Die Ruinen von Empúries - Die Antike wird lebendig

Ein Blick in die Vergangenheit

Die Bilder werden durch Anklicken vergrößert und es erscheint eine Beschriftung

Oberhalb der Reste des Asklepios-Tempels überblickt man  die Ruinen der spätgriechischen Stadt. Ich habe mich am Rande eines Pinienwäldchens niedergelassen. Mittagszeit. Es ist Herbst, aber die Sonne brennt fast sommerlich. Mediterrane Helle lässt die Konturen der verlassenen Mauern und Säulen aus dem Schatten, den sie werfen, scharf hervortreten.  Kein Mensch ist heute hier. Unter mir blickt die Statue des Gottes auf das blaue Meer. Mein Blick folgt seiner Richtung. Ich gerate ins Träumen…

 

Die Ruinen versinken vor meinem inneren Auge, der Hügel auf dem ich sitze, verwandelt sich in eine grüne Busch- und Baumlandschaft. In der Ferne erscheinen auf der gleißenden Meeresfläche dunkle Punkte – Schiffe. Sie nähern sich. Ich sehe aufgespannte weiße Segel, hochgebogener Vordersteven und hochragendes Heck, Männer bewegen die Ruder im Takt. Unterhalb meines Aussichtspunktes wenden sie die Schiffe und steuern sie in gebührenden Abstand von den Sandzungen und Felsen nach links in Richtung der Anhöhe, auf der heute Sant Martí d´Empúries liegt. Sonderbar – ich kann ihnen mit Blicken folgen. Da wo heute Wiesen und Bäume die Niederung bedecken, erfüllt Wasser die Flächen. Die Schiffe laufen in die Bucht ein. Die Segel werden aufgerollt. Männer springen in das flache Wasser und ziehen die Schiffe zum Ufer heran. Es sind kräftige Gestalten, junge Männer, schwarze lockige Haare und Bärte, ebenmäßige Gesichter,  in helle faltenwerfende Gewänder gekleidet, die sie beim Anlegen hoch schürzen. 

Griechisches Schiff. Die Vasenmalerei zeigt Dionysos. Er geriet in die Gewalt von Piraten und ließ auf deren Schiff einen Weinstock emporwachsen. Die erschreckten Piraten sprangen ins Wasser und wurden in Delphine verwandelt. Der Gott begab sich nach Griechenland, wo er den Rebstock und seinen Kult einführte. (Ausstellungsstück im Museum von Empúries.)

DIE BILDER DER FUNDGEGENSTÄNDE/AUSSTELUNGSSTÜCKE IN DIESEM ARTIKEL SIND - WENN NICHT ANDERS ANGEGEBEN - IM ARCHÄOLOGISCHEN MUSEUM VON EMPÚRIES AUFGENOMMEM - Die Rekonstruktionsbilder von Gebäuden sind - wenn nicht anders angegeben - auf dem Ausgrabungsgelände fotografiert worden.

Mit ihnen blicke ich den felsigen Hügel vor ihnen hinauf. Dort ragen kleine runde mit Reisig bedeckte Lehmhütten aus Vertiefungen aus dem Boden. Jetzt kommen Leute von Dorf herab. Sie haben deutlich eine andere Physiognomie als die Ankommenden, schmale scharf geschnittene Gesichter, große dunkle Augen, halblang geschnittene Haare, gekleidet in einfache kurze braune Leinenumhänge. Einige von ihnen sind offenbar Krieger, sie tragen Helme und Lanzen.

 

Die Ankömmlinge haben ihre Schwerter abgelegt und  heben die Hände zum Himmel, sie sind in friedlicher Absicht gekommen. Sie zeigen auf große Amphoren in ihren Schiffe. Es ist offenkundig. Sie wollen Handel treiben. Einer der Ankömmlinge bringt einen Krug mit Wein und lässt die Umstehenden kosten. Ein anderer gießt etwas Olivenöl in die Hände, die sich ihm entgegenstrecken. Und bald ist das Tauschgeschäft in vollem Gange. Die Dorfbewohner sind offenbar im Handel mit Fremden nicht unerfahren. Sie bringen das, was sie anzubieten haben, und was Seefahrer wohl suchen: Getreide, Fleisch, Käse, Gemüse, andere haben Eisen-, Kupfer- oder Silberbarren, einige weisen sogar Münzen phönizischer Herkunft vor. Es wird gestikuliert und gefeilscht, wobei ein Teil der Männer sich mit einem der Bewaffneten im Hintergrund immer wieder berät. Er scheint eine Führungsrolle im Dorf zu haben. Nach Stunden ist man sich einig. Die Männer des Dorfes schleppen große Amphoren gefüllt mit Wein und Öl  nach oben. Frauen, die nachgekommen sind – sie sind in lange Gewänder und Kopftücher gekleidet - haben glatt gerundete Töpferware oder  kleinere schön bemalte Gefäße erworben, manche gefüllt mit Parfüm, …Die Seeleute beladen ihre Schiffe mit Nahrungsmitteln und Erzklumpen. Unter Händeschütteln und Winken verabschiedet man sich. Kräftige Ruderschläge und ein leichter Nordwind treiben die Schiffe aus der Bucht und aufs Meer hinaus… 

So könnte es vor 2600 Jahren gewesen sein. Junge Griechen aus Phokaia in Kleinasien – in der Nähe von Ephesus - machten sich auf Schiffen Richtung Westen auf. Es war ihnen in ihrer Stadt zu eng geworden, Wie ihren mythischen Held Odysseus trieb es sie in die Ferne, seeerfahren wie sie waren, erkundeten sie die Welt des Mittelmeeres auf  Schiffen. Aber sie taten das nicht als Eroberer, sondern als Handelsleute. In den griechischen Städten Kleinasiens hatten Kultur und Handwerkskunst einen Standard  erreicht, der über dem anderer Völker lag, diese hatten aber Ressourcen, die in der begrenzten griechischen Welt knapp waren. So lag es nahe, Handel zu treiben, auszuführen, was man hatte und heim zu bringen, was dort fehlte.

 

Genau dies taten die Leute aus Phokäa. Und natürlich begnügte man sich nicht, nur sporadisch Orte zu besuchen, sondern man gründete Handelsstationen. So setzten sich Phokäer in Massilia, dem heutigen Marseille, fest. Von dort aus brachen sie zur iberischen Halbinsel auf, um mit den „Iberern“ Handeln zu treiben (deren Verwandte sie schon in Massilia angetroffen hatten). In dem Ibererdorf, das heute Sant Martí darstellt, - hier wohnten Leute vom Stamm der „Indiketen“ - ließen sich einige Griechen dauerhaft nieder, sozusagen als Handelsagenten. Als Phokäa von den Persern eingenommen und zerstört wurde (541 v. Chr.) nahm die Zahl der Griechen zu. Sie bildeten eine eigene Gemeinschaft, die neben den Einheimischen lebte. Spätere antike Schriftsteller nennen diese Siedlung „Palaiapolis“, die „alte Stadt“.

Eine antike Stadt entsteht und wächst

Übersichtsplan des "Municipium emporiae", rechts die griechischen Siedlungen, links die römische Stadt. (Nach einem Bodenbild im Museum)
Übersichtsplan des "Municipium emporiae", rechts die griechischen Siedlungen, links die römische Stadt. (Nach einem Bodenbild im Museum)

Wohl schon vor 500 v. Chr. wurde der Raum auf dem Berg zu eng. Man erbaute auf der niedrigeren und ausgedehnten Anhöhe im Süden „Neapolis“, die „Neue Stadt“. Zwischen der alten und neuen Stadt lag nun der Hafen. Die neue Stadt wurde nach Art einer griechischen Stadt erbaut, mit Tempel – wohl der Artemis von Ephesus geweiht, die schon in der Palaiapolis einen Tempel besaß - Versammlungsplatz ( „Agora“), kleinen Häusern, engen Straßenzügen und  mit einer Mauer umgeben. Die neue Stadt wurde auch von Iberern bewohnt, ihre Siedlung war aber von der der Griechen durch eine Mauer getrennt. Man traute wohl einander nicht ganz. Das hinderte aber beide Teile der Stadt nicht, einen lebhaften Handel miteinander zu treiben. Nicht umsonst nannten die Griechen die Stadt „Emporion“, „Handelsplatz.“. Auch übernahmen die Indiketen immer mehr griechische Lebensweise und Handwerkskunst und bildeten so die iberische Kultur aus. Von der ursprünglichen „neuen Stadt“ ist außer Mauerresten heute kaum etwas zu sehen, sie liegt unter den Ruinen aus späterer Zeit. Die neue Stadt wurde sukzessiv erweitert und befestigt.

Im 3. Jahrhundert v. Chr. erlebte die Stadt dank ihrer Lage und Handelstätigkeit ein Blütezeit und es wurde viel neu und großzügiger als bisher gebaut. Es entstand die spätgriechische, „hellenistische“ Stadt, deren Ruinen wir heute vor uns haben.

 

Damit kommen wir in den Bereich einer dritten „Einwanderungswelle“ und Siedlungsgründung. Offenbar hatten die anpassungsfähigen Griechen nichts gegen ein Bündnis mit den Römern. (Mit Recht versprachen sie sich  wohl damit neue Geschäfte!) In der Auseinandersetzung mit den Karthagern – im zweiten punischen Krieg - landeten die Römer mit ihren Heeren unter Führung der Scipionen in Emporion (ab 218 v. Chr.).  Die Seestadt am Eingang von Iberien war für sie wichtig. Sie war günstige von Rom aus zu erreichen, und von hier aus schnitten sie Hannibal die über die Peninsula laufenden Nachschubwege für das sich in Italien bewegende punische Heer ab. Marcus Porcius Cato, der mit einem Heer kam, um den Aufstand einiger Ibererstämme niederzuwerfen – sie waren von den Römern mit Tributen belegt worden – errichtete  195 v. Chr. auf der Fläche über der griechischen Stadt ein Castrum, ein befestigtes Militärlager. Es war dazu da, den Hafen und den Eingang zur iberischen Halbinsel zu kontrollieren und setzte ein eindeutiges Signal der römischen Dominanz über Stadt und Region. Von hier aus ging dann auch die Romanisierung der iberischen Halbinsel aus, die ihre Verhältnisse grundlegend verwandelte und sie zu einer wichtigen römischen Provinz machte.

 

Das Militärlager bildete die Grundlage einer neuen Stadt. Sie wurde nach römischen Prinzipien konzipiert. Die Hauptachse bzw. Straße, der „Cardo Maximus“ läuft von Süden nach Norden auf das religiöse, politische und wirtschaftliche Zentrum zu: das „Forum“ mit den Tempeln für die Staatsgötter, der „Basilica“ und „Curia“ für die politische Lenkung und Rechtsprechung. Vor der Cardo läuft eine Querachse, der „Decumanus“, sodass die Hauptachsen ein Kreuz bilden. Die kleineren Straßen laufen parallel zu den Hauptachsen, sodass sich eine „Reißbrettstruktur“ der Siedlung ergibt.

Unabdinglich für eine römische Stadt ist ein öffentliches Bad. Die Häuser der Reichen wurden im italischen Stil errichtet mit Innenhof, um den die Wohntrakte angeordnet sind. Die Ärmeren wohnten in zweigeschossigen rechteckigen Blocks mit vielen Einzelwohnungen, die sich ebenfalls um einen Innenhof gruppierten. Natürlich war die Stadt ummauert. Die Friedhöfe befanden sich – wie in der griechischen Stadt - außerhalb der Mauern. So wie sich die Ausgrabungen der Stadt, die wir sehen, präsentieren, stammen sie aus der Zeit des Augustus (31 v. Chr. bis 14 n. Chr. Alleinherrscher).

 

Unter der römischen Herrschaft veränderte sich die griechische Stadt. Leben und Bauweise wurden romanisiert. Die freien Einwohner, Griechen und Iberer, erhielten das römische Bürgerrecht und standen unter römischem Recht. Die Verwaltung war römisch, obwohl Griechen und Indiketen eine gewisse kulturelle und verfassungsmäßige Selbständigkeit bewahrten. Aus „Emporion“ wurde das „Municipium Emporiae“ wie die Römer die Doppelstadt nannten. Die große Mauer mit den Türmen und dem Tor, durch das  wir heute die griechische Stadt betreten, geht sicher auf  Sicherungsbedürfnisse der Römer zurück. Für sie war die Unterstadt als Zugang zum Hafen, Umschlagplatz der angelandeten Güter und Ankunftsort der angekommenen Soldaten wichtig. Auch die Häuser, zumindest die der Wohlhabenden, wurden der römischen Bauweise angepasst.

 

Wenn wir eine „griechische“ Stadt betreten, erwarten wir Tempel der altgriechischen Götter, Zeus, Hera, Apollo, Artemis...Suchen wir das in Empúries, werden wir enttäuscht.

Wir finden die Tempel zweier Gottheiten, deren Verehrung in der hellenistischen Welt und in der römischen Kaiserzeit weit verbreitet war: ein „griechisch-stämmiger“ Halbgott: Asklepios und der aus Ägypten kommende „Mischgott“ Serapis. Liebhaber des „klassischen Griechenlands“ kommen allenfalls im Museum, bei ausgegrabenen Funden, auf ihre Kosten. In Emporion war nicht der „Geist der klassischen Kultur“ Griechenlands vorherrschend, sondern der Geschäftssinn. Was aber vorbildlich sein kann, ist, dass die Abkömmlinge dreier Völkerschaften offenbar gut miteinander auskamen.

 

Mit dem Niedergang und Verfall der griechisch-römischen Stadt im 3./4. Jahrhundert war aber die Geschichte von Empúries noch nicht zu Ende. Zwar verließen die noch verbleibenden Einwohner die Unterstädte und zogen sich in die Ursprungssiedlung, nach Sant Martí d´Empúries, zurück, wo sie sich sicherer fühlten. Nach wie vor wurden aber Hafen und Handel betrieben, worauf eine spätantike Fischeinsalzungsanlage in der Unterstadt hinweist.

Im 4./5. Jahrhundert wurden die antiken Ruinen für die christlich gewordenen Bewohner zur „Totenstadt“. Auf den Resten der griechischen Bäder baute man eine Begräbniskirche. Um sie herum liegen die Gräber und Sarkophage der Bestatteten. Sarkophage mit prächtigen Skulpturen oder Mosaikdeckeln bezeugen, dass Christus über die alten Götter gesiegt  hatte. Empúries war Bischofssitz – bis die Araber kamen. Nach ihrem Abzug beginnt die mittelalterliche Geschichte von Sant Martí d´Empúries – als erste Hauptstadt der Grafschaft Empúries.

