Migration, Islam, Kriminalität, Demokratie, Europa, Toleranz, Zufriedenheit in der Sicht von Spaniern
Die Welt blickt auf Spanien und seine Regierung. Da mag man schon fragen, was bewegt die Spanier. Hier einige Einblicke – nicht nur subjektiv, sondern durch Umfragen belegt.
MIGRATION:
Wie alle in allen europäischen Ländern bewegt auch in Spanien die Menschen das Verhältnis zu Migranten.
Spanien steht nach Deutschland an der Spitze der Zuwanderung in Europa. Der Hauptteil der Einwanderer kommt aus den Ländern Iberoamerikas, dann aus europäischen Ländern und - weniger - aus Afrika, vor allem Algerien und Marokko. 2024 stieg die Zahl der irregulären Einwanderer, überwiegend aus Afrika, sprunghaft an. Man sprach von einer “Migrationskrise”.
Nach einer Umfrage Mitte dieses Jahres glaubten 57% der Spanier, dass es “zu viele” Einwanderer in Spanien gebe und verbanden sie mit negativen “Konzepten”. Größere Sorgen bereiteten aber Arbeitslosigkeit, Inflation, Ungleichheiten und Wohnraum.
Es hängt von der Parteienzustimmung ab, wie Migration beurteilt wird, Anhänger der ultrarechten Vox vor allem und der rechts-konservativen PP stimmen am höchsten einer negativen Bewertung der Migration zu. Nach persönlichen Erfahrungen mit Migranten gefragt, beurteilen Anhänger aller Parteien sie positiv.
Tatsächlich besetzen südamerikanische und marokkanische Einwanderer viele "Mangelberufe" und betreiben Unternehmen in diesen Sektoren, unterhalten aber auch Geschäfte, vor allem im Lebensmittelbereich, die auch von Spaniern frequentiert werden. Hier gibt es positive Wahrnehmungen. 2018 standen Spanier unter den EU-Ländern an der Spitze in Hinsicht auf persönliche Interaktionen zwischen Einheimischen und Immigranten, nach “Eurobarometer” traf dies auf 83% zu.
Wenige Zeit nach der oben genannten Umfrage ist die Einwanderung an die Spitze der Sorgen der Spanier gerückt. (CIS-Umfrage). Dies hängt sicher mit der Migrantenwelle in diesem Jahr zusammen, die Öffentlichkeit und Politik beschäftigte. Der spanische Ministerpräsident Sánchez reiste in einige afrikanische Länder, um Abmachungen zu vereinbaren, die den Zustrom begrenzen und regulieren sollten. Die angestiegene “Sorge” der Spanier könnte aber auch durch das sich Abzeichnen neuer Migranten-freundlicher Regelungen der Sánchez-Regierung und den damit verbundenen heftigen Widerspruch der Rechts-Parteien verstärkt worden sein.
El Pais 20.10.24 / Wikipedia - Anexo: Datos de inmigración en España / Migrationskrise in Spanien: Dies ist Pedro Sánchez' Vorschlag, irreguläre Ankünfte aus Afrika einzudämmen / CNN 30.08.2024 (Spanisch) / Sánchez kündigt eine Reform der Einwanderungsregelungen an / RTVe 09.10.2024 (Spanisch)
Das Narrativ, dass die KRIMINALITÄT durch Migration zunimmt, trifft zumindest auf Spanien nicht zu. Die Daten zeigen, dass die Einwanderung wächst, aber nicht die Kriminalität. Sie ist in den letzten Jahrzehnten in Spanien gesunken und für Europa vergleichsweise niedrig.
Trotzdem ist der subjektive Eindruck vieler Spanier, dass die Kriminalität durch die Zuwanderung gestiegen sei und sie führen das auf eine höhere Anfälligkeit von Migranten für kriminelle Akte zurück. Wie verhält es sich damit?
Die meisten Straftaten werden von Spaniern begangen, 72% im Jahr 2025, der Anteil der “Ausländer” beträgt 28%. Aber nicht alle “Ausländer” sind Immigranten, oft sind die Täter Mitglieder organisierter Banden aus dem Ausland, auch aus europäischen Ländern. Trotzdem lässt sich aus den Daten schließen, dass die Kriminalitätsrate unter Immigranten höher ist als unter der übrigen Bevölkerung - gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil.
