Sant Pere de Rodes – Ausflug in die Welt der Mönche und Pilger – Eine Führung durch das Kloster / TEIL 2

Sant Pere des Rodes - Eingangsfront zu Kirche und Klausur
Sant Pere des Rodes - Eingangsfront zu Kirche und Klausur

Die Vorhalle der Kirche – Eintritt zum “Paradies”  

Wir gehen zu den Vorbauten der Kirche hinunter. Dem Narthex ist ein großer Torbogen aus späteren Zeiten (17. Jh.) vorgelagert. Oben ist ein marmorner weiblicher Kopf mit wallendem Haar eingefügt. Woher der Kopf stammt, wissen wir nicht. Ist er Rest eines der verschwundenen skulptierten Tore zur Kirche? Ist er ein antiker Fund? Was er ursprünglich darstelltbleibt unserer Phantasie überlassen: Kopf eines Engels, einer Meerjungfrau, einer Sirene? Mich lässt er an die “pyrenäische Venus” denken.  

Der Zwischenraum zwischen Torbogen und Eingang zum Narthex und der Platz davor schuf Raum für die Pilger, die darauf warteten – vielleicht eine ganze Nacht lang - dass die Tore zur Vorhalle und Kirche morgens geöffnet wurden. Es muss für sie eindrucksvoll gewesen sein, wenn sich die Portale öffneten und sie das Licht der aufgehenden Sonne durch die Fenster in der Hauptapsis in den dunklen Kirchenraum hereinbrechen sahen. 

Rechts von den Vorhallenmauern sehen wir einen großen Felsblock aus dem Gemäuer herausragen. Er demonstriert, dass die Kirche und überhaupt die ganze Klosteranlage auf Felsen steht und dass beim Bau viel vom Untergrund weggeschafft und dann auch aufgeschüttet und planiert werden musste. Da kann einem das Wort Jesu an Petrus in den Sinn kommen“Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde (oder Kirche) bauen...” (Matthäus 16,18). Vielleicht war das ursprünglich der Grund, warum das Kloster oder die ihm vorhergehende Mönchszelle diesem Apostel geweiht wurde.

Auf dem Vorhof zur Kirche 

Wir betreten den Narthex. Er wird auch “Paradies” oder “Galiläa” genannt. “Paradies”, weil er Vorhof zum Heiligtum ist, das den Weg zum Himmel abbildet und eröffnet. Man stellte sich vor, dass das Paradies nach dem Sündenfall zum Himmel erhoben wurde, als eine Art Vorhof zur himmlischen Welt. Dort leben die Heiligen und Propheten des Alten Testaments, die, weil sie nicht christlich getauft sind, erst nach der Wiederkunft Christ in den Himmel eingehen können. “Galiläa” heißt er, weil der Engel und der Auferstandene den zwei Marien am Grab den Auftrag gab, den Jüngern zu sagen, sie sollten nach Galiläa gehen, dort würden sie Christus sehen. (Mk. 16; Mt. 28) Die Kirchenvorhalle ist wie Galiläa der Raum, in dem der Gläubige die Begegnung mit Christus in der Messe erwartet. "Narthex"  (griech.) ist der kunsthistorische Name.

Wir blicken uns im Narthex um, jetzt ein nüchterner archäologischer Raum, der nichts mehr von der Schönheit und Feierlichkeit bietet, die einst die Pilger erlebten. Rechts sehen wir felsigen Untergrund, ehemals ein Gräberfeld, jetzt ausgehoben, und ein erhöhtes Tor, das in frühen Zeiten den Eintritt zu Kirche und Kloster gewährte.

Der Narthex war eine Zeit lang Grablege der Grafen von Empúries und anderer Vornehmer. An der hinteren Wand links lassen sich noch die Wappen-Farben der Grafen (gelb-rote Querstreifen) erkennen. 

