Die Vertreibung der Mauren aus Spanien und Katalonien

Wer waren die „Morisken“?

Im Stadtmuseum von München findet man 10 aus Holz geschnitzte große Figuren in seltsam verenkten tänzerischen Haltungen. Nachbildungen sind auch im Rathaus zu sehen. Es sind „Moriskentänzer“. Sie wurden 1480 von Erasmaus Grasser hergestellt. Sie gehen auf Gruppen von moriskischen Gauklern und Tänzern zurück, die aus Spanien oder Sizilien nach Deutschland kamen, um dort das Publikum mit ihren fremdländischen Trachten und Tänzen zu erheitern.


Wer waren die „Morisken“?  Man versteht darunter die spanischen Muslime, die im 16. Jahrhundert, mehr oder weniger gezwungen, Christen wurden. Das Wort bedeutet „kleiner Maure“. Vor dem waren sie „Mudejares“, Bewohner Iberiens, die den Islam übernommen hatten. Grundsätzlich bezeichnet(e) man die islamischen Eroberer und Bewohner der iberischen Halbinsel als „Mauren“     ( von span. moros, Dunkle) oder – übergreifend - als „Sarazenen“. Die Christen unter muslimischer Herrschaft in „Al-Andalus“ (arab. Iberien/Spanien) bezeichnet man übrigens als „Mozaraber“.


2009 gedachte man des Beginns der Vertreibung der Morisken aus Spanien vor 400 Jahren. Dies war eine der grössten Tragödien der Geschichte Spaniens und Europas. Die damaligen Ereignisse nehmen die „ethnischen Säuberungen“ und Genozide der jüngsten Vergangenheit vorweg. Ca. 300 000 Menschen wurden aus religiösen, rassistischen, sozialen und politischen Gründen unter grausamen Bedingungen nach Nordafrika deportiert. In jüngster Zeit hat dies Ildefonso Falcones in seinem Roman „Die Pfeiler des Glaubens“ anschaulich beschrieben.


Vicente Carducho Prado: Die Vertreibung der Morisken
Vicente Carducho Prado: Die Vertreibung der Morisken

Die muslimische Eroberung Iberiens

 

Muslime hatten fast 800 Jahre die iberische Halbinsel bewohnt und waren in ihr verwurzelt. 711 waren muslimische Berbersoldaten unter  dem Heerführer Tarik ibn Ziad nach Spanien gekommen und hatten den westgotischen König  von Toledo Roderich besiegt. Verstärkt durch ein arabisches Heer des Gouverneurs von Tanger hatten die Muslime in 7 Jahren nahezu ganz  Iberien unter ihre Herrschaft gebracht. 717 waren sie bis ins heutige Katalonien vorgedrungen und hielten Barcelona rund 80 Jahre besetzt. Die damalige Kathedrale wurde Mesquita, Moschee. Das Ampurdan war allerdings mehr Durchmarsch- als Siedlungsgebiet. 732 stoppte Karl Martell bei Poitiers und Tours ihr Vordringen über die Pyrenäen.

 

Die christliche Bevölkerung der iberischen Halbinsel wurde nicht zwangsislamisiert. Der Islam duldet – mindestens theoretisch - die „Schriftreligionen“  Judentum und Christentum und sieht in Abraham den gemeinsamen „Vater des Glaubens“. Da aber Mohammed als der letzte Prophet gilt, der die unüberbietbare Gottesoffenbarung im Koran überbringt, sind Christentum und Judentum nicht gleichberechtigt mit dem Islam. Christen und Juden leben als „Dhimmis“, als „Schutzbefohlene“, unter muslimischer Herrschaft, müssen eine Steuer bezahlen, dürfen ihre Religion nicht öffentlich ausüben, unterscheiden sich durch Kleidervorschriften von den Moslems, sind minderen Rechts...Juden und Christen waren im muslimischen Spanien „Bürger zweiter Klasse“, auch wenn die arabisch-berberische Oberschicht sie als Beamte, Gelehrte, (Kunst-) Handwerker, Ärzte (im Falle von Juden), Bauern und Arbeiter brauchte. Die Behauptung des friedlichen und toleranten Zusammenlebens von Moslems, Christen und Juden im muslimischen Spanien gilt allenfalls für die Zeit der Umayyaden-Herrscher bis 1031. Unter den berberischen, strengläubigen Almoraviden (1090 -1146) und Almohaden (1157-1212) war das Zusammenleben sehr wechselhaft bis hin zu Verfolgungswellen und Massakern. Zeitweilig galt die Alternative Konversion zum Islam oder Auswanderung bzw. sogar Tod. Umgekehrt gab es in christlichen Herrschaftsgebieten Zeiten, in denen Muslime und Juden zwar auch Bürger minderen Rechts, aber bei Zahlung von Abgaben in der Ausübung ihrer Religion und Sitten geduldet waren und sich selbst verwalten durften. So flüchteten Mozaraber und Juden vor der almohadischen Verfolgung in das 1185 christlich gewordene Toledo und machten es zu einem Zentrum der „multikulturellen“,  mehrsprachigen Gelehrsamkeit und des Kunsthandwerks.  Von hier aus wanderten die lateinischen Übersetzungen griechischer, arabischer und jüdischer Philosophie und Wissenschaft  ins Abendland und entstand der „andalusische“ Baustil, der „Mudejar-Stil“.  Oder: nach der Eroberung des Königreiches Valencia 1237 durch Jakob den Eroberer durften die verbliebenen Muslime – die die Mehrheit der Bevölkerung bildeten und als Kultivatoren des Landes unersetzbar waren - lange Zeit ihre Religion behalten und sich selbst verwalten. Juden und Muslime waren auch hier eine Art von „Schutzbefohlenen“. 

