Protestanten in Spanien und Katalonien - Die "Zweite Reformation" im 19. Jahrhundert

2. Teil

Die evangelische Kirche in Figueres im Carrer Nou. Am Gebäude eine Schulgruppe - Postkarte (1911)
Die evangelische Kirche in Figueres im Carrer Nou. Am Gebäude eine Schulgruppe - Postkarte (1911)

Schwierige Anfänge

 

Der Anstoß kam von außen. Im ersten Drittel des 19.Jahrhunderts begannen englische und amerikanische Bibel- und Missionsgesellschaften von der britischen Enklave Gibraltar aus evangelische Lehren zu verbreiten. Im Mittelpunkt ihrer fundamentalistisch ausgerichteten Verkündigung stand die Orientierung an der Bibel und der rettende, persönliche Glaube an Jesus Christus. Offenbar waren sie von einem starken Missionsdrang erfüllt. Ihre Abgesandten durchzogen Spanien, gewannen Proselyten und bildeten kleine Gemeinschaften. Sie sahen sich massiven Widerständen des katholischen Klerus und Verboten der Behörden gegenüber. Vielfach wanderten die evangelischen Propagandisten ins Gefängnis. Bemerkenswert ist, dass unter dem Einfluss dieser ausländischen Missionen auch manche katholische Geistliche dem Protestantismus zuwandten, so der Kapuzinermönch Ramon Montsalvatge aus Olot oder der Priester aus dem Orden der Esculapios, Juan Bautista Cabrera, der später der erste Bischof der Iglesia Reformada Episcopal wurde.

 

Die Inquisition war 1834 in Spanien abgeschafft worden. Aber die Gesetzgebung erlaubte keine Dissidenz. In der Verfassung von 1845 heißt es:

 

Die Religion der spanischen Nation ist die katholische, apostolische, römische. Dem Staat obliegt es, den Kult und seine Diener aufrecht zu erhalten.

 

Menschen wurden nicht mehr dem Scheiterhaufen überantworet, aber der Geist der Inquisition lebte weiter. Nach wie vor zielten die Bemühungen von Kirche und Staat darauf ab, die bürgerliche Existenz von Andersgläubigen zu vernichten, abweichende Ideen zu unterdrücken und mißliebige Bücher zu verbrennen. 

 

Ein anachronistisches "Auto de Fe" in Barcelona

 

Ein fast skuriles Beispiel ist das Wiederaufleben des Ausdrucks auto de fe für ein Vorkommnis in Barcelona 1861. Auf Geheiß des Bischofs, unter Leitung eines kreuz- und fackelbewehrten Priesters und der Mitwirkung von Zollbeamten, wurden 300 spiritistische Bücher und Schriften, unter anderen Bücher des französischen Autors Allan Kardec (1804 -1869), öffentlich verbrannt - auf dem Hinrichtungsplatz von Barcelona. Eine große Zahl an Zuschauern hatte sich zu dem anachronistischen Akt eingefunden, wobei aus der Menge der Ruf erscholl: "Nieder mit der Inquisition". Ein Buchhändler hatte die Schriften einführen wollen. Die Bücher von Kardec vertreten zwar eine deistische, von "Geistern" über Medien übermittelte Venunftreligion - und weichen damit vom traditionellen Christentum ab - bekennen sich aber zu den "moralischen Lebensregeln Christi". Der Bischof sah in diesen Schriften eine Gefahr für die öffentliche Moral und Religion. In Südamerika - wo der Spiritismus eine große Anhängerschaft hat - ist die Erinnerung an dieses Ereignis unter der Bezeichnung "Auto- de- Fé de Barcelona" noch lebendig.

 

 

Erste spanische Evangelisten - Francisco Paula Ruet und seine Helfer

 

Francisco de Paula Ruet und Manuel Matamoros

Einer der ersten „autochtonen“ evangelischen Christen war der 1826 in Barcelona geborene Francisco de Paula Ruet y Roset. Der junge Ruet kam als Sänger nach Turin. Dort erlebte der Katholik auf Grund einer Predigt des italienischen Ex-Priesters Dr. Desanctis eine Wende und sah sich berufen, als evangelischer Prediger zu wirken. Von den Waldensern unterichtet, begann er in Barcelona seine Tätigkeit. Er fand eine wachsende Schar von Zuhörern, wurde belästigt, mehrfach festgenommen und wieder freigelassen. Doch Priester sorgten dafür, dass der missliebige Konkurrent vom Gouverneur schließlich unter Hausarrest gestellt und - nachdem alle Bekehrungsversuche vergeblich waren - dann ins Gefängnis gesteckt wurde. Vorher wurde er vor das bischöfliche Gericht zitiert und wegen Häresie zum Feuertode verurteilt. Dies ließ sich auch im Spanien des 19. Jahrhunderts nicht mehr durchführen, 1856 verfügte ein Gericht die lebenslängliche Verbannung. Ein Kriegsschiff brachte ihn nach Gibraltar, die Kosten des Prozesses und des Transportes musste er selbst tragen.

 

Ruet wirkte in Gibraltar, wo er 1858 zum waldensischen Pastor ordiniert wurde und betreute dort eine kleine Gemeinde spanischer Sympathisanten und Konvertiten – argwöhnisch beobachtet vom spanischen Konsul, nicht nur wegen seiner „üblen“ „antireligiösen“ Lehren, sondern auch weil man befürchtete, dass unter dem Deckmantel der „protestantischen Propaganda“ demokratisch-sozialistische Ideen nach Spanien transportiert werden könnten. Diese „These“ resultierte daraus, dass frühe Sozialisten, Republikaner und Anarchisten Elemente protestantischer Agitation in ihre revolutionären Ideen aufgenommen hatten (aber umgekehrt die evangelischen Prediger sich nicht deren Aufwiegelungsparolen anschlossen.) Auch wandten sich protestantischen Prediger oft an das verarmte Industrieproletariat der Städte und fanden dort Anklang. Es ist aber nicht zutreffend, dass die protestantische Verkündigung hauptsächlich    ( meist analphabetische) Arbeiter und Bauern erreichte - wie katholische Gegner behaupteten. Das ergibt sich schon aus der wichtigen Rolle, die der Verkauf und die Verteilung von Bibeln und Schriften in der evangelischen Mission spielte. Die evangelische Verkündigung fand Interesse in allen Schichten, wie Berichte von teilnehmenden Beobachtern, vor allem aus dem Ausland, zeigen. 