 

Frühchristliche Sarkophagplatte (eines Bischofs?) mit eingelegten Mosaikverzierungen und Inschrift
Frühchristliche Sarkophagplatte (eines Bischofs?) mit eingelegten Mosaikverzierungen und Inschrift

Dieser geschichtliche Abriss ist erst einmal wichtig, wenn wir „Empúries“ verstehen wollen. Betreten wir die Ausgrabungstätte, die vor dem Beginn der Ausgrabungen 1908 Weide, Ackerfläche und Buschland war, dann sehen wir Mauerreste, Ruinen, Säulenstümpfe, Gruben… Archäologen sagen sie viel, aber nicht dem normalem Besucher. Wir müssen die Ruinen mit Leben füllen, indem wir uns in die Zeiten hinein versetzen, in denen Menschen darin lebten. Die mehrsprachigen Erklärungstafeln, die jetzt an den wichtigen Stellen angebracht wurden, sind dazu eine Hilfe. Der „Audio-Guide“, der an der Kasse auch in Deutsch erhältlich ist, ist fachlich vorzüglich und lebendig gestaltet. Mit ihm erhält man eine Einführung, die vieles verstehen lässt.

 

Wir haben den Audio-Guide bei unserem letzten „Kulturspaziergang“ durch die Ruinen am 12.11.15 gerne benutzt, obwohl wir ihn dann in der römischen Stadt aus Zeitgründen abgelegt haben. Ich will hier unseren Gang nachzeichnen und einiges aus dem Leben, das die Ruinen einst erfüllt hat, erzählen.

"Kulturspaziergänger" vor den römischen Bädern
"Kulturspaziergänger" vor den römischen Bädern

Ein Gang durch die Stadt – Die Heiligtümer

Vom modernen Einganszentrum kommend, sehen wir die aus zyklopischen Steinen gefügte Westmauer der griechischen Stadt vor uns. Schon auf uns macht sie Eindruck, wie viel mehr muss sie das auf die in den antiken Zeiten Ankommenden gemacht haben. Sie signalisierte Wehrhaftigkei. In der Mitte öffnet sich ein Durchgang. Hier war das Tor, durch das Besucher und Einwohner aus- und eingingen. Zwei Türme, deren Reste noch erkennbar sind, flankierte es. Rechts und links weisen Löcher in Steinen  am Boden darauf hin, wo die Angeln sich bewegten. Vertiefungen an den Seiten  waren für Balken bestimmt, die das Tor sicherten. Im Eingangsbereich fand man Reste einer Katapultmaschine, die der Verteidigung diente, viele spitze Bleiprojektile und andere Waffen, Hinweis auf Wachen, deren Aufgabe es war, im gegebenen Fall, das Tor zu schließen und zu verteidigen

Hinter dem Toreingang gefundene Waffen und Bleiprojektile
Hinter dem Toreingang gefundene Waffen und Bleiprojektile

Hatte der Besucher das Eingangstor passiert – von den Wächtern beäugt – dann sah er links und rechts zwei Tempelanlagen, links das Asklepieion, rechts das Serapieion. 

Nehmen wir an, der Besucher hatte ein Anliegen, das er Asklepios oder Äskulapius (lat.) vortragen wollte, ein Leiden, einen Kummer, einen Verlust…Dafür trägt er in einem Korb ein Opfertier, einen Hahn, eine Taube oder ein anderes Geschenk. Der Hahn ist dem Asklepios heilig und  so opfert man ihm als Dank für eine Heilung gern Hähne. Auch Sokrates trug in seiner Todesstunde einem Freund auf, dem Asklepios einen Hahn zu opfern, den er ihm „schuldig“ sei (Dialog „Phaidon“. "Schuldig" für welche „Genesung“? Den Übergang in eine andere Form des Seins?) 

  

Unser Besucher ist nicht allein, mit anderen steigt er andächtig die Treppen zum Heiligtum hinauf. Er schreitet durch einen bekränzten Torbogen, denn die Tempelanlage war von der Außenwelt abgegrenzt, ein „heiliger“ Bezirk. „Im Namen aller Götter ist der Eintritt ins Asklepieion dem Gott des Todes untersagt“ – dies stand am Eingang des Asklepieion in Pergamon. So werden Erwartungen, Hoffnungen bestärkt. Unser Besucher wird von weißgekleideten Priestern empfangen. Sie führen ihn zu einem Brunnen, wo er sich waschen soll. Nur rein darf man sich dem Gott nähern  Gegen einige Obuli erhält er ein weißes Gewand und Palmzweige. Ein Priester gesellt sich zu ihm und fragt ihn, was er auf dem Herzen habe. Dann führt er ihn mit seiner Weihegabe zu einem der Altäre, die vor zwei Tempeln mit Säulenvorbau stehen. Hier  opfert er den Hahn, wobei er vorher Wein über ihn gegossen und Getreidekörner auf  den Altartisch gestreut hat. Während das  Tier auf der Holzkohle in einer Pfanne röstet und Rauch aufsteigt, sieht unser Pilger zum Tempel vor ihm hin. Darin ist das Standbild des Gottes verborgen, einen Stab in der Hand und eine eingerollte Schlange zur Seite – seine Zeichen – nur Priester dürfen in das Innere des Tempels treten. (Der Hahn, der morgens die Sonne begrüßt, war dem Lichtgott Apoll heilig und ist wohl  von dort zu dessen Sohn Asklepios gewandert. Die Schlange gilt als kräuterkundig, wirft ihre alte Haut ab und ist somit ein Symbol der Erneuerung.)

 

 

Der Heilgott Asklepios

Der Pilger erinnert sich an das, was man von Asklepios erzählt. Er ist ein Sohn des Apollo – der als Gott der Weisheit, der Künste und auch der Heilkunst gilt - und der Königstochter Koronis. Weil sich die von Apollo Schwangere und Zurückgelassene mit einem Sterblichen einließ, bestrafte der Gott sie mit dem Tode.  Der auf dem Scheiterhaufen Aufgebahrten schnitt er aber den ungeborenen Sohn aus dem Mutterleib (Asklepios = griech. „der Herausgeschnittene“) und übergab ihm dem Kentauren Cheiron zur Erziehung. Dieser ist heilkundig und unterweist den Ziehsohn in der Heilkunst. Asklepios wird zum „unvergleichlichen Arzt“, der Heilpraxis, Chirurgie und Kräuterkunde beherrscht. Er zieht mit seiner Tochter „Hygieia“ (Hygiene!) umher und heilt viele Menschen. Schließlich weckt er sogar Tote auf.  Dies ruft den Göttervater Zeus auf den Plan, der fürchtet, dass bald keine Menschen mehr sterben würden. Er tötet ihn mit einem Blitz; Asklepios wird aber dann doch in die Reihe der unsterblichen Heroen aufgenommen und als Sternbild an den Himmel erhoben (Sternbild Schlange/Schlangenträger).

 

Während das Opferfeuer schwelt, richtet unser Pilger sein Gebet und seine Bitte an himmlischen Arzt. Sollte er erhört werden, verspricht er ihm eine Gabe. Inzwischen ist der Hahn gar; ein Teil wird dem Gott dargebracht und verbrannt, den anderen Teil verzehren der Priester und er im (unsichtbaren) Beisein des Gottes, ein „sakramentales“ Mahl. „Schon wieder Hühnchen“ mag sich der Priester gedacht haben, „aber die Hilfesuchenden zu begleiten, ist nun mal meine Aufgabe“ Er erzählt von den Heilerfolgen im Heiligtum: „Vor nicht langer Zeit kam ein Mann mit einem Krampfader-Bein zu uns. Das Bein mit seinen dicken Adern sah schlimm aus, und der Mensch hatte damit große Beschwerden. Der Gott hat ihm eine Kur mit kalten Wasserbädern und Gymnastik verordnet, die er bei uns durchführte. Er verließ das Heiligtum mit einem ganz ebenmäßigen Bein.  Als Zeugnis seiner Heilung hinterließ er eine Nachbildung seines erst kranken, dann gesunden Beines. Es wurde als Weihegeschenk im Tempelbereich zu vielen anderen Heilungszeugnissen aufgestellt. Du kannst es selbst sehen und dich überzeugen. Vertraue auf Asklepios, er wird auch dir helfen. Nicht umsonst wird der Gott „Soter“ (griech.), Retter, genannt. Die großen altehrwürdigen Götter Zeus, Hera, Athene oder - wie sie lateinisch heißen - Jupiter, Juno und Minerva, werden bei offiziellen Feiern zum Wohle der Stadt angerufen. Aber Asklepios wendet sich jedem einzelnen zu, der sich ihm bittend und vertrauend nähert.“

 

Nun unterzieht der Bittsucher sich Bädern und Vorbereitungsriten. Er sieht hin und wieder „heilige“ Schlangen, harmlose „Aeskulapnattern“, die auf den Bodenplatten umher kriechen und gefüttert werden. So vorbereitet führt der Priester den Pilger in einen großen Saal rechts von den Tempeln, wo viele Liegen aufgestellt sind und in dem es stark nach Weihrauch riecht. Hier verbringen die Heilung- und Rat-Suchenden die Nacht. In der Nacht erscheint der Gott unserem Mann im Traum – in der Gestalt einer Schlange -  und flüstert ihm den erbetenen Rat ins Ohr. Beim Aufwachen sieht er den Priester an seinem Bett stehen, dem er seinen Traum mitteilt. Zufrieden und dankbar verlässt er am nächsten Tag das Heiligtum, nicht ohne dem Gott und damit den Priestern ein Geldgeschenk zu hinterlassen.

 

Leider wissen wir nichts Genaues von den Heilerfolgen des Asklepios-Heiligtums in Emporion. Meines Wissens wurden zwar Weihegeschenke (Schüsselchen, Figuren), aber keine Weihetafeln mit Krankheits- und Heilungsberichten wie in anderen Heiligtümern des Gottes, z.B. in Kos oder Pergamon, gefunden. Dass der Gott hier „in der Fremde“ weniger erfolgreich war als dort, ist nicht wahrscheinlich. Möglicherweise wurden diese Zeugnisse bei der Christianisierung vernichtet. Die Asklepius-Statue wurde ja auch zerbrochen in einem Zisternengraben vor dem ehemaligen Heiligtum gefunden. Vermutlich haben frühe Christen das „Götzenbild“ dort hinein geworfen. Übrigens besteht die Statue aus zwei Teilen, einem älteren und einem jüngeren - sie wurde also "recycled".

Weihegaben, die im Asklepieion von Empúries gefunden wurden
Weihegaben, die im Asklepieion von Empúries gefunden wurden

Serapis - ein Universalgott

Wir wenden uns dem Serapis-Isis-Heiligtum rechts zu. Wir wissen sogar auf Grund einer aufgefundenen Tafel, wer es im 1. Jahrhundert v. Chr.gestiftet hat: Noumas aus Alexandrien. Von dort her kommen die Tempelgötter. Serapis ist ein „Kunstgott“, geschaffen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. von dem Begründer des ptolemäischen Herrscherhauses, Ptolemaios I., und gelehrten Priestern, zuerst für die Griechen in Alexandrien, dann als Reichsgott, der Hellenen und Ägypter unter einen Kult zusammenbringen sollte. Sar-Apis vereinigt zwei ägyptische Götter: Apis - in dem sich der Schöpfergott Ptah in der Gestalt eines Stiers verkörperte und als Fruchtbarkeits- und Orakelgott verehrt wurde - und Osiris, der Gott des Totenreiches  und der Wiedergeburt, damit auch der Erneuerung in der Natur. Er trägt aber auch Züge der griechischen Götter Zeus und Hades. Er wird zum „Allgott“, zum universalen Schutzgott und damit zum Vorläufer der monotheistischen Gottheit. „ Er hat Anfang und Ende des Alls in Händen…Er ist der Einzige, an den alle gleichermaßen, wie an die ihrigen (Götter) glauben… weil er die Machtfüller aller (Götter) in sich vereint. Er ist …Richter der Toten…Heiland und Seelengeleiter…“ ( der Rhetor Aelius Publius Aristides / 2. Jh. n. Chr.) Mit Serapis wurden Isis, die Schwestergattin des Osiris, die ihren getötenen Gemahl wieder zum Leben auferweckt hatte, und ihr gemeinsamer Sohn Horus/Harpokrates verehrt – eine Art „Dreieinigkeit“.

 

Serapis oder Sarapis wird wie Zeus als bärtiger Mann dargestellt, als Gott der Fruchtbarkeit und Getreideversorgung mit einem „Erntekorb“ auf dem Haupt, manchmal führt er als Heil- und Ratgebergott auch den Schlangenstab wie Asklepios. Wie dieser ist er ein „Rettergott“, der sich dem Einzelnen zuwendet. Der spätgriechische Geschichtsschreiber Artemidor von Daldis (um 100 n. Chr.) – bekannt durch sein Buch über die „Traumdeutung“ - bezeugt von Serapis- und Isis (II , 39): „…denn man ist allgemein überzeugt, dass diese Götter die Retter der in äußerste Not geratenen Menschen sind…“ Dank seiner Integrationskraft breitete sich der Kult der Göttertrias in der hellenistischen Welt, auch im römischen Reich, rasch aus. Vor allem Soldaten und seefahrende Handelsleute – Isis, der „Seestern“, war Schutzherrin der Seefahrer - waren die Anhänger. So kam sie auch nach Emporion. Zur Verbreitung trug  bei, dass sich Frauen am Kult beteiligen konnten, die ja in Isis, der „Hohen Frau aller“ ihre göttliche Vertretung fanden. In einer Hymne an sie heißt es: „ Du gabst den Frauen Macht, die der Macht der Männer gleich kommt.“ Im Zusammenhang mit Isis entwickelte sich ein „Mysterienkult“, der dem Initiierten die „Auferstehung“ versprach – ein Leben nach dem Tode in seligen Gefilden. Damit war der „Myste“ der Todes- und Schicksalsverfallenheit – der selbst die alten Götter unterlagen – entnommen. Manche Anhänger des Serapis und der Isis lebten zeitweilig – das war so eine Art spirituelle Auszeit – oder ständig im Heiligtum – als Vorläufer der christlichen Mönche. Diese Gottheiten waren nicht so sehr an „blutigen Opfern“ interessiert, sondern am „Opfer des Lebens“.

 

Suchte man das Serapeion auf, wurden die Besucher von seelsorge- und heilungskundigen Priestern oder ihren Helfern empfangen, die sich ihrer Sorgen annahmen und sie zur Begegnung mit den Gottheiten in Prozessionen, Festen, Gottesdiensten oder Geheimriten begleiteten. Wie in Serapeion waren Gasträume für eine Art „Kuraufenthalt“ oder „spirituelle Exerzitien“ vorhanden. Wir können uns vorstellen, dass mancher im Hafen von Emporion angekommener Seemann, Händler oder Soldat das Serapeion aufsuchte, um den Gottheiten seinen Dank für die glückliche Überfahrt abzustatten; wenn er angeschlagen war, um Genesung, oder als Händler um Erfolg oder Rat für seine Geschäfte zu bitten. Natürlich ließen die Gläubigen auch hier ihre Spenden zurück, wovon Tempel und Personal unterhalten wurde.

