Juden im mittelalterlichen Girona

Ein Gang durch das ehemalige jüdische Viertel

Blick in den Innenhof des Museums der jüdischen Geschichte in Girona
Blick in den Innenhof des Museums der jüdischen Geschichte in Girona

Auch in Spanien wächst der Antisemitismus. Dabei ist der Anteil an Juden in der Bevölkerung verschwindend gering. Man gibt ihre Zahl mit 48 000 an. Aber in Krisenzeiten sucht man Sündenböcke, auf die man die Schuld an der Misere schieben kann. Und der Antisemitismus hat eine alte Tradition in Spanien. Sie gipfelte 1492 in der Vertreibung der letzten noch nicht konvertierten Juden. Auch in der Franco-Zeit wurden die Ende des 19. und im 20. Jahrhundert wieder zugewanderten Juden (mit allen Nicht-Katholiken) unterdrückt. Offiziell wurde das Vertreibungs-Edikt 1992 aufgehoben, als König Carlos I. die Synagoge von Madrid besuchte und sich für „den Akt der Barbarei“ entschuldigte, den seine Vorgänger 500 Jahre zuvor begangen hatten.

 

Offiziell wird heute anerkannt, dass das jüdische Erbe ein Bestandteil der spanischen Kultur und Geschichte ist und es wird auch entsprechend gepflegt. Umgekehrt bekennen sich die aus Spanien stammenden Juden zu ihrem spanischen Erbe. Trotz ihrer Jahrhunderte langen Trennung von der spanischen Heimat bewahren viele Familien ihren Stolz auf die spanische Herkunft. Manche wissen noch immer, aus welcher Stadt sie stammen und einzelne besitzen noch heute den rostigen Schlüssel ihres Hauses, das sie verlassen mussten.

 

Juden der iberischen Halbinsel - Sepharden

 

Die von der iberischen Halbinsel stammenden Juden nennt man Sepharden, im Gegensatz zu den aus nördlichen und östlichen Ländern stammenden Aschkenasen. Beide Namen gehen auf biblische Bezeichnungen zurück. Der Prophet Obadja spricht davon, dass die (nach der babylonischen Eroberung Jerusalems – 587 v. Chr.) nach SEPHARAD Weggeführten „ am Tag des Herrn“ wieder zurückgekehrt sein werden. Sepharad wurde im Mittelalter auf Spanien bezogen. Und so führten sich die Juden Spaniens auf diese Vertriebenen zurück. Gegenüber dem Vorwurf: „Ihr Juden habt Jesus Christus getötet“, wandten sie ein: „Zur Zeit Christi saßen unsere Vorfahren schon lange in Spanien.“ Historisch ist das nicht nachweisbar, zumal „Sepharad“ ursprünglich nicht Spanien meint. Aber sicher konnten die Juden Spaniens auf eine lange Geschichte zurück blicken. Nachweisbar ist ihre Anwesenheit unter der römischen und dann unter der westgotischen Herrschaft. Schwierig wurde ihre Lage, als das Christentum sich durchsetzte, vor allem unter den westgotischen Herrschern. Deshalb empfanden die spanischen Juden die muslimischen Truppen als Befreier, als diese (ab 709) Spanien eroberten.

 

Im 8./9. Jahrhundert bildete sich unter den umajjadischen Kalifen von Cordoba die sephardische Identität heraus. Die „goldene Zeit“ des Sephardentums begann, die auf einer Verschmelzung von jüdischer und arabischer Kultur beruhte. Dies nahm ein Ende, als die Dynastien der Almoraviden (1090) und dann der fanatischen Almohaden die Herrschaft übernahmen. Viele Juden flüchteten in die christlichen Länder Spaniens, wo sie zunächst freundliche Aufnahme fanden, weil sie Wirtschaft und Kultur bereicherten. Die Zentren sephardischen Lebens verlagerten sich Mitte des 12. Jahrhunderts in das christliche Spanien. Dort waren sie „Kammerknechte“ der Könige, ihnen gehörig, direkt unterstellt und auch von ihnen geschützt.

 

Manche stiegen zu hohen Ämtern auf und dienten den Königen als Berater, Diplomaten, Dolmetscher, Steuereintreiber und Ärzte. Die Könige betrachteten sie aber auch als ihren „Schatzkasten“, mit ihren Abgaben mussten sie viele Unternehmungen der Herrscher finanzieren.

 

Als Handwerker, Händler mit oft internationalen Verbindungen, Geldverleiher trugen sie entscheidend zur wirtschaftlichen und politischen Entwicklung der spanischen Königreiche bei. Auch als Wissenschaftler vermehrten sie wesentlich das abendländischen Wissens. Bedeutsam war ihre Rolle als Übersetzer und Vermittler des antiken Wissens (über die Araber). Sie besaßen das Recht auf freie Religionsausübung, eine eigene Verwaltung und Gerichtsbarkeit.

 

Im späten Mittelalter nahmen Judenfeindschaft und christliche Intoleranz zu und führten zu immer stärkeren Einschränkungen jüdischen Lebens und zu gewaltsamen Verfolgungswellen. Dies und die unter Druck zunehmenden Konversionen – „Tod oder Taufe!“ – führten zur Schwächung und Isolierung des Judentums. Den Endpunkt des sephardischen Lebens in Spanien bildete dann die Ausweisung unter den „Katholischen Königen“ Isabel von Kastilien und Ferran von Aragon.

