"Städte- und Landschaftsbilder" - Eine Reise... 3. Albarracín, Teruel, Peniscola. Ebrodelta

Mudéjar-Symbol an der Autobahn
Mudéjar-Symbol an der Autobahn

Am nächsten Tag fahren wir auf der Autovia „Mudéjar“ Richtung Süden und Küste. Teruel ist unser nächstes Ziel. Teruel gilt als die Mudéjar-Stadt.  Eine ganze Weile geht es wieder durch trockene steppenhafte Gebiete, gelbe Hügel, rote Felsen, wenig Bäume, kümmerliche Felder…Dazwischen Dörfer, an deren Kirchtürme wir nun deutlich den Mudéja-Stil erkennen können. Nach einiger Zeit Fahrt tauchen Berge in der Ferne auf. Es wird grün und bald erstecken sich endlos Weinfelder rechts und links von der Autobahn. Wir sind in der Gegend von Carin᷉ena. Schon in Deutschland haben wir gern Carin᷉ena-Weine getrunken – nun wissen wir, wo sie herkommen.


Kurz vor Teruel sehen wir einen Wegweiser „Albarracín“. Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass Albarracín ein sehr sehenswerter Ort sein soll. Kurz entschlossen biegen wir in die Strasse dorthin ein. Wir fahren eine Weile durch ziemlich flache Landschaft, dann erhebt sich eine Gebirgskette vor uns: die Sierra de Albarracín.

Albarracín – Felsendorf und  Steinzeit-Felsenmalereien

Wir tauchen in das Gebirge ein. Die Straße windet sich durch ein enges Tal, durch das ein baumumsäumtes Flüsschen fließt. Die Berge rechts und links steigen steil an, schroffe rote Felsen aus Buntsandstein, auf einem Bergsporn eine Burg. Eine interessante, wilde Landschaft! Schließlich gelangen wir an das Ende des Tales, das jetzt einen felsenumgebenen Kessel bildet. Am Ende, nach einem schroffen Einschnitt, klebt Albarrazin am Berghang, fast 1200 m über dem Meerespiegel, Häuser, dicht an dicht, staffeln sich den steilen Berg hinauf. Eine Festungsmauer mit Türmen läuft rechts vom Ort den Berg hinauf und schützt den Ort vor dem Angriff von oben. So könnte ein Ort in arabischen Zeiten ausgesehen haben. Und in der Tat war Albarracín im Mittelalter der Mittelpunkt eines kleinen Taifa-Königreiches. In solchen schwer zugänglichen Gebirgen konnten sich die Mauren lange halten. Im Gegensatz zu unserem Führer, der eine andere Erklärung herholt, leite ich den Namen des Ortes auch aus dem Arabischen ab: Albarracín das ist der „Ort der Söhne, des Stammes, von Razin“ („al-Banu Razin“). Ein Berberstamm, der sich auf einen Scheich Razin zurückführte, hat sich hier festgesetzt.  Seine Emire herrschten von rund 1000 bis 1100, dann fielen sie dem Eroberungsdrang der Almoraviden zum Opfer. Diese herrschen solange bis die christlichen Ritter auch hierher kamen, wovon der Kirchturm zeugt, der aus der Häuseransammlung hervorragt.

Es ist Wochenende und schon im Talort zeigt sich an Bussen, parkenden Autos und umher spazierenden Menschen, dass der Ort gern besucht wird. Wir finden einen netten Campingplatz am Rande des Taldorfes.


Am nächsten Tag fahren wir einen engen Bergweg hinauf. Unser Ziel ist „El Rodeno“ im „Parque Cultural de Albarracín“. Hier befindet sich eine bedeutende Ansammlung von spätsteinzeitlichen  „levantinischen“ Felsmalereien. Sie sind Weltkulturerbe.

 

Zunächst einmal geht es an Schluchten, roten Felsen und blumenbestandenen Bergwiesen vorbei. Dann kommen Pinienwälder. Hier wächst vor allem die „Pino rodena“ (Pinus pinaster), aus der man heilkräftiges Harz gewinnt. Oben angekommen, gibt es einen großen Picknick-Platz und viele Tafeln, die Hinweise auf die Gegend und die Felszeichnungen. Es sind nicht gerade Massen unterwegs, aber es befinden sich doch einige Menschen an den Tischen und auf den Wegen.