Doch Kriminalität ist kein spezifisches Ausländer- oder Herkunftsproblem, sondern hängt meist mit Armut und Ausgrenzung zusammen und das trifft eben auf einen Teil der Zuwanderer zu, vor allem der illegalen. Das ist der Grund, warum die Regierung Sánchez die sich schon länger im Land aufhaltenden illegalen Immigranten legalisieren will.
Das Profil des Täters und die Art der Straftat: die Daten, die die Beziehung zwischen Migration und Kriminalität aufschlüsseln | Öffentlich / Público 19.07.2025 (Spanisch)
In den Blickpunkt der Spanier rücken vor allem muslimische Einwanderer - wobei es aber auch Vorbehalte gegenüber südamerikanischen Immigranten gibt, obwohl diese aus dem Raum der "Hispanität" kommen und damit den Spaniern näher stehen als Einwanderer aus anderen Kulturräumen.
Wie steht es mit der Feindseligkeit (“ISLAMOPHOBIE”) gegenüber Muslimen? 46% der Muslime in Spanien beklagen “rassistische” Übergriffe (u.a. Tätlichkeiten), ein weit höherer Teil spricht von Benachteiligungen oder Diskriminierungen in sozialen Bereichen, vor allem bei Wohnungs- und Arbeitssuche, am Arbeitsplatz, im Umgang mit der Polizei, in der Nachbarschaft, Frauen bei medizinischen Routine-Untersuchungen.
Nach einer "Umfrage über Intoleranz und Diskrimination gegen muslimische Personen in Spanien" (2019) sehen Spanier zu 43% eine der Ursachen der Feindseligkeiten in den muslimischen Werten, die nicht mit den Werten eines demokratischen Landes wie Spanien vereinbar seien. Die Hauptursache der Feindlichkeit schreiben sie aber den Medien, den Social Media und Politikern zu.
(Ministerio de Inclusión, Seguridad Social y Migraciones: Resultados encuesta sobre intolerancia y discriminación hacia las personas musulmanas en España - 2019)
Das “Schreckgespenst” der “ISLAMISIERUNG” Spaniens, das die Vox ausmalt, kann man sich schlecht bei den Spaniern vorstellen. Spanier sind stolz auf ihre Traditionen und pflegen sie – vor allem in den Regionalprovinzen. Sie vermitteln sie auch in den Schulen, die die Migrantenkinder besuchen.
Wieweit islamisches Leben toleriert wird – in Spanien herrscht “Religionsfreiheit” (im Rahmen der Gesetze) - ist auch eine Frage der demokratischen Einstellung der Bevölkerung.
DEMOKRATIE, REGIERUNG
55% der Spanier sind wenig oder überhaupt nicht zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie (in ihrem Lande). Sie bemängeln vor allem Korruption, Ungleichheiten, undemokratische Auswahl von Politikern durch die Parteien, Überwiegen von persönlichen Interessen bei Politikern und mangelnden Einfluss der Bürger auf die Regierung. Trotzdem ziehen 79% der Befragten die Demokratie jeder anderen Regierungsform vor und 76% halten Parteien für notwendig in der Demokratie. Für 72% der Spanier ist der Übergang zur Demokratie eine “Quelle des Stolzes”. Doch 17% der jüngeren Menschen (18 bis 34) halten “unter einigen Umständen” eine autoritäre Regierung für besser.
Am besten bewertet von den demokratischen Institutionen des Staates werden die Streitkräfte, am schlechtesten (in dieser Reihenfolge): Gerichtswesen, Zentralregierung - die Regionalregierungen werden besser beurteilt - Gewerkschaften, politische Parteien.
CIS-Umfrage 2025
Sehr gut bewertet wird die EU. Mehr als die Hälfte der Spanier versteht sich gleichzeitig als spanischer und europäischer Staatsbürger. 64% glauben, dass die spanische Wirtschaft schlechter dastehen würde, wenn das Land nicht der EU angehörte; große Vorteile sehen sie aber auch für den kulturellen Bereich. 87 % befürworten eine Politik der gemeinsamen Rechte und Verpflichtungen. Damit sind die Spanier das Europa-freundlichste Land in der EU. Der Kampf gegen Armut und soziale Ausgrenzung ist das erste Thema, das nach Meinung der Spanier das Europäische Parlament angehen sollte, Verteidigung und Außensicherheit spielen eine geringe Rolle, dies bei den Anhängern aller Parteien.