 

All dies waren „Zweckduldungen“. Die Idee eines friedlichen gleichberechtigten  „Wettstreits der Religionen“ ( Lessing), die Suche nach Gemeinsamkeiten, der echte Dialog,   war dem Mittelalter fremd und nur wenigen christlichen Gelehrten oder einigen muslimischen Mystikern zugänglich. Man setzte die eigene Religion absolut und hatte wenig Kenntnisse von oder Verständnis für den anderen Glauben. Die anderen waren die „Ungläubigen“.  Das christliche Volk  und Geistliche betrachteten die Muslime als „Heiden“, die missioniert und damit „gerettet“ werden müssten. Die theologischen Gelehrten sahen in ihnen „Ketzer“, die von ihren Irrtümern abgebracht werden sollten. Für Muslime war die Dreieinigkeit  Gottes und die Gottessohnschaft Jesu Christi ein Abfall vom Ein-Gott-Glauben und die Bibel voller Verfälschungen der Offenbarung Gottes, wie sie im Koran gegeben wurde. In der Regel missionierte der Islam die Christen aber nicht. Nach der muslimischen Eroberung der iberischen Halbinsel blieben die meisten der Unterworfenen Christen, glitten aber im Laufe der Zeit in den Islam hinein, weil das ihr Leben einfacher machte.

 

Die „Reconquista“

 

Schon bald nach der muslimischen Eroberung begann von den nord-westlichen Rändern Spaniens her, von Asturien, und den „spanischen Marken“  im Nordosten aus, die „Reconquista“, die zunächst langsame christliche Wiedergewinnung der iberischen Halbinsel. Dabei ist die heute in der spanischen Geschichtsschreibung übliche Bezeichnung „Reconquista“ – Wiedereroberung – unhistorisch. Sie hat Rechtfertigungscharakter. Genau genommen handelt es sich um Eroberungszüge christlicher Herrscher und Adliger, die ihren Machtbereich und wirtschaftliche Ressourcen erweiterten, wobei sie auch aus religiöser Überzeugung handelten. Die in Besitz genommenen Gebiete gehörten vor der muslimischen Eroberung nicht zu ihrem Herrschaftsbereichen, die erst danach entstanden und neue Formationen darstellten.  Auch die Vorfahren dieser Adligen, die Westgoten, waren Eroberer gewesen und hatten nur die Oberschicht gebildet. Zudem waren die muslimischen Reiche im Laufe der Zeit keine „Fremdkörper“ mehr auf dem Boden Iberiens, sondern fest verwurzelte politische und soziale Gebilde, die eine eigenständige, hohe Kultur mit großen zivilisatorischen Leistungen entwickelt hatten. Für ihre Bewohner  war  Al-Andalus Heimat, an der sie festhielten.  Araber und Berber waren ohnehin nur eine dünne Oberschicht innerhalb dieser Gesellschaft, wenn auch  arabische Sprache, Kultur und der Islam die verbindenden oder vorherrschenden Elemente waren.

