1850 – in einem äußerst kalten Winter. Nach dem Bericht eines Korrespondenten der „Gaceta de Madrid“ übersprangen die Tiere die Steinwälle, die die Schafherden der Gehöfte Llovatera und Baltra umschlossen und richteten unter den Augen der hilflosen Bewohner und ihrer Hunde Verheerungen unter dem Viehbestand an. In den Alberes wurde der letzte Wolf 1905 erlegt, zwischen 1910-20 in La Selva, 1926 bei Prades in den nordkatalanischen Pyrenäen. Ortsbezeichnungen zeigen an, wo man Wölfe antraf. In Cantallops – wörtlich: wo der Wolf singt – hörte man des Nachts das Heulen der Wölfe in den Häusern. Auch im Ortswappen findet sich ein stilisierter Wolf. Über Roses und Vilajuiga gibt es caus de llops –Wolfshöhlen. Bei Sant Climent Sescebes die Serra Llovera (Llovera ist der Aufenthaltsort von Wölfen), über Colera den Puig (Gipfel) del Llop, den Coll (Pass) del Llob, bei Espolla die Font Llovera (den Wolfsbrunnen) usw.

 

An manche dieser Orte knüpfen sich volkstümliche Erzählungen. Über Pau gibt es ein „Weißes Kreuz“. Der Sage nach soll dort ein Abgesandter des Klosters Sant Pere de Roda durch Wölfe umgekommen sein. Auch bei Sant Sadurni (bei Bisbal) an der Nordseite der Gavarres gibt es eine Säule mit Kreuz. Sie erinnert an einen Musiker, der einem Wolf entkam. Der Mann kehrte mit seinem Instrument, einer Violine, von einer Veranstaltung in den Häusern von Montnegre in der Dunkelheit zurück. Ein großer Wolf folgte ihm und stellte sich ihm in den Weg. Der Musiker kletterte auf eine Korkeiche. Dabei blieb eine Saite seiner Violine an einem Ast hängen und riss mit einem scharfen Laut. Dies erschreckte den Wolf so, dass er flüchtete. Der Ort heißt seitdem Salt del Llop, Sprung des Wolfes.

 

Natürlich gab es den Wolf im Mittelalter – aber es wird wenig von Konflikten mit ihm berichtet. Offenbar fand er noch genügend Nahrung außerhalb der menschlichen Siedlungsgebiete. Man hatte Furcht vor ihm und ging ihm aus dem Weg. Ausdruck des Schreckens, der die Menschen vor den wilden Tieren des Waldes ergriff, sind die oft Menschen verschlingenden Simiots, Untiere, an den Portalen der romanischen Kirchen.

 

 

Kreuz Joan I.
Kreuz Joan I.

König Joan I., genannt El Cacador (der Jäger), soll 1396 auf der Jagd bei der Begegnung mit einer Wölfin umgekommen sein. Unterhalb des Schlosses von Foixa, in einem Baum umstandenen Hohlweg, stieß der König auf eine riesige Wölfin. Trotz des Rufes des Königs „Auf die Wölfin!“ wagten dies weder die Hunde noch das Gefolge. Der König fiel (vor Schrecken?) vom Pferd und starb an den Folgen des Sturzes. (So die „offizielle“ Darstellung, andere sagten freilich, der König sei von Mitgliedern seines Hofes ermordet worden). Ein Kreuz erinnert dort an den Tod des Herrschers.

 

Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts häufen sich die Berichte über Wölfe und ihre Übergriffe. Die land- und weidewirtschaftlichen Flächen und ihre Nutzung hatten zugenommen, der Wald und die natürlichen Beutetiere des Wolfes abgenommen. So griff der Wolf notgedrungen auf die menschlichen Siedlunggebiete über und suchte sich Beute unter den Weidetieren. In den napoleonischen Kriegen gab es viele Verwundete und Tote, die in Wälder und auf Feldern liegen blieben und Wölfen zum Opfer fielen. So mag sich auch die natürliche Scheu der Tiere vor Menschen verringert haben. Auf königliche und behördliche Anordnungen wurden große Wolfsjagden veranstaltet, die auf die Ausrottung des Wolfes abzielten. Sie erwiesen sich freilich als kostspielig, aber wenig effektiv. Man behielt jedoch die amtlichen Prämien bei, die für einen getöteten Wolf gezahlt wurden. Es gab Landbewohner, die sich darauf spezialisierten und damit ein gutes Zubrot verdienten. So lieferte ein „Landarbeiter“, Josep Salvatella aus Rafart / Celra, von 1832-40 den Behörden von Girona sieben tote Wölfe aus, darunter Wölfinnen – wofür es eine höhere Prämie gab – und ein Wolfsjunges , die er in der Nähe der Stadt erlegt hatte, Zeichen dafür, dass die Tiere bis an die Städte kamen und sich dort auch vermehrten.