 

Diese meinten, obwohl umgeben von jüdischen Beratern und Financiers, - unter kirchlichem Druck und nach der Eroberung des letzten maurischen Königreiches Granada – den „Fremdkörper“ im christlichen Spanien nicht mehr zu benötigen. Sie entfernten damit mit einem Schlag eine große, wirtschaftlich, kulturell, sozial und politisch bedeutende Volksgruppe aus der spanischen Gesellschaft und beraubten sie ihrer Heimat, in der sie tief verwurzelt war. Dies – und die Vertreibung der Morisken (Nachkommen der Mauren) hundert Jahre später – fügte dem spanischen Staatswesen enormen Schaden zu. (Zur Vertreibung der Mauren siehe den entsprechenden Blog in dieser Website.)

1492 – im Jahr der Vertreibung - wurde von Kolumbus „die neue Welt“ entdeckt, mitfinanziert von jüdischem Geld. Es gibt die These, dass Kolumbus Abkömmling von konvertierten Juden war und sein Motiv auch die Suche nach einer neuen Heimat für die verfolgten Juden gewesen sei. Tatsächlich waren spanische Juden mit ihm und sind dann auch nach Südamerika ausgewandert. So ist die Aufstellung eines interessanten Denkmals von Kolumbus im Garten des jüdischen Museums von Girona berechtigt und symbolhaft.

Viele der vertriebenen Juden Spaniens wanderten zunächst nach Portugal aus ( wo sie dann zwangsweise christianisiert wurden), andere nach Italien, Nordafrika und vor allem in das Osmanische Reich. (Saloniki war bis zum nationalsozialistischen Holocaust ein Mittelpunkt sephardischen Lebens.) Sie nahmen ihre spanische Prägung mit, bildeten das „Judenspanische“ aus ( auf altkastilischer Grundlage ) und pflegten ihre sephardischen Traditionen weiter. Ein Teil kam von Portugal in die Niederlande (Amsterdam) – zunächst als „Katholiken“ – und auch Hamburg, wo sie dann wieder zum sephardischen Judentum zurückkehren konnten.

 

Emanuel de Witte, Portugiesische Synagoge Amsterdams, um 1680. links die Teva, wie der Vorlesepult in der sephardischen Synagoge heißt, vorne der Toraschrein
Emanuel de Witte, Portugiesische Synagoge Amsterdams, um 1680. links die Teva, wie der Vorlesepult in der sephardischen Synagoge heißt, vorne der Toraschrein

In Israel bilden die Sephardim eine starke Minderheit, die nicht ohne Spannungen mit den Aschkenasim lebt. Die religiöse Grundlage ist dieselbe, aber Herkunft, Traditionen und Sitten sind unterschiedlich.

Wir Deutschen kennen – wenn überhaupt – Juden askenasischer Prägung. Wenn wir in Spanien leben und uns für die Geschichte Spaniens interessieren, kommen wir nicht daran vorbei, uns auch mit der sephardische Ausprägung des Judentums zu beschäftigen. Wer in Deutschland Menschen jüdischen Bekenntnisses kennenlernt, kann auf ein sehr lebendiges - und gefährdetes- Gemeindeleben stoßen und wird auch mit den Folgen und der Erinnerung des Holocaust konfrontiert werden ( dem die Sepharden teilweise auch ausgesetzt waren). Leider wird die Begegnung mit dem Sephardentum in Spanien weitgehend „museal“ bleiben, weil das spanische Unrecht an den Juden fern liegt – sehen wir von der Franco-Zeit ab – und die Zahl der spanischen Juden gering ist. Insofern haben es Spanier leichter, diesen Teil ihrer Geschichte aufzuarbeiten. Aber Grund haben auch sie dazu.

 

Ein Gang durch „El Call“, das ehemalige jüdische Viertel Gironas

Plan des Viertels mit Straßennamen (Quelle: Pedres de Girona)
Plan des Viertels mit Straßennamen (Quelle: Pedres de Girona)
In diesem Modell ist das alte jüdische Viertel mit braunen, grau unterlegten Gebäuden gekennzeichnet. Die Kathedrale befindet sich im linken oberen Bereich. Die Strasse Força zieht sich am unteren Rand entlang  (Quelle: www. seamp.net)
In diesem Modell ist das alte jüdische Viertel mit braunen, grau unterlegten Gebäuden gekennzeichnet. Die Kathedrale befindet sich im linken oberen Bereich. Die Strasse Força zieht sich am unteren Rand entlang (Quelle: www. seamp.net)

Die Geschichte der Juden in Girona ist exemplarisch für das sephardische Judentum. Und wir haben das Glück, dass der Call in einmaliger Weise erhalten – und teilweise wiederhergestellt ist. Call werden in Katalonien die alten jüdischen Viertel genannt. Wahrscheinlich kommt die Bezeichnung von lateinisch „callis“; Fußsteig, erinnert aber auch an das hebräische Kahal, Gemeinde. Die jüdische Gemeinde wurde als „Aljama“ – aus dem arabischen kommend – bezeichnet. Die Verfassung war ähnlich wie die der Stadt Gironas aufgebaut und beruhte auf durch Los gewählten Räten unter Führung eines Obersten, der vom König ernannt wurde und ihm verantwortlich war. Der Rat ernannte ein Gremium von Richtern, die für das Rechtswesen zuständig waren. Die geistliche Leitung hatte der Rabbiner. Die jüdischen Autoritäten waren unabhängig vom städtischen Magistrat, der aber immer wieder versuchte durch Regulierungen, für die er zuständig war (Wirtschaft, Stadtplanung, Gesundheit, Sicherheit u.a.), in die Belange der Aljama einzugreifen.