 

Es gab nicht nur kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den christlichen und muslimischen Reichen Iberiens, sondern auch ein Kultur- und Handelsaustausch, es waren Koalitionen und persönliche Beziehungen zwischen Herrschern möglich und  Tribute wurden wechselseitig gezahlt, um Frieden zu erhalten. Der  religiöse Fanatismus der Almoraviden und Almohaden und der Christen schaukelte sich gegenseitig hoch. Der Expansionsdrang der christlichen Herrscher und der Absolutheitsanspruch der mit ihnen verbundenen römischen Kirche - die Eroberungskriege wurden von ihr zu „Kreuzzügen“ erklärt - siegte auf die Dauer. Auf der iberischen Halbinsel hätte sich vielleicht ein leidliches Zusammenlebens von Christen, Muslimen und Juden entwickeln können. Doch der christliche und muslimische Radikalismus haben die Ansätze zunichte gemacht.

 

Als 1040 das umfassende Kalifat von Cordoba zerfiel und sich in verschiedene muslimische Reiche, sogenannte Taifas, aufspaltete, war schon ein Drittel  Iberiens wieder im christlichen Besitz. Mit der Eroberung Toledos durch König Alfons VI. von Kastilien und Leon gelangte der christliche Vorstoß in zentrale Bereiche muslimischen Gebietes. Der Sieg 1212 bei Las Navas de Tolosa (Provinz Jaen) verschaffte den christlichen Reichen die militärische Oberhoheit. Dort schlugen die Truppen einer Koalition der Königreiche Kastilien-Leon (Alfons VIII.), Aragon ( Peter II.) und Navarra (Sancho VII.) samt einigen französischen Kreuzrittern das gewaltige und als unbesiegbar geltende Heer des aus Marokko gekommenen Almohaden-Kalifen Muhammad an-Nasir (unter seinem Sohn Yaqub) vernichtend.  Der Weg zu den muslimischen Gebieten im Süden war nun offen. Nach der Eroberung der Balearen (1229-1235), Cordobas (1236), Valencias (1238), Sevillas (1238), der Algarve (1250) und Murcias (1265) blieb nur noch das Emirat Granada als muslimischer Staat übrig, der zudem Kastilien tributpflichtig war.

 


Aragonesisch-katalanisches Kreuzritterheer
Aragonesisch-katalanisches Kreuzritterheer
Ferdinand und Isabella - die "Katholischen Könige"
Ferdinand und Isabella - die "Katholischen Könige"

1479 heirateten die Erben der beiden mächtigsten spanischen Königreiche: Ferdinand II. von Aragonien/Barcelona und Isabella I. von Kastilien/Leon. Sie regierten ihre Reiche in Personalunion und weitgehend gemeinsam. Der Weg zu einem einheitlichen, zentral regierten spanischen Staat war eröffnet, wenn auch noch nicht vollzogen. Ein wichtiges Instrument ihrer Regierungspolitik war eine eigene spanische Inquisition, die religiöse Abweichler eliminieren sollte. Die Genehmigung des Papstes war mit der Auflage verbunden, dem letzten islamischen Herrschaftbereich  in Spanien ein Ende zu setzen.  

 

Boabdil
Boabdil

Nach der Eroberung der wichtigsten granadinischen Städte begann im April 1491 die Belagerung der Hauptstadt. Nach einer nahezu achtmonatigen Umschließung trat der junge Nasriden-Emir von Granada Abu Abd-Allah („Bu Abdallah“) Muhammad XII., von den Christen „El Chico“ (Der Junge) und „Boabdil“ genannt, in Verhandlungen mit den „katholischen Königen“ ein. Die Überlegenheit des spanischen Heeres mit seinen Kanonen (die die Muslime nicht besaßen) war offensichtlich. Man hat ihm das als Verrat und Feigheit ausgelegt, aber so wurden die Einwohner Granadas vor Tod und Sklaverei und die Stadt mit seinen baulichen und sonstigen Schätzen vor der Zerstörung bewahrt. Im Januar 1492 übergab Boabdil den spanischen Königen die Schlüssel der Stadt. Vorher war ausgehandelt worden, dass die Muslime ihre Religion, Gebräuche, ihre Autoritäten und ihren Besitz behalten durften; die Steuern sollten nicht erhöht werden (das  Königspaar beschwor das alles in der Vertragsurkunde bei Gott!) . Boabdil erhielt ein Lehen im Alpujarras-Gebirge. Auf dem Weg dorthin blickte er an einer Passhöhe auf die ihm verloren gegangene Stadt zurück. Dieser Ort heißt bis heute „Des Mauren letzter Seufzer“ (so auch der Titel eines Romans von Salman Rushdie).  Boabdil starb im Exil in Fes. In der Gegend dort lokalisiert man sein Grabmonument. Die spanischen Könige bezogen den phantastischen Palast der Emire, die Alhambra. Der Halbmond über dem Turm wurde durch das Kreuz ersetzt. Die letzte Bastion der Muslime in Spanien und Blüte ihrer entwickelten Kultur war gefallen. Von dort verkündeten die Könige das „Alhambra-Edikt“, mit dem die Juden aus ihren Herrschaftsgebieten vertrieben wurden. Dies obwohl der granadinische Feldzug maßgeblich von Juden finanziert worden war. Im selben Jahr brach übrigens Kolumbus nach Amerika auf.