CIS-Umfrage 2024, CIS 2025
TOLERANZ:
Menschen in den romanischen Ländern des Südens gelten im allgemeinen als wärmer, offener, empathischer, einladender und miteinander verbundener als Menschen in mittel- und nordeuropäischen Ländern. Man kann nicht verallgemeinern, auch ist die Mentalität in den einzelnen Regionen unterschiedlich, aber wer sich auf die Bevölkerung einlässt, kann dies überall in Spanien immer wieder erleben.
Nach der Unterdrückungszeit unter Franco wurde Spanien in der Gesetzgebung zu einem der säkularsten, emanzipiertesten und freizügigsten Länder in der Welt. Das allgemeine Toleranzniveau gegenüber verschiedenen Formen des sozialen Lebens, auch gegenüber Fremden und ethnischen Minderheiten, war relativ hoch. “Tolerante” und “weniger oder gar nicht Tolerante” in diesen Bereichen standen sich etwa zu gleichen Teilen gegenüber (CIS 2004 ). Realistisch gesehen ist das kein schlechtes Ergebnis für die Toleranz in einer Gesellschaft, wenn jeder zweite sich tolerant verhält, aber ob die Selbsteinschätzung dem tatsächlichen Verhalten entspricht, ist die Frage.
In der Sicht internationaler Organisationen zeichnete sich “die spanische Gesellschaft dadurch aus, dass sie angesichts der Einwanderung keine Explosion von Ablehnung oder sozialer Fremdenfeindlichkeit erzeugt hat.” [ Ist Spanien ein tolerantes Land (trotz allem)? / Ethik 03.2021 (Spanisch) ]
Das hat sich mit dem Aufkommen des Rechtsradikalismus in Europa und seiner Organisation in Parteien wie der Vox geändert. Die Toleranz, die Spanien definierte, ist rückläufig., vor allem unter jungen Menschen. Trotzdem gilt die spanische Gesellschaft unter Experten immer noch als eine der tolerantesten und diversesten in Europa. Die Sánchez-Regierung bemüht sich darum, das mit ihrem Ziel der “Convivencia” fördern.
In Spanien ist man das Zusammenleben mit Fremden gewohnt und lebt im allgemeinen und in der Praxis immer noch friedlich miteinander oder nebeneinander – dies ist auch meine Beobachtung in meinem Umfeld an der Costa Brava. In letzter Zeit häufen sich aber “fremdenfeindliche” und “rassistische” Übergriffe. Auch findet die “Convivencia”, die Vorstellung eines toleranten Zusammenlebens in der Vielfalt und Plurinationalität Widerspruch zugunsten einer Vorstellung von Gesellschaft, die durch Homogenität und traditionelle, spanisch- oder regional-nationalistische Werte geprägt ist.
ZUFRIEDENHEIT, GLÜCK:
Sind die Spanier glücklich? Sie haben eine Menge Problem im Land. Und doch sagen 83% nach einer CIS-Umfrage (2025) sie seien ziemlich glücklich oder sehr glücklich. Dies obwohl nur 10,8 % mit ihrem Lebensstandard zufrieden sind. In erster Linie führen sie ihre Zufriedenheit auf die Familie und Vertrauen auf Beziehungen zurück.
Deutschland liegt übrigens mit Griechenland und Bulgarien ganz hinten in der europäischen Zufriedenheits-Rangliste. Auch dies entspricht meinen subjektiven Beobachtungen – soviel Unzufriedenheit wie in Deutschland bemerke ich in Spanien nicht, obwohl es den Spaniern wirtschaftlich meist schlechter geht als der Mehrzahl der Deutschen.
83 % der Spanier betrachten sich selbst als ziemlich glücklich oder sehr glücklich / Huffpost 29.07.2025
Wie die Statistiken feststellen, differieren die Befunde in Spanien natürlich nach dem jeweiligen Status und Lebensumständen von Gruppen und Einzelnen, auch nach Regionen.
Am glücklichsten sind die Menschen in der "Zona Norte" (Navarra, Asturien, Cantabrien, Baskenland), aber die Unterschiede zu den anderen Regionen sind nicht groß.
Eine genaue Untersuchung zum Glück der Spanier ist: informe-felicidad-2023-26-10-2023-Fin.pdf der Universität Castilla - La Mancha.
Bei den hier gezeichneten Haltungen der Spanier gibt es sicher anhaltende Grundtendenzen, sie wechseln und schwanken aber auch, je nach der politisch-gesellschaftlichen Situation in Spanien und Entwicklungen in Europa und in der Welt.

Lobos Spaziergänge in Katalonien und an der Costa Brava






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