Der Canigó - "heiliger Berg" der Katalanen

" Lo Canigó es una magnolia immensa     / Que en un rebrot del Pirineu se bada..." Der Canigó ist eine riesige Magnolie / die als Sproß der Pirenäen sich auftut... Jacint Verdaguer im Epos "Canigó"
" Lo Canigó es una magnolia immensa / Que en un rebrot del Pirineu se bada..." Der Canigó ist eine riesige Magnolie / die als Sproß der Pirenäen sich auftut... Jacint Verdaguer im Epos "Canigó"

Jeder der in Roses der Empuriabrava wohnt oder dort zu Gast ist,  wirft immer wieder einmal einen Blick auf den Canigó. Majetätisch erhebt sich der 2784 m hohe Berg über der Ebene des Empordà. Bis ins späte Frühjahr bedeckt Schnee sein Gipfel. Von daher hat er wohl seinen Namen: lateinisch candidus conus/Candicono= weißer Kegel.  Nicht nur von der spanisch-katalanischen Seite aus beherrscht er den Blick zu den Pyrenäen, sondern auch vom französischen Roussillon, ehemals zum "Prinzipat" Katalonien gehörig. „El Canigó es un simbol de la nostra identitat“ (Jordi Vila Abadal) - „Der Canigó ist ein Symbol unserer Identität“ - sagen national bewusste Katalanen.

 

Besonders an Sant Joan (Sankt Johannis), in der Nacht vom 22. zum 23. Juni, erhält der Berg eine besondere Bedeutung. Von Perpignan aus wird eine dort ständig brennende Flamme auf den Gipfel gebracht und ein großes Feuer entzündet. Und von da aus wird im Morgengrauen „die Flamme des Canigó“ überall hin in die „Katalanischen Länder“ getragen und werden damit die Johannisfeuer entzündet. Dieser Brauch wurde zum ersten Mal 1955 praktiziert – auch als Zeichen des Widerstandes gegen das franquistische Regime. Er bezieht sich auf das Epos „Canigó“ (1886) des katalanischen Nationaldichters Jacint Verdaguer, der den Berg zum „heiligen Berg“ der Katalanen verklärte. Er erzählt (im ersten Gesang) von einem Fest an Sant Joan bei der Einsiedelei Sant Martí – dem heutigen Kloster Sant Martí de Canigó - bei dem Tänzer „aus dem Wald des Canigó“ mit Fackeln in der Hand kommen und wie Hexen und Dämonen funkensprühend einen „phantastischen“ Sardana tanzen.

 

So ist wohl jeder, der sich hier länger aufhält, von dem Wunsch beseelt, einmal auf diesen Berg zu gelangen. So ging es auch einigen  von uns „Kulturspaziergängern“. Nach mehreren wegen ungünstiger Wetterverhältnisse gescheiterten Versuchen im letzten Jahr haben wir es jetzt  noch einmal am 18.06.15 versucht. Für den kurzfristig anberaumten Tag war sonniges Wetter und klare Sicht angesagt, wenn in den Prognosen auch von niedrigen Temperaturen und Wind die Rede war.

 

So machten wir uns um 8.00 Uhr morgens von Roses aus auf den Weg über Perpignan nach Prades (Conflent), wohl ausgerüstet mit warmer Kleidung und gutem Schuhwerk. Vor Prades bogen wir nach Villarach ab. Die asphaltierte Straße geht bald in eine Off-Road-Piste über, in denen große Regenrinnen das Fahren unangenehm machen. Das ist aber noch harmlos gegenüber dem, was nach dem Parkplatz am Coll de Forn kommt. Die Strasse wird dann enger und steiler, man blickt links in eine atemberaubende Tiefe hinab, wo der Llech fließt. Bis auf wenige Stellen, die geglättet oder geteert sind, fährt man über eine steinige Hoppelpiste. Das geht auf die Dauer auf die Knochen und die Bandscheiben, ganz abgesehen von der Beanspruchung des  Pkw-Materials. Man kann zwar mit einem normalen Auto, das nicht allzu tief liegt, hinauffahren, aber ein 4-WD- Fahrzeug ist besser. Landschaftlich ist die Fahrt sehr schön, man fährt durch Bergwälder, kommt an Bächen vorbei und hat immer wieder Ausblicke auf  Felsenwände und Berghänge.