 

Wer durch die das enge und verwinkelte Gewirr der dunklen Gassen mit ihren Torbögen und Treppen wandert, kann sich gut vorstellen, wie die jüdische Bevölkerung im Mittelalter hier lebte. Eine große Hilfe für die Vorstellung ist das „Museum der Geschichte der Juden Girona“ ( Museu d´Historia dels Jueus Girona) im „Centre Bonastruc ça Porta“. Hier wird das jüdische Leben in Girona sehr umfassend und anschaulich dokumentiert.

 

Wer das alte Girona aufsucht, landet unweigerlich in der Straße „ Carrer Força“, die auf dem Platz der Kathedrale endet. Dies war schon im römischen Gerunda die Hauptstraße, der „cardus maximus“, die zum Forum und Kapitol mit den Regierungsgebäuden und dem Staatstempel führte. Die Força heißt übrigens genau „ Carrer de Sant Llorenç de la Força Vella“, was besagt, dass dieser alte Kern Gironas in der Römerzeit und im Mittelalter eine Festung war, umgeben von Mauern, Türmen und Toren. Nach Sant Llorenç heißt sie, weil es hier im Mittelalter eine Kapelle des heiligen Laurentius, einem altchristlichen Märtyrer, gab, an deren Stelle wohl auch zeitweilig eine Synagoge eingerichtet wurde. Der Legende nach soll Laurentius in der nach ihm benannten Straße Unterkunft gefunden haben. Beim Beginn der Força, am Platz Correu Vell, befand sich ein Tor, dass auch einen Zugang zum jüdischen Viertel bildete. Die Força war lange Zeit die Haupstrasse des jüdischen Viertels im Mittelalter und hieß Carrer del Call. 1444 beschloss der Rat Gironas den Juden das Wohnen links von der Força zu verbieten. Die Türen, Tore und Fenster der jüdischen Wohnungen auf der anderen Seite mussten geschlossen bleiben. Das war schon vorher für die Zeit von Gründonnerstag bis Karsamstag vorgeschrieben gewesen. Die Straße wurde „christlich“ und die Prozessionen zur Kathedrale und die Laurentiusfeiern konnten fortan unbeobachtet von jüdischen Blicken stattfinden.

 

Rechts und links von der Força erstreckten sich die jüdischen Wohn- und Lebensbereiche des 13. und 14. Jahrhunderts. In der Blütezeit der jüdischen Gemeinde waren etwa 7% der Bevölkerung von Girona Juden  ( ca. 800 – 900 Menschen). Sie bildeten durch Handel und Geldverleih einen wesentlichen Faktor der Wirtschaft Gironas. Manche der Juden stiegen zu Beratern des Königs auf und hatten hohe Positionen inne.

 

Carrer Força Vella (alte Aufnahme - Quelle: Archiu Municipal de Girona)
Carrer Força Vella (alte Aufnahme - Quelle: Archiu Municipal de Girona)

Mittelpunkt des Call - die Synagoge

 

Hinter den Häusern 21 (alte Laurentiuskapelle) und dann wohl 23 war das Zentrum des Gemeindelebens, die Synagoge, bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts. Hier versammelten sich die Juden zum Morgengebet und zum Gottesdienst am Freitagabend, dem Beginn des Sabbats, oder an den Feiertagen. Aber auch sonst kamen sie im Synagogenkomplex zusammen, die Männer zum Lernen und Diskutieren, zum Studium der Tora ( die fünf Bücher Mosis), der übrigen Schriften der jüdischen Bibel und des Talmuds ( die „mündliche Tora“ und die Kommentare zur Tora). Aber auch Versammlungen und Feiern fanden hier statt. Die Frauen hatten einen eigenen Bereich, mit Zugang zur Mikwa, dem kultischen Reinigungsbad. (Unlängst hat man die Mikwa wiederentdeckt.) Meist waren eine Metzgerei und eine Bäckerei angeschlossen, zur rituell reinen („kasheren“) Herstellung der Nahrungsmittel, nach den biblischen Vorschriften.