Francisco Pradilla Ortiz: Boabdil übergibt die Schlüssel Granadas (1882)
Francisco Pradilla Ortiz: Boabdil übergibt die Schlüssel Granadas (1882)

Die Unterdrückung der muslimischen Bevölkerung

Zunächst hielten die Könige ihr Versprechen, die Eigenständigkeite der Muslime zu bewahren. Auch der erste Bischof von Granada – der bald abgelöst wurde - behandelte die Muslime mit Respekt. Aber auf Druck der kirchlichen Berater am Hofe – vor allem des Erzbischofs Cisneros - ging man bald dazu über, die Muslime von ihrem Religion und ihren Traditionen abzubringen, sie zu christianisieren und zu hispanisieren. Bezeichnend für das Werk des Königspaar ist ihre Grabinschrift in der Gruft der Königlichen Kapelle der Kathedrale zu Granada: „ Die Vernichter der mohammedanischen Sekte und Auslöscher der ketzerischen Falschheit, Ferdinand von Aragon und Elisabeth von Kastilien, Gemahl und Gemahlin, einmütig die Katholischen geheißen, umschließt dieses marmorne Grab“


Juan de Borgona: Kardinal Cisneros (Kathedrale Toledo)
Juan de Borgona: Kardinal Cisneros (Kathedrale Toledo)

Schon 1499 beginnt der Erzbischof von Toledo, Franziskaner, Großkanzler von Kastilien, Beichtvater der Königin, späterer Kardinal und Großinquisitor Spaniens, Francisco Jiminez de Cisneros, im Auftrag des Königspaares  eine Missionskampagne unter den Muslimen Granadas. Er führt sie grausam, mit Belohnungen, Drohungen und Strafen durch. Den Führer und Sprecher der Muslime, einen Verwandten Boabdils, Muhammad Az-Zegri, lässt er in Ketten legen und bringt ihn durch Nahrungsentzug zur Taufe (er erhält einen spanischen Namen und wird spanischer Adliger). Cisneros konfisziert muslimische Literatur, Korane, religiöse, philosophische, naturwissenschaftliche, poetische Werke und lässt mindestens 4000  wertvolle und zum Teil prächtige Handschriften inmitten Granadas verbrennen (medizinische Schriften nahm er aus!). Ein Kulturverbrechen ersten Ranges eines sonst als „humanistischer“ Gelehrter tätigen Mannes! Heinrich Heine lässt in seiner „Tragödie“ „Almansor“ ,  in der er diese Vorgänge schildert, Hassan, einen „Monfi“, der unter die moriskischen Guerillas gegangen ist,  sagen: „Dies war ein Vorspiel nur. Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“. Welch wahres Wort! Cisneros soll als Großinquisitor 2500 Menschen, meist Juden und Muslime, denen man Rückkehr zum alten Glauben vorwarf, dem Scheiterhaufen überliefert haben. Cisneros betrachtete seine Missionsbemühungen als erfolgreich und der Papst gratulierte ihm dazu!