 

Ruet bildete spanische Helfer aus wie den Ex-Kapitän des Heeres Manuel Matamoros y Garcia (1834-1866), die dann in Granada, Sevilla, Málaga Jaén und Barcelona im evangelischen Sinne predigten und Bibeln sowie Schriften in der Volkssprache verteilten. (Diese gelangten über die Schiffslinien herüber, die von Gibraltar kamen.) Auch hier bildeten sich kleine Anfangsgemeinden. Das neue Testament war übrigens 1832 ins Katalanische übersetzt und in London gedruckt worden. Auf Grund der Hinweise aus Gibraltar wurde Matamoros in Barcelona, andere Mitarbeiter in Granada, festgesetzt und dort  (1862) wegen Abweichung von der Staatsreligion zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt, Matamoros zu 9 Jahren schwerer Haft. Dies erregte große Empörung im Ausland. Evangelische Kreise in Europa riefen zu einem "Gebetstag" für die Inhaftierten auf. Vor allem englische Zeitungen äußerten sich kritisch über die religiöse Unterdrückung in Spanien. Dies bewirkte, dass auf Anordnung der Königin (Isabel II.) die Haftstrafen in Verbannung "gemildert" wurden. Metamoros starb jung, von der Haft gekennzeichnet, im Exil in Lausanne. Von spanischen Evangelischen wird er als "Kämpfer und Märtyrer für die Religionsfreiheit" betrachtet.

 

Die 1. Republik – zeitweilige Freiheit für die evangelische Minderheit

 

1868 änderten sich die politischen Verhältnisse durch die „glorreiche Revolution“ . Die 1. Republik unter General Prim war ausgerufen worden. Sie wurde allerdings schon 1874 durch eine Restauration alter Verhältnisse abgelöst. Die liberale Konstitution von 1869 behielt zwar die Bestimmung bei, dass der Staat verpflichtet sei, den Kult und die Diener der katholischen Religion zu stützen, garantierte aber Spaniern und Ausländern die freie öffentliche und private Ausübung jeder Religion, sofern sie mit den "universalen" Regeln der Moral und des Rechtes vereinbar sei. So konnten Prediger und Pastoren aus dem Exil zurückkehren, das Wanderprediger- und das Katakombendasein hatte ein Ende, die Evangelischen erhielten die Möglichkeit, ihre Tätigkeiten zu verstärken, Gemeinden zu legalisieren und neue Organisationen, z. B. karitativer Art, oder Schulen zu gründen.

 

Die neue Freiheit führte zu heftigen Angriffen der katholischen Geistlichkeit. Bischöfliche Rundschreiben warnten die Gläubigen vor diesem „Gift“ einer „falschen“ Religion, die ein „Feind“ des „heiligen Glauben“, der wahren allein selig machenden Kirche und des „katholischen Vaterlandes“ sei. Priester wurden aufgerufen, evangelische Schriften aufzuspüren und zu verbrennen.

 

Die Konstitution von 1876 schränkte die Freiheit der Religionsausübung erneut ein. Staatsreligion war wieder die katholische. Zwar sollte niemand innerhalb des spanischen Territoriums wegen seiner religiösen Meinungen und Praxis behelligt werden – es sei denn, sie verstießen gegen die christliche Moral – „ aber es sind keine anderen öffentlichen Zeremonien und Kundgebungen erlaubt, außer denen der Staatsreligion“. Diese widersprüchlichen Formulierungen öffneten klerikalen Einsprüchen und behördlichen Behinderungen die Tür. Erneut sahen sich die Evangelischen oftmals Repressionen, Verboten und Strafen ausgesetzt.

 

Links: Francisco de Paula Ruet predigt in der Iglesia de Jesús in Madrid (Quelle: "Heraldo", ohne festellbare Datumsangabe). Rechts: Fritz Fliedner

Ruet und Fritz Fliedner in Madrid – die evangelischen Gemeinden festigen sich

 

Die Revolution von 1868 ermöglichte Ruet die Rückkehr nach Madrid. Dort wirkte er als Pastor erst in einem gemieteten Ballsaal, dann in der Jesus- Kirche in der Calle Calatrava. Er wurde zu einer führenden Persönlichkeit der evangelischen Bewegung in Spanien.

 

1879 reiste der junge Fritz Fliedner, Sohn Theodor Fliedners, des Gründers der Kaiserswerther Diakonie, nach Spanien und lernte Ruet kennen. Nach Rückkehr und Ordination zum Pastor wurde er vom „Verband zur Förderung des Evangeliums in Spanien“ als ständiger Vertreter nach Madrid gesandt. In mehr als 30-jähriger Tätigkeit - unterstützt von seiner Frau Jeannie – arbeitete er mit Ruet zusammen und betreute weitere spanische Gemeinden. „Federico“ Fliedner gründete Schulen – unter anderen das heute noch als Gesamtschule bestehende Colegio „ El Porvenir“ („Zukunft“), ein Waisen- und ein Krankenhaus, eine Buchhandlung und einen Verlag. Er war führend an Zusammenschlüssen und Versammlungen der spanischen evangelischen Gemeinden beteiligt, einmal der presbyterial geleiteten „Iglesia Christiana Española“ (1872) - heute: Iglesia Española Evangélica“ (IEE) - dann der (bischöflich verfassten) „Iglesia Española Reformada Episcopal“ (IERE). 1878, im Todesjahr Ruets, wurde Fliedner sein Nachfolger.

 

In ihrem Selbstverständnis versteht sich die zweite spanische Reformation als Wiederaufnahme der ersten im 16. Jahrhundert. In der Tat gab es Parallelen in der geschichtlichen Situation. Natürlich auch in der Beziehung auf die theologischen Grundlagen der Reformation: allein die Schrift, allein Christus, allein der Glaube, die die verschiedenen Richtungen des spanischen Protestantismus einen. So wurden die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert gesammelten Werke der „Reformistas Antiguos Españoles“ im Colegio El Porvenir über die Verfolgungszeiten hinweg gerettet.

 

Evangelische im Empordà – Das Wirken der Brüder López Rodríguez

 

Ich wende mich nun einem geographischen Bereich zu, mit dem ich persönlich verbunden bin. Die Ausbreitung evangelischen Lebens im Empordà erfolgte von Figueres aus. Im Bürgertum dieser Stadt waren im 19. Jahrhundert liberale und demokratische Tendenzen verbreitet, was die Entstehung von evangelischen Gemeinden begünstigte. Wie es heißt, wurde einer der ersten, 1878 nach Figueres gekommenen Evangelisten, Francisco Paula de Preví (aus Málaga stammend), in verschiedene demokratische Kreise eingeladen, „die, auch wenn sie das Interesse für religiöse Ideen nicht teilten, es doch schätzten, den Diskurs derer zu hören, die in der Lage waren, andere Lehren als die der offiziellen Religion zu präsentieren.“

 

Um das Jahr 1880 existierten in Figueres zwei evangelische „Kapellen“, eine englisch ausgerichtete, die sich im Carrer Nou befand. Ihre Mitglieder waren unter der Bezeichnung „ los protestantes“ bekannt. Die andere war baptistisch orientiert und war in einem Lokal im Carrer de la Muralla untergebracht. Ihre Angehörigen wurden als „las evangelistas“ bezeichnet, was wohl die Art ihrer missionarischen Aktivität kennzeichnete.