Jüdische Familie mit Rabbiner oder Vorleser in der Synagoge (von Girona?). Der Vorleser in Gebetskleidung steht unter einem Baldachin, der über der Tevah errichtet ist, dem Vorlesepult. Er hält die noch eingehüllte Schriftrolle hoch, ohne sie direkt zu berühren. Der blaue "Himmel" mit Sternen ist die Deckenbemalung des Gebetshauses (wie in damaligen christlichen Kirchen). Im Hintergrund Leuchter an Aufhängungen. (Darstellung im Jüd. Museum, Girona)

 

Als die Juden gezwungen wurden, ihre Wohngebäude links der Força zu verlassen und rechts davon zu leben, musste auch die Synagoge ins Innere der Call verlegt werden. 1434 wurde ein Komplex erworben, in dem man u. a. die dritte Synagoge („Schule“) eingerichtete. Sie befand sich wahrscheinlich im Inneren der Gebäudeanlage des heutigen jüdischen Museums. Ihr Zugang war über heute geschlossene Nebengassen des heutigen Carrerero de Sant Lorenç und des Carrer Oliva i Prats. Diese beiden Gassen hießen früher Carrero/Carrer de la Synagoga.

 

Der berühmteste Gelehrte der jüdischen Gemeinde und die Kabbala

 

An dem Haus an der Ecke Força/Carrerero Sant Lorenç weist eine kleine Tafel auf den berühmtestesten Juden Gironas hin, auf den Rabbiner, Gelehrten und Arzt Moshe ben Nachmann (Nachmanides), katalanisch Bonastruc sa Porta ( 1194-1270). Er lebte wohl in diesem Hauskomplex , aber in einem Haus etwas weiter unten, als dessen Besitzer später ein Abraham del Portal urkundlich erwähnt ist. Des weiteren ist eine Tafel zu sehen, die auf Vertreter der Kabbala in Girona hinweist.

 

Nachmanides – in der jüdischen Welt als RAMBAN bekannt (gebildet aus den ersten Buchstabens seines Amtes und Namens) ist einer der geistigen Autoritäten des Judentums. Sein Kommentar zur Thora wird heute noch studiert und zitiert. Er leitete in Girona eine Jeschiwa, eine Schule zum Studium von Tora und Talmud. Er versuchte zwischen den Anhängern der mehr rational-allegorischen Bibelauslegung, die von jüdischen Gelehrten Maimonides (1135-1204) aus Cordoba herkamen, den Orthodoxen, die die Bibel wörtlich nahmen, und der esoterisch-mystischen Schule der Kabbalisten, die aus der Bibel geheimnisvolle Bedeutungen herauslasen, zu vermitteln.

 

Die Kabbala ist eine jüdische Geheimlehre (wörtlich „Überlieferung“), die in verschiedenen Büchern niedergelegt ist ( „Jezira“, „Sohar“ u.a.). Sie entstand Anfang des 13. Jahrhundert im Languedoc. Als ihr Begründer gilt „Isaak der Blinde“ (1160-1235) aus Narbonne. Dessen Schüler brachten seine Lehren nach Girona, wo bald ein kabbalistischer Zirkel entstand. Girona wurde ein Zentrum kabbalistischen Denkens, von wo aus dieses weiter in die jüdische Welt gelangte. Die Juden Gironas haben damit die Kultur Europas bereichert, denn in der europäischen Geistesgeschichte spielt die Kabbala eine große Rolle.

 

Die theoretische Kabbala beschreibt die Entstehung und Entfaltung der Welt aus dem göttlichen Urgrund, vom Geistigen bis zum Materiellen. Symbolisch dargestellt wird dies im kabbalistischen Lebensbaum mit seinen zehn „Sephirot“, den göttlichen Wirkungskräften, die Welt und Mensch durchwalten. Der Kabbalist folgt diesem Entwicklungsweg im Denken und Handeln bis zur Wiedervereinigung mit Gott. Die praktische Kabbala gibt Anleitungen für Gebet, Meditation und Magie. Sie verhilft zum Schutz gegen feindliche Mächte und Dämonen. Das Hexagramm ist ein kabbalistisches Schutzzeichen ( „Magen David“ – Schild Davids). Später ist es zum Zeichen des Judentums überhaupt avanciert. Wir finden es im Garten des Jüdischen Museums in den Boden eingelassen.

Beim Anklicken der Bilder erscheint eine Beschriftung (auch bei den nachfolgenden Bildergalerien)

 

Man kann sich gut vorstellen, dass in den labyrinthischen, geheimnisvollen Gassen des Call mit ihren verschanzten Häusern, die sich zu lichten Innenhöfen öffnen – sie besaßen vielleicht auch unterirdische Fluchtgänge – dieses Denken gefördert wurde. Die Kabbala bot einen inneren Ausweg aus der Enge und Bedrängnis jüdischen Lebens.

 

Auch bei Nachmanides finden sich kabbalistische Gedanken und man schreibt ihm – wohl fälschlich - die Verfasserschaft verschiedener kabbalistischer Schriften zu.

 

Bekannt ist Nachmanides auch durch die Teilnahme an der „Disputation von Barcelona“ (1263). Das Treffen wurde von König Jaume (Jakob) I. el Conquerer, Graf von Barcelona und König von Aragon einberufen. Er hatte Mallorca und Valencia von den Mauren erobert. In seinem Staat lebten Christen, Juden und Moslems. Er war daran interessiert, die Frage der abweichenden Religionen in seinen Ländern zu lösen, natürlich zu Gunsten des Christentums.

