Die Gräfin von Molins - Die Geschichte einer heldenhaften Frau aus dem Empordà

Bild: Dagmar Janzen
Bild: Dagmar Janzen

Eine der sagenhaften Erzählungen, die mit der Burg Quermançó  verbunden ist, ist die Geschichte der Teresa de Molins i Bach, gebürtig aus Sant Pere Pescador, genannt „La comtessa de Molins“.

 

 

 

 

Das Volk machte sie zu einer Heldin des Widerstandes gegen die französischen Eindringlinge in den napoleonischen Zeiten und gegen den anmaßenden Gouverneur von Girona als Vertreter der spanischen Obrigkeit. Obwohl sie Haupt einer Räuberbande war, die im ganzen Empordà Schrecken verbreitete, wurde sie zu einer romantischen Figur, an deren tragischem Schicksal man bewegt Anteil nahm. Historiker bezweifeln, dass sie je gelebt hat. Es gibt keine verlässlichen Dokumente über sie, nur die Erzählungen, die die Alten weitergaben und die dann gesammelt wurden (Romul Sants, El Ampurdàn en el Siglo XIX…, Barcelona 1949; Gabriel Martin i Roig, L´Empordà històric, Llegendes, Sant Vicens de Castellet 2009). Die Umstände, in denen ihr Leben spielt, sind historisch; für die Existenz einer Frau, auf die ihre Gestalt zurückgeht, mag es Anhaltspunkte geben. Verschiedenste Überlieferungen hat man auf sie übertragen. Aber die Wahrheit von „Mythen“ – und hier handelt es sich um den romantischen Mythos einer heldenhaften und doch menschlichen Frau – liegt nicht in ihrer Historizität. Sie liegt darin, dass sie Lebenserfahrungen, Interessen, Wünsche und Ideale von Menschen einer Epoche ausdrücken. Und insofern ist die „Gräfin von Molins“ eine der empordanesischen Mythenfiguren, die die Phantasie von Katalanen aus unserer Gegend bis heute beschäftigt (www.comtessademolins.blogspot.com).

 

 

Wandmalerei, die den Kampf von Katalanen um die Unabhängigkeit zeigt. Aufgenommen auf einem der Wege bei der Spurensuche nach der "Comtessa de Molins"
Wandmalerei, die den Kampf von Katalanen um die Unabhängigkeit zeigt. Aufgenommen auf einem der Wege bei der Spurensuche nach der "Comtessa de Molins"

 

Wir nehmen hier Geschichten auf, die sich um sie ranken und setzen sie "in Szene"

SANT PERE PESCADOR, Frühjahr 1790.

 

Mariangela zuckte zusammen. Wieder hatte das Kind in ihrem Leib sich bewegt. Angst befiel sie. Es war ihr erstes Kind und mit ihren 28 Jahren galt sie im Dorf als späte Mutter. Sie hatte früh geheiratet, mit 16. Ihre Eltern, verarmte Adlige, hatten sie als 10. und letztes Kind in die Obhut der Nonnen von Garriguela gegeben. Sie hatte es als Befreiung empfunden, als Joanet sie bei einer Wallfahrt sah, aus dem Konvent holte und heiratete. Seitdem lebte sie in dem großen Haus in dem Carrer de Cavallers, der Straße der Vornehmen, in Sant Pere.

 

Joanet war kein armer Fischer oder Taglöhner wie viele im Dorf. Er besaß Viehherden, Grund und Boden und seitdem man die Aiguamolls, das Sumpfgebiet, trockenlegte, hatte er Land dazu gewonnen. Trotz ihrer Armut war er stolz auf die Abkunft seiner Frau und hatte ihren Namen „de Molins“ angenommen. Über das breite Eingangsportal des Hauses hatte er ein Wappen meißeln lassen: den Umriss einer Mühle.

 

Es gab viel Arbeit in Haus und auf dem Land. Söhne wären erwünscht gewesen, die zupacken könnten und ein Erbe. Aber die Ehe war kinderlos geblieben. Doch schließlich hatte die Verge del Portalet, die Mutter Gottes in der Mauer neben dem Tor, die Gebete Mariangelas erhört.