 

Die treibende Kraft unter den „Protestantes“ waren zwei Brüder: Luis und Alejandro López Rodríguez, beide in Madrid geboren, 1855 und 1857.

 

Luis López Rodríguez (Quelle: protestante digital)
Luis López Rodríguez (Quelle: protestante digital)

Luis kam 1879 nach Figueres, sein älterer Bruder Alejandro wenig später. Sie betrachteten wohl die liberale Stadt als günstiger für ihre Aktivitäten als andere Städte, wo sie mit weniger Freiraum rechnen konnten. Beide waren vorher als Lehrer an verschiedenen evangelischen Schulen in Spanien tätig gewesen, was sie in Figueres fortsetzten. Sie widmeten sich der evangelischen Missionsarbeit in Figueres und im Umland, belebten das evangelische Gemeindeleben, gründeten wohltätige Einrichtungen, gaben die Monatszeitschrift „El Heraldo“ heraus und riefen eine Bibelgesellschaft ins Leben, die Bibeln verbreitete. Sie betrieben auch einen Verlag, in dem evangelische Schriften und Bücher gedruckt wurden (Druckerei Trayter). Beide Männer waren führende Mitglieder der Freimaurerloge „Licht von Figueres“. (Die Freimaurer in Spanien waren eng mit der evangelischen Bewegung verbunden.)

 

Luis wurde von evangelischer Seite „als Leuchtturm des Lichtes des Evangeliums“ gerühmt, was wohl als Hinweis auf seine Rührigkeit, Organisationsfähigkeit und Überzeugungskraft gewertet werden kann. Sein symbolischer Name „Moses“ in der Loge war sicher nicht zufällig gewählt. Er heiratete 1882 Emilia Murray, eine in Indien geborene Schottin. Sie war als Hauslehrerin nach Figueres gekommen, galt als eine modische Erscheinung und engagierte sich ebenfalls in der Missionsarbeit der Brüder. Sie brachte anscheinend neben ihren englisch-schottischen Beziehungen einen kosmopolitischen Horizont in die Arbeit ein. Der 1883 in England, durch die (hugenottische) Französische Kirche in London, ordinierte Luis war von Anfang an der geistliche Leiter der Gemeinschaft, die sich um die Brüder versammelte. Wie heißt, war er Pastor der IEE („Iglesia Evangélica Española“). Andrerseits wird die Gemeinde als „La Iglesia Reformada Episcopal“ bezeichnet. Tatsächlich soll Luis eine Art Bischof für die Gemeinden im Empordà gewesen sein. Im Aufnahmeregister der Gemeinde, in dem sich Luis 1879 – schon als „Pastor“ - einzeichnete, wird sie einfach als „Iglesia Evangélica de Figueres“ bezeichnet. Der Stempel nennt die „Evangelische Mission Figueres“, die Luis ja selbst betrieb. Offenbar war die Kongregation sehr auf die Brüder zugeschnitten. Ihre Arbeit macht einen eigenwilligen und unabhängigen Eindruck, auch wenn sie finanzielle Unterstützung aus England erhielten. Luis starb 1941. Er überlebte damit seinen Bruder Alejandro, seine Frau und seinen Sohn, ebenfalls Luis („Luisito“) genannt.

 

Der als kinderfreundlich beschriebene Alejandro unterrichtete an den evangelischen Schulen in Figueres, Roses und Vilabertran. Er war Schriftleiter der Zeitschrift „El Heraldo“ (Untertitel: „evangelisch, wissenschaftlich und illustriert“). Sie existierte von 1886 bis 1936. (Diese leider nur in wenigen Ausgaben erhaltene und zugängliche Monatszeitschrift ist eine wichtige Quelle für den spanischen Protestantismus in ihrer Zeit.). Außerdem war er mit der Zeitschrift „ La Razón“ („Die Vernunft“) verbunden, dem Organ einer radikal republikanischen Partei. (Paradoxerweise heißt eine heutige konservative und monarchistische Tageszeitung wieder so.) Alexandro vertrat republikanische Ideen und betätigte sich in diesem Sinne politisch. 1904 und 1911 wurde er in den Rat der Stadt gewählt. Als Schriftsteller war er nicht nur journalistisch tätig, sondern veröffentlichte auch Bücher und Übersetzungen, die seine Interessen und Bildung zeigen. Sein erstes Werk war eine pädagogische Schrift. Zwei Bücher beschäftigten sich mit dem Leben Caesars und Alexanders des Großen. Er übersetzte „Die Pilgerreise“ des baptistischen Predigers J. Bunyan ins Spanische. Für die Bibelgesellschaft der Brüder revidierte er die Biblia Reina-Valera. Der populäre Mann starb unverheiratet 1912.

 

Titelblatt einer Ausgabe des "Heraldo"
Titelblatt einer Ausgabe des "Heraldo"

Das Wirken der Brüder fand bald die Aufmerksamkeit der lokalen Presse. So berichtet die Zeitung „El Empordanés“ am 2. Januar 1881 von einer Weihnachtsfeier, in der dem Kirchenhaus in der Calle Nueva angeschlossenen Schule. „Als eine Neuigkeit, die uns gefällt“, wird die Aufrichtung und Entzündung eines großen, mit Geschenken für die Kinder geschmückten Weihnachtbaumes geschildert. Mehr als 400 Personen nahmen an der Feier in dem überfüllten Saal teil. Die Zeitung sieht darin die Einführung des Weihnachtsbaumes in Katalonien. Der Berichterstatter beschreibt die kinderbezogene Atmosphäre der Feier und fragt am Schluss, ob nicht „Musik und Weihnachtsblumen“ „bessere Mittel der Erziehung“ seien, als „Peitsche und Backpfeifen“ - offenbar ein Seitenhieb auf damalige pädagogische Praktiken und ein indirektes Lob für die Erziehungspraxis in der evangelischen Schule.

 

Evangelische Schulen – auch für von der Bildung ausgeschlossene Kinder

 

Das Abtshaus der Kanonika von Vilabertran - ehemals evangelische Schule (Quelle: CapCreusOnline)
Das Abtshaus der Kanonika von Vilabertran - ehemals evangelische Schule (Quelle: CapCreusOnline)

Erziehung, Schulbildung und Schulgründungen waren den Evangelischen wichtig, was schon bei der Schilderung der Arbeit von Ruet und Fliedner deutlich werden konnte. Damals waren noch viele Menschen aus dem Volk Analphabeten, vor allem auf dem Land. Es gab offenbar zu wenig für diese Schichten zugängliche Schulen, oder auch öffentliche Schulen, in die Kinder aus „heterodoxen“ Familien geschickt werden konnten; die katholische Kirche hatte nahezu das Monopol für die Schulen inne.