 

Wir machen uns auf den Weg durch die Pinienwälder zu den Schaustätten. Die Wege sind gut bezeichnet und wir treffen bald auf die erste Fundstelle, eine Ansammlung von großen Felsen. Wir klettern hinauf und gelangen zu einem „Abrigo“, einem Felsdach. Der Felsvorsprung ist durch ein Gitter verschlossen, das Vandalen abhält, die Malereien zu beschädigen. Aber durch das Gitter sieht man  gut die Zeichnungen. Eine Ansammlung von Wildstieren und -kühen tritt auf der rötlichen Felswand hell hervor, wohl mit einer Kaolinmischung aufgetragen, teilweise  große Figuren, realistisch und lebendig. Auffällig sind die halbmondförmig gebogenen Hörner.  Man erkennt aber auch einige schematisierte bewegte Menschengestalten auf dem Fries. Sie halten meist Bögen in den Händen. Unterschiedliche Größe, Verschiedenartigkeiten und Überlagerungen könnten darauf hindeuten, dass einzelne Elemente zu verschiedenen Zeiten aufgetragen wurden.

 

Eine Tafel mit den Abbildungen lässt das Figurenensemble noch genauer erkennen.

 

An einer weiteren Felswand in einiger Entfernung sehen wir menschliche Figuren, jetzt eingeritzt, eine Art Strichmännchen. Die Zentralfigur stellt wohl einen Jäger oder Kämpfer mit Bogen dar. Das ist weniger kunstvoll und nach Auskunft der Erklärungstafel auch jünger. Während der  Rinderfries  aus dem Neolithikum, ca. 8000 bis 4500 v. Chr., stammen soll, sind diese Figuren eisenzeitlich.  Lustig ist, dass ein Zeitgenosse unserer Zeit außerhalb des Gitters in derselben Strichart ein nacktes Paar eingeritzt hat, womit er wohl  sich und seine Freundin darstellen wollte. Wenn dieses Machwerk nicht außerhalb des Gitters läge, würde man es kaum von den alten Ritzungen  unterscheiden können.

 

Wir laufen zum Grillplatz zurück und ich schlage von dort einen neuen Weg zu anderen Abrigos ein. Auf diesem Weg folgt eine Felsenansammlung auf die andre und fast jedesmal  finden sich darin Felszeichnungen. Die meisten der Stellen wurden erst Ende des letzten Jahrhunderts entdeckt und wahrscheinlich würde man in dem schwer zugänglichen Felsgewirr noch weitere finden, wenn man suchte. Ich begnüge mich, die entdeckten abzuwandern. Was ich jetzt sehe, sind neben den Stieren auch andere Tiere, Hirsche, Pferde, Ziegen… eben das Jagdwild der damaligen Jäger. Auch diese werden häufig abgebildet, in sehr dynamischen Positionen, jagend, sammelnd, tanzend, Männer, Frauen und Kinder, schematisierter als die Tiere. Es gibt schwarze, rote, ockerfarbene, weiße und sich linierte Zeichnungen. Manche sind nur undeutlich zu erkennen, manche gut. Insgesamt ist es aber erstaunlich, wie sich diese alten Darstellungen erhalten haben.

 

Es ist bemerkenswert, wie viele Felsmalereien sich hier zusammen finden. Wahrscheinlich waren nicht nur die einzelnen Stellen heilige Orte, sondern die ganze Felsenansammlung  ein heiliger Bezirk.

 

Natürlich fragen wir uns, welche Bedeutung die Malereien hatten. Dies heraus zu finden, ist schwierig, denn wir haben keine Lebensverbindung mehr zu den damaligen Zeiten und uns sind keine Deutungen überkommen.