 

 

Joanet betrat die Küche, in der Mariangela wirtschaftete. Er ließ sich auf einem Stuhl am Kaminfeuer nieder. Nach der Arbeit war er ins Wirtshaus gegangen. Dort hatte sich ein Adliger aus Frankreich mit seiner Familie auf der Durchreise einlogiert. Er hatte Frankreich verlassen, weil die Bauern sein Schloss geplündert und ihn bedroht hatten. Bauern und Bürger hatten sich gegen den König, die Adligen und die Kirche erhoben.

 

Joanet hatte etwas gegen die Bourbonen, die auch in Spanien auf dem Thron saßen, gegen den Statthalter in Girona, der seine Beamten ausschickte, um die Bauern abzukassieren. Es ärgerte ihn, dass die Gelder aus Katalonien nach Madrid in die aufwendige Hofhaltung und Regierung des Königs flossen. Aber Revolution gegen König und Kirche, das ging ihm zu weit. Es beunruhigte ihn, dass es im nahen Frankreich gärte. Der Funke konnte überspringen. Französische Heere waren immer wieder über die Grenze gekommen und hatten das Land verheert.

 

Joanet wurde aus seinen Gedanken gerissen. Seine Frau, die gerade die Schüsseln auf den Tisch stellte, stöhnte und griff sich an den Leib. Er sprang auf und stützte sie. War es soweit? Würde es gut gehen, würde er bald den ersehnten Erben im Arm halten? Seine Frau las seine Gedanken in seinen Augen. „Joanet, morgen gehen wir nach Terrades, zur Carmeta Pelletaire. Ich will Gewissheit haben.“

 

Carmeta war eine „weise Frau“, Geburtshelferin. Sie hatte einen Blick für den Zustand von Schwangeren und konnte in die Zukunft sehen. Manche hielten sie für eine Hexe. Joanet war der Gang unangenehm, aber es gab weit und breit keinen Arzt und er wusste, wenn seine Frau sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war sie nicht davon abzubringen.

 

 

 

Paulino Vicente, der Sohn: Remigia, la curandera ( die Heilerin) - Museo de Bellas Artes de Asturia
Paulino Vicente, der Sohn: Remigia, la curandera ( die Heilerin) - Museo de Bellas Artes de Asturia

Die Carmeta stocherte in den Kohlen des Küchenkamins, in dem ein Kessel hing. „Ich habe euch erwartet“, murmelte sie und richtete ihre stechenden Augen auf Mariangela. „ Ein Mädchen“, sagte sie kurz. Die Enttäuschung war Joanet anzusehen. Die Alte griff in den Kessel, holte einige Knochen heraus, warf sie auf den Boden und betrachtete sie. Im monotonen Singsang gab sie von sich: „Wohl wird Mädchen sie sein, doch groß ihre Bestimmung, mancher König sie zur Tochter gern hätt´.“

 

Jaques-Louis David, Napoleon
Jaques-Louis David, Napoleon

Sant Pescador, 1809

 

Die Franzosen lagen vor Sant Pere Pescador. Napoleon hatte sie ausgeschickt, um das Emporda und ganz Spanien zu besetzen. Wie im großen Girona hatten die Einwohner beschlossen, ihr immer noch ummauertes Dorf zu verteidigen. Ein Priester organisierte den Widerstand: der Pastor von Batipalmes, einem Ortsteil Sant Peres. Der Bischof von Girona hatte die Priester von ihrem Gelübde entbunden, keine Waffen zu tragen und zu gebrauchen. Auch die Frauen halfen mit, wie in Girona. Sie verbanden Verwundete, schleppten Nachschub herbei und griffen auch in den Kampf ein. An vorderster Front eine 19-jährige, Teresa de Molins, genannt "die Gräfin". Immer wieder ermutigte sie die Männer.

 

Schlachtenszene im "Guerra de la Independencia"
Schlachtenszene im "Guerra de la Independencia"

Doch der Kampf war aussichtslos. Gegen die Kanonen der Franzosen konnten ihre Flinten wenig ausrichten. Viele der jungen Männer waren gefallen. Die Franzosen waren schon in den Gassen. Die letzten Verteidiger und die ganze Bevölkerung zog sich in die Mauern der Kirche Sant Pere zurück. Was würde ihr Schicksal sein? Die Franzosen machten kurzen Prozess mit Widerständlern.