 

 

Wahrscheinlich konnte man damals nachts durchaus einen Wolf durch Girona schleichen sehen - auf der Suche nach Nahrung. Eine Erinnerung daran ist die „Legende“ von der Prozession durch die „Wolfsgasse“, in die sich ein Wolf gemischt haben soll, der dann ein kleines Mädchen ergriff und fortschleppte. 1904 wurde übrigens der Carrer de Llop in Pujada Rei Marti umbenannt – man wollte wohl die Erinnerung an den wilden und übel beleumundeten „König der Wälder“ austilgen und durch das Gedenken an einen menschlichen König (Marti, El Huma) ersetzen. Auch das Original des in der Straße befindliche Reliefs aus dem 12. Jahrhundert, welches ein wolfsähnliches Ungeheuer zeigt, das einen Menschen überwältigt ( gemeint war wohl ein Löwe), befindet sich heute im Kunstmuseum.

Man fing die Wölfe in Gruben oder Fangeisen. Die Gruben waren Reisig bedeckt und oft mit einem Köder versehen. Häufig trieb man die Wölfe durch enge Fels- oder anderweitig hergestellte Korridore. Den gefangenen Wolf tötete man mit Steinen oder Stockschlägen. Der Wolf wurde ausgeweidet und mit Stroh gefüllt. Manche Innereien wie das Herz galten als heilkräftig. Man brachte den Wolf ins Dorf, wo man ihn auf dem Hauptplatz ausstellte. Wieder schlug man auf den verhassten Feind mit Stöcken ein oder warf mit Steinen auf ihn. Der Wolfsfänger erhielt in den Häusern Gaben. Dann schnitt man dem Tier Pfoten, Ohren, den Kopf ab oder zog ihm das Fell vom Körper. Diese Teile präsentierte der Wolfsfänger den Behörden und kassierte noch einmal eine Belohnung. Ab Ende des 19. Jahrhunderts vergiftete man die Wölfe mit Strichninködern.

 

Mit der Sesshaftwerdung des Menschen und der damit verbundenen Viehhaltung und Weidewirtschaft entstand eine Erzfeindschaft zwischen Mensch und Wolf. Insbesondere für Hirten war der Wolf ein Feind. Aufschluss über Schäden, die der Wolf noch Ende des 19. Jahrhundert an den Herden des Emporda anrichtete und die Bedrohung, die er für diese darstellte, geben Berichte des katalanischen Schriftstellers Carles Bosch de la Trinxera (1831-1897, gest. in Jonquera). Er beschreibt in seinen Jagd- und Wanderberichten (Records d´un excursionista 1887/ De ma collita 1897) den sommerlichen Zug der Hirten (Transmigration) in die Almen der Pyrenäen des Ripolles. Beim Auf- und Abzug zählten die Carrabiner von Setcases die Zahl der Tiere. Die Hirten präsentierten beim Abgang die Felle der von Wölfen gerissenen Schafe und die Zöllner machten regelmäßig "große Augen" über deren Zahl. Man muß freilich fragen, ob diese Verluste allein auf das Konto der Wölfe gingen.

Wölfe greifen Wildschwein an (Stich 1884)
Wölfe greifen Wildschwein an (Stich 1884)

Bosch de la Trinxera erzählt auch von einer Wildschweinjagd in der Gegend des Schlosses von Requesens bei Jonquera. Nach ihm gab es dieses Tier damals in Katalonien nur noch in den dichten Wäldern um Requesens. Er berichtet, dass die Wölfe in kalten Wintern von den Bergen kamen, um Wildschweine zu jagen. Es muss sie aber nur noch selten gegeben haben, denn bei der Wildschweinjagd gibt es die Anweisung, dass die Wölfe verschont bleiben sollen..

 

Die Hirten wehrten die Wölfe mit großen Hunden ab, den Mastins (Pyrenäenhunde). Diese trugen zum Schutz gegen die Bisse der Wölfe breite Stachelhalsbänder. Zum Hüten der Herden wurden übrigens andere Hunde verwendet, die Gossos d´Atura, die katalanischen Hütehunde. (Unser jetziger Hund ist eines dieser intelligenten Tiere. Sie sind die einzigen Hunde, die bei ihren Aufgaben selbständig Entscheidungen treffen.)

 

Man war auch der Meinung, das Spielen der Hirtenflöte schrecke mit ihren schrillen Tönen die Wölfe ab. Überhaupt gibt es viele Erzählungen, in denen berichtet wird, dass Wölfe durch das Spielen von Instrumenten abgeschreckt oder bezähmt wurden. Das erinnert an den antiken Mythos von Orpheus, dem Hirten, der die wilden Tiere durch seinen Gesang und das Spiel der Harfe besänftigte

 

Wenn Hunde, Gruben und Stöcke nicht zu helfen schienen, griff man auch zu magischen Mitteln. Es gab extra einen Heiligen für diese Fälle, den Sant Llop. In Darnius gibt es die Ermita Sant Esteve del Llop, wohin man wallfahrtete und den Heiligen um Heilung, aber auch Schutz vor den Wölfen bat.