 

Von der These, dass es sich um „Jagdzauber“ gehandelt habe, ist man heute abgekommen. Vielleicht hilft zum Verständnis, was wir über die Aboriginal- Zeichnungen in Australien in Erfahrung gebracht haben. Diese finden sich ja oft an vergleichbaren Stellen, unter Abrigos an Felsansammlungen und sie beziehen sich auf ähnliche sozio-kulturellen Lebenssituationen.  Der Unterschied ist, dass den Nativ People in Australien diese Darstellungen noch heute heilig sind, dass sie immer wieder kultisch erneuert wurden, und dass die Aborigines über ihre Bedeutung Auskunft geben können. Allerdings unterliegt bei ihnen vieles der Geheimhaltung und wird nur Initiierten mitgeteilt.

 

Die Aborigines malen auch ihre Jagdtiere, Kängurus, Emus, Fische, Schlangen, Echsen…, oft in der Gestalt von Symbolwesen, die Tier-Menschgestalt tragen. Und die Maler  erzählen dabei  Geschichten, Mythen, die ihr Weltverständnis und ihre Lebensordnungen ausdrücken. So sind die dargestellten Tiere nicht einfach Jagdwild, sondern Symboltiere, Totemtiere, Ahnenwesen, mit denen bestimmte Bedeutungen im Lebenszusammenhang der Menschen verbunden sind oder Geschichten, die etwas erklären. So dienen die Zeichnungen kultischen und didaktischen Zwecken. Man feiert mit ihrer Anfertigung und Erneuerung wichtige Geschehnisse, lässt sie wieder aufleben und  weiht  junge Menschen in die alten Traditionen und Lebensordnungen ein.

 

Könnte es nicht sein, dass unsere europäischen Vorfahren ähnliches mit ihren Malereien bezweckten?  Schon die Orte sind bedeutungsvoll. Stein, Fels und Höhlung haben für den steinzeitlichen Menschen eine andere Bedeutung gehabt als für uns. Es ist kein Zufall, dass die Zeichnungen auf Stein aufgetragen und in höhlenartigen Vertiefungen ausgeführt wurden. In der Symbolwelt bedeutete der Stein Tod, die Höhle Wiedergeburt. Die Zeichnungen auf dem Stein beschwören die Hoffnung auf neue Nahrung, neues Leben aus dem Tod. Die Ansammlung der Jagdtiere bezeugt die vielfältige Schöpfungskraft, die die Natur durchwaltet und wieder neue Nahrung, neues Jagdwild hervorbringt. Das Tier wird bei der Jagd „geopfert“, aber es muss immer wieder neu erstehen. Das Tier ruft eventuell durch seine Stärke Furcht, aber auch Verehrung hervor. Der Mensch ist mit ihm „auf Gedeih und Verderb“ verbunden und auf es angewiesen. So sind Stier und Kuh, Hirsch, Ziege und Pferd Symboltiere, die das repräsentieren,  wovon der Mensch sich total abhängig fühlt  und was ihm „heilig“ ist. Insofern sind die steinzeitlichen Malereien im Prinzip nichts anderes als die Fresken in romanische Kirchen, die das symbolisch darstellen, was Christen heilig ist. Übrigens auch sie auf (verputzten) Steinen und in einer „Höhlung“, der Absis.  

 

Vielleicht bezeichnen einzelne Tiere auch männlich und weiblich, vielleicht wurden sie auch als Totemtiere, Urwesen betrachtet, denen die Menschen verpflichtet sind. Auch anderes mag eine symbolische Bedeutung gehabt haben: die sichelförmigen Hörner der Rinder könnten auf den zunehmenden Mond hinweisen. Am Mond kann der Naturmensch Werden und Vergehen beobachten. Auch der Bogenschütze, der auffällig oft auftaucht, könnte diesen Hintergrund haben: er bringt den Tod, aber auch Nahrung, neues Leben. Es ist gut möglich, dass auch er ein „Ursymbol“  ist, den man vielleicht auch am Himmel, in einem Sternbild, wiederfand (Sternbild „Schütze“). Und wahrscheinlich waren auch Mythen, Geschichten mit den Gestalten  verbunden. Nicht umsonst stehen in den alten Religionen Stier, Hirsch, Widder und andere Tiere für Götter, mit denen sich Geschichten verbinden. Das geht sicher auf die Verehrung dieser Tiere in den Urzeiten zurück, in denen die Tiere notwendige Lebengrundlage, in denen sie aber auch  Repräsentationen der lebensbestimmenden Kräfte waren. Tiere tauchen ja auch noch in den romanischen Fresken auf, etwa der Stier, Löwe, Adler als Symbole  für die Evangelisten und das Wirken Christi. Es ist kaum vorstellbar, dass sich an das Ursymbol  des  Bogenschützen nicht auch mythische Geschichten geheftet haben, die man sich erzählte und in denen sich die Jäger wiederfanden.