  

Wir begleiten einen Handelsmann

Nicht alle antiken Besucher werden gleich zu den Gottheiten geeilt sein. Anderes konnte Vorrang haben. Begleiten wir einen Handelsmann aus einer griechischen Kolonie, der in Emporion angelandet ist. Nennen wir ihn Philippos. Zunächst mußte Philippos sich um die Ausladung, Lagerung und Bewachung der mitgebrachten Fracht unten im Hafengelände kümmern. Dann bezahlte er den Kapitän und die Mannschaft des gecharterten Schiffes. Die Seeleute machten sich auf den Weg in die Tavernen der griechischen und der römischen Stadt, wo Wein, Speisen und "leichte Mädchen" auf sie warteten. Sie waren hier schon öfters gewesen und hatten ihre Lieblingslokale.

 

Der Haupthandelspartner von Philippps in Emporion, Sosipatros, ein angesehener Ratsherr, hatte ihn wissen lassen, dass er ihn nicht am Hafen empfangen könne, da er beim Empfang eines wichtigen Staatsgastes dabei sein müsse. Er hatte einen jungen braunhäutigen Sklaven, Onesimos mit Namen, geschickt, der als nubischer Kriegsgefangener in die Sklaverei geraten war. Der offenbar Geschäfts erfahrene junge Mann war Philippos bei der Sicherung der Waren behilflich. Er begutachtete die für seinen Herrn mitgebrachten Waren ausführlich. Er  machte sich auch auf Wachstäfelchen  Notizen und legte kleine Zeichnungen an. Sosipatros war eine Art Kunst- und Antiquitätenhändler. Für ihn hatte Philippos in griechischen Koloniestädten große und kleine Terrakottaware mitgebracht: alles mit Figuren bedeckt: Vasen, Trinkgefäße, Krüge, Schüsseln und Amphoren, zum Teil „echt attische“ Produkte mit roten Figuren auf schwarzem Grund, einige sehr alt und kostbar. Dazu war es ihm gelungen, in Massalia sehr gesuchtes Tafelgeschirr der Art „Terra sigillata“ zu erstehen, mit rotem Glanz überzogene und oft mit Reliefen verzierte Töpferware, die man in einem aufwendigen Verfahren herstellte. Sie wurde nur an wenigen Orten des römischen Imperiums produziert, wo der entsprechende Ton zu finden und das Herstellungsverfahren bekannt war. Philippos´ Sammlung trug das Siegel einer rheinischen Werkstatt in Germanien, im heutigen Bergzabern. Außerdem hatte er einige angeblich originale Statuen klassischer Bildhauer aufgetrieben und dazu eine Reihe von schönen Kopien. Reiche und gebildete Römer liebten solche Gegenstände, waren ganz vernarrt in diese Dinge und sammelten sie. Weiter bestand seine Fracht aus großen, mit italischem Wein gefüllten Amphoren.

 

Nach getaner Arbeit begleitete Onesimos Philippos zum Hause seines Herrn. Sie stiegen zur Stadt empor. Die Heiligtümer ließen sie liegen, nicht ohne, dass der Onesimos auf sie rühmend. hingewiesen und einen Besuch empfohlen hätte. Er vergaß nicht zu sagen, dass Serapis auch Sklaven geneigt sei und als „Sklavenbefreier“ gelte. Doch - so flüstert er seinem Gast zu – es gäbe nun eine neue Religion, die aus Ägypten hierher gekommen sei, gestiftet von einem Juden aus Palästina, einem gewissen Jesus, der auch Christus genannt würde. Er habe den Glauben an den einen, alle Menschen verbindenden Gott gelehrt. Seine Anhänger nennen sich Christen. Sie treffen sich heimlich in Häusern, wo sie ihre Gottesdienste feiern, ohne Opfer und Götterstatuen und ein gemeinsames Mahl halten. Sklaven seien hier als gleichwertige Menschen geachtet. Es heißt, dass sie sich untereinander wie Brüder und Schwestern liebten und einander nach bestem Vermögen unterstützten. Ein Mitsklave gehöre zu ihnen und habe ihm das erzählt. Aber, so flüstert er weiter, die Oberen der Stadt und mein Herr sähen diese Religion nicht gerne. Die Christen weigerten sich, die Staatsgötter und den Kaiser als Gott zu verehren – deshalb bezeichne man sie als „a-theoi“, als „Gottlose“. Dies und anderes in ihrer Lehre und ihrem Verhalten bringe Unruhe in die Stadt. Unser Gast nimmt das Gerede des Sklaven zu Kenntnis – nun ja, Emporion liegt zwar fast am Ende der Welt, aber eine Handelsstadt bringt es eben mit sich, dass hier alles zusammenströmt und auch Neues in dem ohnehin wirren Gemenge der Religionen und Philosophien ankommt. Sollen sie reden, er – Philippos - macht Geschäfte, obwohl er auf seinen Reisen manches mitbekommt!

 

Die beiden biegen in die Hauptstrasse ein. Auf der Strasse, auf der zwei Karren kaum aneinander vorbei kommen, herrscht großes Getriebe. Reiter lenken ihre Pferde durch die Menge, Sklaven mit schweren Packen auf dem Rücken bahnen sich rufend den Weg, Frauen schleppen Wasserkrüge, Bettler strecken ihre Hände aus, ibererische Arbeiter mit ihren kurzen Gewändern eilen zu ihren Arbeitsstätten, indiketische Bauern befördern  ihre Produkte auf Eseln in die Stadt, dazwischen wandeln gemessenen Schrittes mit langen Tuniken bekleidete Griechen, hin und wieder tauchen Gestalten mit Burnus und Turban aus fernen Ländern auf, ein Trupp römischer Soldaten marschiert dröhnend Richtung Oberstadt, wobei alle zur Seite weichen…Rechts und links säumen dicht an dicht gebaut kleine niedrige Häuser die Straße, Handwerker sitzen davor oder bei offener Tür darin, schneiden und nähen Leinengewänder zusammen, hämmern Metall zu Schmuck, töpfern und bemalen Krüge....Meistens findet hier alles in einem Raum statt: Schlafen, Essen, Arbeiten…

 

Jetzt kommen unsere beiden zu einer Art Markthalle, dem „Macellum“. Eine große Zisterne, in die das Wasser von einer offenen Dachluke und aus unterirdischen Zuleitungen fließt,  bildet ihren Mittelpunkt. Frauen und Sklaven drängen sich um den Rand, um Wasser zu schöpfen, denn nur wenige Häuser besitzen eine eigene Wasserversorgung. Rings um die Zisterne bilden sich Menschentrauben vor den Auslagen, auf denen Fleisch, Fisch, Brot, Gemüse, Obst angeboten wird. Doch Onesimos drängt zum Weitergehen. Der Herr wartet. 

Besuch in Hause eines reichen Griechen

Sie biegen in eine enge Seitengasse ein und stehen bald vor dem Haus des Geschäftspartners. Der große Komplex erhebt sich über das Gewirr der kleinen Häuser ringsum. Das Hauptgebäude ist sogar zweistöckig. Sie klopfen an die Tortür in der Ummauerung und ein Torwächter öffnet. Ein Säulen umstandener und anmutig mit Pflanzen bedeckter viereckiger Hof – ein Peristyl - öffnet sich vor ihnen. Griechische Statuen stehen zwischen den Büschen und weisen darauf hin, dass der Hausherr die griechische Tradition schätzt. Vor Eingangstüren stehen „Hermen“, viereckige halbhohe, menschengestaltige Pfeiler, manchmal noch mit verwitterten Köpfen oder Gesichtern oben, - ursprünglich stellten sie wohl Figuren des Boten- und Wegegottes Hermes dar - „Antiquitäten“, die der Herr gesammelt hatte. (Wenn ihnen der ursprüngliche Kopf fehlt, stellt man „moderne“ Porträtbüsten darauf.) Im schattigen Säulengang lässt sich auch bei großer Sommerhitze gut wandeln und ruhen. Rings um den Hof und hinter dem Säulenumgang befinden sich  die Häuser mit ihren Räumen. In solchen oder ähnlichen Gebäuden leben die Reichen. Gerade gegenüber dem Hofeingang öffnet sich der Empfangsraum des Hausherrn.

 

Sosipatras steht schon in der Tür und erwartet den Gast. Sie begeben sich in den Raum, dessen Boden mit „opus siginum“ belegt ist, kleinen weißen und schwarzen Keramiksteinchen, die geometrische Muster bilden. Die Wände sind in Ocker-Farbe gehalten und mit bunten Ornamenten verziert. Ein Haussklave bringt Wasser und der Philippos reinigt sich die Hände. Nach herzlicher Begrüßung und Fragen nach Reise und Ergehen lagern sich Gastgeber und Gast auf Liegen im Raum. Der Sklave bringt Wein, der mit Wasser vermischt wird, Obst und Gebäck. Dann geht das Gespräch ins Geschäftliche über und zur Frage, welche Waren mitgebracht wurden. Onesimos, der sich am Hafen ja Notizen gemacht hatte, assistiert. Der Hausherr schlägt seinem Partner vor, dass sie sich zur Agora begeben, wo sich sein „Kontor“ befindet. Dort wollen sie die Handelsverträge abschließen und die Bezahlung regeln. 

Auf der Agora  

Gemeinsam – wieder begleitet von Onesimos – treten sie aus dem Haus und schreiten zum nahen Stadtzentrum, der Agora. Sie betreten sie durch ein Tor und gelangen in einen Säulenumgang. Ein großer rechteckiger Platz öffnet sich vor ihnen. Dem Eingang gegenüber, im Norden, vor dem Tramuntana-Wind  geschützt, sieht der Gast ein lang gestrecktes höheres Gebäude, vor dem sich ein von Kolonaden gestützter Wandelgang mit darauf gesetzter Säulengalerie befindet, die Stoa. In einer Ecke des Platzes erhebt sich eine Statue. Sie stellt eine Frau dar. In der rechten Hand hält sie eine kleine Waage, der linke Arm umschlingt ein Füllhorn. Philippos als Grieche weiß, wen die vollbusige Dame darstellt  Es ist Themis, die Göttin der Gerechtigkeit, der Moral und der Philosophie.  Die Waage zeigt an, dass sie mittels des Rechtes und der Sitte für den geregelten Zusammenhalt und den Ausgleich unter den Menschen sorgt. Das Füllhorn bedeutet, dass sie „jedem das Seine“, entsprechend seinem Verhalten, zuteilt. (Die Neuzeit hat das Füllhorn durch ein Schwert ersetzt und der Göttin die Augen verbunden - Änderungen, die zu denken geben!)

 

Als Handelsmann weiß Philippos, wie wichtig es ist, dass es Regeln gibt, und dass man sich nicht gegenseitig übervorteilt.   Er fühlt sich heimatlich, denn eine solche Anlage, wie diese hier, kennt er von anderen griechischen Städten, auch von Athen. Die Agora ist der politische, soziale und wirtschaftliche Mittelpunkt griechischer Städte. Hier treffen sich die freien Männer zum Gespräch, beraten über die Geschicke der Stadt und schließen ihre Geschäfte ab, hier wird Recht gesprochen und wird an das Recht gemahnt.  Im Inneren der Gebäude befinden sich Amtsräume und Handelskontore. 

Gruppen von Menschen stehen oder gehen auf dem Platz und in den Wandelhandeln umher. Besonders eine Gruppe fällt auf. Sie umringt einen in weißer Toga gekleideten Mann, der mit lebhaften Armbewegungen redet und dem offenbar achtungsvoll und aufmerksam zugehört wird. Ein berühmter Redner, der von fernher gekommen ist? Ein Philosoph, der hier seine Freunde und Schüler belehrt, wie das in Athen üblich war und wonach eine Philosophenschule, „die Stoiker“, benannt wurde? Sosipatras stößt seinen Gast an: „Das ist unser Staatsgast – Lucius Annaeus Seneca - der Erzieher und Berater unseres jungen Kaisers Nero – ein äußerst einflussreicher Mann. Er  ist auf der Rückreise nach Rom, kommt von seiner Geburtsstadt Córdoba, wo er Besitzangelegenheiten geregelt und seinen Bruder besucht hat. Hier bei uns hat er Halt gemacht. Das  zeigt, wie bedeutend unsere Stadt immer noch eingeschätzt wird, obwohl Tarraco (Tarragona) als Provinzhauptstadt uns schon lange den Rang abgelaufen hat. Seneca hat es sich nicht nehmen lassen, nach dem Besuch bei den Vertretern Roms in der Oberstadt in unserer griechischen Agora zu reden. Er ist schließlich ein großer Philosoph, der vieles von unseren Stoikern gelernt hat.“  Die beiden nähern sich der Gruppe um Seneca. Sie sehen einen Mann zwischen 50 und 60, mit kurzem lockigem Haar und Bart, scharf geschnittenen, hageren Gesichtszüge; ein freundliches Lächeln umspielt seine Lippen, seine Augen blicken klar, Gesicht und Haltung drücken einen souveränen Geist aus. Sie hören ihn, etwas mühsam reden - offenbar leidet er unter Atembeschwerden:

Je nach der Lage des Staates und den Fügungen des Schicksals werden wir vorankommen oder auf der Strecke bleiben, jedenfalls werden wir tätig sein und nicht der Furcht unterliegen und dadurch in Reglosigkeit verfallen. […] Wenn du aber in eine weniger günstige Lage des Staates gerätst, musst du dich mehr ins Privatleben zurückziehen und dich mit der Wissenschaft beschäftigen, wie auf gefahrvoller Seefahrt sofort einen Hafen anlaufen, nicht auf deine Entlassung warten, sondern von selbst zurücktreten.“ (Seneca: De tranquilitate animi – Über die Seelenruhe)

„Mit den letzten Worten spricht er wohl von eigenen Erfahrungen“ flüstert der Handelsherr seinem Gast zu, „unter Kaiser Claudius wurde der erfolgreiche Redner, Anwalt und Angehörige des Senats auf Grund einer Denunziation acht Jahre in die Verbannung nach Korsika geschickt, wo er sich mit philosophischen Studien beschäftigte. Vielleicht hätte er gut daran getan, rechtzeitig die Zeichen zu erkennen und sich vom politischen Leben zurückzuziehen. Jedenfalls hat sein Lebenslauf ihm abverlangt, sich auf Schicksalswendungen einzustellen. Dabei hat er sich an den Stoikern orientiert. Es geht ihm um Seelenruhe und Gelassenheit, die das Glück des Weisen ausmachen. Der Weise soll seine Triebe und Leidenschaften, Zorn, Gier, Neid, überwinden, sich von Schicksalsschlägen nicht niederdrücken lassen und den Tod nicht fürchten. „Apathia“,  Gleichmut in allen Lebenslagen, das ist das stoische Programm. Dabei predigt Seneca aber nicht Weltflucht, sondern ruft zum verantwortlichen Leben auf.