 

Aus dem Gebiet von La Selva/Montseny wird folgende Geschichte erzählt: Ein Hirt von Sant Llop (Riells - Viabrea) wurde von einem Wolf angegriffen. Er wollte um Hilfe schreien, aber die Stimme versagte ihm. Einem anderen Mann, der ihn gestikulieren sah und ihm zu Hilfe eilte, versagte ebenfalls die Stimme. Beide sahen sich schon verloren, als die Glocke vom nahen Kirchlein Sant Llop ertönte und den „Zauber“ brach. Der Wolf enteilte in den Wald und der Hirt kehrte mit seiner Herde unbeschadet zu seiner Behausung zurück.

 

Die Hirten praktizierten auch sonderbare Gebräuche als Abwehrzauber, die man vor allem in der Johannisnacht anwandte. Dies sollte Schafe und Hunde das übrige Jahr vor den Angriffen von Wölfen schützen. Man kannte Beschwörungformeln wie das „Vaterunser der Wölfe“. Einer dieser Formeln besagt, dass „unser Herr“ (Jesus) und Sankt Peter dem Wolf Lobas begegnen. Sie fragen ihn, wohin er gehe. Er antwortet: Nach Aytal, um dort Fleisch zu fressen und Blut zu vergießen. Das tust du nicht, sagt ihm „unser Herr“. Geh auf die Weiden und in die Berge, um Gras und Kräuter zu fressen oder verschwinde im Meer, dass du hier keinen Schaden mehr anrichten kannst.

 

Dies erinnert – mit Unterschieden - an den Heiligen Franziskus von Assisi, der nach der Legende mit dem Wolf von Gubbio sprach, ihn davon abhielt, weiter Schaden zu stiften und ihn mit den Menschen von Gubbio versöhnte. (Er redete ihn als "Bruder Wolf" an.) Dies machte ihn zum Patron und Vorbild der Naturschützer.

 

In diesem Zusammenhang ist eine obskure Gestalt zu nennen, der Llobater oder Pare llob, der Wolfsbeschwörer. Es handelt sich um Menschen, die angeblich mit den Wölfen kommunizieren konnten. Sie setzten sich mit dem Anführer eines Wolfsrudels in Verbindung und hielten ihn davon ab, eine Herde zu attackieren. Dafür erhielten sie Gaben oder Geld. Es wird berichtet, dass ganze Herden von Eigentümern oder Hirten, die nicht zahlten, aufgerieben wurden. Es ist schwer zu entscheiden, ob es sich um Menschen mit besonderen Fähigkeiten handelte, oder um Erpresser, die sich den Aberglauben der Bevölkerung zu Nutze machten. Manchmal sollen sich diese Menschen zeitweilig auch in Wölfe verwandelt haben.

Aus der Cerdanya stammt folgende Geschichte (Jordi Pere Cerda, La Dona Lloba, Contalles de Cerdanya, Barcelona 1961):

 

Ein reicher Viehherdeneigentümer war sehr hart zu seinen Hirten. Einem von diesen ging ein Schaf verloren. Der Eigentümer schickte ihn in die Nacht, um das Schaf zu suchen. Der Hirt stieß auf einen Wolf, der dabei war, das Schaf zu verzehren. Er wollte ihn töten, aber der Wolf sprach: „Töte mich nicht. Ich bin dem Schaf ein Wolf, dein Herr ist dir ein Wolf und wenn du mich tötest, bist du mir ein Wolf.“ Er bot dem Hirten eine Kompensation an: drei Wolfspelze, einen vom Ende, einen von der Brust, einen vom Kopf eines Wolfes. Wenn der Hirt sich diese Pelze überstülpe, dann würde er zum Wolf werden. Dazu müsse er sprechen; „Raca de llop, Raca de ca, fes que torni el llop, Llob Llobarras – Art des Wolfes, Art des Hundes, mach, dass der Wolf zurückkehrt, Wolf Llobarras.!“ Um wieder Mensch zu werden, solle er einfach die Felle abziehen. Der Hirte kehrt zu seinem Herrn zurück, der ihn halb tot schlagen ließ. Sterbend vertraute er das Geheimnis seiner schönen und jungen Tochter an und nahm ihr das Versprechen ab, sich zu rächen.

In der Nacht verwandelte sich das Mädchen in eine Wölfin, die die Herden des Herrn heimsuchte. Da alle Mittel nichts gegen die nächtlichen Überfälle halfen, holte der Herr seinen Sohn aus der Stadt. Dieser verwundete die Wölfin und verfolgte sie bis zu ihrer Behausung. Dort fand er eine junge, schöne Frau schlafend vor. Drei Blutstropfen glitzerten an ihrer Ferse. Der junge Herr verliebte sich in die Hirtentochter und beide verbrachten glückliche Wochen in der Hütte.