 

Die Truppen umzingelten die Kirche und bereiteten sich zum Angriff vor. Doch ihr Kommandant, der Coronel Pierresfort, wollte den Belagerten eine Chance geben. Er ließ sie zur Übergabe auffordern. Das Kirchenportal öffnete sich und heraus kam mit weißer Fahne ein junger Mann mit Gewehr und Dolch in der Schärpe. Er wollte mit dem Coronel verhandeln. Dieser wunderte sich über die helle Stimme, die langen Haare unter der roten Mütze, die weiblichen Formen unter der „Uniform“ des rotbemützten "Somatent", wie die katalanischen „Aufständischen“ genannt wurden. War es eine Frau, die mit ihm sprach? Jedenfalls: die Person verhandelte unerschrocken mit ihm. Sie erreichte das Versprechen, dass die alten Männer, Verwundete, die Frauen und die Kinder unbehelligt abziehen durften und die nicht zerstörten Häuser erhalten bleiben sollten. Die Männer unter 60 würden aber ihrer „Strafe“ nicht entgehen – da blieb der Coronell hart. Das bedeutete Laufen durch Bajonette und Erschießung der Anführer.

 

Vor den Augen des Coronel zog eine lange Reihe an Alten, Verwundeten, Frauen und Kinder aus der Kirche – kein jüngerer gesunder Mann war dabei! Was war geschehen? Teresa hatte den Kämpfern nachts einen geheimen unterirdischen Tunnel geöffnet, der vom Chor der Kirche zum Fluss, dem Fluvià, führte. Dort hatten sie mit Fischerbooten übergesetzt und waren entkommen. Die Wut des Coronel war groß. Doch Teresa stelle sich vor ihm auf: „ Erfülle deinen Vertrag. Ich bin der einzige der kampffähigen Männer, der geblieben ist. Erschieße mich, wenn du willst.“ Pierresfort, der wohl gemerkt hatte, dass er eine Frau vor sich hatte, ließ Gnade walten.

 

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Feliu Elias, Plakat (1910)
Feliu Elias, Plakat (1910)

BARCELONA, 1814

 

Wieder gab es Streit. „Ich werde Dich einsperren“, schrie der Mann. Die Frau an seiner Seite keifte: „Ich habe es gesehen, wie sie ihn an die Hand gefasst und ihm verliebt in die Augen geblickt hat“. Teresa war empört über die ständige und grundlose Eifersucht ihres Mannes. Und seine unverheiratete Schwester schürte die Glut.

 

Als Waisen waren Teresa und ihr Bruder Bernat nach Barcelona gekommen. Haus und Gut hatten sie in den Wirren des Franzosenkrieges verloren. Das zerstörte und verarmte Sant Pere war eine Heimstadt von Bandoleros, von Räubern, geworden, die Reisende und Höfe ausraubten, aber auch sich gegenseitig bekriegten. Sie hatte eingewilligt, als der reiche und ältliche Onkel um die Hand der jungen Frau anhielt.

 

Der Mann zerrte sie an den Haaren und griff ihr an die Kehle. Der einjährige Sohn glitt ihr aus den Armen und schlug mit dem Hinterkopf hart auf den Fußboden auf. Das Kind wimmerte Und war dann still. Teresa beugte sich hinunter. Es regte sich nicht mehr, der Atem stand still.

 

Da ergriff Teresa namenlose Wut, die sich lange in ihr angestaut hatte. Sie zog den Dolch, den sie immer bei sich trug. Ein schneller Stich – der Mann fiel blutend zu Boden. Ein zweiter Stich – die Schwester sank nieder.

 

Die Zofe stand im Türrahmen. Sie - die auch viel auszustehen hatte –war auf der Seite Teresas. „Flieh“ flüsterte sie. „Am besten weit weg, nach Paris. Mein Neffe wird dich begleiten“ Schnell hatte sie ein Kistchen mit der Kasse des Hausherrn geholt und Teresa in die Hand gedrückt. Noch in der Nacht waren Teresa und der Junge aus Barcelona verschwunden.

 

Cafeteria in Saint-Jaques ( Foto: Jesco Denzel)
Cafeteria in Saint-Jaques ( Foto: Jesco Denzel)

PERPIGNAN, 1816

 

Die Taverne in der Vorstadt Saint-Jacques war dunkel und verraucht. Hier traf sich das Strandgut der Gesellschaft. Französische Soldaten, die nach dem Niedergang Napoleons aus der Armee entlassen worden waren, entwurzelte katalanische Miquelets (Volksmiliz), die den Weg in ihre Dörfer und Höfe nicht mehr gefunden hatten. Viele von ihnen operierten als Wegelager und Schmuggler im Gebirge, diesseits und jenseits der Grenzen.