 

Eine der Schulgründungen der Brüder López Rodrígues befand sich in Vilabertran, einem Dorf in der Nähe von Figueres. Luis erwarb dort 1901 das Abtsgebäude der ehemaligen Augustinerkanonika. Er richtete darin eine Schule ein, wohl in erster Linie für die Kinder der kleinen evangelischen Gemeinde. Das Abtshaus liegt im Bereich des ehemaligen Klosters, dessen Kirche als katholische Gemeindekirche dient. Die von den Brüdern betriebenen Schulen waren allen zugänglich und ihr Besuch kostenlos. Dass auch katholische Schüler aufgenommen wurden, könnte man daraus herauslesen, dass von katholischer Seite eingestanden wurde, dass man in diesen Schulen die „erste Kommunion“ feierlich beging (oder ist damit die „Konfirmation“ gemeint?). Mädchen und Jungen wurden – wie damals üblich – getrennt unterrichtet. 1920 besuchten 40 Schüler die Schule in Vilabertran.

 

Dass dies alles die Missgunst des katholischen Pfarrers hervorrief, ist verständlich. In einem Schreiben 1930 an das Bistum in Girona wird von Geschenken an Kinder (Spielzeug, Kleider) und auch an arme Erwachsene berichtet. Der Geistliche sieht darin „Köder“, für den Besuch der evangelischen Einrichtungen. Er bezeichnet das Ganze als „großes Geschäft“, das die Evangelischen mit Hilfe von englischen Geldern betrieben. Er beklagt die „Passivität“ und „Indifferenz“ der Behörden gegenüber diesen Vorgängen, da ja in der Zeit der restaurativen Militärdiktatur Primo de Riveras das „katholische Bewusstsein“ der Bildung zugrunde liegen sollte. Am Schluss meint er, dass es erfolgreich wäre, wenn er selbst mehr Geld für Gaben an diese „unglückseligen Proselyten des Protestantismus“ hätte., womit er zugibt, dass die katholischen Einrichtungen offenbar nicht in der Lage waren, Hilfe zu leisten.

 

Die Abadia wurde 1930 vom Staat als nationales Denkmal enteignet und dem schon bestehenden weiteren Verfall preisgegeben (es besteht allerdings die Planung, sie für den Besuch wieder herzurichten). Die Enkelin des früheren Besitzers wurde immerhin 1980 entschädigt. Kaum einer der heutigen Besucher der ansprechend renovierten Teile der sehenswerten Kanonika weiß von der zeitweiligen protestantischen Vergangenheit des Abtshauses. Der Schriftsteller Carles Fages de Climent aus Figueres (1902-1968) erinnert sich aber noch daran, wenn er in seinem auch gedruckten Vortrag "Vilasacra - Capital del Món" (1967) das Kloster in Vilabertran als "Sitz des heimischen Protestantismus" bezeichnet. (Siehe in dieser Website: Blog "Vilasacra - Hauptstadt der Welt...")

 

Soziale Aktivitäten – Eintreten für eine demokratische Gesellschaft und Hilfe für Bedürftige

 

Dass den Brüdern das „Gemeinwohl“ ernsthaft am Herzen lag, dafür zeugt ihr publizistisches Eintreten für eine demokratische und gerechte Gesellschaft. Sie sorgten aber auch für Einrichtungen, die Bedürftigen zugute kamen. Die Protestanten verteilten nicht nur Kleider, Spielzeug und Essen an bedürftige Kinder und Erwachsene, sondern griffen zu weitergehenden diakonischen Maßnahmen. Sie gründeten 1881 eine Gesellschaft zur „wechselseitige Hilfe“ mit angeschlossener Kasse, also wohl eine Art genossenschaftlicher Bank und Versicherung. 1886 richteten die Brüder López Rodríguez in einem Teil ihrer Villa an der Straße Pere III eine kleine Krankenstation für arme Kranke ein. Wie es heißt, herrschten hier „sehr empfehlenswerte hygienische Bedingungen“, was wohl ein Licht auf andere Einrichtungen dieser Art wirft. Dazu hielt ein Arzt Sprechstunden ab, wobei Patienten kostenlos behandelt wurden und Medizinen erhielten. Dies war die Vorgängereinrichtung der heutigen Clinica Santa Creu, deren Zentraleingang im ehemaligen Wohnhaus der Familie López Rodríguez liegt. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde im „rationalistischem“ Stil, d.h, ohne den damals üblichen Schnickschnack der Gründerzeit, errichtet, entsprechend der Gesinnung der López Rodríguez. Die Villa – unter der Bezeichnung bekannt: „das protestantische Chalet“ - stand auf einer großen Finca, einem Park- und Feldgelände, das die Familie erworben hatte; heute zum großen Teil von Jugendstilvillen und Gebäuden der Clinica Santa Creu bedeckt. Als eine der wenigen Erinnerungen in Figueres an die Lopez Rodrígues weist eine Tafel am Gartenportal der „Villa blava“ auf die Familie hin.

 

Offensichtlich war die Familie sehr wohlhabend. Sie investierte nicht unbeträchtliche Summen in die Einrichtungen der evangelischen Gemeinde, aber auch für andere „gemeinnützige“ Zwecke. So erhielt das Rathaus von Llança 1982 von Luis López eine Geldspende zur Pflege des zivilen Friedhofes.

 

Links: Eingangsgebäude Clinica Santa Creu - ehemaliges Wohnhaus der Familie López Rodríguesz                                                Rechts: Villa Blava

Tafel am Eingang zur Villa Blava, die die Familie López Rodríguez erwähnt
Tafel am Eingang zur Villa Blava, die die Familie López Rodríguez erwähnt

 

Das Kirchengebäude in dem Carrer Nou

 

Es wurde schon erwähnt, dass das Kirchengebäude in der Calle Nueva, dem heutigen Carrer Nou, lag. Es muss schon in den 80-ziger Jahren ein nicht kleines Kirchenhaus mit Schule gegeben haben, wie aus dem erwähnten Bericht über eine Weihnachtsfeier 1881 in der Zeitung „El Empordanés“ hervorgeht. Das heute noch existierende Gebäude (Carrer Nou, Nr.53) wurde von Alejandro López Rodríguez in Auftrag gegeben, der auch der Eigentümer war. Der (katholisch-konservative!) Stadtbaumeister Francesc Puig Saguer baute es im eklektischen Stil, d. h. in einer Stilmischung. 1911 wurde es mit einer repräsentativen klassizistischen Außenfront versehen und ein Glockentürmchen aufgesetzt. Somit war das Gebäude auch öffentlich als Kirche gekennzeichnet. Es ist ein durchaus stattliches Gebäude im Zentrum der Stadt, und sein Bau hat sicher eine Menge Geld gekostet.