Aber dann wandelte die junge Frau wieder das Verlangen an, zu rächen und zu töten. Sie entfernte sich nachts und setzte ihr Mordwerk an den Herden fort. Die Wolfsfrau war schwanger geworden und der junge Mann bat seinen Vater um Erlaubnis, das Mädchen heiraten zu dürfen, was dieser ihm versagte. Inzwischen hatte der Sohn Verdacht geschöpft. Die Wölfin wurde gestellt und von Vater und Sohn schwer verwundet. Verzweifelt warf sich der Sohn über den Tierkörper, nannte ihn Geliebte und küsste die grässliche Schnauze. Man brachte die Wolfsfrau in die Küche des Hauses. Unter den versteinerten Blicken der Anwesenden warf sich der Sohn wieder über die Wölfin und bat sie um Verzeihung. Bei der Wärme des Feuers und der Liebkosungen erwachte die Wölfin zum Leben. Mit Blicken bedeutete sie dem Geliebten, ihr die Felle abzuziehen. Und siehe da: in voller menschlicher Schönheit lag sie wieder da, einige Blutstropfen auf ihrem Bauch und ein leuchtendes Kind zwischen ihren Beinen.

(www.ImaginesGratis.com)
(www.ImaginesGratis.com)

Der Wolf - eine blutrünstige Bestie?

 

Der Wolf war eben nicht nur eingewöhnliches Tier im Zyklus der Natur, sondern ein Wesen, das man im Laufe der Zeit mit dämonischen Zügen ausgestattet hatte. Zum einen war er ein Symbol für Wildheit und Ungebundenheit, die die Gesellschaft mit Argwohn betrachtete. Zum anderen brachte man den Wolf mit dem Bösen in Verbindung. Wölfe begleiten den dämonischen Grafen Arnau der katalanischen Mythologie auf seinem wilden Ritt der verdammten Seelen. Diese „Legenda negra“, die Aura des Unheimlichen, prägen die Mythen, Märchen und Erzählungen über den Wolf und trugen letztlich zu seiner unerbittlichen Verfolgung bei.

 

Wolfsforscher sind der Auffassung, dass die Gefährlichkeit des Wolfes, die ihm zugeschrieben wurde und wird, nicht der Realität entspricht. Es gibt zwar viele Berichte, auch aus Katalonien, die von Attacken auf Menschen berichten. So spricht der Arzt B. Seudil aus Vilamajor 1825 im „Diario de Barcelona“ davon, dass in der Gegend des Montseny 8 Menschen durch Wölfe zu Tode gekommen seien (wohl hauptsächlich Kinder) und es eine Reihe von Verletzten gegeben habe. Der letzte tödliche Wolfsunfall in Spanien soll 1973 gewesen sein, wo in Galizien ein Kind einem Wolf zum Opfer fiel. Es lässt sich aber nicht mehr feststellen, ob in all diesen Fällen wirklich Wölfe die Todesursache waren. Man war sicher schnell bei der Hand, von der Tötung durch einen Wolf auszugehen, wenn ein Mensch verschwand oder Reste gefunden wurden. Dabei konnte es auch andere Ursachen geben: Verbrechen, Unfälle…wobei es dann möglich war, dass Wölfe oder andere Tiere sich über den Leichnam hermachten. Vieles, was man Wölfen zuschrieb, ist auf wilde Hunden zurückzuführen, die weniger Scheu vor dem Menschen haben als der Wolf und nicht nur wie dieser einzelne Tiere ergreifen, sondern die ganze Herde reißen.

 

Sicher: der Wolf ist ein wildes Tier und man sollte ihm gegenüber Vorsicht walten lassen. Aber in der Regel hat er eine Scheu vor dem Menschen und greift nur in Ausnahmesituationen an, etwa wenn er provoziert oder in die Enge getrieben wird. Wenn er wieder in bestimmten Gegenden Kataloniens heimisch und toleriert wird, wird damit anerkannt, dass er eine wichtige Rolle bei der Wiederherstellung von ursprünglichen Naturräumen spielen kann: er reguliert die Überzahl von Wildarten (Wildschweine), er beseitigt schwache und kranke Tiere und trägt so zur Vermeidung von Tierseuchen bei. Gibt man ihm (kontrolliert) Raum und lässt ihm seine natürlichen Beutetiere, dann wird sich auch die Zahl der Angriffe auf domestizierte Tiere in Grenzen halten.

 

Zum Schluss von den vielen spanischen und katalanischen Sprichworten über den Wolf - in denen er mehr oder weniger Spiegel des Menschen ist - dasjenige , das dieser Website voraussteht, diesmal auf Katalanisch:  Cada boig amb el seu tema i cada llop per sa senda – Jedem Narren sein Thema und jedem Wolf seinen Weg. 

Foto: National Geographic
Foto: National Geographic

Hier eine kleine Einführung in die Gegenwart und Geschichte Kataloniens

Die Katalanen - eine Nation? Grundlegendes über Katalonien für Gäste

Die Gegenwart - ein selbstbewusstes Katalonien

Katalanische Flagge
Katalanische Flagge

Wer in der Franco-Zeit nach Katalonien reiste, kam in Spanien an. Gleich hinter der Grenze empfingen ihn Ortsschilder in Spanisch, die Tafeln mit dem Veterano-Stier, die Guardia Civil, der verlängerte Arm Francos, lauerte hinter Straßenkuppen, in der Öffentlichkeit wurde Spanisch gesprochen, auf Plakaten wurden Stierkämpfe in Figueres, Gerona und Barcelona angeboten ( „El Cordobes“ unterhielt eine Stierkampfschule in Roses), in den Lokalen fanden Flamenco-Darbietungen statt, die Kapellen spielten und die Touristen sangen „Eviva Espana“. Für sie wurden Urbanisationen im andalusisch-maurischen Stil gebaut, hübsch, aber sie passten nicht zum traditionellen Baustil Kataloniens und dem rauen Klima außerhalb der Sommermonate. Es sollte eben alles „typisch spanisch“ wirken.