 

Nun das ist alles Spekulation, wenn auch nicht abwegig, aber letzten Endes wissen wir nicht, was die steinzeitlichen Maler dachten und was sie empfanden. Jedenfalls muss man nicht bis Australien reisen, um steinzeitliche Felsmalereien zu sehen. Wir sind darauf aufmerksam geworden, dass es sie an den levantinischen Küsten  häufig  gibt, ein Menschheitserbe, das uns Deutschen gar nicht so bekannt ist.

 


Am nächsten Tag stehen wir früh auf, um ungestört von Touristenscharen durch den Ort Albarracín zu wandern. Es geht steil  über Treppen und enge Gassen aufwärts zu den am Berg  und aneinander „hängenden“  Häusern. Erstaunlich, wie man Gassen und Häuser dem wechselnden und schwierigen Gelände angepasst hat. Wir kommen an Herrenhäusern und Türmen vorbei, gelangen zum repräsentativen  Bischofpalast, zur großen Kathedrale, zu einer wuchtigen Festung, die sich über dem Ort erhebt, sehen die Mauern, die den Ort umziehen und machen schließlich in einer Bar auf der malerischen Plaza Mayor Halt…Albarracin ist wirklich ein geschlossenes Ensemble altertümlicher Häuser und Bauten, wie es sich, so gut erhalten, wohl nur selten findet. Leider ist zu dieser frühen Zeit noch alles geschlossen, Kirche, Burg, Museum. Uns genügt aber der Eindruck des Ortes und so fahren wir zurück und weiter nach Teruel.


Kathedrale von Teruel
Kathedrale von Teruel

Teruel – Mudéjar-Architektur und ein unsterbliches Liebespaar

In Teruel,  der hoch gelegenen Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Aragoniens, angekommen, sehen wir uns inmitten von Besucherscharen. Der Ort scheint – im Gegensatz zu seiner früheren sprichwörtlichen Abgeschiedenheit, heute ein Lieblingsziel von spanischen Pensionistengruppen  zu sein. Erfolg eines rührigen Tourismusmanagement – Teruel „Hauptstadt des Mudéjar-Stiles“, als solche Weltkulturerbe, und… „Stadt der Liebenden“. (Von der umkämpften Situation im spanischen Bürgerkrieg ist kaum die Rede.)

Besucherscharen umstehen auf der „Plaza Torico“, dem „Platz des kleinen Stieres“,  einen Brunnen. Auf einer Säule steht ein kleiner Stier. Führer erklären seine Bedeutung. Teruel  hieß in der muslimischen Zeit Tirwal , das bedeutet „torre“, Turm.  Als Alfons II. Tirwal 1171 eroberte, um die südliche Grenze Aragons gegen die Almohaden zu sichern, wurde das „torre“ als „Toro“ (Stier)  umgedeutet.  Nach  einer Sage erwählten die „Weisen“ und Ratsherren der „neu gegründeten“ Stadt dieses Tier (unter einem Stern) zu deren Wahrzeichen und Wappentier. Heute zeigt das Wappen Teruels sowohl Stier als auch Turm.