 

Neben anderen einschränkenden Massnahmen werden den Muslimen hohe Steuern auferlegt. Das Vorgehen Cisneros führt zum Aufstand in Granada (bei dem der Kardinal beinahe umkommt) . Nach der Niederschlagung setzt Ferdinand den Vertrag von 1491 außer Kraft. Die Mauren des Königreiches Granada werden gezwungen, zum Katholizismus zu konvertieren, sie werden zu „Morisken“, d. h. , zumindest dem Namen nach,  Christen maurischen Ursprungs. Die Bezeichnung hat einen abwertenden, spöttischen Klang, ebenso die Benennung als „Neuchristen“. Die Neuchristen erhalten spanische Namen und Paten. Sie dürfen ihre Sitten und Traditionen nicht mehr ausüben. Arabisch ist verpönt. Ihre Kultur, ihre maurische Identität soll ausgelöscht werden. Manche Mauren verlassen das Land, die meisten bleiben. 1502 wird die obligatorische Konversion der Muslime auf Kastilien ausgedehnt. Damit Muslime dem nicht entgehen können, dürfen sie Kastilien nicht verlassen.

 

Anders als in Granada bleiben die Rechte der Mauren im Königreich Valencia und in den Ländern der Krone Aragons vorerst in Kraft. Die Stände, vor allem die Adligen, pochen gegenüber Ferdinand auf ihren alten Rechten. Die Mauren werden als Arbeitskräfte gebraucht. Auch Karl V. bestätigt bei seinem Regierungsantritt 1518 ihre Rechte. Bei einem Aufstand königs- und adelsfeindlicher Kräfte 1521/22 werden in Valencia 7000 Muslime – die Adel und König unterstützt hatten – auf Druck der christlichen Bevölkerung zwangsgetauft. Viele konvertieren oder verlassen das Land. Nach Beendigung des Aufstandes lässt der König die kirchenrechtliche Gültigkeit der Taufen prüfen. Eine kirchliche Kommission unter Vorsitz des Großinquisitors bestätigt sie. 1525 befiehlt Karl, dass die Mudejaren des Königreiches Valencia entweder die Taufe annehmen oder das Land verlassen sollten. Es folgen weitere Anordnungen: die Morisken müssen den römisch-katholischen Gottesdienst besuchen, Predigten anhören, zur Unterscheidung von den Christen einen blauen Halbmond auf Hüten tragen, sie dürfen keine Waffen führen, muslimische Zeremonien und Gebräuche ( z. B. Schleier, Tanz, Bäder) werden verboten, ebenso das Arbeiten an christlichen Feiertagen. Diese Bestimmungen werden 1526 auch für die Krone Aragons durchgeführt – also auch in Katalonien. Offiziell gibt es nun keine Muslime mehr in den spanischen Landen. Nur römisch-katholische Christen sind zugelassen. Wer abweicht und entdeckt wird, fällt in die Hände der Inquisition.


Taufe von Morisken Altarretabel Felipe Vigarny
Taufe von Morisken Altarretabel Felipe Vigarny

Die Ausweisung der Morisken

 

Unter Philipp II., der 1556 an die Regierung kommt, verschärft sich die Lage der Morisken noch. Bisher hatte man von oben her versucht, die Mauren irgendwie zu assimilieren, wenn auch zwangsweise, mit Unterdrückung ihrer Traditionen und sozialen, wirtschaftlichen Benachteiligungen – also nicht über den Weg der Gleichberechtigung und Anerkennung ihrer eigenen Kultur, was auch möglich gewesen wäre. Auch die Auswanderung wurde eher vermieden – aus wirtschaftlichen Gründen. Nun werden sie ausgegrenzt und isoliert. Man hätte sie am liebsten los gehabt. Das hängt damit zusammen, dass sie sich nur schwer in die christlich-spanische Gesellschaft integrieren ließen – die es ihrerseits den andersartigen Einzugliedernden schwer machte. Die Ausgrenzung hängt auch mit der Furcht vor den Türken zusammen, die Spanien und Europa bedrohten. Man wirft den Maurenabkömmlingen vor, insgeheim mit den Feinden Spaniens, insbesondere den Osmanen, zu kollaborieren und sieht in ihnen eine die Existenz Spaniens bedrohende Gefahr. Eine Rolle spielt sicher auch der Neid einfacher christlicher Volksschichten. Die meisten Morisken waren fleissige Bauern, die auf Grund ihrer Kulturtechniken (Wasserwirtschaft, Terrassenbau u.a.) auch karge, gebirgige oder anderweitig schwierige Gebiete erfolgreich bewirtschafteten. Andere hatten sich spezialisiert, so war in Granada die Seidenraupenzucht in ihren Händen, in Valencia der Reis- und Zuckerrohranbau.  Auch als Handwerker, Fuhrmänner, Kaufleute hatten sie oft besondere Spezialisierungen und Fähigkeiten und waren damit Konkurrenten christlicher Kleinunternehmer.  