 

Als in den 50-/60-ziger Jahren „Gastarbeiter“ aus Spanien nach Deutschland kamen – fleißige Arbeiter, die schnell Deutsch lernten – wurden sie als „Spanier“ begrüßt. Kaum jemand wusste, dass die Muttersprache vieler Katalanisch war, dass sie oft aus politischen Gründen nach Deutschland gekommen waren und sich nicht wenige nur durch heimliche und schnelle Flucht vor Gefängnis und Folter gerettet hatten. Fast jede ihrer republikanisch und katalanisch gesinnten Familien hatte Opfer des Franco-Regimes zu beklagen.

 

Heute wird der Ausländer mit einem selbstbewussten Katalonien konfrontiert. Er entdeckt Aufkleber mit der Aussage: „Katalonien ist nicht Spanien“. Wenn er stolz sein mühsam gelerntes Spanisch präsentiert, merkt er schnell, dass er sich damit zwar verständlich, aber nicht immer beliebt macht. Hat er mit Ämtern oder der eigenständigen katalanischen Polizei – den Mossos d´Esquadra - zu tun, wird ihm Schriftliches in der „offiziellen“ Sprache Kataloniens, dem Catala, mitgeteilt. Wenn der Besucher nicht nur die Hotelbar und Strandleben genießt, sondern sich im Lande umschaut, wird er eine reiche Landschaft an katalanischsprachiger Presse, Medien, Literatur, katalanisch geprägter Kunst, Architektur, eine Fülle von bemerkenswerten geschichtlichen Erinnerungsstätten, traditionellen Gebräuchen und nicht zuletzt die katalanische Küche entdecken. Kurzum er wird auf die Spur katalanischer Tradition und Kultur stoßen. Er wird auch bemerken, dass Katalanen mentalitätsmäßig anders gelagert sind als „Spanier“, wenig „südländisch“, in der Regel verschlossener (gegenüber dem Fremden) und herber als Südspanier – und dass sie stolz auf ihre Eigenarten und Gebräuche sind, empfindlich, wenn man ihr Land und ihre Sprache (etwa als „Dialekt“) herabsetzt. Wenn er sich hier wohl fühlen will, tut er gut daran, dies zu respektieren und nicht zu vergessen, dass er Gast ist.

 

Nach der Transicion seit dem Tode Francos 1975 erreichte Katalonien 1979 den Status einer „Autonomen Gemeinschaft“ innerhalb Spaniens und damit vor allem in den Bereichen der Gesundheit, des Erziehungswesens, der Polizei weitgehende Selbständigkeit, in anderen Bereichen wie Kultur, Baumaßnahmen, Straßenbau, Binnenhandel, Industrie, Landwirtschaft, Justiz, Verwaltung ein weites Mitsprachrecht, was freilich immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Zentralregierung führt. Hierbei hat die katalanische Regierung ihre Ansprüche und Kompetenzen sukzessive erweitert. Gegenüber den deutschen Bundesländern sind die Kompetenzen aber deutlich beschränkter. Finanziell ist die Regionalregierung von den Zuteilungen Madrids abhängig, ein großer Streitpunkt, vor allem, was die Zuteilungsquote beträgt, die der katalanischen Regierung angesichts des katalanischen Steuereinkommens nie hoch genug erscheint.Tatsache ist, dass der spanische Zentralstaat unverhältnismäßig viel vom katalanischen Einkommen abschöpft und damit die derzeit hohe Verschuldung Kataloniens mit verursacht hat.

 

Katalonien hat ein Parlament, eine Regionalregierung, die „Generalitat“, mit einem Präsidenten und Ministern ( „Consellers“). Es gibt eine Art von Verfassung, das „Estatut“, das die Verhältnisse innerhalb der katalanischen Institutionen, aber auch die Befugnisse gegenüber dem spanischen Staat regelt. Das Statut bedarf der Zustimmung des katalanischen Parlaments, des Volkes und des spanischen Parlaments. Das erste Statut von 1978 wurde 2006 durch ein neues, mit erweiterten Kompetenzen ersetzt, was zu erheblichen Auseinandersetzung zwischen den katalanischen und spanischen Parteien, sowie mit der Zentralregierung führte. Das spanische Verfassungsgericht, das von der konservativen Partei PP (Partida Popular) angerufen worden war, hat 2010 Korrekturen gefordert, aber das Statut im Wesentlichen für verfassungskonform erklärt.