 

1932 wurde das Haus von der Fundació Clerch i Nicolau erworben, einer Stiftung eines Textilfabrikanten aus Figueres, die der kulturellen und künstlerischen Förderung der Bürger von Figueres dienen sollte. ( Für den Verkauf erhielt der Eigentümer 125. 000 Peseten, das sind ca. 251.000 Euro an heutigem Kaufwert; das durchschnittliche Monatseinkommen eines spanischen Arbeiters lag 1930 bei ca. 1.260 Peseten.) 1933 wurde das bisherige evangelische Kirchen- und Schulgebäude – jetzt in der „Avinguda de la República“ - als Sitz der Stiftung und als „L´Escola d´Arts i Oficis“ („Schule für Kunst und Berufstätigkeiten“) von dem katalanischen Präsidenten Francesc Macià eingeweiht (was zeigt, wie wichtig der neuen Regierung die Volksbildung war) . In der republikanischen Zeit war die Einrichtung zunächst Berufsschule für junge Arbeiter, dann auch für andere Berufszweige, betrieben von der Generalitat (der katalanischen Regierung). 1974 wurde diese Tätigkeit wieder aufgenommen. Heute bietet die mit der Stadt verbundene Stiftung weiterhin berufliche Bildung, aber auch sprachliche und künstlerische Kurse an.

 

Von außen und innen erinnert heute nichts mehr an die ursprüngliche Bestimmung des Gebäudes, nicht einmal eine Tafel. Allerdings erwähnt die Website der Stiftung diese Vergangenheit.

 

Offenbar hing der Verkauf 1932 irgendwie mit dem politischen Umschwung von 1931 zusammen. Luis López Rodríguez unterstützte zwar die neue Republik, aber in der damaligen Situation war es weder für Privatleute noch für Kirchengemeinden opportun, über ein solches Gebäude zu verfügen.

 

Die evangelische Kirche wurde in die Calle Cervantes (heute: Carrer Sant Pau) in ein zwar bescheideneres, aber doch noch ansehnliches Gebäude verlegt, das wohl ebenfalls im Besitz von Luis López Rodríguez war. Ich konnte es bei einer Suche nicht identifizieren.

 

Die ehemalige evangelische Kirche im Carrer Nou - Heute Sitz der Stiftung Clerch i Nicolau und Bildungszentrum. Oben das leere Glockentürmchen
Die ehemalige evangelische Kirche im Carrer Nou - Heute Sitz der Stiftung Clerch i Nicolau und Bildungszentrum. Oben das leere Glockentürmchen

Die Brüder López Rodrríguez vor Gericht

 

Es blieb nicht aus, dass die Brüder mit dem Gesetz in Konflikt kamen. 1893 zeigte der Bürgermeister von Olot Alejandro wegen eines Artikels im „Heraldo“ an. Ein Zitat in dem Artikel verspotte die offizielle Staatsreligion. Der Publizist wanderte für eine Woche ins Gefängnis und wurde dann gegen Kaution freigelassen. Seine Freilassung wurde mit einem nächtlichen Fest in Figueres begangen, mit Sardanes, Illuminationen und Geschenken an die Teilnehmer. 1894 fand die Gerichtsverhandlung unter großem Aufsehen in Girona statt. Dank einer eindrucksvollen Rede des Verteidigers entschied das Gericht schließlich auf Freispruch.

Die republikanische Zeitung "El Autonomista" aus Girona berichtet über die Einlieferung der Gebrüder López Rodríguez ins Gefängnis von Figueres
Die republikanische Zeitung "El Autonomista" aus Girona berichtet über die Einlieferung der Gebrüder López Rodríguez ins Gefängnis von Figueres

Ein weiterer Fall trug sich 1908/1909 zu. Der katholisch getaufte kleine Sohn eines Lehrers an der evangelischen Schule in Vilabertran war in Avinyonet de Puigventós (bei Figueres) mit Zustimmung des Bürgermeister auf dem zivilen Friedhof beerdigt worden. Die Behörden hatten den Friedhof wohl noch nicht offiziell freigegeben. Es kam zur Anzeige wegen einer illegalen Bestattung. Sie richtete sich gegen den Vater des Jungen, den Bürgermeister und die Brüder López Rodrígues als Mitverantwortliche. In der Gerichtsverhandlung in Girona wurde argumentiert, dem katholisch getauften Jungen hätte trotz des evangelischen Bekenntnisses des Vaters eine katholische Bestattung zugestanden, da die katholische Taufe unauslöschlich sei. Außerdem sei der Friedhof noch nicht offiziell eröffnet worden. Die Beschuldigten wurden zu einer Gefängnisstrafe von zwei Monaten, einer Geldzahlung und zum Tragen der Prozesskosten verurteilt. Das oberste Gericht lehnte den Einspruch der Angeklagten ab und bestätigte das Gerichtsurteil. Die vier Verurteilten saßen ihre Zeit in dem seit 1579 bestehenden, heruntergekommenen Gefängnis von Figueres ab (das „komfortablere“ Gefängnis im Carrer Pau war zwar schon im Bau, wurde aber erst 1917 eröffnet). Das Gefängnis befand sich am heutigen Carrer Ample, dort wo sich heute der monumentale Bau des Stadtarchivs erhebt.

 

Was sie sicher getröstet haben mag, war, dass sie eine Welle von Solidaritätskundgebungen erfuhren. In- und ausländische liberale Zeitungen empörten sich über das „ungerechte“ Urteil, mehr als 3000 Menschen aus allen Schichten besuchten die Gefangenen im Gefängnis, und sie erhielten mehr als 1000 schriftliche Unterstützungsbekundungen.

 

Das Alte Gefängnis in Figueres, in dem die Brüder López Rodríguez einsaßen (Quelle: J.M. Bernils Mach, Figueras..., S.133, raco.cat)
Das Alte Gefängnis in Figueres, in dem die Brüder López Rodríguez einsaßen (Quelle: J.M. Bernils Mach, Figueras..., S.133, raco.cat)

 Sohn und Neffe der Brüder führt ihre Arbeit fort

 

Luis ("Lusito") López Rodríguez Murray (Quelle: Galeria de Metges Catalans)
Luis ("Lusito") López Rodríguez Murray (Quelle: Galeria de Metges Catalans)

Ich erwähnte schon, dass Luis López Rodríguez einen Sohn hatte, der ebenfalls Luis hieß, aber seinem Vaternamen den der Mutter hinzufügte: Luis López (Rodríguez) Murray (1883-1937). Nach dem Schulabschluss an der traditionellen humanistischen höheren Schule in Figueres, dem „Institut Ramon Muntaner“, studierte er zuerst in Girona, dann 1903 bis 1904 in Glasgow Theologie und alte Sprachen (hebräisch, griechisch). Die Wahl des Studienortes Glasgow hatte sicher mit seiner Mutter, einer Schottin, zu tun. Durch die Wahl des Studienfaches Theologie war ersichtlich, dass er in die Spuren des Vaters treten wollte. Er fügte aber seinen theologisch-sprachlichen Studien eine medizinische Ausbildung in London hinzu, wobei er sich in Londoner und Pariser Kliniken in Radiologie spezialisierte, einer damals neu aufgekommenen Fachrichtung.