Das verschwundene Figurentor des Meisters von Cabestany

Links sehen wir zwei Reliefskulpturen auf Podesten. Die eine zeigt zwei große Figuren in einem kleinen Boot, darunter wellenbewegtes Wasser mit Fischen. Die vordere Figur hebt das linke Bein zum Ausstieg. Vor dem Boot steht eine übermächtige Gestalt mit Kreuznimbus ("Heiligenschein"), die die Hand der ersten Figur mit segnender Geste berührt. In der Rechten hält die Gestalt eine Tafel mit der Aufschrift “Pax vobis (Friede mit euch). Das Relief stellt die Symbol-Geschichte dar, wie Christus den Jüngern und Petrus auf dem See erscheint. Petrus will ihm entgegengehen, aber versinkt. Christus tadelt seinen “Kleinglauben” und rettet ihn. (Mt. 14,22 ff.) Die Darstellung spielt aber auch auf die Berufung der Fischer Simon (Petrus) und seines Bruders Andreas auf dem Galiläischen Meer an. (Mt. 4, 18 ff.). Das Relief führte den Pilgern die “Rettung” durch Christus vor Augen, die Mönche erinnerte es an ihre Berufung und an den "Kleinglauben", von dem sie sicher auch nicht immer verschont blieben. 

Die zweite Skulptur stellt ein Lamm mit Kreuz dar, das in einer ovalen Ausbuchtung mit Zierrand steht. Unten befindet sich die Aufschrift Agnus dei (“Lamm Gottes”). Es ist das Christus-Symbol, das auf das Wort Johannes des Täufers bei der Taufe Jesu zurückgeht. ”Siehe, das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt.” (Joh. 1,29)  

Beide Darstellungen sind Kopien von Werken des “Meisters von Cabestany. Sie befanden sich idegroßen, mit Skulpturen geschmückte Eingangangsfassade zur Kirche. Auf diesen unbekannten Bildhauer (und seiner Werkstatt) aus der zweiten Hälfte de12. Jahrhunderts gehen Werke in Cabestany (nahe Perpignan, dort ein ihm gewidmetes Museum)in anderen südfranzösischen Departments, Navarra und in der Toskana zurück. Er ist durch seinen besonderen, ausdrucksvollen Stil erkennbar (große Mandel förmige Augen mit Bohrlöchern in dreieckigen Gesichtern, übergroße Hände und Füße, faltenreiche Gewänder u. a.) Er arbeitete mit “recyceltem” Marmor aus Carrara und der Türkei, seine Vorbilder waren antike Skulpturen, unter anderem Reliefs auf römischen Sarkophagen, deren Material er auch benutzte. 

Derzeit gibt es eine umfassende Ausstellung zu diesem herausragenden Künstler der Romanik Im MNAC, Barcelona) 

Wenn die Pilger im Narthex standen, blickten sie auf die von diesem Meister geschaffene Torfassade. Heute sind davon nur noch zwei kleine unscheinbare Sockel rechts und links am Eingangsportal geblieben. Das rechte zeigt Ornamente und – wenn man genau hinschaut - zwei Köpfe, einer mit Kapuze.  

Im Vergleich mit dem monumentalen romanischen Portal der Klosterkirche Santa Maria in Ripoll, dessen Ikonographie sich um die Herrlichkeit Christi bewegt, hatte das Tor in Sant Pere de Rodes ein anderes BildprogrammWelche Darstellungen im einzelnen hier zu sehen waren, wissen wir nur zum Teil. Es handelte sich sicher um Szenen und Symbole, die mit der besonderen Theologie des Klosterzusammenhingen: Passion Jesu, Kreuzigung, Petrus- und Wundergeschichten, alles wahrscheinlich von Inschriften umgeben. 

Die Pilger im Mittelalter konnten meist nicht lesen und die handgeschriebenen “Bücher” wären auch viel zu teuer für sie gewesenDafür erzählten ihnen die Skulpturen an den Kirchenportalen von den Grundlagen des Glaubens und den biblischen Geschichten. Die Inschriften waren für Lesekundige (wie Geistliche), die mit ihrer Hilfe den Analphabeten die Bildwerke erklären konnten. Übrigens orientieren sich die Skulpturenszenen an den Bildern der Handschriften, die in den Klöstern aufbewahrt wurden.

Hypothetische Rekonstruktion des von dem Meister von Cabestany geschaffenen Eingangsportal zur Kirche des Klosters Sant Pere de Rodes. Quelle: MNAC, La Vanguardia 29.03.2026.