 

Der sehr emotional geführte Streit entzündete sich vor allem an der ersten Fassung des neuen Estatuts, in dem Katalonien sich als „nacio“, als Nation, bezeichnete. Dies steht im Widerspruch zur spanischen Verfassung, in der Spanien als „unauflösliche“ Nation und die Autonomen Gemeinschaften als „Nationalitäten“ deklariert werden. Auf Grund des Widerspruches im spanischen Parlament einigte man sich auf eine Kompromissfassung, die einerseits festhält, dass „das Parlament Kataloniens das Gefühl und den Willen der Bürger Kataloniens aufgenommen hat, indem es mit großer Mehrheit Katalonien als Nation definiert hat“, andererseits einräumt, dass „die spanische Verfassung die nationale Wirklichkeit Kataloniens als Nationalität anerkennt“. (Präambel). Das Verfassungsgericht hat diese Formulierungen zugelassen, aber der Bezeichnung „Nation“ keine rechtliche Wirkung eingeräumt.

 

Die Mehrheit von katalanischen Bürgern wünscht sich mehr Selbstbestimmung für die Region; doch auch der Wunsch nach einer völligen Autonomie und Loslösung von Spanien ist in letzter Zeit sehr gewachsen - mit bedingt durch die Widerständigkeit der spanischen Regierung  gegenüber katalanischen Belangen. Zur Selbständigkeit bekennen sich seit längerem Bürgerbewegungen und die links-nationalistiche Partei ERC (Esquerra Republicana de Catalunya). Inzwischen hat eine neue Regierung ( siehe Pressemeldungen oben) die Unabhängigkeit zum Regierungsprogramm gemacht. Sie vertritt das Konzept „ Katalonien - der nächste unabhängige Staat in Europa.“ Ein riskantes Vorhaben mit möglicherweise für Katalonien verhängnisvollen Folgen. So sehe ich das als unabhängiger Beobachter, bei aller Sympathie und Verständnis für die Katalanen.

 

Eine völlige Selbstständigkeit Kataloniens in absehbarer Zeit erscheint mir unwahrscheinlich und unrealistisch. Unter europäischer Perspektive würde ein selbständiger Staat Katalonien Gefahren mit sich bringen. Es könnte ein Signal zum Auseinanderbrechen Spaniens sein und damit viel Unruhe dort und in ganz Europa schaffen. Es mag sein, dass sich Katalonien eine Zeitlang wirtschaftlich halten könnte, aber die Verbindungen zum spanischen und europäischen Wirtschaftsraum wären gestört, die Aufnahme in die EU wäre fraglich und würde zumindest lange Zeit in Anspruch nehmen. Außerdem würde wohl der Provinzialisierung Kataloniens (bis hin zu vermehrter Korruption) Vorschub geleistet.

 

Ein weiterer Streitpunkt ist die Sprachenfrage: „die katalanische Kulturpolitik zeigt eine starke Tendenz, sich abzukapseln und lediglich die eigene Sprache und kulturellen Traditionen zuzulassen.“ (C.C. Seidel, Kleine Geschichte Kataloniens, S. 214) Diese Frage hat – wie die Nationalitätenfrage - Sprengstoffcharakter in Katalonien und Spanien. Immerhin ist Katalonien ein Einwanderungsland mit vielen Zuwanderern aus dem übrigen Spanien, Südamerika, Nordafrika und den anderen europäischen Ländern. Von den rund 7 Mio. Einwohnern sind ca. 1,5 Mio. Eingewanderte, wobei die Abkömmlinge früherer Einwanderer gar nicht erfasst sind. 32 % geben Katalanisch, 55% Spanisch als Muttersprache, 36 % Katalanisch als Umgangsprache an. (Möglicherweise haben sich diese Zahlen seit der Abfassung des Artikels verändert.) Von diesen Zahlen her versteht man die Bemühungen der Generalitat, das Catala zu fördern, denn für den Aufbau einer katalanischen Identität, eines Zugehörigkeitsgefühls zur katalanischen Gesellschaft, Geschichte und Kultur ist die Beherrschung der katalanischen Sprache wichtig. Das ist auch von der Geschichte Kataloniens her zu verstehen, in der immer wieder Versuche gemacht wurden, das Katalanische zu diskriminieren und zu unterdrücken, zuletzt in der Franco-Zeit. Die Förderung des Katalanischen entspricht auch dem Wunsch der alteingesessenen Bevölkerung, die natürlich ihre Muttersprache sprechen und hören will. (Das Katalanische ist sprachwissenschaftlich eine eigene romanische Sprache mit langer Geschichte - wie das Spanische, in Katalonien „Castellano“ genannt.) Andererseits sind die Bemühungen der katalanischen Regierung unter europäischer Perspektive als „verbissen“ (Seidel) und provinziell zu betrachten. Es gibt ja kleinere Länder wie die Schweiz, die mehrsprachig sind und den Aufbau einer einzigen „Nationalsprache“ nicht zu ihrer nationalen Identität zu brauchen scheinen. Die Zweisprachigkeit der Katalanen (spanisch und katalanisch) ist ein großer Vorteil und könnte als solcher gepflegt und geschätzt werden, wie das ja letzten Endes auch im katalanischen Alltag der Fall ist. Offiziell ist die Sache im Statut so geregelt - was manche Ämter und Amtspersonen nicht immer beachten: „Das Katalonische ist die offizielle Sprache Kataloniens, ebenso wie das Spanische die offizielle Sprache des spanischen Staates ist. Jeder Einzelne hat das Recht, die beiden offiziellen Sprachen zu benutzen, und die Bürger Kataloniens haben das Recht und die Pflicht, sie zu beherrschen.“ Jedenfalls hat das sprachliche „Normalisierungsverfahren“ der Generalitat gebracht, dass das Katalanische in Katalonien wieder fest verankert ist und die Zahl der Sprecher zugenommen hat.