 

Die Eintragung für den Studenten Luis López Rodrríguez im Matrikulationsverzeichnis der Universität Glasgow (Quelle: Galeria de Metges Catalans)
Die Eintragung für den Studenten Luis López Rodrríguez im Matrikulationsverzeichnis der Universität Glasgow (Quelle: Galeria de Metges Catalans)

1908 kehrte „en Luisito“ nach Figueres zurück, wobei er sofort die evangelistische Tätigkeit seines Vaters und Onkels aufnahm und 1909 sicher die im Gefängnis Sitzenden vertrat. Auf seiner Grabsteinplatte wird er „als Pastor“ bezeichnet. Gleichzeitig eröffnete er eine radiologische Praxis, in der er ein vielfältiges Diagnose- und Behandlungsangebot offerierte. Dies lag ja auch durchaus in der diakonischen Linie der Familie. Bei der Eröffnung kamen „die Autoritäten“ der Stadt zusammen, und auch das Rathaus beglückwünschte den jungen Mann zu „einer so perfekten Einrichtung, wie es sie sicher in ganz Spanien nicht gibt.“

 

Er entfaltete eine reiche publizistische Tätigkeit. Er gründete die sporadisch erscheinende Zeitschrift „La Biblia“, worin er eine evangelische Schriftauslegung vertrat. Hierbei kamen ihm seine sprachlichen und exegetischen Kenntnisse zugute. Mit seinem Onkel betrieb er die schon erwähnte radikal-republikanische Zeitschrift „El Razón“. Als sein Onkel starb, übernahm er die Schriftleitung des „El Heraldo“. Er veröffentlichte aber auch medizinische Artikel.

 

Daneben engagierte er sich politisch. Er gehörte der „Partit Republicà Radical“ an, ließ sich als Provinzialabgeordneter aufstellen (wurde aber nicht gewählt) und war mehrfach Ratsmitglied im Rathaus von Figueres. Zu Beginn der 2. Republik distanzierte er sich allerdings von dieser Partei wegen ihres Wechselkurses. Auch er wurde wie Vater und Onkel Mitglied der Freimaurerloge. Kurz vor seinem Tode wurde er zum Präsidenten des Roten Kreuzes in Figueres gewählt.

 

Wie die meisten spanischen Evangelischen, unterstützte er die 2. Republik. „Salve, oh República Española!“ heißt die Überschrift des Leitartikels in der Aprilausgabe 1931. Er hebt hervor, dass die Republik die Religionsfreiheit und die Befreiung vom „verderblichen Einfluss Roms“ gebracht habe und ruft die Evangelischen auf, der Republik zu helfen.

 

"El Heraldo", 591, 2-1936 ( Quelle: Biblioteca Virtual de Premsa Histórica)
"El Heraldo", 591, 2-1936 ( Quelle: Biblioteca Virtual de Premsa Histórica)

Den Wahlsieg der linken Volksfront begrüßt er im Februar 1936 mit dem Ausruf: „Alegrémonos“! / „Freuen wir uns!“ und schreibt: „Wir wollen von unsrer rein evangelischen, antiklerikalen und antivatikanischen Zeitschrift aus keine Politik machen. Aber als liberale, die Freiheit liebende, die wahre Gerechtigkeit, die demokratischen Prinzipien liebende Menschen können wir vor dem großartigen und überzeugenden Sieg in den allgemeinen Wahlen nicht schweigen...“

 

Die 2. Republik brachte die von den Evangelischen lange ersehnte und erkämpfte Gewissensfreiheit und die Trennung von Staat und Kirche. So war es nicht verwunderlich, dass 1931 evangelische Pastoren den katalanischen Präsidenten Francesc Macià – linksgerichteter katalanischer Nationalist - besuchten und ihm ihre Unterstützung versicherten. Auch der spanische Präsident Manuel Azaña – scharfer Gegner der katholischen Kirche – fand bei den Evangelischen Rückhalt.

 

Luis López Murray erlebte - fast möchte man sagen glücklicherweise - die Machtübernahme von Franco nicht mehr. Möglicherweise wäre es ihm wie seinem Journalistenkollegen Carles Rahola ergangen, der als Mitarbeiter der Zeitschrift, „L´Autonomista“ 1939 wegen seiner Artikel in Girona füsiliert wurde.

 

Das Wirken der Familie López Rodríguez – ein Stück vergessener Stadtgeschichte von Figueres

 

Am Allerseelentag 2017 habe ich den städtischen Friedhof von Figueres besucht. Viele Menschen strömten durch das Eingangstor, schritten an eindrucksvollen Grabmälern vorbei, legten an den Tumben oder Nischen ihrer Familien Blumen nieder und versammelten sich zur Messe auf dem zentralen Platz. Ich war auf der Suche nach dem früheren „zivilen“, d.h. nicht katholischen, Teil des Geländes.

 

Der Friedhof wurde 1817 eröffnet, 1833 richtete man in einer kleinen Ecke einen Teil ein, in dem „diejenigen beerdigt werden sollten, die abgetrennt von der offiziellen Religion gestorben sind.“ Der Gebrauch wurde aber bald wieder verboten und erst 1868, in der 1. Republik, wieder zugelassen. 1883 wurde der nicht katholische Teil erweitert; er war durch Mauer und Tor vom katholischen Teil getrennt. 1931, in der 2. Republik, wurde der Friedhof säkularisiert und die Trennung beendet. Das Franco-Regime hob die Säkularisierung wieder auf, der zivile Teil wurde geschlossen. Heute ist der Friedhof offiziell für alle Konfessionen und Weltanschauungen offen (erfüllt aber noch nicht die Bedingungen für besondere Gruppen, wie die der Muslime).

 

Es war schwierig in den Zeiten, in denen der Katholizismus die offizielle Religion bildete, Nichtkatholische oder nicht mit dem priesterlichen Segen Verblichene angemessen zu bestatten. Dies zeigt der Fall des Figuerencers Pere Sicras (Xicras), des „ersten spanischen Freidenkers“ - wie sein Grabstein aussagt. Er hatte darauf verzichtet, sich mit den „Sterbesakramenten versehen“ zu verabschieden, und so war ihm die Bestattung in „geweihter Erde“ auf dem Friedhof in Figueres verweigert worden (anderes Erdreich stand nicht zur Verfügung). Seine Reste wurden in einen Olivenhain des republikanischen Bürgermeisters Abdó Terrades verbracht. 1868, zu Beginn der 1. Republik, wurde sein Sarg in einem Triumphzug von jungen Leuten unter den Klängen einer Musikkapelle auf den zivilen Friedhof überführt.

 

Es ist also verständlich, dass sich Evangelische und Republikaner für die Schaffung ziviler Friedhöfe einsetzten.

 

Links: Blick über den alten zivilen Teil des städtischen Friedhofe in Figueres. Rechts: Die Tomba Lluís Darnés, das Grab eines Freimaurers mit dem Frei- maurersymbol

Nach einigem Umherirren finde ich im Bereich IV den alten zivilen Teil des Friedhofes. Hier ist kein Mensch. Stille. Ich sehe altertümliche Gräber und Grabmale, aber auch die moderneren Nischen. Hier ruhen Evangelische, Freimaurer und „Freigeister“, Bürgermeister, Politiker, Privatleute – am Rand ungetaufte Kleinkinder.