Links (von uns aus gesehen) dürfte eine Petrus-Figur (mit dem erhaltenen Kopf) gestanden sein; die Lamm-Skulptur schloss wohl über dem Kreuz den Bogen des Tympanons ab, die Erscheinung Christi vor den Jüngern befand sich im oberen Bogenfeld, eine ebenfalls erhaltene, zum Himmel weisende Hand krönte den Bogenabschluss. Von den biblischen Geschichten im oberen Bogenfeld sind Reste erhalten.

 

Ein Gang durch die Kirche – nichts ist hier zufällig 

Wir betreten nun die Kirche durch ein nüchternes Glasportal, ohne wie die Pilger seinerzeit durch die Skulpturenszenen auf der ehemaligen Torfassade eingestimmt worden zu sein. Dennoch ist der Blick in den langgestreckten und hohen Kirchenraum mit seinen Pfeilern, Säulen und Bögen beeindruckend.  

Das Mittelschiff wird bis zum Transsept (Querschiff) von beiden Seiten von vier Pilastern mit Säulen begrenzt. Sie sind untereinander durch Bögen verbunden und laufen oben in Gurtbögen aus, die das Tonnengewölbe der Decke stützen. Die Pfeiler sind gestuft und gegliedertAuf dem Tisch eines rechteckigen massiven Unterbaus strebt ein weniger umfänglicher Aufbau nach obenAn ihn lehnen sich schlanke runde  Säulen mit dekorierten Kapitellen an. Ihre Mensulas (kleine Tische) oder Abakuse tragen die Seitenschiffbögen. Bei den ersten beiden Pilastern vor uns sind der schlankeren Stütze zwei Säulen an die Seiten beigestellt; bei den zwei Pfeilern dahinter gibt es eine dritte davor. Bei den zwei Pilastern vor dem Transsept sind auf die Mittelsäulen noch einmal runde Säulen gesetzt, die die Dachbögen tragen. Ein kompliziertes Gefüge, das ungewöhnlich ist! 

Der Blick endet in der Hauptapsis des Chores. Er weist ebenfalls einen gestuften Aufbau auf. Der hohe torartige Eingangsbogen wird von zwei schlanken hohen Rundsäulen getragen. Darüber öffnet sich in der Wand ein großes rundbogiges Fenster, in das hell Licht einstrahlt. Hinter dem Eingangsbogen zeichnet sich ein zweitertiefer liegenden Bogen ab, dessen Stützen an der Wand zum Boden laufen. Auch aus der Abschlusswand leuchtet Licht aus einem zweigeteilten Fenster.  

Um den gerundeten Altarraum reihen sich bogenförmige, torähnliche Durchlässe, wobei der mittlere am größten ist und den Blick zum Ambulatorium (Rundgang) um den Altarraum und zu einem leuchtenden Fenster freigibt.  

Der Gesamteindruck ist: ein Zusammenklang von Licht und Dunkel, Rundungen und Vierecken, Ebenen und Stufen, bogenförmigen und geraden Linien, Bögen und Säulen. Bei allem Wechsel herrscht nicht Willkür, sondern Regelhaftigkeit.  

Hier ist nichts zufällig. Das Gesamte der Kirche bildet mit ihrer Kreuzform und Dreiteilung (Vorhalle, Schiff, Chor mit Altarden Pilgerweg des Gläubigen zum Himmel abvom Irdischen zum Himmlischen, von der Vergänglichkeit zur Ewigkeit. Der Altar ist der Schnittpunkt, auf dem sich im eucharistischen Mahl die Begegnung zwischen Menschlichem und Göttlichen vollzieht 

Die Grundfläche des Schiffs symbolisiert die Erde und die Dachwölbung den Himmel. Tatsächlich zählt man insgesamt zwölf Bögen hoch oben am Mittelschiff und an den Seitenschiffen. Dies weist auf die zwölf Tore des himmlischen Jerusalems hin, wie es die Offenbarung des Johannes beschreibt (21,12). 

Die “Säulen der Erde” verbinden Erde und Himmel. Vier ist die Zahl, die die Erde und die irdischen Verhältnisse kennzeichnet (vier Elemente, vier Himmelrichtungen, vier Windevier Kardinaltugenden u.a.)  Acht bezeichnet die Vollkommenheit der Schöpfung von Himmel und Erde, den Neuanfang und das ewige Leben  (acht Seligpreisungen Jesu, achteckige Taufsteine  u. a.). 