 

Man kann sagen, dass die Mehrheit der länger im Lande lebenden katalanischen Bürger auf Grund ihrer Geschichte, ihrer Kultur und ihrer Sprache sich als Nation - zumindest im Sinne einer „Kulturnation“ - versteht (obwohl der katalanische Sprach- und Kulturraum über die Grenzen des heutigen Kataloniens hinausgeht). Es besteht das Bewusstsein, sich von den übrigen vielfältigen Gemeinschaften in Spanien zu unterscheiden und der Wille, eine eigene Gemeinschaft zu bilden.

 

Ohne Zweifel gehört zu diesem Bewusstsein auch das Gefühl vergangener geschichtlicher Größe Kataloniens und Jahrhunderte langer Unterdrückung der katalanischen Eigenarten. (Vielleicht vergessen manche nationalistischen Katalanen dabei, dass sie auch Jahrhunderte lang mit Spanien verbunden waren und vieles „Spanische“ angenommen haben.)

 

 

Ein katalanischer Miguelet (historischer Milizionär) auf der Festung Trinidad (Roses)
Ein katalanischer Miguelet (historischer Milizionär) auf der Festung Trinidad (Roses)

Die Geschichte - Glorie und Unterdrückung

 

Die Geschichte hat es Katalonien bisher nie gewährt, ein selbständiger Staat zu werden und Katalonien war auch nie eine fest umrissene Größe. Die historischen Wurzeln Katalonien liegen in der Zeit Karls des Großen, als die Grafschaft Barcelona entstand. Diese erweiterte sich zusehends durch Vereinigung mit anderen Grafschaften der Region (unter Giufre el Pilos/ Wilfred dem Haarigen, gest. 897). Sie trat in Konkurrenz zu den zur selben Zeit entstandenen christlichen Reichen der iberischen Halbinsel. Verbindend war aber die Gegnerschaft zu den arabischen Reichen, die sich in der sog. Reconquista, der Eroberung arabischer Gebiete, manifestierte. Durch Heirat von Raimund Berengar IV., Graf von Barcelona, und der Erbin des Königreiches Aragoniens, Petronila, entstand 1137 die Staatsgemeinschaft „Prinzipat“ Katalonien und Krone Aragonien.

 

Beide Länder wurden in Personalunion regiert und behielten ihre eigene „Verfassung“. Durch dynastische Verbindungen und Eroberungen dehnte sich die Regierung des Herrscherhauses bis in das Languedoc, die Provence, die Balearen, Valencia, Sizilien, Sardinien, Neapel, ja Athen und Kleinasien aus. Katalonien/Aragonien wurde zur beherrschenden See- und Handelsmacht des westlichen Mittelmeerraumes, wobei Katalonien die führende Stellung innehatte. In dieser Zeit kam es auch zu einer Blüte der Wissenschaft, Kunst, Architektur und katalanischsprachigen Literatur. Die führte zu einem kulturellen Verbundenheitsgefühl im katalanischen Raum.

 

1469 heiratete Ferdinand, der Erbe Kataloniens/Aragoniens Isabella, die Erbin Kastiliens. Mit dem Herrschaftsantritt der „katholischen Könige“ wurden die beiden mächtigsten Reiche der iberischen Halbinsel zusammengeführt. Vorher war „Spanien“ ein Flickenteppich verschiedener Reiche gewesen. Aber noch gab es kein einheitliches Spanien; die beiden Könige regierten ihre Länder getrennt. Durch die Eroberung des letzten arabischen Königreiches Granada, die Einverleibung anderer iberischer Königreiche, die Eroberung der amerikanischen Kolonien und die Einführung einer zentralen spanischen Inquisition war jedoch ein spanisches Groß-, ja Weltreich, im Entstehen. Die verschiedenen Länder behielten aber ihre eigenen Institutionen und Rechtsverhältnisse. So auch Katalonien, wo die Macht der Stände groß war („Cortes“ mit dem Ausführungsorgan der Generalitat - aus Adel und Patriziern zusammengesetzt). Dennoch war mit der Vereinigung Kastiliens und Katalonien/Aragons der Beginn einer Zentralisierung und Kastilisierung gesetzt, die sich unter den habsburgischen Königen verstärkte. In den folgenden Jahrhunderten entstand zwar ein eigentliches katalanisches nationales Bewusstsein – vor allem in der Auseinandersetzung der Stände mit der Krone. Das Prinzipat geriet aber zusehends ins politische und wirtschaftliche Abseits und wurde schließlich zum Spielball der großen imperialen Mächte, in erster Linie Spanien und Frankreich. 1659 verlor Spanien/Katalonien im sog. Pyrenäenfrieden seine Nordgebiete, die an Frankreich abgetreten wurden. Die Pyrenäen bilden seitdem die politische Grenze.