 

Die Grabsteine der Familie López Rodriguez auf dem alten zivilen Friedhof in Figueres. Rechts der Alejandros und darunter seines Neffen Luis, links der des Ehepaars Emilia und Luis

An der westlichen Wand finde ich das, was ich suche: vier schmucklose Gedenkstelen, an die Wand gelehnt, vor einer kahlen Platte. Welch ein Gegensatz zu den prächtigen Pantheonen in anderen Sektoren! Rechts zwei Stelen, die an ein englisches Paar erinnern (mit dem in der englischen Militärgeschichte berühmten Namen „Baynes“ übrigens). Links zwei Stelen - die erste „Zur Erinnerung an D(on) Alexandro López Rodríguez, evangelischer Pastor – in spanisch abgefasst. Darunter eine liegende Tafel für seinen Neffen Luis López Rodríguez Murray. Weiter links der Grabstein „in liebender Erinnerung“ für Emily López Rodríguez Murray – in Englisch und Spanisch. Ein Bibelwort schließt die Personenangabe ab. Darunter der Name des „Witwers“: Luis López Rodríguez, Pastor, das Todesdatum.

 

Die Inschriften sind teilweise verwittert und nur schwer zu entziffern. Nur auf dem Grabstein von Alejandro findet sich ein ausführlicher Text:

 

Er war Direktor des Heraldo für 27 Jahre und Autor verschiedener theologischer und kontroverser Werke. Sein bestes Werk war die Revision der Bibel. Er erlitt um des Evangeliums willen zwei Mal Gefängnishaft. Zwei Mal wurde er in den Rat gewählt und bewies, dass er ein treuer Sachwalter und Verteidiger des Proletariats war. - Wenn wir sterben mit Christus, glauben wir auch, dass wir mit ihm leben werden. Röm. VI,8

 

Ich lege einige Blumen auf den Kies vor den Gedenksteinen.

 

Der Zustand der Steine – befinden sich darunter die Gräber? - bestätigt mir, dass die Familie der López Rodríguez in der Erinnerungskultur der Stadt Figueres keine Rolle spielt. Figueres feiert alle möglichen bedeutenden oder unbedeutenden mit der Stadt verbundenen Persönlichkeiten. Die López Rodríguez finden kaum irgendwo Erwähnung. Dabei hätten sie es verdient. Man muss nicht ihren Missionseifer und ihre generelle Feindschaft zum Katholizismus teilen – dies ist aus ihrer geschichtlichen und persönlichen Situation verständlich. Es waren Menschen, die Kontroversen auslösten. Aber sie haben sich um die Stadt, Katalonien und Spanien verdient gemacht: mit ihrem gesellschaftlichen und politischen Engagement, mit ihrem Kampf für Gewissensfreiheit und Demokratie. Und sie haben den Menschen vorgelebt, dass es ein selbstbestimmtes, diakonisches, liberales und aufgeklärtes Christentum gibt.

 

Es gibt auch keine ausführliche Literatur über sie, keine Biographie, nicht einmal einen Wikipedia-Artikel. Das meiste habe ich in dem Buch von Josep Clara i Resplandis, „Els Protestants“, Quaderns de la Revista de Girona Nr.53, Girona 1994, gefunden, außerdem in zwei Artikeln der Website „protestante digital.com“. Einzelnes habe ich verstreuten Aufsätzen und Internetseiten entnommen, u.a. der Schrift: „Figueras cien años de ciudad“ von José M. Bernils Mach, Figueras 1974/75, hrsg. vom „Instituto de Estudios Ampordaneses“ - raco.cat (darin finden sich neben nützlichen Angaben einige Irrtümer über die López Rodríguez.) Hier liegt also ein Forschungsfeld, das noch zu bearbeiten wäre!

Die erste baptistische Gemeinde in Figueres

 

Es wurde schon erwähnt, das es ab 1881 eine zweite evangelische „Kapelle“ in Figueres gab, die der Baptisten. Sie wurde von dem schwedischen Theologen und Wanderprediger Erik Lund ins Leben gerufen. Einheimische Kräfte wie der Prediger Gabriel Anglada i Terradas führten sie weiter. Die Baptisten wirkten anscheinend weniger auffällig in Figueres und Umgebung als die Kirche der López Rodríguez. Neben Unterschieden in der Theologie und Praxis – die Baptisten praktizieren die Glaubens- und Erwachsenentaufe - gab es aber Überschneidungen. Auch die Baptisten bekennen sich zu den Grundprinzipien der Reformation und traten von Anfang an für die Gewissens- und Religionsfreiheit ein. Gabriel Anglada war ebenfalls Mitglied einer Freimaurerloge und zwar in L´Escala unter dem Logennamen „Abraham“. Dies schloss doch wohl ein Bekenntnis zu den liberalen und antiklerikalen Ideen der Freimaurer ein.

 

Nach dem Bürgerkrieg fanden Mitglieder beider Gemeinschaften in der Verfolgung und Verborgenheit zusammen und bildeten fortan eine baptistische Gemeinde. Ohnehin waren die Anfänge unter dem Evangelisten Francisco Paula de Previ gemeinsam gewesen. Heute sind die meisten evangelischen Gemeinden im Empordà baptistisch geprägt, so die „Església Evangèlica Baptista“ in Figueres, Roses, L´Escala und anderswo. Es gibt aber auch kleinere oder andere evangelisch ausgerichtete Gemeinschaften.

 

Iglésia Evangèlica Baptista in Figueres
Iglésia Evangèlica Baptista in Figueres

Da in diesen Gemeinden katalanisch oder spanisch gesprochen wird, ist es schwer, für die aus dem Ausland kommenden evangelischen Residenten an der Costa Brava eine „geistliche Heimat“ zu finden. Hier bietet sich für die Deutschen und Schweizer die „ Deutschsprachige Evangelische Gemeinde Barcelona“ im Carrer de Brusi an.

 

 Verfolgung und Unterdrückung in der Franco-Zeit

 

 

Antiprotestantische Parolen auf der Fassade des baptistischen Gottesdienstraumes in Figueres in der Franco-Zeit - ausgeführt 1948 von Jugendlichen der Acción Católica: "Nieder mit Luther und seiner Familie - Es lebe der Papst - Krieg dem Protestantismus - Geht nach England - Wir wollen euch nicht. Zu den Aufschriften fand sich ein Schmäh- und Drohbrief an Pastor und Gemeinde (Bildquelle: www.catalunyareligio.cat; Schilderung: Josep Clara i Resplandis, Els Protestants, Girona 1994, S. 72 f.)