Die Menge zerstreut sich, die einen strömen zum „Mausoleum der Liebenden“, die anderen lassen sich in ein Touristenbähnchen pferchen. Wir ziehen es vor, zur Kathedrale zu gehen, die weniger besucht ist. Der spätromanisch inspirierte Backsteinturm der Kirche ist über und über mit geometrischen  Mudéjar- Verzierungen (Kacheln, Keramik)  bedeckt. Er wurde 1287 von dem maurischen Baumeister Jussaff auf diese Weise erneuert. Innen blicken wir auf eine kunstvolle, von Balken gestützte und reich bemalte Mudéjar-Decke (14. Jahrhundert). Auch der Turm San Martín (1316) und die gotische Kirche San Pedro mit ihrem Kreuzgang (14. Jh.) präsentieren sich in diesem Stil.

Wie kommt es zu dieser Häufung von Mudéjar-Bauten in Teruel? Die Mudéjaren in Teruel waren zahlreich, Mitte des 14. Jahrhunderts lebten dort ca. 50 muslimische Familien. Sie hatten Sonderrechte, konnten ihre Religion ausüben (die Moschee wurde 1502 geschlossen), spielten wie die Juden eine wichtige Rolle im wirtschaftlichen Leben der Stadt. Sie pflegten ihre andalusische Bildung, so ist die Rede von Frauen, die dichteten. Vor allem im Bauhandwerk brachten sie ihre kreativen Fähigkeiten in das Stadtleben ein. Unter den „Katholischen Königen“ wurde die conviviencia mit den christlichen Bürgern massiv gestört und die Muslime gedrängt, Christen zu werden („Morisken“).


Wir ziehen uns erst einmal zu einer Mittagpause in ein Restaurant auf einem weniger frequentierten Platz zurück. Dann machen wir uns auf zum „Mausoleo de los Amantes“. Man hat es an die Kirche San Pedro angebaut und 2005 eröffnet.  Die Schlangen vor der Kasse haben sich gelichtet und ich trete in ein großzügig und modern eingerichtetes Museum ein. Man war es dieser Attraktion Teruels anscheinend schuldig, diesen Bau zu errichten. Man sieht einen interessanten Film über die Geschichte Teruels und dann wird man in die Geschichte und Zeit der beiden Liebenden eingeführt. Berühmte Dichter, wie Lope de Vega oder Tirso de Molina, haben die Geschichte aufgenommen.

 

Teruel  1217: Martinez Diego de Marcilla kehrt in seine Vaterstadt zurück, reich und berühmt geworden in Kämpfen mit den Sarazenen. Von Sant Pedro her  läuten Hochzeitsglocken. Er  erfährt: Isabel de Segura, einzige Tochter eines einflussreichen und reichen Adligen der Stadt, heiratet den Bruder des Sen͂ors von Albarracín. Juan Diego erbleicht…

 

Diego und Isabel kannten sich von klein auf. Sie verliebten sich ineinander. Da die Familie der Segura die Heirat verweigerte, begab sich der  verliebte arme Schlucker in Kriegsdienste, in ein Kreuzfahrerheer, um  sich die für die Heirat nötigen Mittel zu erwerben. Der Vater Isabels hatte Juan dazu eine Frist von 5 Jahren eingeräumt. Die Zeit  war fast verstrichen, da willigte Isabel ein, standesgemäß  verheiratet zu werden. Die Hochzeit war eben vollzogen worden    da kehrte  der Liebhaber  in die Stadt zurück,  an dem Tag, an dem die Frist endete.

 

Juan stürmt  in das Haus seiner Angebeteten. Er  trifft sie in ihrem Bett an und begehrt einen Kuss von Isabel. (Wirklich nur das?) Der  wird ihm verweigert.  Auf der Stelle stirbt der Enttäuschte. Am Tag darauf werden die Trauerzeremonien  in San Pedro begangen. Eine verhüllte Dame nähert sich dem offenen Sarg, beugt  sich zu dem Verblichenen und küsst  ihn. Dann sinkt auch sie tot darnieder.

 

Gemeinsam wurden sie in San Pedro bestattet, und da Liebe unvergänglich ist, blieben ihre Körper unverwest. 1555 entdeckte man die Mumien und später ein Dokument, das über ihre Geschichte Aufschluss gab.  