 

Teresa saß in einer Ecke; prüfende Blicke glitten zu der fremden Gestalt hinüber. Sie hatte Männerkleidung an. Am Gürtel trug sie versteckt zwei Pistolen, ein Dolch steckte daneben. Sie hatte keine Angst. Sie wusste mit diesen Männern umzugehen. In Paris hatte sie eine Wirtschaft eröffnet. Bald war daraus eine Spielhölle geworden, in der zwielichtige Gestalten ihr Glück suchten und sich betrogen. Es hatte Streit gegeben, Messerstechereien, Morde. Wieder hatte sie fliehen müssen. Die Gendarmerie war ihr auf den Fersen.

 

Aus dem Rauch löste sich eine Gestalt und kam hinkend auf sie zu. Der Mann war abgrundtief hässlich. Ein schiefer Mund im unförmigen Gesicht, verwachsener, wenn auch kräftiger Körper. Die übertriebene Aufmachung verriet den Bandolero. Teresa erkannte ihn sofort. Es war der Pastor von Batipalmes, ihr alter Weggefährte.

 

Er setzte sich neben sie. Flüsternd erzählten sie einander, wie es ihnen ergangen war. Der Hass des Pastors auf die Kirche, die Reichen und die ganze Welt war noch größer geworden. Seine Wurzeln hatte er in seiner Hässlichkeit, wegen der er seine Ausbildung im Priesterseminar in Girona nicht abschließen durfte. Man hatte ihn zwar geweiht, aber nur mit niedrigen Aufgaben betraut. Nach seiner Zeit als Anführer der Somatents und Miquelets aus San Pere Pescador war er unter die Räuber gegangen.

 

„Komm mit mir ins Empordà“, raunte er ihr zu, „ich bin jetzt Hauptmann einer verschworenen und freien Gemeinschaft von Männern, die sich nehmen, was sie brauchen“. Teresa überlegte: Was hatte sie zu verlieren? Sie hatte Sehnsucht nach der Heimat, aber ins normale Leben konnte sie nicht mehr zurückkehren. Hatte nicht auch vor 200 Jahren Joana Massissa, die Müllerswitwe aus Castello d´Empúries, ihr Haus verlassen und war dem legendären Bandoler Serrallonga aus Viladrau gefolgt? Hatte sie sich nicht unter den rauen Männern behauptet und war als Kapitänin gefürchtet?“

 

Teresa stand auf: „Lass uns gehen“. Zwei dunkle Gestalten ritten im schnellen Galopp durch die Nacht dem Alberes Gebirge zu. Der schwarze Rappe, den Teresa „Belfegor“ rief, schien zu fliegen.

 

Katalanische Tanzgruppe (Sardana) - Bild: Wiki Creative Commons
Katalanische Tanzgruppe (Sardana) - Bild: Wiki Creative Commons

VENTALLO, 1820

 

Das Volk strömte aus der Kirche, in der der Bischof aus Girona anlässlich seiner Visitation der Gemeinde die Messe gehalten hatte. Unter den Bauern die Bandoleros der gefürchteten, aber auch mit Respekt betrachteten Teresa de Molins.

 

Sie hatte eine eigene Gruppe um sich geschart, die in den verlassenen alten Gemäuern von Sant Feliu de Garriga unter dem Puig Segalar in der Bergeinsamkeit hauste. Die Männer folgten ihr auf´s Wort. Sie hatten ihre Umsicht und Entschlossenheit schätzen und fürchten gelernt. Der Bischof hatte sie in dieser unsicheren Gegend um Schutz und Begleitung gebeten – gegen Bezahlung. Er fürchtete die Rache des Pastors von Batipalmes und seiner Bande.

 

Auf der Plaça Major hatten sich die jungen Männer und Mädchen des Dorfes eingefunden. Sie warteten darauf, dass die Kapelle zum Tanz aufspielte. Getrennt von der Gruppe jungen Männern stand eine hühnenhafte Gestalt – man nannte ihn den „Gegant von Ventalló“. Wegen seiner Körperkräfte war er gefürchtet, aber er hatte ein weiches Gemüt und wehrte sich nur, wenn er angegriffen wurde. Er wurde auch „der Poet“ genannt, weil er selbstverfasste Lieder zur Gitarre sang. Wegen seiner Riesengestalt fand er kein Mädchen, das mit ihm tanzen wollte.