 

Verständlicherweise hingen die Morisken an ihren alten Sitten und Gebräuchen und manche praktizierten im Verborgenen die Religion ihrer Vorfahren weiter. So standen sie im Verdacht „falsche“ Christen zu sein. 1504 hatte der Mufti von Oran eine Fatwa, ein Rechtsgutachten, erlassen, das den Muslimen Granadas gestattete, ihre Religion zu verbergen und das Zwangs-Christentum mit „innerem Vorbehalt“ anzunehmen, wenn sie nicht in muslimische Gebiete auswandern konnten.

 

 Gegen das offenbare  Weiterwirken maurischer Traditionen erließ Philipp II. 1567 ein Dekret, dass den Morisken neben sonstigen Einschränkungen die Benutzung der arabischen Sprache und Schrift, arabischer Bücher, maurischer Kleidung und die Ausübung spezifischer Gebräuche verbot.  Als sie noch Muslime unter Christen waren, MUSSTEN sie „maurische“ Kleidung tragen! So wurde den Muslimen im eroberten Tortosa  auferlegt, die Haare rundgeschoren und den Bart lang zu tragen. Männer hatten sich mit einer langen Tunika zu bekleiden, Frauen mit einem Mantelumhang. Das Verbot der arabischen Schrift hatte einen besonderen Hintergrund. Unter den gebildeten Morisken hatte sich eine „literatura aljamiada“,  eine „fremde“ Literatur herausgebildet, in der Texte in der Landessprache, also etwa kastilisch, auf arabisch geschrieben wurden. Das konnte – in den Augen der Inquisition - „subversive“ Literatur sein, aber auch „normale“ kastilische Poesie. Heute ist diese Literatur eine Quelle für Sprachforschungen!

 

Abordnungen der Morisken - mit Unterstützung von Christen - versuchten auf dem Verhandlungsweg die Dekrete aufzuhalten oder abzumildern. Vergeblich! Da brach ein Aufstand in der „Moreria“ von Granada los. Nach dessen Niederschlagung zogen sich Aufständische in das unwegsame Gebirge der Alpujarras (südlich von Almeria) zurück, das überwiegend von Morisken besiedelt war. Ihr Anführer Aben Humeya ließ sich zum König ausrufen und stellte in dem von ihm beherrschten Gebiet den Islam wieder her. Bald hatten sich bis zu 150 000 Kämpfer und Flüchtlinge um ihn gesammelt. Die Rebellen fanden Unterstützung durch Morisken aus Kastilien, Valencia und Aragon, auch durch osmanische Materiallieferungen, Korsaren und kleine Truppenkontigente (das große Eingreifen der Osmanen blieb aber aus). Der Kampf - „Guerra de Granada“ 1568-1570 - der ganz Europa in Aufregung versetzte, wurde von beiden Seiten mit äußerster Grausamkeit geführt. Es kamen schreckliche Massaker vor, wie sie Ildefonso Falcones in seinem Roman „Die Pfeiler des Glaubens“ beschreibt. 

 

Nachdem sich die meisten Aufständischen den spanischen Truppen unter Don Juan de Austria ergeben hatten, wurden sämtliche Morisken Granadas in andere Königreiche Spaniens zwangsumgesiedelt. Dies führte dort zu Unruhen unter der Bevölkerung. In spanischen Führungkreisen wuchs die Bereitschaft, die „Moriskenfrage“ einer „Endlösung“ zuzuführen.  Es gab Vorschläge, alle Morisken irgendwie zu töten, zu versklaven, die Männer zu kastrieren oder sie aus Spanien zu deportieren. Man entschied sich für die Deportation. Diese wurde 1609 – unter Philipp III. – verkündet und war 1614 abgeschlossen.

 

Den Morisken wurde unter Androhung des Todes eine Frist von drei Tagen gesetzt, in der sie Spanien verlassen mussten. Sie durften nur mitnehmen, was sie tragen konnten, kein Gold, kein Silber, kein Schmuck. Der Verkauf ihrer Güter wurde untersagt, ihre Ländereien erhielten christliche Grundherren als Entschädigung für den Ausfall der Arbeitskräfte. In großen Trecks wurden sie unter soldatischer Bewachung zu Häfen geleitet, wo sie nach Nordafrika eingeschifft wurden. Die Schiffsfahrt mussten sie selbst bezahlen. Wenn sie das Geld nicht hatten, wurden Wohlhabendere herangezogen. Unterwegs starben viele an Hunger, Entkräftung und Krankheiten, wurden ausgeraubt oder versklavt. Auch an ihren Ankunftsorten in Nordafrika wurden sie nicht immer willkommen geheißen und es setzte sich Gleiches fort. Man schätzt die Anzahl der Vertriebenen auf 300 000.