 

Darum bemühten sich auch die Dominikaner, die sich der Ketzerbekämpfung und der Mission von Mauren und Juden widmeten. Der König ordnete die Teilnahme von Nachmanides an, dem Vertreter der Juden Kataloniens. Die Streitgespräche, die z. T. im Grafenpalast in Barcelona stattfanden, führte der Dominikaner Pau Crestia, ein konvertierter Jude, der Nachmanides mit Hilfe jüdischer Schriften davon überzeugen wollte, dass der Messias schon gekommen sei. Man erhoffte sich, wenn Nachmanides dies zugäbe, Juden zur Konversion bewegen zu können. Das gelang nicht.

 

Für Nachmanides und die Juden Kataloniens hatte die Diskussion Folgen. Der König war zwar beeindruckt von Nachmanides, den er auch sonst schätzte. Aber unter dem Druck der Dominikaner ordnete er an, eine Schrift, die Nachmanides für seine Religionsgenossen über die Diskussion verfasst hatte, solle verbrannt und Nachmanides für zwei Jahre außer Landes gewiesen werden. Nach einem Schreiben des Papstes an den König wurde eine lebenslängliche Verbannung daraus. Nachmanides wanderte im hohen Alter nach Palästina aus, wo er verstarb. Sein Siegel mit seinem Namen und Wahlspruch „Mut“ wurde bei Akko gefunden. Eine Kopie ist im jüdischen Museum zu sehen. Pau Chrestia erhielt das Recht, in den Synagogen zu predigen, was im Laufe der Zeit zu Zwangspredigten der Dominikaner an die Juden führte.

 

Im Gewirr von engen Gassen

 

Der Blick in die Gassen Sant Llorenç  und Cúndaro - mit ihren Bögen, Treppen, Pflastersteinen, niedrigen Türen und wenigen vergitterten Fenstern lässt in besonderer Weise die Vorstellung des ehemaligen jüdischen Lebens wach werden. Wir können uns vorstellen, wie hier bärtige Männer in langen farbigen, bis zu den Füßen reichenden Mantelkleidern, das Haupt bedeckt mit Kappe, spitzem Hut oder Überwurf, aus den Häusern zur Synagoge oder zu Geschäften eilten, Frauen mit ihren Kopftüchern ihnen aus den Fenstern nachblickten, dunkel gekleidete Rabbis sinnend die Treppen hinauf stiegen, Kinder auf den Treppen spielten, Handwerker und Händler ihre mit Waren beladenen Esel zum Markte führten.

Eine Gasse mit Frau im jüdischen Viertel
Eine Gasse mit Frau im jüdischen Viertel

Jüdische Gestalten in Girona (Näheres durch Anklicken)

Die Gassen waren eng und dunkel, Abwasser und Regen lief in ihnen ab – wie übrigens auch in anderen mittelalterlichen Vierteln Gironas. Äußerlich wirkten die Häuser schmucklos und abweisend. Betrat man aber das Innere, dann kam man oft in eine andere Welt. Baumbestandene Innenhöfe öffneten sich und gaben den Blick auf säulengestützte Galerien und schlanke Fenster frei. Die Räume waren verhältnismäßig hoch und groß, ihr Interieur oft prachtvoll, mit edlen Wandteppichen, Möbeln und Schmuckstücken, einzelnes aus arabischen Ländern, ausgestattet. Viele Juden in Girona waren reich – eine Art Aristokratie -, aber das stellten sie nach außen tunlichst nicht zur Schau. In einer meist nicht freundlichen Umwelt, war das Innere des Hauses und die Familie das Rückzugsgebiet. Hier konnte man seinen Lebensstil und seine Traditionen pflegen.

 

Blick in Gassen des jüdischen Viertels

Auf der Placeta de l´Institut Vell – gegenüber dem Museum der Geschichte Gironas bzw. dem Stadtarchiv ist in einem Türstein ein interessantes Überbleibsel aus der jüdischen Zeit zu sehen: eine Einkerbung für die „Mesusa“. Dies ist eine längliche Kapsel, die am rechten Türpfosten jüdischer Hauser angebracht ist. Sie enthält auf einer kleinen Pergamentrolle u.a. das „jüdische Glaubensbekenntnis“, das „Sch´ma“: „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der ewige ist einzig“ ( 5. Mose 6,4). Der fromme Jude berührt sie beim Eintreten und Verlassen des Hauses mit der Hand. Eine solche Mesusa kann man im Laden beim Jüdischen Museums betrachten oder kaufen.

 

Wir sind am Ende der Força angekommen. Hier war das nördliche Ende des Call. Ein Tor öffnete sich auf den Mercadal, den Markt. Heute ist das der Kathedralvorplatz.


Der jüdische Markt befand sich noch innerhalb des Call, da, wo heute das Gebäude steht, in dem jetzt die Architektenkammer untergebracht ist. Die Vorgängerbauten der Pia Almoina, des Almosenhauses, längs der Kathedraltreppe und der Kathedrale, waren größtenteils im jüdischen Besitz, ehe sie vom Stifter der Pia Almoina erworben und mit neuen Bauten versehen wurden.