 

Ich habe einiges von ihm gelesen und schätze ihn als Philosophen. Doch sein Bündnis mit den Mächtigen in Rom erscheint mir fragwürdig. Das hat ihm immensen Reichtum eingebracht, aber auch die Anschuldigung, in zweifelhafte Vorgänge verwickelt gewesen zu sein. Da sehe ich einen Widerspruch zwischen seiner Lehre und seinem Verhalten. Sein Bemühen, den jungen Princeps in philosophischem Geiste und zu einem milden Herrscher zu erziehen, ist schätzenswert. Ich habe aber meine Zweifel, ob das bei Nero gelingt, der Wagenrennen und theatralische Darstellungen seiner selbst über alles liebt. Die römischen Herrscher sind zu Despoten geworden; der junge Kaiser hat zwar einen guten Anfang genommen, aber ich fürchte, auch er wird schließlich diesen Weg gehen. Und wer weiß, ob ihm dann Seneca noch genehm sein wird! Hoffentlich schafft er dann den rechtzeitigen Absprung!

 

Wir Griechen neigen der Demokratie zu, aber wir leben unter römischer Herrschaft und müssen uns fügen. Dieser Staat ist auf die Macht der Soldaten und nicht des Geistes gegründet, und wer sich ihm widersetzt, wird nieder getreten. Ich habe das römische Bürgerrecht wie alle freien Männer und gebe dem Staat, was des Staates ist - unser Bürgerrecht besteht ja sowieso vorwiegend in dem „Recht“, wie die Bürger Röms Steuern zu zahlen - aber im Inneren fühle ich mich als Weltbürger.

Übrigens hat Seneca auch Tragödien geschrieben, in denen seine Philosophie zum Ausdruck kommt.  Wie ich gehört habe, soll morgen eine im Theater vor den Mauern der römischen Stadt aufgeführt werden.

Doch lass´ uns jetzt an unsere Geschäfte gehen. Es gibt hier überall Mithörer und nicht alles was ich gesagt habe, wird allen Ohren genehm sein!“

 

Nero und Seneca, Denkmal in Córdoba, von Eduardo Barón ( Bild: Hoshidodshi wiki)
Nero und Seneca, Denkmal in Córdoba, von Eduardo Barón ( Bild: Hoshidodshi wiki)

Ein Gastmahl

Philippos eilt von der Agora durch eine Strasse, die zur römischen Stadt hinauf führt. Am Ende, ehe es den Hügel hinauf geht, steht das Atrium-Haus von Lamprias, einem Weinhändler. Philippus hat neben den anderen Weinen zwei Amphoren süßen Weines aus Sizilien in seiner Schiffsladung mitgebracht.  Als Gastgeschenk und als Ankündigung seines Besuches hat er schon einen Krug des Marsala-Weines zu Lamprias hinauf bringen lassen. Er freut sich auf das Essen, den Lamprias ist ein lebenslustiger  Genießer. Wie er weiß, neigt Lamprias nicht den asketischen Stoikern zu, sondern einer anderen philosophischen Richtung: den Epikuräern. Epikur, der im 3. Jahrhundert v. Chr. lebte, hatte gelehrt, der Mensch müsse sich nicht groß um die Götter und ihre Vorschriften kümmern. Jeder solle die Lebensart wählen, die ihm am ehesten entspricht und „Gesundheit des Leibes und Beruhigung der Seele“ garantiert. „Hedonia“,  „Lust“ ist der einzige, wahre Wert im Leben, aber man soll mit Maßen genießen, da Übermaß schädlich und der Seelenruhe abträglich ist.

 

Nun steht Philippos vor dem Haus. Die Tür zur „Taberna“, wo Lamprios seinen Wein verkauft, ist geschlossen, so klopft er am Haupteingang. Auch hier wird  Philippos von einem Sklaven empfangen und durch das Atrium, den Hof, in einen besonderen Raum geführt. Alles ist hier bescheidener, kleiner als im Haus von Sosipatros, wenn auch sehr gepflegt. Der Sklave hat aus dem „Impluvium“, der Zisterne im Hof, die durch Regen vom Dach gespeist wird, in einer Schüssel Wasser geholt. Sogar die staubigen Füße werden ihm gewaschen. Außerdem erhält er ein bequemes, grünes Gewand für das Gastmahl. Die Sandalen legt er ab. Dann taucht Lamprias auf, klein, rundlich, – nicht gerade der Idealtyp des Griechen, aber sein rötliches Gesicht strahlt freundlich: „Chaire,Willkommen, Freund“, ruft er und führt ihn zum „Triclinium“, dem Gastraum. „Tritt ein, Gast“, zitiert er einen Spruch von Epikur, den dieser am Eingang seines Gartens in Athen angebracht hatte, „ein freundlicher Gastgeber wartet dir auf mit Brot und Wasser im Überfluss, denn hier werden deine Begierden nicht gereizt, sondern gestillt.“ „Na, ja“, fügte er lächelnd hinzu, „ein bisschen mehr gibt es schon, und im Hause eines Weinhändlers findet immer etwas Wein“ und augenzwinkernd fuhr er fort: „sogar Marsala haben wir! Und nichts von Geschäften heute, das hat noch morgen Zeit!“

Sie betreten den Gastraum. Gleich am Eingang ist unübersehbar eine Schrift in großen griechischen Buchstaben mit weißen Keramiksteinchen in den braunen Mosaikboden eingelegt, mit ebensolchen Steinchen umrahmt. Philippos liest: (H)ÄDÜ(S)KOITOS – SÜSS DIE ZUSAMMENKUNFT.  „Das passt zu unserem Epikuräer“ denkt er, „Hedonia“, das ist sein Lebensprinzip.“

 

An den dem Eingang zugewandten Wänden des nicht sehr großen Raumes sind drei „Klinen“, d.h. Liegen, aufgestellt. Auf ihnen lagern sich bereits Gäste, sechs an der Zahl. Immer drei schräg zueinander auf einer Liege, die Füße zur Wand, den Oberkörper halb aufgerichtet, den linken Arm  auf Kissen stützend. Der rechte Arm ist frei. Es sieht alles ein bisschen eng aus, aber das ist man gewohnt. In der Mitte, vor der Eingangstür, steht ein Tisch, bedeckt mit figurenbesetzten Trinkkelchen, Krügen mit Wein und Wasser, sowie Schüsseln mit Speisen. Beim Eintritt der beiden erheben sich die Gäste. Lamprios stellt vor: die Sechs sind Freunde und Kunden des Hauses. Mit Rücksicht auf zwei Kunden italischer Herkunft – einer bekleidet eine bedeutende Stellung in der römischen Ämterhierarchie - redet man nun lateinisch. Das römische „Weltreich“ erwartet selbstverständlich von seinen Bürgern, dass sie Latein beherrschen. Lamprios begibt sich auf die Liege des Gastgebers auf der, von der Eingangstür aus gesehen, linken Wand. Philippos erhält den Ehrenplatz hinter ihm. Der Römer liegt auf der Kline neben ihm – ebenfalls ein Ehrenplatz. Nun erscheint auch Aspasia, die junge Frau des Gastgebers. Mit ihr kommt eine Duftwolke in den Raum. Sie hat sich elegant hergerichtet, nach römischer Mode mit vorn hoch toupiertem, das Gesicht  umrahmenden Lockenhaar, das Gesicht geschminkt, angetan mit einem oben hochgeschlossenen, mit Borten verzierten Gewand. An ihren Fingern glänzen Goldringe mit eingelegten Edelsteinen. Sie lässt sich sitzend neben ihrem Gatten nieder – es gehört sich nicht, dass Frauen auf den Klinen liegen! Die Männer haben sich bei ihrem Eintreten erhoben und verneigen sich, Komplimente fliegen ihr zu.

 

Der Sklave, der Philippos ins Haus geführt hatte und wartend an der Tür stand, füllt nun einen „Krater“, einen großen Mischkrug, mit Wein und Wasser. Dann gießt er das Getränk in Trinkschalen ein. Er reicht sie den Teilnehmern. Lamprios eröffnet das Gastmahl mit der Bitte an den „Genius“, den guten Geist des Hauses, die Zusammenkunft glücklich verlaufen zu lassen. Der erste Schluck aus dem Weinpokal wird zu Ehren des Weingottes Dionysos genommen – den Lamprios natürlich schon von Geschäfts wegen feiern muss - , der Becher wird aber nicht ganz geleert, sondern ein wenig für den Gott in die Luft geschüttet. Dann dürfen die Gäste zulangen. Es ist ein Mahl nach römischer Sitte, das sie erwartet.

 

Zur „gustatio“, der Vorspeise, gibt es einen mit Wasser, Salz und Öl zubereiteten Getreidebrei. Ihn isst man mit einem Holzlöffelchen. Dazu gibt es Eier, Käse, Kichererbsen, Oliven, gekochte Zwiebeln, Lauchstangen und einen Appetit anregenden, mit Essig angemachten Salat aus Kresse und Malvenblüten. Dies griff man mit den Fingern der rechten Hand. Zum Süßen war Honig bereitgestellt worden. Zum allgemeinen „Ah“ wird nun statt des sonst üblichen Honigweins der süße Marsala in die Becher gefüllt. Natürlich loben die Gäste den Spender dieser teuren und raren  Gabe und den Gastgeber für die Reichhaltigkeit der Vorspeisen.

 

Die Vorspeisen werden abgeräumt und es folgt ein Zwischengericht. Der Sklave trägt auf einer großen Platte frisch geschlachtete und gedünstete Meerbarben herein. Sie laufen beim Sterben rot an und schon deshalb gelten sie als besonders luxuriöse Speise. Über den Fisch kippt man Garum, eine langwierige hergestellte scharfe Soße aus Fischbestandteilen. Zum Fisch wird Weizenbrot – in Fladen knusprig gebacken - gegessen. Nach jedem Gang bringt der Sklave eine Wasserschüssel, in der die Finger abgewaschen werden. Jeder Gast hat aber auch eine Serviette erhalten.

 

Nun folgt eine Pause und Gespräche kommen in Gang. Natürlich ist das Hauptthema der Besuch Senecas, über seine Person werden unterschiedliche Meinungen geäußert, das Für und wider seiner Philosophie wird erörtert und schließlich  wendet man sich dem jungen Kaiser zu, den Intrigen am Hof, und was von dem neuen Herrscher zu erwarten sei. Lamprias beendet das heikle Thema, in dem er die „mensa prima“ ankündigt, den Hauptgang.

 

 

Der Kochsklave kommt und trägt in einer großen Schale ein ganzes gegrilltes Ferkel herein. Stehend schneidet er es auf, Würste und Obst quellen heraus. „Ein porcus trojanus“, „ein trojanisches Schwein!“ ruft man begeistert. Das Schwein wird in handliche Stücke zerteilt. Das ist nun allerdings eine „lukullische“ Speise und man greift kräftig zu. Wieder wird Garum dazu gereicht. Zur besseren Verdauung gibt es einen kräftigen Rotwein, der mit weniger Wasser als sonst vermischt wird. Man hält sich aber mit Trinken zurück, denn betrunken zu werden, gilt als unvornehm. Außerdem ist es wenig schicklich, den Raum während der Mahlzeit zu verlassen, um ein etwaiges Bedürfnis zu erledigen. Allerdings steht nun Aspasia auf, winkt huldvoll der Runde zu und verlässt den Raum mit der Begründung, sie müsste sich jetzt um das Baby kümmern. Man ahnt, das war nicht der wahre Grund, denn natürlich hat sie eine Sklavin, die sich um das Kind kümmern kann.

Der Hausherr kündigt nun einen besonderen „Genuss“ an, „Kunst“, wie er sagt, die ja auch zu einem guten Mahl gehöre. Der „Genuss“ kommt nun zur Tür herein: eine mit einem nahezu durchsichtigen Schleiergewand bekleidete Flötenspielerin, eine Hetäre, die Lamprias engagiert hat. Anmutig verneigt sie sich und lässt ihre Reize dabei spielen. Dann beginnt sie auf ihrer Doppelflöte erst sanfte, dann bewegtere Melodien zu blasen. Sie tanzt nicht, das wäre wieder unschicklich gewesen, aber sie bewegt ihren schlanken Körper im Takt, alles zum Entzücken der Herren. Manche Melodie summen sie mit und bewegen sich auch ein wenig im Rhythmus. Beifall belohnt die Darbietung, die – wie Philippos weiß - natürlich auch einiges gekostet hat  Die Dame zieht ab – ein weiteres Verbleiben oder gar Teilnahme an der Mahlzeit wäre unpassend gewesen. Hetären, Musiker und Schauspieler stehen nicht hoch in der gesellschaftlichen Achtung.

 

Nun bekommen auch die Hausgötter ihren Anteil. Ein wenig von dem Fleisch, Wein und ein Kuchen wird zum Hausaltar hinaus getragen und dort unter Anrufungen und Danksagungen deponiert. „Ich halte nicht so viel von ihnen“ flüstert Lamprios Philippos zu, „aber als Geschäftsmann wahre ich die Traditionen.“

 

Zum Abschluss des Mahls – zur „mensa secunda“ -  gibt es Obst und Trockenfrüchte: Trauben, Granatäpfel, Feigen, Datteln, Rosinen. Auch ein safrangelber Kuchen steht zur Verfügung. Hierzu wird Würzwein eingeschenkt, der die Verdauung fördert

 

Man unterhält sich noch eine Weile, dann kommen die Sklaven mit den Sandalen. Das ist das Zeichen zum Aufbruch, und man geht auseinander, wobei der Hausherr wieder viel Lob erhält. Lamprias war befriedigt. „Was tut man nicht alles für´s Geschäft“ dachte er, aber er liebte diese Zusammenkünfte auch, die Geselligkeit, das Essen, die Gespräche…Die Sklaven räumten ab, fegten die Essensreste vom Boden und konnten sich nun selber in der Küche gütlich tun.

 

„Du wirst müde sein“, wandte er sich an Philippos, zeigte ihm die wegen des gemeinsamen Abwasserrohres neben der Küche gelegene Toilette und führte ihn in ein Schlafgemach. „Morgen früh sehen wir uns wieder, dann gehen wir in die Bäder der römischen Stadt. Du wirst staunen, wie großartig sie sind. Sie sind viel moderner und größer als unsere griechischen Bäder. Da können wir uns auch über Geschäfte unterhalten. Mögen die guten Geister des Hauses dir schöne Träume schicken. Gute Nacht!“ Mit diesen Worten verschwand er im ehelichen Schlafzimmer.