Karikatur Miquel Zueras webislam
Karikatur Miquel Zueras webislam

Das Schicksal der aragonesisch-katalanischen Morisken

 

Die Vertreibung begann in Valencia, wo 135 000 Morisken lebten (1/3 der Gesamtbevölkerung), später kamen Aragon/Katalonien mit  60 000 (1/5 der Bevölkerung), Kastilien und Andalusien mit 100 000 Menschen dazu. In Aragonien/Katalonien lebten im Verhältnis zu anderen Gebieten nicht so viele Morisken, sie waren vor allem in dem Dreieck Lleida, Tortosa, Saragossa beheimatet - zentriert in den Comarcas Ribera del Segre und Ebre, am Ebre in den Orten Vilanova de Tortosa, Tivenys, Benissanet, Ascó, Miravet, Móra d´Ebre, Tivissa, Flix, dem Gebiet in Aragonien/Katalonien, das den Mauren am spätesten entrissen wurde. Es waren aber immerhin ca. 8000 Menschen. In manchen Orten am unteren Ebro-Lauf waren bis zu 90%  der Einwohner Morisken. Die zugezogen „Altchristen“ waren hier die „Randsiedler". Die moriskischen Katalanen – und es waren „Katalanen“ unter arabischem und muslimischen Einfluss -  wurden hauptsächlich in Alfacs (bei dem späteren St. Carles de la Rapita) an der Ebromündung verschifft (2033 Personen) oder an die französische Grenze gebracht. Insgesamt wurden in Alfacs 41.952 Menschen eingeschifft (die Behörden haben genau Buch geführt!).

 

Nur wenige konnten sich dem Exodus entziehen, sei es durch Flucht, Freikauf oder Verschonung. Dazu gehörten Kinder, die Eltern entzogen wurden und christlich erzogen werden sollten, aber oft in der Sklaverei endeten. Auch die Sklaven konnten bleiben, sie waren ja Eigentum ihrer christlichen Herren. Ihre Zahl war sicher nicht unbeträchtlich, man zählte schon im Jahre 1424 in Barcelona 1669 Sklaven! Wenigen Morisken wurde offiziell erlaubt zu bleiben. Dazu zählten die Dörfer in der Ribera del Ebre, wo der Bischof von Tortosa zunächst die Hand schützend über sie hielt und erklärte, Alt- und Neuchristen seien nicht unterscheidbar und alle seien gute Christen. Schließlich vertrieb man aber doch die meisten – wenn sie es nicht vorzogen, selbst zu weichen. In der Diözöse Tortosa verblieben 386 Familien. In Ascó, das überwiegend von Morisken bewohnt war, zogen 154 Familien fort, 11 blieben (Carmel Biarnés, Els Moriscos a Catalunya, Ascó 1981). Die wenigen moriskischen Adligen, die in den spanischen Adel aufgenommen worden waren, waren von der Vertreibung nicht betroffen.

 

Der Wegzug der alteingesessenen Bevölkerung in den Dörfern führte zur Verödung; Landwirtschaft und Handel brachen zusammen. Die „Neusiedler“ konnten die hinterlassenen Lücken lange nicht kompensieren.


Die Vertriebenen siedelten sich in Tunesien, Algerien und Marokko an. Sie bildeten eigene Gemeinden, in denen sie ihre spanisch-maurischen Traditionen, auch die jeweilige Sprache, etwa kastilisch oder katalanisch, pflegten. Dank der Tüchtigkeit und den Fähigkeiten, die sie aus Spanien mitbrachten, brachten es viele zu Wohlhabenheit und Ansehen, wie Muhammad Tagarino (el Valenciano), der Erbauer der Großen Mezquita in Testour. In Testour im Norden Tunesiens siedelten sich aus Spanien vertriebene Morisken und Juden an und bauten die Stadt auf den Ruinen einer römischen Siedlung auf. Die alte Stadt macht noch heute einen andalusisch-spanischen Eindruck. Die Große Moschee hat einen Minarettturm mit Glocke - und zwei eingelegte Davidsterne! - Andere der Entwurzelten und Enteigneten gingen aber auch unter. Man nannte die Neuankömmlinge aus den nördlichen Teilen Spaniens Tagarins (von arab. thagri – „Grenzbewohner“). Die aus dem Süden Spaniens Kommenden wurden „granadinos“ genannt . Noch heute gibt es in manchen Städten wie in Algier „barrios tagarinos“. Auch Namen, die auf spanische Herkunft hindeuten, finden sich noch, wie „el Qatalan“. Auch das Bewußtsein, von spanischen Flüchtlingen abzustammen, ist vielfach noch vorhanden. Wie bei den sephardischen Juden heißt es, dass manche der moriskischen Vertriebenen noch heute den Schlüssel zu dem spanischen Haus ihrer Vorfahren im verlorenen „Paradies“ Al-Andalus aufbewahren.