 

Nach wechselndem Schicksal haben sie nun ihre Ruhe in dem neuen Mausoleum gefunden. Jugendfrisch liegen sie da, in Marmor skulptiert, auf Sarkophagen nebeneinander. Ihre Hände sind, einander suchend, ausgestreckt. Besucher, meist ältere Paare, treten zu ihren Häuptern und lassen sich fotografieren. Die Aufseherin scheucht sie weiter, denn auch andere warten auf ein Erinnerungsfoto. Sie reagiert ungnädig, als ich mich niederbeuge, um durch die Luken des Sarkophags einen Blick auf die verschrumpelten Reste  Isabels zu werfen.


Pen͂íscola – das "katalanische Rom"

Nach Teruel fahren wir die Autobahn zur Küste hinunter nach Sagunt, das wir aber rechts liegen lassen. Dann geht es weiter über Castelló de la Plana nach Pen͂íscola. Das sind rund 230 km. Die Strecke gefällt uns nicht: viel Lastwagenverkehr, rechts und links Industrie, die Küstenlinie verbaut. Pen͂íscula empfängt uns auch mit einem hässlich bebauten Straßenzug. Wir finden aber einen annehmbaren Campingplatz. Wir  fahren zum ausgedehnten Hafengelände der Halbinsel  (Pen͂íscola von lat. paene insula, beinahe Insel) und stellen dort unser Auto ab. Dicht bebaut mit weiß getünchten Häusern zieht sich der alte Ort einen felsigen Berg hinauf, von Mauern umgeben und oben von einer Festung mit Kirche bekrönt. Das sieht hübsch aus, mit seinen weißen Häusern erinnert es uns an Cadaqués. In der Abendsonne wandern wir enge, kopfsteingepflasterte Gassen hinauf, nette Läden, Restaurants mit Stühlen und Tischen davor, alles sehr malerisch. Oben an den wuchtigen Festungsmauern empfängt uns die sitzende Bronze-Figur eines streng blickenden Alten mit Papsttiara. Es ist „Papa Luna“,  alias Pedro Martinez de Luna oder Papst Benedikt XIII., der hier allgegenwärtig ist. Ich bin in meinen geschichtlichen Nachforschungen zu Katalonien immer wieder auf ihn gestoßen, nicht immer rühmlich; er war ein großer Judengegner, d. h. er und sein geistlicher  Adlatus und Beichtvater, der Dominikanermönch Vincens Ferrer, machten den Juden, vor allem denen Kataloniens, das Leben schwer und übten auf sie starken Druck aus, sich zum Christentum  „zu bekehren“.

 

Pen͂íscola war schon griechischer und römischer Hafen. In der Maurenzeit war es ein Piratennest, von dem aus Schiffe der Sarazenen die Küsten Altkataloniens unsicher machten. Jaume I. von Aragon ( „El Conquerer“) besetzte Baniscola 1233  und fügte es dem dann von ihm eroberten Königreich Valencia zu, wobei er bald die Mauren enteignete und durch christliche Siedler ersetzte. 1294 errichteten die Templer auf den Resten der maurischen Festung ihre Burg. Die aragonesischen Templer boten dem auf dem Konzil von Konstanz 1417 abgesetzten und aus Avignon vertriebenen und zeitweilig in Perpignan residierenden  Benedikt in ihrer Burg Unterschlupf. Der baute die Burg zum Papstsitz aus, mit Palast, wo er auch seine große Bibliothek unterbrachte. Bis zu seinem Tode 1423 hielt der gelehrte Kirchenrechtler stur daran fest, dass er der alleinige legitime Papst sei. Er sorgte auch dafür, dass es noch einen schismatischen Nachfolger, Clemens VIII., gab, der bis 1429 in Pen͂íscola residierte. 1411 bis 1429 war Pen͂íscola also das „aragonesische Rom“, denn die Könige von Aragon unterstützten Benedikt, der aus dem bedeutenden aragonesischen Adelshaus der Luna stammte, so lange es ging. Ein bedeutender geschichtlicher Ort hier; die trutzige Festung, die später von Philipp II.  im Renaissancestil  ausgebaut  wurde, erinnert uns auch an die Palast-Burg der Päpste in Avignon.