Trotz der Kreuzform der Kirche sind ihre Gliederung und Maße den biblischen Angaben zum Tempel Salomos in Jerusalem und an der Vision eines neuen Tempels des Propheten Hesekiel orientiert. (1. Könige 6; Hesekiel 40-42) (Der salomonische Tempel war ein Langbau, der in Vorraum, Hauptraum, Allerheiligstes und Seitenräumen gegliedert war.) 

Wie der gesamte Kosmos ist auch der Kirchenbau durch Maß und Zahl geordnet, denn du [Gott] hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet.”  (Weisheit 11,21) 

Unser Blick heute beschränkt sich auf die Architektur. Aber die Pilger im Mittelalter und später hatten keinen leeren Kirchenraum vor sich.  Wahrscheinlich waren Wände, Decken und Säulen mit Farben bedecktan verputzten Wänden und Gewölben gab es Fresken, vielleicht war das Deckengewölbe wie der Himmel gestaltet, blau mit Sternen. Wir wissen das nicht, aber in manchen romanischen Kirchen in Frankreich sind noch Teile der farbigen Ausgestaltung erhalten. Das Bild, das wir von romanischen Kirchen habeneinfach, schmucklos, stimmt so nicht. 

Der Kirchenraum war auch nicht “unmöbliert”. Vor und im Altarraum hatten die Mönche ihre Sitze. Es gab neben dem Hauptaltar auch andere Altäreab dem 16. Jahrhundert erhob sich ein bemaltes Altarretabel am Hauptaltar, das verloren gegangen ist. 

Es herrschte auch kein Stille, Mönche psalmodierten, Pilger sangen und murmelten Gebete, bei den Messen erklang die Liturgie und dass Pilger sich nicht unterhielten, ist kaum anzunehmen. Dazu leuchteten Hängelampen und Kerzen, die auch die Pilger mitbrachten. Nicht nur Auge und Ohr waren beschäftigt, auch der Geruchssinn wurde angesprochenmit Kerzengeruch, Weihrauch und wohl auch anderen, prosaischen, Düften.  

Nun, wir genießen die Stille, die herrscht, nachdem eine Schulklasse aus der Kirche abzog, und schreiten ruhig im schmalen linken Seitenschiff voran. Der Blick geht zum Eingang des Ambulatoriums, das um den Altar und die Reliquien führt. Auch hier leuchtet uns ein Fenster hoch oben in der Abschlusswand und seitlich am Ambulatorium entgegen. Da die Seitenschiffe zum Ambulatorium führen, liegt die Vermutung nahe, dass die Pilger so wie wir durch die Seitenschiffe einzogen.  

Bei den vorderen Pilastern machen wir halt und treten in das Mittelschiff ein. Wir schauen uns die Pfeilerreihe an und bemerken, dass der Raum des Mittelschiffs zwischen den vier vorderen Pilastern enger ist als der danach folgende. Die vier vorderen Pilaster an beiden Seiten tragen auch drei runde Säulen, die hinteren vier nur zwei. Wir fragen uns nach dem Grund des Unterschieds. Die Erklärung dürfte darin liegen, dass der engere und aufwendiger ausgestaltete Raum zwischen den vier ersten Pfeilern den Mönchen vorbehalten war, der weitere Raum dahinter den Laien. 

Bemerkenswert ist die Gestaltung der Kapitelle der korinthischen Rundsäulen. Es ist ein Wechsel zwischen Pflanzenornamenten und Bändergeflechten festzustellen.  Auch die Mensulas sind an der Unterseite mit ineinander verschlungenen Bändern dekoriert. Die Kapitelle im Mönchsraum sind aufwendiger gestaltet. 

Der Verbund von Säulen und Rundbögen hat Vorbilder in der antiken und islamischen Architektur. Er erinnert an das Kolosseum in Rom und die Mezquita  (Moschee) in Cordoba, die ebenfalls nach antiken Vorbildern gestaltet ist. 