Wir betrachten die große Freitreppe und die barocke Fassade der Kathedrale. Ein Triumph des Christentums. Hier stand einst auch der römische Tempel der Staatsgötter des Jupiter, der Juno und Minerva. Weiter drunten in der Kirche Sant Feliu stehen die Sarkophage der Heiligen Felix und Narcissus, Märtyrer des christlichen Glaubens unter der römischen Herrschaft (305 und 307 ?). Auch Laurentius, nach dem die Força und ihre Nebengasse benannt wurden, gehört zu ihnen (gest. 258). Damals waren Christen die Verfolgten, auch in Girona wie der Stadtpatron und Bischof Narciss.

 

Verfolgt

Am Laurentiustag, dem 10. August 1391, brach die schlimmste Judenverfolgung über die Juden Gironas in ihrer Geschichte herein. Bauern aus der Umgebung brachen in den Call ein, plünderten und mordeten. Viele Juden flohen, mindestens vierzig kamen um, meist, weil sie sich weigerten, die Taufe zu empfangen. Sie sind Märtyrer ihres Glaubens. Die Geistlichen in den Kirchen hatten schon alles für die vorbereitet, die sich taufen ließen, um ihr Leben zu retten. 63 Taufen wurden registriert.

Als die Unruhen nicht aufhörten, brachten die städtischen Behörden, die wenig gegen den Pogrom unternommen hatten, 600- 800 Juden im Torre Gironella unter, der alten Festungsanlage oberhalb der Stadt. 17 Wochen mussten sie dort ausharren, aus „Sicherheitsgründen“. Der König ordnete eine strenge Untersuchung an.

Sie endete damit, dass der König zwei Jahre später der Stadt Girona, umliegenden Dörfern und einzelnen in das Geschehen verwickelten Personen gegen Zahlung hoher Beträge Pardon erteilte. Es muß aber auch gesagt werden, dass einzelne Bürger Juden zur Hilfe eilten oder solchen Zuflucht in ihren Häusern gewährten, mit denen sie in Verbindung standen.

Wir erblicken auf der Fassade, links und rechts vom Eingangsportal die Figuren von Petrus (mit dem Schlüssel) und Paulus (mit dem Schwert, mit dem er enthauptet wurde), darüber Maria mit dem Jesuskind. Wer will leugnen, dass sie alle aus dem „Hause Israel“ stammen?

 

Und was hätte der Rabbi aus Nazareth dazu gesagt, dass von 1491 bis 1505 – wohl auf diesem Platz - in seinem Namen vier Autodafes durchgeführt wurden, in dem die Inquisition „Conversos“ verbrennen ließ, Juden, die Christen geworden waren und denen man „heimliches judaisieren“ vorwarf? Eben der Paulus, dessen Figur an der Kathedralfassade zu sehen ist, hatte darauf hingewiesen, dass der christlich Glaube in der jüdischen Religion verwurzelt und mit ihr untrennbar verbunden ist ( Römer 11).

 

Die Figuren an der Barockfassade der Kathedrale waren damals noch nicht zu sehen. Aber die biblischen Aussagen hätten sie wissen müssen, die Domherren, die die Judenfeinschaft schürten und zu Pogromen anstifteten.

Fassade der Kathedrale in Girona (bei einem "Blumenfest")
Fassade der Kathedrale in Girona (bei einem "Blumenfest")

Oft begannen die Aktionen an der Kathedrale. Von dort aus warfen Domschüler und junge Kleriker immer wieder vom Turm der Kirche und von ihren Wohnungen aus Steine auf die nahe gelegenen jüdischen Häuser. So 1278, wo sie dann zum jüdischen Friedhof auf dem Montjuic zogen und Gräber zerstörten. Danach verwüsteten sie außerhalb der Stadt gelegene jüdische Gärten und Weinberge. Der König ermahnte den Bischof und die Stadtautoritäten wegen solcher Vorfälle oftmals. Meist begannen diese Ausschreitungen in der Passionswoche wie 1331. Da standen 20 bewaffnete Pagen und Diener von Kanonikern vor dem Kirchenportal, bereit zum Angriff auf Juden. Auf Vorhaltungen des Bürgermeisters, der mit Wachen erschienen war, führten sie an, dass Juden verbotenerweise in der Stadt herumliefen, was der Bürgermeister bestritt. Sie gerieten mit den Begleitern des Bürgermeisters ins Handgemenge und auch mit der angeforderten Verstärkung des Magistrats. Diesmal wurde der Angriff auf die Juden verhindert, aber andere Male setzte man die geschlossenen Tore des Call in Brand und drang ins Judenviertel ein.

 

Auch in Girona gab es den Brauch – bis er verboten wurde -, den man „matar jueu“ nannte (Juden töten). An einem der Passionstage ergriff man einen Juden, stellte ihn vor das Kirchenportal und ohrfeigte ihn stellvertretend für sein Volk, dem man die Tötung Jesus vorwarf.