 

Man hat von einzelnen Stellen der Festung einen schönen Ausblick auf das zu beiden Seiten der Halbinsel liegende Meer, die Strände Pen͂íscolas, die Küstenebene und das Gebirge des Maestrazgo, das ehemals dem „Großmeister“ des aragonesischen Templerordens unterstand.


Ebro-Delta – Reisfelder und Schilfwälder

Am nächsten Tag fahren wir weiter zum Ebro-Delta. Der Ebro ist der wasserreichste und längste Fluss Spaniens. Er durchläuft viele Provinzen und Städte Spaniens, deren Lebensader er bildet. So hat er den Iberern und der iberischen Halbinsel den Namen gegeben.  Er entspringt zu Füßen einer Säule mit der Figur der Virgen del Pilar in Kantabrien und mündet nach 930 km Lauf  in das Mittelmeer. Dort hat er ein Schwemmland gebildet, das in der Form eines Dreiecks – die Form des großen griechischen D = Δ  „Delta“ - weit ins Meer hineinragt und eine Fläche von 320 km umfasst.

 

Wir fahren bei  Sant Carles de la Ràpita – 1780 von Carlos III. als Hafenstadt gegründet – in das Delta ein. Die Straße nach Deltebre zieht sich durch die weite Ebene, Wasserflächen blinken, Kanäle durchziehen Felder, bald sehen wir die viereckig begrenzten Reisfelder, Wasserfeld an Wasserfeld. Es waren die Mauren, die den Reisanbau einführten. (Nach ihrer Vertreibung brach er zusammen und wurde erst wieder im 19. Jahrhundert erneuert.) Wie in alten Zeiten waten Arbeiter  in den Feldern und setzen die Reispflanzen, schwarze Fahnen zeigen an, dass sie bestellt sind, auch schwarze Vögel mit Stelzenfüssen und langen gebogenen Schnäbel schreiten darin umher  und picken nach Nahrung, hin und wieder lauert ein Reiher auf Beute oder fliegt ein Storch auf. Am Straßenrand verlassene Bauernhöfe. Wenn sie nicht als Ferienwohnungen hergerichtet wurden, haben die Eigner sie verlassen, um in die größeren Ansiedlungen zu ziehen. Manchmal sieht man noch eine der typischen weißen, mit Binsen gedeckten traditionellen Hütten. Wir durchfahren den relativ großen Mittelpunktort  Deltebre und wenden uns nach Riumar, an der Spitze des Deltas. Das ist ein junger Ferienort, keine Hochhäuser, flache Ferienwohnungen, kaum Menschen auf der Strandstraße, die der Wind mit Sand bedeckt hat. Hinter der Straße große Dünen, dann kommt das Meer.  Wir fahren der Flussmündung zu, gegenüber der Illa de Buda liegt ein Campingplatz. Hier machen wir Station.

 

Nachdem wir uns eingerichtet haben, wandern wir zur Flussmündung. Ein schöner Weg, teilweise Holzsteg, führt durch Tamariskenansammlungen und Schilfwälder. Am Ende kommt ein Holzturm, den wir besteigen. Wir sehen den breiten Strom, wie er im Meer aufgeht, ein Ausflugsschiff zieht vorbei, einige kleine Anglerboote tuckern vorüber, der Blick schweift über eine weite Schilffläche zu den Dünen und Häusern von Riumar, Vögel  schweben in der Luft, nach Beute blickend. Eine ruhige und eindrucksvolle, eigenartige Landschaft!

 

Abends sitzen wir vor unserem Wohnmobil und genießen den Sonnenuntergang. Kaum jemand um uns. Als es dunkel wird, tauchen plötzlich aus den Bäumen schwarze Vögel auf und schießen über uns herum, wie Mauersegler, aber größer. Sie jagen wohl nach Mücken oder anderen Insekten. Dann kommen Fledermäuse…

 

Am nächsten Tag regnet es und wir beschließen, Richtung Heimat zu fahren. Wir wollen uns aber noch Tortosa  und Tarragona sehen.


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