Spanien hat seinen Mauren viel zu verdanken, auch Europa! Ihre Vertreibung bedeutete Verarmung in mehrerer Hinsicht.

 

In Katalonien haben Mauren und Morisken nur wenig Spuren hinterlassen. Der Ruf „Die Moros kommen“, wenn die türkischen Korsaren die Küstengegenden verheerten, wirkte lange negativ nach (dasselbe galt aber auch von den französischen Truppen!). Spuren haben sich in der Architektur, der Art der Felderbewirtschaftung, auch in der Sprache erhalten. In der Architektur des Modernisme, dem katalanischen „Jugendstil“, griff man vielfach auf Elemente der Mudéjar - Bauweise zurück.

 

Die Heimatforscherin Carmel Biarnés hat in ihrer Heimatstadt Ascó manches Relikt wiederentdeckt. So fand man dort einen bei der Vertreibung versteckten Koran, Hinweis darauf, dass man hoffte, wieder zu kommen. Die Handschrift befand man in einem Haus, das „Ca Stisora“ heißt. Das kommt von „al Istijara“, womit das rituelle Gebet bezeichnet wird. Der turmartige Speicher des Hauses wurde als „el Minarett“ bezeichnet. Bei dem Haus handelte es sich wohl um eine ehemalige „Mezquita“. Auch in Sprache, Ortsnamen, Kinderspielen, Tanz, Musik und Gebräuchen haben sich einige Erinnerungen an die moriskische Zeit erhalten. So bewahrt der Ausdruck „Ets un afaram“ („Das ist hässlich, eine Schande“) die Erinnerung an das arabische „Haram“ auf, was eine verbotene, kultisch unreine Handlung bezeichnet. „Anar a jalà“ heißt „zum Essen gehen (arabisch „Halal“= kultisch reine Speise). „Fer salat“ heißt „zu spät kommen“, weil man in muslimischen Zeiten den „Salat“ vollzogen hat, das rituelle Gebet. „Ojalà Déu“ sagt man anstelle von „Adiós“, wobei es sich hier ursprünglich um die Anrufung Allahs handelt. „Moret“ ist die zärtliche Bezeichnung für ein noch ungetauftes Baby, während „Ets un moro“ („Er ist eine Maure“) gar nicht liebevoll gemeint ist. In den ersten Wochen der Lebenszeit hingen manche Leute in Asco dem Kind einen halbmondförmigen Kabeljau-Kiefer um den Hals, angeblich zum Nagen, doch bekanntlich hängt man muslimischen Neugeborenen ein halbmondförmiges Medaillon mit Koransprüchen als Amulett um den Hals. Im alten Kern von Asco findet man an Tür-, Fensterrahmen und -schwellen häufig die Farbe blau, was man auch in arabischen Ländern findet. Carmel Biarnès nennt weitere Beispiele für das Überleben von „Arabismen“.

 

Der spanische König hat bei sephardischen Juden Abbitte für das Unrecht ihrer Vertreibung geleistet und das Ausweisungsedikt aufgehoben. Nachkommen der spanischen Sepharden können die spanische Nationalität erhalten. Abkömmlinge der spanischen Morisken fordern das gleiche Recht für sich.  Sie sprechen von „Diskriminierung“ ihrer Bevölkerungsgruppe. Ob sie  eine positive Antwort erhalten werden, erscheint unter den gegenwärtigen Umständen fraglich.


Gabriel Puig Roda: Vertreibung der Morisken (1894/Detail) - Museu de Belles Artes Castelló
Gabriel Puig Roda: Vertreibung der Morisken (1894/Detail) - Museu de Belles Artes Castelló

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