Geschäfte

Am nächsten Morgen nahmen sie das „lentaculum“, das Frühstück ein. Es gab Brot, Kräuterquark, Honig und Milch. Lamprias eröffnete seinem Gast, dass einer der römischen Gäste des Vorabends gleich eine Amphore des Marsala-Weines bei ihm bestellt habe. „Er braucht sie ganz schnell, weil er heute abend zur Cena Seneca als Privatgast hat, und er ihm natürlich das beste vorsetzen will. Der Gang ins Bad eilt sowieso nicht, da in den frühen Morgenstunden Frauenbad ist. Wir Männer sind später dran. Aspasia lässt sich übrigens entschuldigen, sie ist ins Bad gegangen, wo sie sich mit Freundinnen trifft. Lass´uns also zum Hafen hinunter gehen und sehen, was du sonst noch an Weinen mitgebracht hast!“

 

Begleitet von zwei Sklaven mit Karren eilen sie durch das morgendliche Gedränge in den Straßen zum Hafengelände, wo in einer bewachten Halle die Waren von Philippos lagern. Lamprios ist von den mitgebrachten Weinen sehr angetan. Kleine Kostproben überzeugen ihn von der Qualität, und davon, dass sie nicht gepanscht sind. „Guter italischer Wein ist hier sehr gefragt“, meint Lamprias. „ Wir Griechen haben ja hier zu Lande den Wein eingeführt, aber der taugte nicht viel. Die Weinanbaumethoden haben sich zwar verbessert, seitdem römische Kolonisten auf ihren Höfen sich ihrer angenommen haben, aber was hier wächst und gekeltert wird, ist gerade mal gut für das einfache Volk.“

 

So wird man auch diesmal schnell handelseinig. Die Sklaven laden die in Ständern aufrecht stehenden, unten spitz zulaufenden Amphoren auf die Karren und bringen sie in das Haus von Lamprios. Dort angekommen, zahlt der Weinhändler Philippos aus, der wieder eine schöne Menge emporitischer Silbermünzen einstreichen kann. Bis auf ein „Taschengeld“ überlässt er auch hier den Schatz seinem Geschäftspartner zur Aufbewahrung, „ denn“ - so meint Lamprias – „unsere Taschendiebe auf den Straßen sind sehr geschickt und in den Bädern sind sie besonders aktiv…“ Lamprios will unbedingt den Marsala-Wein persönlich überbringen, denn Gaius Aemilius Montanus ist ein guter Kunde und als Magistratsmitglied ein einflussreicher Mann. Derzeit ist er als "Aedil" in der römischen Verwaltung für die öffentlichen Gebäude, Strassen, Märkte und  Spiele im Theater zuständig. Außerdem hat er die Polizeigewalt inne. Lamprias möchte auch, dass sein Gast das Haus des Römers sieht: „Sehenswert“ meint er. Wieder begleitet von einem Sklaven, der die Amphore trägt, machen sie sich auf den Weg.

In Emporion gefundener Münz-Schatz
In Emporion gefundener Münz-Schatz

Auf dem Weg in die römische Stadt

Mythologischer Trauerzug (Achilles auf der Totenbahre?)
Mythologischer Trauerzug (Achilles auf der Totenbahre?)

Als sie aus dem Haus treten, zieht ein Trauerzug vorbei. Eine Bahre wird vorüber getragen, unter der Decke zeichnet sich eine kleine Gestalt ab, offenbar ein früh verstorbenes Kind; die Eltern und Angehörige und zwei Klageweiber laufen verhüllt und weinend hinterher. Eine Sklavin, vielleicht das Kindermädchen, trägt eine Urne und einen Korb mit Kinderspielzeug, Tonpuppen, Schüsselchen, eine Rassel… „Traurig“, meint Lamprias und denkt an seinen kleinen Sohn. Er weiß, viele Kinder erreichen nicht das Erwachsenenalter. Mitleidig blickt er dem Zug nach, der auf dem Weg zur Stadt hinaus ist. Tote müssen außerhalb der Stadt bestattet werden, fern von den Lebenden. Tote sind „unrein“; umherirrende und böse Geister der Verstorbenen, „Lemuren“ und „Larven“, sollen die Lebenden nicht belästigen. Rings um die Stadt, an den Wegen und vor allem auf dem Hügel westlich der Römerstadt liegen die „Nekropolen“ mit ihren Erinnerungsmälern. Dort wird die Leiche auf einem Scheiterhaufen verbrannt, die Urne mit der Asche und den Resten gefüllt und mit den Grabbeigaben in eine Grube versenkt. „Ob der Kleinen die Spielzeuge im Totenreich noch nützen werden?“ denkt Lamprias. Er und Philippos wenden sich ab. „Carpe diem“ murmelt Lamprias.

Urne eines Kindes mit Grabbeigaben
Urne eines Kindes mit Grabbeigaben

Sie verlassen die Häuser der „Neapolis“ und steigen den Hügel hinauf zur römischen Stadt. Beide Städte sind zusammengewachsen und von einer jetzt gemeinsamen Mauer umgeben. Die östliche Ummauerung des alten römischen Quartiers wurde beseitigt. Die frei gewordenen Flächen sind jetzt mit Gärten bedeckt. Obstbäume ragen über niedrige Mauern: Granatäpfel leuchten rot, an anderen sieht man gelbe Quitten und Birnen und gewöhnliche Äpfel hängen, auch Pfirsich- und Aprikosenbäume sind zu erkennen. Die schön angelegten Gärten, Brunnen, Altären und Figuren versehen, gehören zu den großen Häuseranlagen davor, die die beiden bald erreichen.

 

Sie gelangen auf eine breite gepflasterte Straße, die sich von Süden nach Norden zieht, es ist die Verlängerung der Hauptstraße der römischen Stadt, des „Decumanus maximus“. Auf der Straße flanieren in Togen bekleidete Menschen in beide Richtungen – Lamprias grüßt einige würdig einher schreitende Gestalten  mit einem höflichen „Salve“ und angedeuteter Verbeugung -  auch Sklaven mit Einkaufkörben eilen zu Häusern. Es geht aber ruhiger zu, als auf der Hauptstraße der griechischen Stadt. Lamprius weist auf ein „insula“ vor ihnen hin, ein Viertel mit einem Gemenge von Bauten. „Das sind die römischen Bäder“, erklärt er. „Und hier auf der anderen Seite der Straße sind die Häuser der Wohlhabenden und Amtsträger.“ Sie wenden sich nach links und gehen an einer lang gestreckten zusammenhängenden Häuseranlage vorbei. Vor der Pforte des letzten großen „domus“ (lat. Haus) das sich zweistöckig vor ihnen erhebt, machen sie Halt. Sie werden durch ein Atrium geführt, im italischen Stil, ohne Säulenumgang, mit Zisterne in der Mitte, die vom Dach gespeist wird. Ringsum die Räume. 

Ein einflussreicher Römer

Rekonstruktion eines "Tablinums" (Empfangsraum) (Bild: ancientvine.com)
Rekonstruktion eines "Tablinums" (Empfangsraum) (Bild: ancientvine.com)
Das ausgegrabenen "Domus" (Haus) 2 in der römischen Stadt mit Atrium vorne,  Zisterne in der Mitte  und Peristylgarten hinten
Das ausgegrabenen "Domus" (Haus) 2 in der römischen Stadt mit Atrium vorne, Zisterne in der Mitte und Peristylgarten hinten
Statue einer Nymphe aus einem Garten der römischen Stadt
Statue einer Nymphe aus einem Garten der römischen Stadt

Der „Pater familias“, der  Hausherr, empfängt sie im „tablinum“, dem Wohn- und Empfangsraum. Der Raum ist mit farbigen Wandmalereien verziert.

 

Auf der einen Seite sieht man einen Krieger, der einen alten Mann auf den Schultern trägt, an der Hand einen Knaben. Im Hintergrund eine brennende Stadt. Auf der anderen Seite landen Schiffe an einem Gestade. Inschriften lassen erkennen, dass es sich um Aeneas, den Stammvater der Römer, handelt, der mit Vater und Sohn aus Troja flüchtet und nach langer Irrfahrt in Latium landet. Der Dichter Vergil hat die Geschichte in der Zeit das Kaisers Augustus in dem Epos „Aeneis“ geschildert.

 

Natürlich ist die Begrüßung herzlich, man kennt sich und der gestrige Abend wird noch einmal lobend erwähnt. Der Sklave, der sich im Hintergrund gehalten hat, kommt auf einen Wink herbei und setzt die Amphore ab. Gaius Aemilius ist über die schnelle Lieferung beglückt. „Den Wein kenne ich ja schon“, sagt er, „und ihr, Philippos und Lamprias, seid bewährte Garanten der Qualität. Seneca und meine anderen Gäste heute abend werden sich freuen.“ Und zu dem Sklaven gewandt: „Ab  mit der Amphore in die kühle Küche!“

 

„ Ihr werdet doch sicher eine Einladung zu einem kleinem Imbiss in meinem „hortus“, dem Garten, nicht abschlagen“ wendet er sich an Philippos und Lamprias. Durch eine hintere Tür geht es in den Garten hinaus, der von einem Säulenumgang umgeben ist – ein quadratischer Garten mit Zierbüschen. Ein rund ummauerter Brunnen ist zu sehen. Eine Nymphe lagert sich vor ihm. Hinter ihm erhebt sich ein kleiner Altar. Daneben steht ein gedecktes Tischchen mit Brot, Schinken, Käse, Trockenfrüchten und Obst und drei schon mit Wein gefüllten Pokalen. Man wäscht sich die Hände. Der Hausherr gießt ein wenig Wein auf den Altar – zu Ehren „unseres großen Gottes Aeskulapius“ – und dann noch ein kleiner Guss – zu Ehren des „Divus Caesar Augustus“, des  göttlichen Kaisers Augustus, und seinem „Sohn“  Nero Claudius Caesar . „Und nun greift zu!“

 

Beiläufig während des Essens und des Gespräches erledigen der Römer und Lamprias die Frage der Bezahlung des Marsala-Weines. ( Lamprias bekommt das Geld beim Weggang vom „Finanz-Sklaven“ des Hausherrn ausgehändigt.)

 

Philippos hat inzwischen Zeit, den Altar zu betrachten: auf der vorderen Front ist ein Hahn aufgemalt – „natürlich, das heilige Tier des Asklepios“, denkt er. Der Römer bemerkt seine Blicke: „Ich habe den Altar von einem bekannten Künstler gestalten lassen“, sagt er. „Schaut ruhig einmal nach hinten, da werdet ihr das andere Tier entdecken, das dem Gotte heilig ist, die Schlangen.“ Tatsächlich, zwei Schlangen winden sich aus einer Vase über einen Pinienzapfen heraus und umringeln die Altarseiten. Normalerweise symbolisieren sie die guten Hausgeister, aber Gaius Aemilius scheint sie mit dem von ihm verehrten Aeskulapius in Verbindung zu bringen. Und er fügt leise hinzu: „ Ich habe dem Gott zu danken, er hat mich von einer schweren Krankheit geheilt.“ 

Ein kunstvolles Mosaikbild

„Ich zeige euch noch etwas anderes“, sagt er. Sie schreiten durch den Garten und den Säulengang zu gegenüberliegenden Gebäuden, die  auch zum Anwesen gehören und treten in einen Saal ein. Durch die Tür und ein kleines Fenster fällt das Licht auf ein Mosaikbild in der Mitte des Raumes. Die Griechen erkennen sofort, dass es eine ihrer alten Geschichten darstellt.

Eine weissgekleidete Frau mit Tuch über dem Kopf wird von zwei in rötlichen Tönen gehaltenen Männern mit entblößten Oberkörpern zu einem umkränzten Altar geführt. Der linke stützt trauernd seinen Kopf auf den  Arm. Unter ihm ruht ein Schild an einer Säule. Der andere umklammert mit der Linken fest eine Hand der Frau, mit der anderen hält er eine Lanze hoch und blickt entschlossen. Neben ihm ein weißgekleideter Mann, der rückwärts zu einer Gruppe von Menschen, zwei Frauen und zwei Männern, blickt, die aus einem baldachinartigen Zelt hervorschauen. Rechts von dem weiß Gewandeten ein weiterer braun-rot getönter, lockiger Mann mit gesenkter Lanze, der vom Geschehen wegsieht. Darunter ein nackter Knabe, der eine Gabenschale mit Schleier trägt. Hinter den fünf Personen im Vordergrund erhebt sich eine Herme (Säule), auf der zwei kleine Gestalten stehen, ein heller Mann mit gesenkter Lyra und eine dunkle Frauenfigur mit Strahlenkranz und Bogen, die dem Lyraspieler etwas zu erklären scheint. Über den Zelten standartenartige Schilder, die zu einer Frauenfigur am rechten oberen Rand hinleiten, die einen sich aufbäumenden Hirsch am Geweih hält. Die Szene ist von Zypressen umrahmt; unter einem  Baum mit abgehaunen Ästen am Stamm, der aber in grüne, mit kleinen Blüten besetzte, Fächerbüschel  ausläuft – eine Tamariske? -,  sitzt ein finster blickender Krieger mit Schild.

 

Alle drei kennen die sagenhafte Geschichte, mit der sie in der Kindheit von ihrem „Paidagogos“, ihrem griechischen Lehrersklaven, bekannt gemacht wurden. Sie kennen auch die Bearbeitung des Stoffes durch den griechischen Tragödiendichters Euripides, dessen Tragödie 406 v. Chr. in Korinth uraufgeführt wurde. Das Bild zeigt „Iphigeneia in Aulidi“.

 

Das griechische Heer lag zur Abfahrt nach Troja bereit in Aulis in Böotien. Aber Windstille hindert die Flotte am Auslaufen. Der Seher und Priester Kalchas wird befragt. Die Ursache ist ein Vergehen des Heerführers Agamemnon. Er hat in einem heiligen Hain der Göttin Artemis eine Hirschkuh erlegt und sich als der bessere Jäger gerühmt. Artemis verlangt als Sühne die Opferung Iphigenies, der jungen Tochter Agamemnons. Iphigenie wird durch eine List mit der Mutter Klytaimnestra und ihrem kleinen Bruder Orestes nach Aulis gelockt. Sie soll den Helden Achilleus heiraten. Menelaos, der Bruder Agamemnons, und Achilleus wollen die Opferung verhindern. Doch unter dem Druck des griechischen Heeres entschließt sich der erst zaudernde Agamemnon, die Opferung zu vollziehen. Iphigenie fasst nach langem Ringen den Entschluss, sich freiwillig zum Wohle des griechischen Vaterlandes, das gegen die „Barbaren“ kämpft, zu opfern. Doch Artemis ersetzt das Menschenopfer durch einen Hirsch und hebt Iphigenie hinweg nach Kolchis, wo sie der Göttin als Priesterin dienen soll. Die Flotte kann auslaufen.