In der Zeit der 2. Republik waren die Evangelischen dank ihrer republikanischen Gesinnung frei, akzeptiert und blieben meist - nicht immer!- von den Übergriffen radikaler Milizen verschont. Das änderte sich rapide mit der Machtergreifung Francos. Dass republikanische Milizen im Bürgerkrieg katholische Priester und Ordensleute ermordeten und katholische Kirchen verwüsteten, ist bekannt. Fast nur in spanisch-evangelischen Kreisen ist bekannt und wird erwähnt, dass im Bürgerkrieg in den von Franco-Truppen besetzten Gebieten viele evangelische Pastoren, Evangelisten und Gläubige – oft unter grausamen Umständen – füsiliert wurden. Die Hinrichtung von "Feinden" durch Franco-Anhänger, die öffentliche Zur-Schau-Stellung und Verbrennung von Leichen auf Straßen und Plätzen, läßt die Erinnerung an die auto de fes der Inquisition wach werden.

 

Mit dem Sieg des Franquismus wurde wieder die katholische Kirche als Staatskirche und allein öffentlich erlaubte Religion eingeführt. Die evangelischen Kirchen, Schulen und Einrichtungen wurden geschlossen, oft enteignet. Gottesdienste, die jetzt heimlich stattfinden mussten, wurden bestraft, Evangelische im bürgerlichen und beruflichen Leben diskriminiert. Die Evangelischen entsprachen nicht nur nicht dem mit dem spanischen Vaterland verbundenen Glauben, sondern standen auch im Verdacht, Staatsfeinde zu sein. Evangelisch sein hieß, wieder seinen Glauben im Untergrund praktizieren zu müssen und in steten Gefahren und Schwierigkeiten zu leben. Die katholische Kirche und der Vatikan stellten sich auf die Seite Francos.

 

Die Beschränkungen milderte sich nach dem 2. Weltkrieg auf Grund des Druckes von Seiten der amerikanischen, englischen und anderer europäischer Regierungen. Doch jetzt traten – angestachelt von Bischöfen und Priestern – Mitglieder der „Katholischen Aktion“ auf den Plan, verwüsteten Kirchenräume, beschmierten Wände, drohten Pastoren und Gemeindegliedern. An der Tür des Theaters in Figueres (heute Dali-Museum) wurde ein Plakat mit einer Aufschrift angebracht, die den Geist dieser Aktionen zeigt: „Der Protestant ist der Feind Spaniens / Krieg dem Protestantismus“ Trotz dieser Pressionen hielten sich die kleinen evangelischen Gemeinden, ja wuchsen sogar an.

 

Die repressive Verbindung von Kirche und Staat in Spanien ist ein schweres Erbe für die katholische Kirche. Diese lange währende geschichtliche Verbindung ist ein besonderer Grund dafür, dass viele Spanier und Katalanen der Kirche indifferent oder ablehnend gegenüber stehen. Bei Katalanen kommt hinzu, dass sie das Komglomerat von Zentralstaat und offizieller Kirche als "Unterdrückungsagentur" für ihre katalanischen Besonderheiten erlebt haben. (Es gab aber auch Ausnahmen im Klerus: so lasen die Benediktiner im katalanischen "Nationalheiligtum" Montserrat in der späteren Franco-Zeit öffentliche Messen in Katalanisch und druckten Schriften in dieser Sprache - was offiziell nicht erlaubt war. Das Kloster  entwickelte sich zum Fürsprecher und Schutzort einer sich formierenden Opposition gegen das Franco-Regime.)

 

Nach dem II. Vatikanischen Konzil mit seiner ökumenischen Öffnung musste auch die spanische Gesetzgebung angepasst werden. Das neue Gesetz von 1967 behielt den Katholizismus als staatstragende Konfession bei und garantierte die private und öffentliche Ausübung jeder Religion. Die von der Staatskirche abweichenden „religiösen Vereinigungen“ mussten sich aber der staatlichen und behördliche Kontrolle unterwerfen. Dass dies die evangelischen Gemeinschaften nicht befriedigte, liegt auf der Hand.

Nach Franco – die neue Freiheit

 

Die spanische Verfassung von 1978 gibt die Bindung des Staates an eine Konfession auf, erklärt die Glaubensfreiheit und und die freie Ausübung des Kultes im Rahmen der öffentlichen Ordnung. Die Jahrhunderte währende Gleichsetzung zwischen spanisch und katholisch hat ein offizielles Ende gefunden. Der Staat verpflichtet sich zur Kooperation mit der katholischen Kirche und den anderen Konfessionen. Dennoch beklagten sich Vertreter der evangelischen Kirchen über Benachteiligungen. (Die katholische Kirche genoss und genießt weiterhin enorme Privilegien, vor allem in Hinsicht auf Finanzen und Schulen.) 1992 schlossen Staat, Protestanten, Juden und Muslime eine „Übereinkunft der Kooperation“, in dem Benachteiligungen reguliert werden.

 

Der Blick auf die Landschaft der evangelischen Gemeinden zeigt ein vielfältiges und zersplittertes Bild. Die wichtigsten Kirchenvereinigungen sind die „Iglesia Evangélica Española“, die „Iglesia Reformada Episcopal“ und Baptistische Gemeindeverbände. Fast alle evangelischen Kirche werden von der Federación de Entidades Religiosas Evangélicas de España (FEREDE)“ vertreten. Es ist schwer zu sagen, wie viele Evangelische es in Spanien gibt: man schätzt sie auf etwas mehr als 1% der Bevölkerung, wobei ein großer Teil ausländischer Herkunft ist. Die Anzahl ist im Wachsen, vor allem durch den Zuzug aus Südamerika.

 

Auf Seiten des spanischen katholischen Klerus und der Basis gibt es mancherorts vorsichtige Schritte zum Oekumenismus, zur Zusammenarbeit der Konfessionen und Religionen. Unter den sehr unterschiedlichen evangelischen Gemeinden und ihren Mitgliedern kann es umstritten sein, wie weit das gehen soll. Der Verfasser selbst hat bei einigen Amtshandlungen die katholischen Kollegen und beteiligte Gemeindeglieder als kooperativ erlebt.

 

Mein Fazit beim Studium der Geschichte des Protestantismus in Spanien: Der Monopolanspruch auf den Besitz des "rechten Glaubens" / der "wahren Religion" und religiöse Intoleranz - vollends wenn sie mit staatlicher Macht verbunden sind - gehören zu den größten Übeln der Menschheit.

 

Evangelischer Gottesdienst in einer kleinen spanischen Gemeinde (Quelle: 3.bp.blogspot.com)
Evangelischer Gottesdienst in einer kleinen spanischen Gemeinde (Quelle: 3.bp.blogspot.com)

Die Bilder, die nicht vom Verfasser stammen und keine Quellenangaben haben, wurden aus verschiedenen evangelischen Quellen entnommen. Ihre und die ursprüngliche Herkunft anderer Bilder ist meist nicht mehr feststellbar. Auf Grund ihres Alters sind sie als gemeinfrei zu betrachten.

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