Die Kirche wurde in einer Zeit der “Renaissance” gebaut 

Tatsächlich ist die Kirche von Sant Pere de Rodes in einer Zeit der Renaissance gebaut worden. Die Kirche (wahrscheinlich war erst der Chorraum fertig) wurde 1022 geweiht. Unter den illustren geistlichen Gästen war Oliba, Abt von Ripoll und Bischof von Vic (971-1046). Er stammte aus der Dynastie der Grafen von Barcelona. Oliba war ein großer Förderer der Kultur und Baukunst, gründete und beeinflusste Klöster und Kirchen in der Grafschaft Barcelona (die damals bis ins Roussillon reichte). Auf einer Reise nach Rom lernte er die römische Bauweise kennen und war von ihr beeindruckter nahm sie zum Vorbild und leitete einen neuen Baustil in seinem Einflussbereich ein 

Zudem war Oliba ein Freund der Bücher und Schreibkunst. Das Scriptorium ( Schreibstube) und die Bibliothek in Ripoll waren berühmt. Unter Oliba wurden in Ripoll – wie in Toledo - arabische Handschriften antiker Autoren gesammelt und ins Lateinische übersetzt Außerdem fertigte man bebilderte Handschriften der Bibel an. Eine gelangte nach Sant Pere de Rodes und wurde wohl in Teilen dort “illuminiert” (bebildert). Deshalb wird sie Biblia Sancti Petri Rodensis, die "Bibel von Sant Pere de Rodes", genannt. Sie wurde im 17. Jahrhundert von dem französischen Marschall und Herzog Noailles aus dem Kloster geraubt und befindet sich heute in der Nationalbibliothek Frankreichs. (Eine fotokopierte Ausgabe kann man in der Bibliothek von Port de la Selva einsehen.) 

Man muss bedenken, dass damals die islamischen Territorien bis an die Grenzen der Grafschaft Barcelona reichten. Es herrschte zwischen den islamischen und christlichen Reichen nicht nur Feindschaft, es gab auch wirtschaftliche und kulturelle Verbindungen, manchmal sogar politisch-militärische Bündnisse. So kam es, dass arabisch-christliche Bauleute (“Mozzaraber”) ins Land kamen und den islamischen Baustil mitbrachten. Er ist in der Kirche von Sant Pere de Rodes an den hufeisenförmigen Bögen erkennbar.  

Architektonische Vorbilder: römische und islamische Baukunst 

Eine wichtige Tätigkeit in mittelalterlichen Klöstern: die Herstellung von Handschriften - hier die Bibel von Sant Pere de Rodes. Unten rechts: Mönche in einer Schreibstube.

Wir gelangen zum Altarraum und den Umgang. Die früheren Pilger werden den Umgang mit Andacht durchzogen haben und mit Ehrfurcht und Schauder” auf einen prächtigen Altar – wie immer auch er aussah – geblickt haben. Denn darunter lagen die heiligen Reliquien und unter ihnen so bedeutsame wie ein Partikel vom Kreuz Jesu und das Haupt und ein Arm des “Apostelfürsten” Petrus, dem Vorzugsjünger Jesu. Diese Reste waren durch ihre Verbindung mit dem leibhaftigen Jesus fortwirkend geheiligt Für die Pilger bedeutete das Hiersein die Begegnung mit “dem Heiligen” (Mircea Eliade)das Eintreten in eine Auradie auf den “Heiland, Christus, zurückging. Durch das Pilgern hierher wurden die Pilger ja auch durch den ihnen gewährten Ablass von “Sündenstrafen” “erlöst”. Darüber hinaus erwarteten sie Heilung von körperlichen Leiden durch die Reliquien. 

Wir hingegen blicken auf eine leere Fläche, in denen sich eine mit einem prosaischen Metallgitter bedeckte Grube befindet, in der einst die Reliquien aufbewahrt wurden. Der Altar wurde, als die Mönche das Kloster 1798 verließen, profaniert und sukzessive abgebaut. Seine wertvollen Marmorsteine wurden anderweitig verwendet.

Die prosaische Grube, in der einst Reliquien ruhten
Die prosaische Grube, in der einst Reliquien ruhten

Ein Fund beim Abbau des Altars 

1810 waren einige Tagelöhner mit dem Abbau des Altars beschäftigt. In einer Seitenwand stießen sie auf einen altertümlichen Holzkoffer, der liturgische GegenständeReliquien und Pergamente enthielt. Die wichtigsten Stücke, die die Arqueta” enthielt, waren:  

Ein sehr altes tragbares Altärchen aus Holz, das mit Silber beschlagen wurdeIn das Silberblech sind Figuren, Inschriften und Dekorationen getrieben. Auf einer Seite ist ein schwarzer Schieferstein eingelassen, der für die Aufstellung der Messgegenstände diente. Der Innenraum des Kästchens war zur Unterbringung von Reliquien bestimmt. (Dieser Tragealtar spielt in meinen Roman “La Arqueta” eine zentrale Rolle!) 