 

Dem entsprechend sind auf dem Bild im Vordergrund der das Geschehen bedauernde Achilleus – mit dem niedergelegten Schild - neben dem entschlossenen Agamemnon zu sehen. Rechts von ihm der sich abwendende Menelaos mit gesenktem Spieß. In der Mitte, schicksalsergeben, Iphigenie. Der weiß gekleidete Mann ist der Priester Kalchas, der die Opferung durchführen soll. Der kleine Knabe stellt Orestes dar, der Hochzeitsgabe- und -schleier mitgebracht hat. Im Hintergrund Klytaimnestra mit ihrem Gefolge. Auf der Säule wohl eine Anspielung an die dichterischen Gestaltungen der Geschichte: Artemis erklärt dem „Sänger“ das Geschehen. Oben rechts im Bild bringt Artemis das Opfertier herbei. Unter der Tamariske eine Personifikation des griechischen Heeres. Die Zypressen sind Symbole der Trauer, die Tamariske gilt als Lebensbaum.

 

„Eine großartige Darstellung, findet ihr nicht auch?“ preist Gaius Aemilius das Bild. „Welcher Ausdruck in den Gesichtern und Gestalten! Wie sprechend die Farben! Der Entwurf stammt von einem griechischen Maler und das Mosaik ist vor kurzem fertig geworden. Ich möchte diesen Raum für die privaten Treffen unseres Priesterkollegiums zur Verfügung stellen“ fährt er fort. "Wie ihr wisst, gehöre ich zu den „Pontifices“, den Priestern, die für den Kult der auf dem Kapitol verehrten Staatsgottheiten Jupiter, Juno, Minerva und Augustus zuständig sind. Ich bin der „flamen“ (Eigenpriester) des Divus Augustus. Wenn wir uns hier treffen, erinnert uns das Bild immer daran, wie wichtig es ist, die Götter des Vaterlandes zu verehren und ihnen Opfer zu bringen. Wir Römer haben zwar die Menschenopfer abgeschafft, die bei den Barbaren wie Kelten und Germanen immer noch üblich sind, und wie sie die Iberer und Punier praktizierten, ehe wir sie befriedeten. Wir opfern unsere Kriegsgefangenen nicht, sondern geben ihnen die Chance, sich als Sklaven oder als Gladiatoren zu bewähren. Aber dass die Götter, mit denen unser Staat verbunden  ist, nach alter Sitte und vorgeschriebenem Ritus Opfer erhalten, damit sie uns schützen, das halten wir für unaufgebbar. Privat mag jeder seine verschiedenen Götter verehren, aber die Verehrung der Staatsgötter ist für jeden Bürger des römischen Imperiums Pflicht. Doch wir sollen nicht nur den staatstragenden Göttern opfern, sondern uns selbst für das Wohl des Staates hingeben, wenn es die Stunde verlangt. Unsere Soldaten, Feldherren und großen Staatsmänner haben uns dafür hervorragende Beispiele gegeben.“

 

Philippos und Lamprias blicken sich an. Ihnen scheint, dass weder der Künstler des Bildes, noch Euripides diesen Opferheroismus teilen. Die Mienen von Iphigenie, Klytaimnestra und Menelaos auf dem Mosaik sprechen eine andere Sprache. Bei Euripides erscheinen Priester und die Göttin in keinem guten Licht. Iphigenie bleibt wohl kein anderer Ausweg übrig - wenn sie ihre Würde bewahren will - als sich freiwillig zu opfern. Und als Priesterin der Artemis in Kolchis scheint sie nicht glücklich geworden zu sein, sonst wäre sie nicht später mit ihrem Bruder Orestes geflohen. Die beiden Griechen sagen aber nichts, sondern bewundern das Bild weiter.

 

Als sie sich verabschieden, gibt ihnen Gaius Aemilius noch etwas auf den Weg mit: „Ich möchte Euch darauf aufmerksam machen, dass heute Nachmittag in unserem Amphitheater ein bedeutendes Ereignis stattfindet. Wir begehen den Tag der „Ludi Romani“, an dem in Rom zu Ehren Jupiters, Junos und Minervas szenische Spiele römischer Herkunft stattfinden, was wir auch hier so halten. Sonst verlangt das Volk ja nach Possen („Mimus“), Lustspielen und Gladiatorenwettkämpfen. Heute wird aber Senecas neueste Tragödie „Agamemnon“ aufgeführt – im Beisein des Autors! Als Griechen kennt ihr ja sicher das Werk eures großen Tragödiendichters Aeschylus mit dem gleichen Titel und ich muss euch nicht erzählen, dass es hier um das tragische Schicksal Agamemnons nach seiner Rückkehr aus Troja geht, der von seiner Gattin Klytaemnestra und ihrem Geliebten Aegisthus ermordet wird. Seneca hat den Stoff auf seine und römische Weise bearbeitet. Ich habe keine Kosten gescheut und eine Schauspieltruppe aus Tarraco verpflichtet. Ein bekannter Pantomime ist dabei, der einige der Szenen gestalten wird. Ich lade euch zu der Aufführung ein. Ihr solltet aber auch die Opferfeier auf dem Kapitol vor dem Beginn der Spiele nicht versäumen."

Ein Besuch in den öffentlichen Bädern

Die beiden lassen sich die Einladung durch den Kopf gehen, eilen aber nun zum „balneum“. Mit ihnen streben andere Männer zum Eingang, denn nicht jeder hat die Möglichkeit, sich zu Hause gründlich zu reinigen. Und außerdem sind die Bäder ein Ort der Geselligkeit, wo man sich gerne trifft. Dass schon viele diesem Vergnügen nachgehen, hört man an dem Geschrei, das aus den Badehallen auf die Straße dringt. Philippos und Lamprias bezahlen ein kleines Eintrittsgeld, das der Pächter der Anlage erhebt. Dass sich nahezu jeder den Eintritt erlauben kann, dafür sorgen städtische und private Subventionen - Sklaven sind allerdings ausgeschlossen, es sei denn sie begleiten ihren Herrn.

 

Die beiden treten ein und kommen an der „palaestra“ vorbei, einem freien Platz, wo Männer sich aufwärmen, gymnastische Übungen und Ballspiele betreiben oder sich den Schweiß abreiben und salben. Dazu haben die beiden keine Lust und so gehen sie zum „apodyterium“, dem Umkleideraum, dessen Boden mit einem runden Mosaik mit geometrischen Figuren und maritimen Symbolen belegt ist. Sie verstauen ihre Kleider in Nischen – ein Wächter erhält einen kleinen Obulus. Von ihm mieten sie auch Handtücher und Holzschuhe. Nackt – hier sind alle gleich, arm und reich – betreten sie die weiteren Räume. Die Treppen zur „natatio“, einem kleinen Schwimmbecken, steigen sie nicht hinunter, das ist ihnen noch zu kalt. Auch die Temperatur im nächsten Raum, dem „frigidarium“, ist, wie der Name sagt, noch kühl, doch sie benutzen eines der kleinen Becken, um eine Erstreinigung und Abkühlung vorzunehmen, die die folgenden warmen Bäder angenehm empfinden lässt. Im „tibidarium“ ist es schon wärmer, und das darin befindliche Becken hat eine angenehme Temperatur. Dann kommt ein „Schwitzgang“ im „sudatorium“, wo der heiße Dampf die Poren öffnet. Danach geht es ins „caldarium“, wo eine hohe Temperatur herrscht und dessen heißes Wasser angenehm entspannend wirkt.

 

Die Wärme in den entsprechenden Räumen und den Böden wird durch eine Unterbodenheizung („Hypokaust“) gewährleistet. Unter dem durch Ziegelsäulchen gestützten Boden zirkuliert Luft, die in einem großen Ofen erhitzt wird.

 

Sie absolvieren mehrfach die Runde durch die verschiedenen Räume, wobei sie dann auch einige Züge im Schwimmbecken machen. Dazwischen lassen sie sich von einem Masseur verwöhnen und einölen und nehmen Saftgetränke zu sich. In den Räumen geht es ziemlich eng her, und es herrscht ein hoher Geräuschpegel, aber das gehört zu einem Besuch der „Thermen“.

 

Natürlich besitzt eine solche Anlage auch einen „locus“ für bestimmte Bedürfnisse, die „latrinae“. Hier sitzen die Männer in Reihen auf Holzbänken, die mit einem runden Loch versehen sind, das sogar eine Aussparung für die Urin führenden Teile besitzt. Die Exkremente werden von einem Wasserlauf unter den Bänken in die Zentralkloake gespült. Kein „stilles Örtchen“! Beim Besuch der Latrine kommt Philippos neben einem iberischen Getreidehändler zum Sitzen, den er sowieso aufsuchen wollte. Philippos will auf der Rückfahrt Getreide in Italien verkaufen und so macht er mit dem Iberer aus, dass sie sich am Abend in dessen Haus außerhalb der Ummauerungen treffen, wo er dann auch an einer späten Cena teilnehmen und übernachten kann. Bei den weiteren Bade- und sonstigen Tätigkeiten kommt der Iberer mit, und Philippos hat Gelegenheit, sich mit ihm zu unterhalten.

Begegnung mit einem Iberer

Grabstele eines iberischen Kriegers aus Emporion. Die Spirale stellt seine eingerollte Lanze dar, ist aber auch ein Symbol der Wiedergeburt
Grabstele eines iberischen Kriegers aus Emporion. Die Spirale stellt seine eingerollte Lanze dar, ist aber auch ein Symbol der Wiedergeburt

Die Iberer haben sich inzwischen an die griechisch-römische Lebensweise angeglichen. „Manche, die sich gar nicht an die neue Zeit gewöhnen können“, - so erzählt Bartasko – „halten den römischen Badebetrieb noch für dekadent. In der Hauptstadt der Indiketen im Landesinneren gab es - trotz aller von den Phöniziern und Griechen übernommener Zivilisation – solche Badeanstalten nicht. Aber die große Stadt ist längst verlassen, „olea stretum“, die Stechpalme, hat von ihr Besitz genommen. Der alte Name ist versunken, nach ihr benennt man sie jetzt. Unsere Sprache und unsere Schrift kennt kaum noch jemand. Aufstände gegen die Römer, die die ganze iberische Halbinsel zum wichtigen Teil des Imperiums gemacht haben, gibt es nicht mehr. Als letzte Widerständler hat Augustus die Kantabrer besiegt. Wir Iberer hier sind römische Bürger geworden und profitieren von der „Pax Romana“, dem Frieden, von den Straßen, dem Handel und der römischen Lebensweise. Aber ich bin stolz darauf, von einem Volk abzustammen, das vor den  Griechen und Römern hier lebte und im Austausch mit anderen Völkern eine große Kultur aufbaute.

 

Manchmal“ – so fährt er fort – „wenn ich auf die Bauernhöfe übers Land fahre, um Getreide einzukaufen, mache ich einen Abstecher in unsere vergangene Hauptstadt. Ich wandere den Hügel hinauf, auf dessen Hang sie sich erstreckte. Ich staune dann über die Reste der gewaltigen Mauern mit ihren Türmen, gehe durch eines der verfallenen Tore, schreite durch die verlassenen Straßen mit ihren Häuser- und Tempelruinen, sehe in die zugeschütteten Zisternen und Vorratsgruben, blicke auf den See hinab, der unter dem Hügel erglänzt, und schaue in das weite fruchtbare Land, das wir einst beherrschten. Ihr solltet einmal mitkommen“, meint er zu Philippos und Lamprias. „Gern“, murmeln diese, „aber wir sind sehr beschäftigt“.

Auf dem Weg zum Forum

Philippos und Lamprias kommen erfrischt und erholt aus den Bädern. Lamprias will seinem Geschäftsfreund das römische Forum und das Kapitol zeigen. Sie verlassen das Viertel der Reichen. Rechts vor ihnen erheben sich die Mauern des Forums. Die Rückseite eines langgezogenen Gebäude überragt sie.

 

Links von der großen Strasse, auf der sie wandern, geht eine kleine Seitengasse in die dicht bebauten „insulae“ ab, in der die Ärmeren in Mietswohnungen wohnen, Jeder Hauskomplex bildet ein Viereck mit einem Innenhof. Die Wohnungen bestehen aus ein oder zwei Zimmern. Hier hausen ausgediente Soldaten, Handwerker, kleine Händler, Sklaven. In den unteren Stockwerken sind die Türen offen, man sieht Handwerker bei der Arbeit. Die Wohnungen sind dunkel, sie besitzen keine Toiletten, keinen Wasseranschluss, wegen der Brandgefahr auch keine Feuerstelle, ein Kohlebecken muss genügen. Eine Zisterne befindet sich im Innenhof, und es gibt öffentliche Toiletten. Obwohl die Behörden es verbieten, wird Unrat auf die  Straßen geworfen, und es stinkt ziemlich.

 

Eine Gruppe von beschäftigungslosen jungen Männern mustern die beiden gut gekleideten Griechen abschätzend. Da rennen andere in eine Seitengasse rechts vor der Nordmauer des Forums. Angebaut an die Mauer reiht sich Laden an Laden, eine Art Markt. Gleich am Anfang steht ein Bäcker vor einem Berg dicker runder Brote auf einem Tisch „Spende des ehrenwerten Aedils Gaius Aemilius Montanus!“ ruft er. Die Menschen reißen sich um das Brot.  

Philippos und Lamprias schlendern rund  rund 120 m an der Ostmauer des Forums weiter. Dann biegen sie rechts Richtung Eingang ein. Auch hier befindet sich eine Ladenstraße. In einer „Grillstube“ nehmen sie ihr „Prandium“, das Mittagmahl, zu sich: Fisch, Braten, Brot und Oliven. Der Koch kippt Garum darüber. Während der Mahlzeit belehrt Lamprios Philippos über die bevorstehende Besichtigung: „ Du wirst gleich sehen,  welch prächtiges Zentrum der Stadt und ihrer Herrschaft die Römer hier errichtet haben. Ich nehme an, dass an dieser Stelle schon Cäsar und Augustus von ihren siegreichen Feldzügen in der Hispania eingezogen sind und den kapitolinischen Göttern geopfert haben. Caesar hat dann hier verdiente Soldaten angesiedelt. Augustus hat dafür gesorgt, dass ein repräsentatives Forum nach dem Vorbild Roms errichtet wurde. Doch wir sollten nun aufbrechen. Ich sehe, die Leute strömen schon zur Opferfeier.“ 

Rekonstruktion des Forums in Rom (Bild: amadscientist in wiki)
Rekonstruktion des Forums in Rom (Bild: amadscientist in wiki)

Auf dem Forum

Am Toreingang ist eine Kupfertafel angebracht: darauf sind die Stadtgesetze geschrieben. Die beiden fallen einige Zeilen zum Wahlverfahren der Stadtpatrone in die Augen.