 

Narcis Espriu i Fulla stammte aus San Pere Pescador. Dort hatte ihn Magi Ganivetaire, ein Bandit und Messerstecher, in der Taverne der Malcuada provoziert und angegriffen. Der Gigant hatte ihn in Notwehr getötet. Er floh nach Ventalló, wo ihn die Behörden in Ruhe ließen.

 

Es herrschte eine gespannte Stimmung auf dem Dorfplatz und die Kapelle wartete ab. Da schritt Teresa auf den Riesen zu und forderte ihn zum Tanz auf. Der Kapelle rief sie mit gebieterischer Stimme zu: „Die Corranda Reial!“, der Rundtanz, der dem König vorbehalten war. Die Musik setzte ein und das ungewöhnliche Paar eröffnete den Tanz. Der Riese blickte der Frau in die Augen und wusste. Fortan ist mein Platz an ihrer Seite. Ich will kein roher Räuber werden, aber ich werde sie schützen und meine Lieder werden ihre Taten besingen. Ma senyora la Comtessa!

 

Zwei Ausgestoßene hatten sich gefunden. Teresa spürte: er brachte ihr Liebe und Achtung entgegen, nicht Furcht oder Begehren. Sie suchte keinen Liebhaber, sie hatte gelernt, sich die Männer vom Leibe zu halten, aber sie hatte sich nach dem gesehnt, was Narcis ihr entgegenbrachte.

 

FIGUERES,  1823

 

Der Ring zog sich enger um die Eingeschlossenen. Die Soldaten des Gouverneurs richteten ihre Gewehre auf die Bandoleros, die ihre Waffen sinken ließen. Endlich hatte man die Banditen mitsamt ihrer verruchten Anführerin, die so oft den Gouverneur und seine Männer an der Nase herumgeführt hatte. Diesmal war sie in den Hinterhalt geraten. Nach erfolgreichen Überfällen auf Schlösser hatten die Bande in Figueres Halt gemacht, um dort zu feiern. Der Gouverneur hatte davon Wind bekommen, die Soldaten in Verstecke postiert und die Tore schließen lassen. Als die Räuber sich zum Abzug sammelten, wurden sie umzingelt. Ihre Lage schien aussichtslos. Da… ein schriller Schrei. Alle Blicke richteten sich auf die Gräfin zu Pferd. Sie hatte die Taschen mit der Beute geöffnet und warf Schmuckstücke und Geld unter die Soldaten. Diese – schlecht bezahlt – gerieten in Verwirrung. Jeder bückte sich und suchte nach den verstreuten Schätzen zu greifen. Im Nu sprengten die Bandoleros über die Soldaten hinweg, waren bei den Toren, zwangen die überraschten Posten mit vorgehaltener Waffe, sie zu öffnen und waren auf und davon.

 

BURG QUERMANÇÓ, 1826

 

 

Rot glühend ging die Sonne im Westen hinter den Gipfeln der Pyrenäen unter. Im Osten stieg die silberne Scheibe des Mondes herauf und die Dunkelheit der Nacht näherte sich.

 

Teresa saß vor den verfallenen Mauern der Burgruine und blickte in das Empordà hinab. Hinter ihr lärmten ihre Genossen in den brüchigen Verliesen, die sie notdürftig als Behausung hergerichtet hatten und feierten den letzten Beutezug. Seit vier Jahren war die verlassene und schwer zugängliche Burg ihre Zuflucht. Sollten sich die Soldaten des Gouverneurs nähern, hätte man das von dem schroffen Bergkegel aus schon früh bemerkt und man konnte in die geheimen Gänge hinabsteigen, die nur sie und ihre Männer kannten.

 

Teresa blickte auf die Ereignisse des Tages und der vergangenen Jahres zurück. Heute hatten sie die Masia eines reichen Bauern überfallen, ausgeraubt und angezündet. Die Männer des Hofes waren geflohen. Ehe die Räuber das Haus in Brand setzten, hatte Teresa in einer Ecke ein zitterndes Bündel entdeckt: eine junge Frau, die mit ihren Armen ein kleines Kind umklammerte. Teresa hatte sie vor den Flammen und den Männern gerettet und in Sicherheit gebracht. Die Erinnerung an ihr eigenes Söhnlein war wieder aufgebrochen und hatte sie erschüttert.