 

Herbeigeholt

 

Wir wandern weiter aufwärts an der Kathedraltreppe entlang, am Brunnen der Mare de Deu de la Pera (Muttergottes mit der Birne) vorbei und betreten die Plattform vor dem Aposteltor der Kathedrale, deren Figuren 1936 antiklerikalen Verwüstungen zum Opfer gefallen sind. Vor uns liegt der ehemalige Bischofspalast, das heutige Kunstmuseum. Zwischen diesem und der Kirche liegt der Ort, wo sich die erste Synagoge befand. 982 brachte der Graf Dela 25 jüdische Familien aus „Juigues“ bei Vilamari in die Stadt und gab ihnen nach Erwerb ihres ländlichen Besitzes Häuser – in Übereinkunft mit dem Bischof Teotari -, wohl in der Nähe der damaligen vorromanischen Kirche. Bei der Kirche und unterhalb des damaligen Grafensitzes richteten sie ihre erste Synagoge ein. Sie zahlten wie die übrigen Einwohner Gironas für ihre Besitzungen Steuern an Bischof und Kirche. Im Museum der Kathedrale sind auf dem berühmten Schöpfungsteppich ganz unten links zwei Juden aus der damaligen Zeit zu sehen („Judei“). Auch im Kunstmuseum tauchen auf Retabeln ( Altarbilder) aus späterer Zeit Bilder von Juden auf, so in dem Sant Miquel-Retabel aus Castello d´Empuries (15. Jh.).

Vertrieben

 

Wir gehen zurück zur Mare de Deu de la Pera und biegen in den Carrer Dr. Miquel i Prats ein. Wir werfen dort, wo sich ein Tor zur Call befand, ein Blick in die Gasse Cúndaro hinab. Weiter geht es bis zum oberen Ende des Carrerero Sant Lorenç. Dort befindet sich auf der linken Seite die Casa Colls-Labayen. Es war das Haus des letzten jüdischen Gemeindevorstehers Lleo Avinay. 1492, bei der Vertreibung der Juden, verkauft er mit anderen „Prohoms“ (Vorstehern) den Besitz der Gemeinde, die Synagogen, Frauenhaus, Hospital und Bäder, die zweite Synagoge an eine Kanonikergemeinschaft der Kathedrale , die dritte an einen gewissen Jordi Rafart. (Die Verkaufsurkunde ist noch vorhanden.) Der Friedhof auf dem Montjuic wird dem Adligen und Battle General (Generalstatthalter von Katalonien) des Königs, Joan de Sarriera, „wegen seiner Wohltaten an den Juden“ geschenkt. Dieser verwendet die Grabsteine teilweise zur Renovierung seines Schlosses in Palau Sacosta - entgegen einer Abmachung. Wer weiß, dass jüdische Gräber bis zur Ankunft de Messias und dem Endgericht unversehrt bleiben sollen, kann ermessen, was es für die Juden aus Gerona bedeutet hätte, wenn sie erfahren hätten – vielleicht haben sie´s -, dass mit den Gräbern ihrer Ahnen so umgegangen wurde. Heute befinden sich viele der - nach spehardischer Sitte meist liegenden - Grabsteine im jüdischen Museum, wo sie durch Nachbildung des Friedhofes eine würdige Stätte gefunden haben.

Durch ihre Inschriften halten sie das Gedenken an die Toten wach. Der Magistrat von Girona setzte das königliche Ausweisungsedikt zögerlich um.

 

Die 20 noch beim Judentum verbliebenen jüdischen Familien Gironas verkauften ihre Häuser an Christen; manche, in der Hoffnung wiederzukommen, mit einem Vorbehalt. Gold- und Silbermünzen, die sie nicht mitnehmen durften, verfielen dem König. Die Juden zogen in die Fremde – ein Schicksal, das ihr Volk so oft erleiden musste - zuerst nach Perpignan. Da das aber auch Königsgebiet war, konnten sie nicht bleiben. Von Portvendres aus (Bild im Schloss von Collioure!) schifften sie sich nach Neapel ein. Die neuen Besitzer der Häuser begannen unverzüglich mit ihrer Renovierung und dem Öffnen der Fenster und Türen sowie der vermauerten Tore der Call.

Ausziehende Hebräer ( Darstellung im Jüd. Museum)
Ausziehende Hebräer ( Darstellung im Jüd. Museum)

Als das königliche Paar 1483 Girona besuchte und im Stadtpalast der Sarriera-Soltera, der heutigen Casa Soltera, logierte, konnten sie wahrnehmen, dass ihr Edikt auch in Girona Erfolg hatte. Dabei hatte der König 1461 als Kind mit seiner Mutter, der Königin Juana, vor den aufständischen Truppen in die „Força Vell“, die alte Festung von Girona mit dem Judenviertel, flüchten müssen, wo sie auch von Konversen verteidigt und vom konvertierten Leibarzt Bados betreut wurden. (1503 fiel Bados der Inquisition zum Opfer.)

 

Die zurückbleibenden und konvertierten Juden hatten meist kein gutes Schicksal. Die Inquisition beobachtete sie argwöhnisch. Von 1491 bis 1505 wurden 84 Prozesse gegen Konversen aus Girona geführt und 15 Autodafes ( vier in Girona) veranstaltet.