 

Im spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) setzte Katalonien auf die falsche Seite. Es unterstützte den habsburgischen Kronprätendenten Erzherzog Karl gegen den Bourbonen Philipp von Anjou. Die Rache des Siegers Philipp V. war hart. Am 11. September 1714 musste Barcelona nach langer Belagerung unter der Führung des Ratsvorsitzenden Rafael Casanova kapitulieren. Eine große Zahl der Widerstandskämpfer wurde hingerichtet, unter ihnen der General Moragues, an dem ein grausames Exempel statuiert wurde. Neben der Kirche Maria del Mar in Barcelona befindet sich der ehemalige Friedhof und die Gedenkstätte der Opfer („Les Moreres“) – mit „ewiger“ Flamme. Mit dem königlichen Dekret „Nueva Planta…“ verlor Katalonien seine bisherigen Rechte und die relative Selbstständigkeit. Katalonien wurde zur Verwaltungsprovinz innerhalb eines zentralistisch regierten spanischen Staates. Als alleinige Verwaltungssprache wurde das Castellano eingeführt.

 

Ein wenig surrealistisch anmutend, aber bezeichnend wurde 1980 ein Tag der Niederlage, der 11. September, zum Nationalfeiertag Kataloniens erklärt, der Diada. Er wird mit Demonstrationen, Gedenkfeiern, aber auch volkstümlichen Veranstaltungen, begangen, wobei die „nationalen Symbole“ – das sind die katalanische Flagge Senyera, (vier rote Streifen auf Gelb) sowie die katalanische Nationalhymne Els Segadors ( Die Schnitter) und der Nationaltanz Sardana ausgiebig Verwendung finden.

 

Mit dem wirtschaftlichen Erstarken Kataloniens im 19. Jahrhundert erwachte wieder katalanisches Selbstbewusstsein, die Rückbesinnung auf katalanische Traditionen, Kultur und Sprache: die sog. Renaixenca. Sie führte zu einem Aufblühen katalanisch geprägter Literatur, Kunst und Architektur (die aber nicht den Zusammenhang mit europäischen Kulturströmungen verleugnen).

 

Nach dem Ende der Monarchie 1931 wurde Katalonien unter Führung der Generalitat und des Präsidenten Luis Companys autonome Republik innerhalb des spanischen Staatsverbandes. Dies währte nur bis 1934, als das Autonomiestatut durch die konservativ-reaktionäre Madrider Zentralregierung suspendiert wurde. Nach der Wiedereinsetzung verlor die Regionalregierung durch die zeitweilig geglückte anarchistische Revolution die Kontrolle. Mit dem Ende des Bürgerkriegs 1936-39 schaffte Franco die Republik und die katalanische Selbstbestimmung ab. Viele Republikaner mussten in ein schwieriges Exil gehen oder wurden ermordet, so der Präsident Companys. Zu der politischen kam eine massive kulturelle Unterdrückung. Katalanisch und katalanische Symbole wurden aus der Schule und der Öffentlichkeit verbannt, was sich erst ab den 50-ziger Jahren langsam änderte. Eine Vielzahl von Oppositionsgruppen kultureller, gewerkschaftlicher, kirchlicher und parteilicher Art entstanden gegen Ende der Franco-Zeit und boten dem Regime und seinen Repressionen die Stirn. Eintreten für die katalanische Kultur und Sprache bedeutet dabei Eintreten für Freiheit und Demokratie. Und noch eine witzige, aber typische Ergänzung: Für den katalanischen (Spanisch schreibenden) Schriftsteller Manuel Vasquez Montalban (Kriminalromane!) wurde der Niedergang der Diktatur und der Beginn der Freiheit Kataloniens durch den historischen Sieg des FC Barcelona („Barca“) über Real Madrid im Februar 1974 eingeläutet. „1:0 für Barcelona - 2:0 für Katalonien – 3:0 für Sant Jordi (Hl. Georg) – 4: 0 für die Demokratie – 5: 0 gegen Madrid“

 

Wer sich in die wechselvolle katalanische Geschichte vertieft, wird verstehen, warum Katalanen auf die Stärkung ihrer politischen und kulturellen Eigenart und Selbstständigkeit bedacht sind. Ein Bemühen, hinter dem die Opfer von Generationen stehen, was Respekt verdient. Andrerseits wird man auch nicht übersehen, dass konservativ und national gesinnte Spanier, die in der Tradition des imperialen und zentralistischen Gesamtspaniens stehen, durch die katalanischen Forderungen nach „Sonderrechten“ in ihrem Nationalstolz berührt sind. Geschichte kann eben aus verschiedenen Perspektiven erlebt und gesehen werden.

Miquel Blay: Contra L´Invasor - Symbol des katalanischen Widerstandes