 

Schon lange hatte sie das Räuberleben satt. Sie sehnte sich nach Ruhe und Frieden. Aber ihre bisherigen Versuche, dem verbrecherischen Leben zu entfliehen, waren gescheitert. Sie hatte den treuen Giganten nach Hause geschickt und Zuflucht im Konvent von Garriguella gesucht. Die Mutter Priorin hatte sie freundlich aufgenommen. Aber bald kam ein bischöflicher Brief aus Girona, der der Priorin untersagte, eine Frau mit Blut besudelten Händen aufzunehmen. Sie musste nach Quermancó zurückkehren.

 

Vor kurzen war sie heimlich nach Sant Mori geritten. Dort auf das Schloss hatte sich ihr alter Weggefährte, der Pastor von Batipalmes, zurückgezogen. Der Baron, den er einmal aus der Hand von Räubern gerettet hatte, hatte ihm eine Kammer zur Verfügung gestellt, in der er sich reuevoll dem Beten und der Meditation widmete. Der Pastor hatte ihr in einer Unterredung gesagt, wenn sie – deren Tränenfluss verschlossen war - weinen könne, würde sich ihre Bestimmung erfüllen. Auf dem Rückweg hatte sie – zum Schrecken des dortigen Geistlichen - in der Klosterkirche von Sant Miguel de Fluvia Halt gemacht. Vor dem Altar waren ihre Tränen geflossen, die im Kerzenlicht wie Perlen glänzten.

 

Hinter ihr waren ihre Kumpanen verstummt. Sie schliefen ihren Rausch aus. Teresa dachte daran, dass die Gruppe immer zügelloser wurde. Es hatte sich Widerspruch gegen sie erhoben.

 

Die Entscheidung war gefallen. Teresa stieg die Treppen zum Gewölbe unter der ehemaligen Burgkapelle hinunter. Die Franzosen hatten die Burg als Waffenlager hergerichtet und bei ihrem Abzug einen großen Teil in die Luft gesprengt. In dem Gewölbe lagerten einige Pulverreste, die übrig geblieben waren.

 

Der gewaltige Knall war weithin zu hören und ein roter Feuerball erleuchtete den nächtlichen Himmel über dem Empordà.

 

Bild: Dagmar Janzen
Bild: Dagmar Janzen

QUERMANÇÓEINIGE TAGE SPÄTER

 

Der Gegant von Ventalló räumte große Trümmerbrocken mit seinen Händen beiseite. Schließlich stieß er auf den zerschmetterten Körper seiner Herrin. Er nahm sie auf die Arme und trug sie nach Sant Pere Pescador. Dort wurde die Gräfin bei der Kirche begraben. Einige Jahre später wurden ihre Reste im Familiengrab in der Kapella Sant Andreu der Kirche bestattet. Der Gigant kehrte zur Burg zurück, wo er zwei Jahre trauerte, ihre Geschichte besang und die verborgenen Schätze der Räuber bewachte. Schließlich händigte er sie dem Bruder Teresas aus, der damit sein Familiengut wieder erwerben konnte. Dann kehrte er in ein normales Leben als Sänger, Seemann und Hirte zurück. Zuletzt verstummte aber seine Stimme, bis zur Sterbestunde, wo sich sein Mund noch einmal zu einer Canço auf die Muttergottes vom Portalet öffnete.

 

Noch heute kennt man im Emporda das Lied, das an das Ende der Teresa von Molins erinnert: Toqueu…toqueu, campanes… Läutet, läutet ihr Glocken, lasst euren Klageruf erschallen. Gestorben ist unter den Türmen von Carmanço die Gräfin. Wer diese Dame nicht beweint, ist niedrigen Sinns, denn voll der Ehre ist gestorben die Gräfin von Molins.

 

In Sant Pere Pescador halten bei der Festa Major die beiden Giganten Narcis und Teresa das Andenken an ihre Geschichte wach.

 

Bild: Website Ajuntament Sant Pere de Pescador
Bild: Website Ajuntament Sant Pere de Pescador

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