Blick in ein ehemals jüdisches Haus

 

Das Haus Colls-Labayen ist ein Beispiel für die oft prächtig ausgestatteten Häuser der reichen Juden, außen unansehnlich und innen großzügig schön. Es ist in privatem Besitz und man kann nur durch seine vergitterte Tür einen Blick in den Innenhof werfen. Beim Blumenfest wird dieses  und das auf der anderen Straßenseite liegende dazugehörige Haus aber teilweise geöffnet, und man kann den schönen Garten bewundern. Er war nach dem Vorbild des kabbalistischen Lebensbaumes gestaltet.

Aber auch der benachbarte Innenhof des jüdischen Museums lässt einen Eindruck der schönen jüdischen Gärten zu. Wenn nicht gerade eine lärmende Touristengruppe einfällt, ist er eine Oase der Ruhe und Besinnung in der lebhaften Altstadt Gironas.

 

Wir setzen unseren Gang durch den Call Gironas fort...eine Predigt und Maßnahmen gegen die Juden

 

Wir wandern an der Grenze des Viertels hinauf zu Gasse Bellmirall. Von dort machen wir einen Abstecher zur Plaça Sant Domenec, dem Universitätsgelände. Vom Eingang des Platzes aus werfen wir einen Blick auf die Freitreppe, die zur Dominikanerkirche hinaufführt. Dort auf diesen Stufen hielt in der Osterwoche 1408 der Dominikaner Vincenç Ferrer – er wurde später heiliggesprochen – eine Predigt an die Juden Gironas. Die „Jurats“ (Geschworene) des Rates der Stadt Girona hatten ihn eingeladen. 20 000 Menschen sollen herbei geströmt sein. Die Juden, Männer, Frauen und Kinder wurden zwangsweise herbeigeführt und mit einem Pferch umgeben – aus Sicherheitsgründen. Dieser Heilige und der mit ihm befreundete – umstrittene – aragonesische Papst Benedikt XIII. („Papa Luna“) waren besonders darauf bedacht, die Juden zur Konversion und Taufe zu bringen. Sie veranlassten den „Disput von Tortosa“ (1413-1414), an dem zahlreiche Rabbiner Kataloniens, auch aus Girona und Castello d´Empúries, teilnehmen mussten. Es war eine Scheindiskussion; die jüdischen Theologen sollten über die christliche Lehre instruiert werden, um ihre „Irrtümer“ abzuschwören. Der größte Teil der Rabbiner gab auf und ließ sich unter Druck und Bedrohung taufen. Die Standhaften flohen.

 

1415 verabschiedete der Gegenpapst Benedikt eine Bulle (Erlass), die eine Reihe Einschränkungen für Juden festlegte, u. a. das Tragen „jüdischer“ Kleidung mit Abzeichen ( roter/gelber Kreis) in der Öffentlichkeit, was auch seine Auswirkungen auf die Juden Gironas hatte.

Taufe von Juden - Christus selbst tauft sie (Darstellung im Jüd. Museum)
Taufe von Juden - Christus selbst tauft sie (Darstellung im Jüd. Museum)
Jüdische Kleidung mit Abzeichen (Jüd. Museum)
Jüdische Kleidung mit Abzeichen (Jüd. Museum)

Wir gehen wieder zurück in den Carrer Bellmirall und spazieren durch enge Gassen („L´Escola Pia“) durch ein Tor des Call hinunter und kommen auf der Pujada Sant Domenec an der Jesuiten-Kirche Sant Marti Sacosta vorbei zur Plaça l´Oli. Von dort aus führt der Weg wieder zur Força und zum jüdischen Museum zurück. Ehe wir dieses besuchen, machen wir in einem Café an den „Quatre Cantons“, den vier Ecken, Rast.

 

Ausklang - eine Klage

 

Es ist Abend geworden, es wird dunkel und die engen Gassen des Call werden durch spärliche Lichter geheimnisvoll erleuchtet. Uns fällt eine alte Legende ein: die von der „Tolrana“. Sie war eine jüdische Frau, die die Vorschriften des jüdischen Lebens treu erfüllte (Torana= die Gesetzestreue?) und gegenüber den Forderungen, sich taufen zu lassen, standhaft blieb. Sie gehörte zu denen, die beim Progrom 1381 in den Torre Gironella eingeschlossen wurden. Eines Tages fand man sie tot, enthauptet, man weiß nicht von wem.

 

Durch die Zeiten geistert sie durch das Barri Vell und den Call. Manche haben ihre klagende Stimme und Gesang gehört, ohne Worte zu verstehen und ohne zu wissen, woher der Klang kam. Ihr Skulpturenkopf ist im Pati dels Rabins des Jüdischen Museums zu sehen.

 

So reden die Steine des Call von den vergangenen Zeiten und die Klage ihrer vertriebenen Bewohner hallt durch die Zeiten zu uns herüber.

 

Wir denken auch an die Worte des Nachmanides, der vor seinem Tode an seine zurückgebliebene Familie in Girona schrieb:

 

Ich habe meine Familie verlassen müssen, ich musste meinen Herd verlassen, dort, mit meinen Söhnen und Töchtern, den schönen und geliebten Kindern, die ich unter meinen Knien erzogen habe, habe ich auch meine Seele gelassen. Mein Herz und meine Seele werden immer dort sein."

Leuchter im Gebäude Colls-Labayen
Leuchter im Gebäude Colls-Labayen