 

Das „Municipium emporiae“ wurde durch einen Rat der „decuriones“ oder „curiales“ regiert. Die Volksversammlung wählte sie aus dem Stand der „decuriones“ in dieses Amt auf Lebenszeit. Der „ordo decurionum“ im Municipium Emporiae setzte sich  aus reichen Händlern, ehemaligen hohen Beamten, Militärangehörigen oder Römern vornehmer Herkunft zusammen. Mitglied der Decurionen zu sein, brachte  große Ehre ein, aber man hatte auch die unangenehme Aufgabe, Steuern einzuziehen und nach Rom abzuführen. Der Rat wählte die „patrones“ der Stadt,  eine Art Schutzherren, die die Gemeinde in Rom vertraten, und bestimmte auch die Besetzung der Ämter. Immer zwei Personen wurden für je ein Amt benannt, wobei die Amtszeit ein Jahr währte. „Bei uns muss man Beziehungen zu den Einflussreichen haben und sie pflegen“, meint Lamprias, in Emporion wie im ganzen römischen Reich herrscht eine ziemliche Klüngelwirtschaft! Wenn man nicht zur herrschenden Klasse gehört und über wenig Mittel verfügt, sucht man sich am besten einen mächtigen und reichen „Patron“, dem man dann aber als „Klient“ zu allerlei Hilfeleistungen verpflichtet ist, z. B. indem man ihm seine Wahlstimme gibt und andere dazu bewegt, für ihn zu stimmen.“

So könnte es auf einem römischen Forum/Kapitol in der "Provinz" zugegangen sein (Bild: Droemer/Knauer, Die Welt der Antike)
So könnte es auf einem römischen Forum/Kapitol in der "Provinz" zugegangen sein (Bild: Droemer/Knauer, Die Welt der Antike)

Die beiden sind in einen Säulengang eingetreten, der das Forum auf drei Seiten umgibt. Vor sich sehen sie eine große Fläche. Auf ihr stehen verstreut Statuen von Patronen der Stadt und bewährten Amtsträgern. Der  rechteckige Platz wird am Ende vom Tempelbezirk, dem „Capitolium“, begrenzt. Eine Mauer trennt den heiligen vom profanen Bereich ab. In der Mitte erhebt sich ein großer zentraler Tempel. „Das ist natürlich der Tempel der kapitolinischen Trias“ (Dreiheit), erklärt Lamprias „Jupiter (Optimus Maximus – der beste und Größte), als „pater familias“ der Götter ist Vertreter der Herrschaft des Mannes und Schutzherr des Staates;  Juno (Regina – die Himmelkönigin), als seine Gattin fungiert als Repräsentantin des Weiblichen und Schutzherrin der Ehe; Minerva, die dem Haupt des Jupiter entsprungene Tochter, wirkt als Förderin der Klugheit, der Künste, des Handwerks und des städtischen Lebens. 

Kapitolinische Trias: Juno, Jupiter, Minerva - Archäologisches Museum Palestrina (Bild: luiclemens en.wikipedia)
Kapitolinische Trias: Juno, Jupiter, Minerva - Archäologisches Museum Palestrina (Bild: luiclemens en.wikipedia)

Klug von den Römern, diese Götter zu Staatsgöttern zu machen: da haben wir alles, was die Gesellschaft zusammenhält“, meint Lamprias ironisch. Aber die drei genügen Ihnen noch nicht. Rechts und links siehst du kleinere Tempel, einer der linken – an dem unser verehrter Gaius Aemilius amtiert – ist  der Roma, der „göttlichen Mutter Rom“ und dem Gaius Octavius gewidmet – durch Senatsbeschluss  „Augustus“, der Erhabene, dann „pater patriae“, Vater des Vaterlandes, und schließlich posthum als  „Divus Augustus“ zum Staatsgott ernannt. Das nenn´ ich einen Aufstieg!

 

Doch nicht nur die Mächtigen haben hier ihre Götter. Ganz rechts siehst du einen weiteren kleinen Tempel. Er ist der „Tutela“ gewidmet. Das ist eine hier in der Tarraconensis viel verehrte Schutzgöttin der Sklaven und der Bauhandwerker (die ja meistens Sklaven sind). Du wirst es nicht erraten – der Tempel wurde von unserem großen Wohltäter Gaius Aemilius Montanus gestiftet! Ich frage dich: Warum wohl?“ „Ich nehme an, für seine Sklaven“ erwiderte Philippos.“ „Allerdings“ fuhr Lamprias fort. „Es arbeiten ziemlich viele für ihn in den Metallwerkstätten vor der griechischen Stadt. Er weiß also schon, warum er das getan hat! Die Römer sind auch großzügig bei der Aufnahme von fremden Gottheiten in ihren Götterhimmel, sofern sie sich einfügen! Und so haben nun auch die Untersten der Gesellschaft ihre Vertretung auf dem Kapitol!

 

Und damit alles auch alles recht imperial aussieht, hat man hinter den Tempeln einen breit hin gelagerten Säulengang errichtet, in dem man das Heiligtum umwandeln kann. Und nicht nur oberirdisch – im unteren Stockwerk befindet sich noch einmal ein solcher Gang, falls es oben einmal zu heiß werden sollte, und vielleicht auch für geheime Gespräche geeignet!  Schau mal nach rechts, Philippos, die große Halle, das  ist die „Basilica“, hier finden Versammlungen statt. In der Basilika geht man zur „curia“ durch, in der die Ratsherren sich treffen. Dort finden auch die Gerichtsprozesse statt – unter dem Standbild des Kaisers. Wer hier als Bürger vorgeladen wird, sollte sich einen tüchtigen Rechtsanwalt mitnehmen – oder vorher einige kräftige Spenden abdrücken, am besten beides!"

Inzwischen haben sich eine Menge Menschen vor dem Haupttempel versammelt. Zu dem Podium vor ihm mit dem Opferaltar führt eine breite Treppe hinauf. Hinter dem Podium befindet sich eine Säulen gestützte Vorhalle. Man hat das Tor des Tempels geöffnet, damit die sich wohl in verschiedenen „Cellas“ befindlichen Götter dem Geschehen beiwohnen können – sehen kann man die Götterstatuen aber nicht. 

Stierbild als Altarverzierung
Stierbild als Altarverzierung

Nun wird ein weißer Stier zum Podium herangeführt. Vorsichtig zieht man ihn die Stufen hinauf. Er lässt es mit sich geschehen und steht ruhig vor dem Altar. Das gilt als gutes Zeichen! „Wahrscheinlich hat man ihm eine Beruhigungsinfusion verabreicht“ flüstert Lamprias seinem Begleiter zu. Der weiß gekleidete  und mit einer Kappe angetane Oberpriester, der „flamen dialis“ steht mit anderen Priestern und Helfern bereit. Er wäscht sich die Hände, wendet sich dem Tempel zu, gießt Wein und streut mit Salz vermischtes Mehl über den Altar. Laut schallt seine Stimme:

 

„Jupiter, Heil sei dir durch dieses Mahl, das dir gegeben wird, Heil sei dir durch den Wein und die Frucht des Feldes, die dir dargebracht werden…“

 

Auch über den Kopf des Tieres wird Wein gegossen und Mehl gestreut. Dann betet der Priester laut mit hoch erhobenen Händen:

 

„Jupiter, Juno und Minerva, die ihr in Ländern und Meeren waltet, ich flehe euch an, dass, was jetzt geschieht und geschehen wird, die Spiele, die wir euch zu Ehren am heutigen Tage abhalten, zum Nutzen sein werden für das Staatsvolk und die Menschen dieser Stadt. Möget ihr alles unterstützen und wohl gelingen lassen, mit Eurer Hilfe.“

 

Dann durchtrennt ein Helfer mit einem kräftigen Beilhieb den Nacken des Opfers, es bricht zusammen, ein anderer stößt ihm ein Messer von unten durch die Kehle. Das Blut wird aufgefangen und  auf und um den Altar ausgegossen. Nun wird das Tier auf den Opfertisch gehievt, mit Wein und Mehl besprengt und in Stücke zerteilt. Die Eingeweide werden mit Messern herausgenommen, auf Tücher gelegt und sofort von „Haruspices“, Eingeweideschauern, begutachtet. Sie bedeuten Volk und Priestern, dass die Götter dem Vorhaben günstig gesinnt sind. Der Oberpriester reicht an die  Umstehenden einen Becher Wein, aus dem sie einen Schluck zu sich nehmen. Die Eingeweide werden dann auch mit Wein und Mehl besprengt und auf dem Altar verbrannt. Zu allen Vorgängen wird Weihrauch entzündet. Dann werden Teile des Opfertieres auf eine große Pfanne gelegt und verbrannt. Der Rest wird beiseite geschafft –  für die Priester oder zum Verkauf als Opferfleisch.

 

Ein "Zeichen" am Tor der römischen Stadt

"Kulturspaziergänger" auf dem Weg vom Forum zum Tor
"Kulturspaziergänger" auf dem Weg vom Forum zum Tor

Philippos und Lamprias haben sich von dem blutigen Geschehen abgewandt, sie streben dem Ausgang zu.

Vor dem Tor erstreckt sich schnurgerade der gepflasterte Decumanus Maximus. Sie wandern die Straße entlang und mit ihnen strömen viele Menschen aus den Seitenstraßen der umliegenden „insulae“ dem Stadttor am Ende der Straße zu. Erst säumen Läden den  Weg, dann folgen gedeckte Säulen an den Rändern. Ein erhöhtes Trottoir. schützt die Fußgänger vor dem Verkehr, der aber heute zum Erliegen gekommen ist. In den Pflastersteinen des Tores haben die tagaus tagein rollenden Karren Rinnen hinterlassen.

 

Lamprias zieht Philippos hinter dem Tor zur Seite und deutet auf einen eingelassenen Stein in der Mauer. Auf ihm ist ein großes aufgerichtetes männliches Geschlechtsteil  herausgemeißelt. „Was hat denn das zu bedeuten?“ fragt Philippos seinen Führer. „Soll das etwa den Weg zu einem Bordell zeigen?“ „Solche gibt es auch, wie du dir denken kannst“ antwortet Lamprias. Aber das hier weist auf den männlich zeugenden Genius der Stadt hin. Wir Griechen stellen ja die männlichen Teile  auf unseren Bildern und an unseren Statuen harmonisch und in mäßiger Größe dar. Erigierte Penisse überlassen wir dem Fruchtbarkeitsgott Priapos, Faunen und Satyren. Die römische Gesellschaft beruht auf männlicher Macht, und so tritt dem Besucher beim Eintreten in die Mauern der römischen Stadt in diesem Bild gleich diese Macht entgegen, bestärkend für Einwohner,  abschreckend für Feinde und böse Geister.“

Eine Tragödienaufführung im Amphitheater

Die beiden lassen die große, mit einem Säulenumgang umgebene „Palaestra“ links liegen. Sonst betreiben hier junge  Männer und Gladiatorenschulen  ihre sportlichen Übungen  und Wettkämpfe. Heute ist alles zum Amphitheater auf der anderen Seite geeilt. Verglichen mit anderen römischen Städten ist es bescheiden ausgefallen. Aber immerhin bietet das ovale Rund mit aufsteigenden Holzsitzreihen auf steinernen Fundamenten ungefähr 3 300 Zuschauern Platz. 

Als Philippos und Lamprias durch eine der Durchgänge eintreten, - der Eintritt ist kostenlos - ist die Arena schon gut gefüllt. In einer Abteilung, die offenbar Vornehmen und  Ehrengästen vorbehalten ist, winkt ihnen jemand zu, es ist Sosipatros. Sie steigen zu ihm hinauf und setzen sich neben ihn.

„Sonst sieht man mich hier nicht“, meint der, „die blutigen Gladiatorenkämpfe und die obszönen Mimus-Darstellungen stoßen mich ab, aber eine Tragödie und noch dazu von Seneca, das lasse ich mir nicht entgehen.

Ich möchte aber wissen, wie sie das hier bewerkstelligen wollen. In dieser Arena fehlt ja die „Skene“, das Bühnenhaus und die davor liegende halbrunde „Orchestra“, die Spielfläche für Chor und Schauspieler , wie wir das in Griechenland bei den Aufführungen unserer Klassiker hatten. Wahrscheinlich soll das Stück auf dem hölzernen Podium aufgeführt werden, das man dort vor uns errichtet hat. Nun ja, wir sind hier eben in der Provinz!“

 

Unter sich sehen sie Seneca, begleitet von Ratsherren, einziehen. Die Zuschauer erheben sich, Beifall brandet auf. Dann tritt Gaius Aemilius im weißen Gewand an den vor dem Podium aufgestellten Altar. Er eröffnet die Spiele mit einer Anrufung der  Göttertrias und den „Divus Augustus“, verbunden mit einem Trank- und Speiseopfer.

 

Die Gruppe der Schauspieler zieht durch einen besonderen Eingang ein und betritt die Bühne. Ein Teil bildet den „Chor“ im Hintergrund, andere stellen sich als Akteure davor. Ein Korb mit Masken steht vor ihnen. Einige Musiker, ausgerüstet mit Flöten, Pfeifen, Lyren, Kastagnetten, Zimbeln und Pauken setzen sich. Zwei Säulen bilden das Bühnenbild. Der Krach im Publikum ebbt ab.

Der angekündigte Pantomime tritt zwischen den Säulen hervor. Das Publikum erkennt ihn an dem langen, luftigen Pantominenkleid, das dramatische Bewegungen ermöglicht. Eine dunkle Maske mit geschlossenem Mund und grausig verzerrtem Angesicht verbirgt sein Angesicht. Nur seine Augen sieht man beim Spiel rollen. Ein Schauspieler mit neutralerer Maske tritt hinter ihn und spricht. Der Pantomime kauert sich nieder, versinkt fast in der Erde. Dann windet er sich empor, schwankend und folgt in Bewegungen den Worten. Dumpf tönen diese aus dem offenen Mund der Maske des Sprechers:

 

„Her aus des Höllengottes dunklem Reich, komm ich, Thyestes, aus den tiefen Schlünden des Tartaros zur Oberwelt herauf…Ha, sieh´! Hier ist das Vaterhaus, des Bruders Haus; hier ist das Tor der alten Pelops-Burg!... Hier ist der Speisesaal.“

 

Die Zuschauer erkennen: Die Handlung beginnt in der Nacht im leeren Speisesaal der Königsburg von Mykene, wohin Agamemnon nach 10 Jahren Abwesenheit morgens als Sieger von Troja zurückkehren wird. Die griechische Mythologie ist ihnen aus Bildern auf Vasen und Bühnendarbietungen bekannt. Sie kennen auch die verwickelte Familiengeschichte, die sich mit Thyestes, dessen Geist jetzt aus der Unterwelt empor steigt, verbindet. Thyestes ist Sohn des Pelops, Enkel des Tantalos, Bruder des Atreus, des Vaters von Agamemnon. Über dem Tantalidengeschlecht liegt ein Fluch, Verbrechen reiht sich an Verbrechen. Thyestes hat unwissentlich seine Kinder verzehrt, die ihm sein mit ihm verfeindeter Bruder vorgesetzt hat. Unwissentlich hat Thyestes auch seine Tochter geschwängert. Sie gebar Aigistos, den Geliebten der Klytaemnestra. Beide werden Agamemnon töten.