 

Die Straße windet sich in langen Serpentinen den Berg hinauf; weiter oben hört der Wald auf, die alpine Zone beginnt, Kühe lagern am Wegrand, hin und wieder öffnet sich eine phantastische Aussicht, Matten von roten Alpenrosen und anderen blühenden Gebirgspflanzen erfreuen den Blick. Leider wird der Weg  noch steiniger und hoppeliger. Wir können nur im Schrittempo fahren, und so kamen wir erst nach 12.00 Uhr an der Berghütte „El Cortalets“ an. Hier erholten wir uns von den Strapazen der Auffahrt auf der Terrasse des Restaurants im Sonnenschein, die grünen Bergwiesen mit windzerzausten Bäumen und den steilen Gipfel des Pic und seiner Bergschwestern vor uns.

 

Der sympathische Hüttenwirt Thomas, der auch etwas Deutsch spricht, bewirtete uns mit dem wohlschmeckenden Tagesgericht (Kalbsbackenstücke, süßsauer Soße mit Kartoffen oder Reis) und Getränken. Er erzählte uns, dass jährlich 24 000 Menschen hier herauf kommen und auch den Berg besteigen. Am nächsten Wochenende und Sant Joan erwartet er einen großen Ansturm. Glücklichweise war heute noch nichts davon zu bemerken, nur einige junge Leute bauten bereits auf der Wiese unterhalb von el Cortalets ihre Zelte zum großen Treffen auf  und hissten ihre katalanische Fahnen.

 

Angesichts der fortgeschrittenen Zeit und des sichtbar steilen Berges vor uns hatte niemand von uns mehr Lust, den Gipfel zu erstürmen. Man braucht von der Hütte aus für die ca. 600 m Höhenunterschied noch mindestens drei Stunden für den Hin- und Rückweg.  Der obere Teil des Weges ist sehr felsig, steil und teilweise ausgesetzt. Unsere Entscheidung war vernünftig.

Von Roses aus wäre  - bei der langen Anfahrt und Auffahrt - eine Gipfelbesteigung am selben Tag sehr strapaziös. Es ist sinnvoller, am Tag vorher her zu fahren, eine Nacht in der Hütte zu verbringen und früh morgens den Aufstieg zu machen.

 

Wir machten dann einen sehr schönen Spaziergang bis zu einem kleinen Gletschersee vor dem Anstieg zum Gipfel. Schon, um hier oben zu sein, hatte sich die Fahrt gelohnt. Um uns die wettergebeutelten Bäume, grüne Flächen mit Bergblumen, die Aussichten zu den Ketten der Berge, die tief unten liegenden Täler mit ihren Spielzeugortschaften, die hochragenden Gipfel des Canigó und des gegenüberliegenden Barbet-Kamms, dazwischen ein Felsenkamin mit dem Überrest eines Gletschers… das ist eine sehr eindrucksvolle Landschaft!

 

Der aragonesische König Peter III. („der Große“) hat es auch nur bis hierher geschafft, als er - nach dem Sieg über den französischen König Philipp "den Kühnen" am Pass Panissars - 1285 den Berg mit zwei Rittern bestieg, wohl um von hier oben seine - nun vom Feinde befreiten - Lande zu betrachten. Die zwei Ritter verließen ihn schon vorher, weil der unheimliche Berg ihnen Angst machte. Der König wagte es, weiter vorzudringen, doch aus dem See soll sich ein riesiger Drache erhoben haben, der ihn vom Weitergehen abhielt. 

 

Das Wasser des  flachen Sees war übrigens recht warm, was wir nicht erwarteten. Wir waren überhaupt zu dick angezogen, die Sonne strahlte ziemlich kräftig, die angekündigten kühlen Temperaturen und der Wind waren ausgeblieben.

 

Dann machten wir uns wieder auf den holprigen Rückweg. Wir werden jetzt sicher mit anderen Augen zum Canigó hinaufblicken, wir haben seine Geschichte mit unserer verbunden. Gewisse Auswirkungen der Rüttel-Fahrt sind allerdings noch am Tag danach nicht zu verleugnen. Heute ist der Berg schon wieder im Dunst, wir hatten gestern Glück mit dem Wetter.

 

 

Man kann auch mit 4-WD-Taxis von Prades (und anderen Orten) aus bis zur Hütte hinauf fahren. Das dürfte aber bei den hart gefederten Fahrzeugen und dem Karacho, mit dem sie über die Steine preschen, für die Knochen noch folgenreicher sein, als die Fahrt mit eigenem Pkw. Laufen – vom Parkplatz  Coll de Forn aus - ist sicher angenehmer (ich habe das schon gemacht), aber der Weg zieht sich schier endlos. Man sollte dann auch eine Übernachtung für die Gipfelbesteigung einkalkulieren.


Die Auffahrt

An der Berghütte el Cortalets und auf dem Plateau vor dem Gipfel

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