Thyest zählt drastisch die Greueltaten seiner Familie auf – und seine eigenen:

 

„Ich, der Thyest, übertreffe alle an Gräuelthaten, mich mein Bruder nur, von dreyer Söhne Leibern hab ich mich gesättigt, sie in meinem Bauch begraben…"

 

Noch als Totengeist sinnt er auf Rache an seinem Bruder. An dessen Sohn soll sie sich vollziehen. Er kündet das heraufziehende Unheil an – Totengeister können nach antiker Auffassung Zukünftiges voraussehen:

 

„Agamemnon, König der Könige, der Heldenfürsten Fürst, des Banner tausend Schiffe sind gefolgt, mit ihren Segeln Troja´s Meer bedeckend, kehrt jetzt, da Phöbus (die Sonne) nun im zehnten Jahr die Erd´ umkreis´t als Sieger Ilions (Trojas) zurück, und bringt sein Haupt dem Morde dar, womit daheim die Gattin seiner harrt. Bald wird das Haus im Blut der Rache schwimmen…Ha Aegisth, die Stunde der Rache naht, zu der ich dich gezeugt..“

 

Der Geist tritt ab und nun hebt der „Chor der Argiver (Griechen)“ mit monotonem Singsang an, die Unbeständigkeit des Herrscherglücks zu besingen. Der Pantomime hat sich eine andere Maske, mit griechischen Zügen, aufgesetzt und bewegt sich im Takt und nach der Bedeutung der Worte:

 

Oh Herrscherglück! Wie falsch sind die Güter, womit du verlockst Wie auf steile, schlüpfrige Höhen stellst du die Mächtigen. Um die Höhe des Thrones wallt nimmer die Ruh´. Kein Tag erscheint, wo sicher sich dünke der Zeptergewaltige…Das Recht und die Scheu und die züchtige Sitte und  eh´liche Treue fliehet vom Hofe…“

 

Sosipatros flüstert seinen Nebensitzern zu: „Das hat Seneca dem Nero ins Stammbuch geschrieben!“

 

Und in der „Epode“, dem Gegenlied, bringt der Chor Beispiele vom Fall des Hochragenden und Exponierten:

 

Die Colosse stürzen zusammen durch eigene Last, und das Glück lässt fallen, wen zu hoch es erhob…Selig ein jeder, wer mit seinem Loose zufrieden, im Mittelstande geruhig lebt..“

 

„Das sollte Seneca vielleicht selbst beherzigen!“ kommentiert Sosopatros leise.

 

Nun treten Klytaemnestra und ihre Ammensklavin vor. Laut tönen ihre Worte durch sie kennzeichnende Masken. Die Königin ist hin und her gerissen von Rachegelüsten, Ehrgefühl und Fluchtgedanken und spricht im „inneren Monolog“, der aber den Zuschauern hörbar wird.

 

Ha feiges Herz, nun suchst du Pläne auf, zu sichern dich, zu wahren vor Gefahr? Was schwankst du noch? Der Pfad der Tugend ist dir schon versperrt…Nun suche alle Weibertücken, die du kennst, hervor…“

 

Die Amme bemerkt ihr „schweigendes Brüten“ und sucht sie zu besänftigen:

 

„…D´rum was es sey, laß dir nur Zeit und Raum, was die Vernunft nicht kann, heilt oft die Zeit!

 

Doch Klytaemnestra lässt sich nicht besänftigen:

 

„Ich schwank´ umher im Sturm der Leidenschaften… Ich kann mich selber nicht beherrschen mehr; wohin mich Zorn und Eifersucht, wohin mich die Begierde treibt, da geh ich hin; den Wogen überlasse ich mein Schiff…“

 

Sie kann ihrem Gatten nicht verzeihen, dass er in Aulis Iphigenie, ihrer beider Tochter, geopfert hat – offenbar weiß sie nichts von deren Entrückung durch Artemis. Außerdem ist sie von Eifersucht darüber erfüllt, dass Agamemnon die Seherin Kassandra, die Tochter des Königs Priamos von Troja, als Geliebte mit sich führt.

 

Im zweiten Akt tritt Aegisthus auf. Er stachelt die zögernde Geliebte, die sich der „Treue wieder weihen“ will, erneut zum Hass auf. Er erinnert sie an das „tyrannische“ Wesen Agamemnons, von dem sie keine Schonung zu erwarten habe und an den Schmach, den ihr die Ankunft Kassandras zufügen werde.

 

Nun wird  durch einen „Chor von Argiverinnen“ eine idyllische, wenn auch illusorische Stimmung beschworen. Begleitet von den Musikern singt in lieblichen Tönen der Chor ein Loblied auf das Dreigestirn der Götter Apollo, Juno und Jupiter zum siegreichen Einzug des griechischen Heeres:

 

„Es kehrt, es kehrt der Friede zurück…“

 

Der Bote Agamemnons, Eurybates, wird angekündigt. Im Zwiegespräch mit Klytaemnestra schildert er in einem langen und dramatischen Bericht einen vernichtenden Sturm, in den die Flotte der Griechen nach der Abfahrt von Troja geraten ist. Diesen Bericht tanzt wieder der Pantomime mit ausdrucksvollen Gebärden und Bewegungen.

 

In der nächsten Szene tritt der „Chor gefangener Trojanerinnen“ auf, angeführt von Kassandra. Zunächst preist der Chor diejenigen, die dem Tod unerschrocken entgegen gehen:

 

„…Wer mit kühnem Muthe des Lebens Mühsal waget zu enden: der ist Fürsten gleich und den hohen Göttern…“

- „echt stoisch“ bemerkt Sosipatros dazu. Dann beklagt der Chor den Untergang Trojas, das nicht durch Kampf, sondern durch „feige Ränke der Griechen“ fiel. Ausführlich wird die Täuschung durch das „Trojanische Pferd“ geschildert.                         

 

„Da kommen wir Griechen aber nicht gut weg“ murmelt Philippos. „Nun ja. Die Sympathie der Römer liegt bei den Trojanern, von denen sie sich ja herleiten“, erklärt Sosipatros.

 

Kassandra beklagt schmerzvoll den Tod ihrer Angehörigen. Dann ergreift Apollon von ihr Besitz und eine dunkle Vision überkommt sie. Auch sie schaut den kommenden Mord:

 

„Was trägt das Weib, die Rasende, den Dolch…auf welchen Mann schwingt ihren blanken Stahl die Sparterin…Der sonst manch´ Wild siegreich erlegte, der marmar´sche Leu liegt nun am Boden mit zeriss-´nem Nacken…“

 

Sie sieht die Geister ihrer Angehörigen und der Trojaner aus der Unterwelt hervorsteigen, die nun  „her gen Mycenä schau´n“ – denn: „Gewendet hat sich nun des Schicksals Zorn.“

 

Während Kassandra zusammenbricht, zieht der mit Lorbeer bekränzte Agamemnon ein, am Arm Klytaemnestra.  In einem Zwiegespräch mit Agamemnon weigert sich Kassandra, das „Friedensopfer“ an Jupiter mit zu vollziehen. Sie sieht Troja vor sich. Der Sicherheit, die ihr Agamemnon anbietet, zieht sie der Sicherheit des Todes vor. Sie warnt ihn „vor zu großer Sicherheit“, was er aber übergeht.

 

Der Chor der Argiverinnen singt nun ein Loblied auf Argos - das hier mit Mykene gleichgesetzt wird – und auf die Heldentaten des Herkules, den Repräsentanten der Griechen. Und:

 

Dardanus´ (Stammvater der Trojaner) meineidiges Haus, es fiel durch deinen Arm…“

 

Im Fünften Akt – dem letzten und dem Höhepunkt der Tragödie - erscheint Kassandra. Vor dem Chor schildert sie „in prophetischer Begeisterung“ visionär die Ermordung Agamemnons. Eindrucksvoll „tanzen“ der Pantomime und mit ihm zwei andere Schauspieler ihre Vision in stummer Körper- und Gestensprache.

 

„Ein großes Werk wird innen nun vollbracht, Vergeltung für zehnjährige Bedrängnis…Triumph! Besiegte Troer, seht, ihr siegt!...Du ziehst Mycenä mit in deinen Fall. Der dich bezwang, er fällt nun selbst besiegt…“

 

Kassandra schildert das Mahl in der Königsburg, das Agamemnon auf  Kissen, in den Purpurkleidern und mit den geraubten goldenen Pokalen des alten Königs Priamos von Troja feiert – „dem letzten Freudenmahle Troja´s gleich“. Sie sieht, wie Klytaemnestra dem mykenischen König ein Gewand umwirft, das sein Haupt verhüllt. Aegistos sticht mit dem Dolch auf ihn ein, verwundet ihn aber nur. Der König versucht zu fliehen, doch:

 

„Die Tyndaride, rasend faßt das Beil, und wie der Schlächter am Altar den Hals des Stiers erst mit den Blicken misst, eh´ er den Todesstreich ihm gibt: so zielet sie, die Mordaxt wiegend in der grimmen Faust. Jetzt traf´s - es ist gescheh´n…“

 

Die Zuschauer schreien auf, so dramatisch spielen die Pantomimen die Abschlachtung nach. Doch Sosipatros bemerkt trocken: „ Da haben sie ihren Gladiatorenkampf doch noch bekommen!“ Lamprios murmelt: „Das haben wir heute auch schon anderswo gesehen.“

 

In den Schlussszenen rettet die Tochter Elektra ihren kleinen Bruder Orest vor der mordgierigen Mutter, indem sie ihm einem zur Feier kommenden Onkel übergibt. Standhaft weigert sie sich, Klytaemnestra den Aufenthaltsort des Bruders zu verraten und wirft ihr und Aegysthos die Frevelhaftigkeit ihrer Tat vor.  Die Mutter verlangt den Tod der „frechen“ Tochter, den diese mutig und freiwillig auf sich nehmen will. Doch auf Betreiben Aegisthus´ wird sie „in einer Felsenkluft dunkelem Verließ hinabgestoßen“, wo sie verschmachten soll. Denn:

 

„Ein Neuling nur in der Tyrannen-Kunst, ist, wer am Feind sich mit dem Tode rächt.“

 

Kassandra, die sich an den Altar geflüchtet hat, wird weg gerissen. In einer letzten Rede  bezeugt sie ihre Freiheit  von der Todesfurcht. Königlich schreitet sie in den Tod.

 

„Oh zerrt mich nicht! Selbst schreit´ ich vor Euch her…Ich juble nun, dass ich so lange noch gelebt, dass Troja selbst bis jetzt ich überlebt, ich juble laut!“

Klytaemnestra: „Stirb, Rasende!

Kassandra (im Abgehen): „Auch ihr sollt rasen einst!“

(Die Zuschauer wissen, Jahre später werden Orest und Elektra den Tod des Vaters an den Mördern rächen)

 

Klytaemnestra tötet Kassandra vor dem Altar - Griechische Vasenmalerei
Klytaemnestra tötet Kassandra vor dem Altar - Griechische Vasenmalerei

Die Schauspieler verharren. Das Publikum spart nicht mit Beifall. Wenn auch manche nur aus Neugierde gekommen sind oder wenig von einer „langweiligen“ Tragödie erwartet hatten: dieses Schauspiel hat sie angesprochen und gefesselt. Besonders viel Applaus erhält der Pantomime. Als Seneca sich erhebt und den Schauspielern zuklatscht, schwillt der Beifall noch einmal kräftig an.

 

Die Zuschauer drängen sich den Ausgängen zu und eilen in die Tavernen oder nach Hause. Auch unsere Drei sind beeindruckt. „Das hat der Alte gut gemacht“ meint Sosipatros. „Es gehört schon etwas dazu, die Leute hier zu fesseln. Manche sagen, die Stücke von Seneca kann man nicht aufführen. Das geht aber doch, wenn man die Mittel der heutigen Schauspiel- und Bühnenkunst einsetzt, Pantomime, Gesang, Musik. Dann sind seine langen Monologe erträglich. Und dazu ist die Gestaltung modern, trotz seiner Anleihen bei unseren alten Tragödiendichtern. Bei Aischylos ist sind es das Schicksal und der Fluch des Zeus, der über dem Haus der Atriden liegt, die die Handelnden in Schuld und Verhängnis reißen. Klytaimnestra mit ihrer Rache ist da nur ausführendes Werkzeug. Bei Seneca bereiten sich die Akteure selbst ihr Schicksal durch ihre ungezügelten Leidenschaften. Er zeichnet seine Charaktere drastisch, aber mit viel Kenntnis der menschlichen Psyche. Beachtlich ist auch, was Seneca der römischen Männer- und Militärgesellschaft zumutet: die Starken sind hier die Frauen, nicht die Männer und Kriegshelden. Senecas Sympathie scheint den „Opfern“ zu gelten; überhaupt erscheinen bei ihm Eroberungskriege gegen angeblich „meineidige“ „Barbaren“ –  ein beliebter Vorwand für römische Kriege - in keinem guten Licht. Es ist durchaus auch mutig, dass er sich gegen tyrannische Machthaber und ihre Methoden ausspricht – wir haben ja in Rom schon einige erlebt. Die „Moral“, die er dem Zuschauer dezent nahe legt, ist gut stoisch: frei ist der, der Lebensgier und Leidenschaften bezwingt, bewusst, selbstbestimmt und ethisch gut handelt. In diesem Sinne ist Elektra die eigentliche Heldin des Stückes, wenn sie auch keine große Rolle erhalten hat.

 

Doch ich muss hier noch einigen Herren meine Aufwartungen machen. Freund Philippos, wir sehen uns später am Hafen!“ Damit verabschiedet Sosipatros sich. Lamprias und Philippos, die nicht so viel mit Philosophie und Literatur zu tun haben, haben sich gerne belehren lassen. Doch jetzt treten die Geschäfte wieder in den Vordergrund. Lamprias strebt nach Hause, zu seiner Weinhandlung. Philippos nimmt den direkten Weg an der Mauer entlang zu seinem Warenlager am Hafen.

 

 

Auch wir verabschieden uns von unseren antiken Begleitern. Das alte „Municipium Emporiae" mit seinem Leben versinkt und übrig bleiben die „Ruinen von Empúries“.   

 

Blick auf das frühere Kloster- und heutige Museumsgebäude
Blick auf das frühere Kloster- und heutige Museumsgebäude

Anmerkung: Ein Besuch Senecas im Municipium Emporiae ist historisch nicht belegt, doch angesichts seiner Herkunft aus der Hispania und seinem Familienbesitz in Córdoba denkbar. – Die Zitate aus Senecas „Agamemnon“ stammen aus: Václav Alois Svoboda, L.A.Senecas Tragödien, Band 2, 1825.

 

Ich merke noch an, dass sich Seneca im Jahre 65 n. Chr. auf Befehl Neros selbst tötete.

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