Weiterhin befand sich in dem Koffer ein ebenfalls sehr altes, kleines kupferne Tragekreuz mit Kreuzigungsszene. Es enthielt vielleicht den Kreuzpartikel, den das Kloster besaß. 

Außerdem fand sich ein kleines silbernes Gefäß für die Aufbewahrung von geweihtem Öl (“Chrisma”) und ein Seidentuch, wahrscheinlich hispano-arabischer Herkunft, wie auch der Aufbewahrungskoffer.  

Andere Gegenstände, Reliquiare, sind verloren gegangen.   

Wahrscheinlich haben die Mönche den Koffer in einer Gefahrensituation versteckt und im Laufe der Zeit wurde er vergessen. 

Dieser “Schatz”, der wenig materiellen Wert, aber großen “geistlichen und historischen besitzt, wurde lange Zeit bei dem Auftraggeber der Altarplünderung aufbewahrtdann in der Kirche von Port de la Selva, ehe ihre Bedeutung erkannt wurde. Heute kann man die Objekte im Kunstmuseum in Girona betrachten. 

Kleiner Tragealter mit eingelegter Steintafel, Zeichnungen und Beschriftung auf dem Silberbeschlag. Im Inneren barg diese "Arqueta" Reliquien. Möglicherweise sind solche Tragealtäre Vorbild für den "Gral" im Epos "Parzival" von Wolfram von Eschenbach. Zeichnung aus: W. Janzen, La Arqueta, S. 205.

Wo befindet sich das Haupt des Petrus?

Dieser schöne Kopf wurde vom Meister von Cabestany geschaffen. Möglicherweise gehörte er zu einer Petrusstatue am Fassadentor der Kirche. (Heute befindet sich die Skulptur im Schloss-Museum von Perelada.) Bildquelle: El Pais, 19.03.2026

Ich schiebe hier die Beantwortung der Frage ein, ob sich die Petrusreliquien wirklich in Sant Pere de Rodes befanden. 

Der spanische Kirchengeschichtsforscher und Dominikaner Jaime Villanueva (1766 – 1824) berichtet in seinem Buch Viage literario à las iglesias de España”, Tomo XV. Viage à Gerona y à Roda” von einem Besuch bei den Mönchen von Sant Pere in Vila-sacra, wohin die Mönche 1798 gezogen waren.  (Sie hatten das abgelegene Kloster wegen der unsichere Zeiten und auf königliche Anordnung verlassen.)  Villanueva fand unter der verbliebenen,  immer noch reichhaltigen Dokumentensammlung im Archiv der Mönche ein Pergament-Manuskript aus dem XV. Jahrhundert. In diesem wurden eine Vielzahl von Reliquien des Klosters aufgeführt. Darunter werden auch die Petrus-Reliquien genannt:  

”Item est caput et brachium Beati Petri.” (“Ebenso ist da das Haupt und der Arm deSeligen Petrus”)  

Außerdem wird der Aufbewahrungsort der Reliquien genannt: “Alle dieser Körper der Heiligen und Reliquien sind und ruhen in einer schönen Höhle unter dem Altar des Seligen Paulus [Sergius], Bischof von Narbonne, der sich [seinerseits] unter dem Hauptaltar des Seligen Apostels Petrus befindet.” (Apéndice, De Documentos, VIII.) 

Wie passt das aber damit zusammen, dass die katholische Kirche offiziell das Petrus-Grab und die echten Reliquien des Apostels im Vatikan verortetin der Nekropolis, die sich unter deHochaltar des Petersdoms befindet? Außerdem wird der Kopf des Petrus (und der des Paulus) in der Lateranbasilika verehrt.  Die Häupter sollen in einem Ziborium (auf Säulen ruhender Aufbau) über dem Hauptaltar der Kirche aufbewahrt sein. Dorthin wurden sie1367 aus der Papstkapelle Sancta Sanctorum im Lateranpalast verbracht.  

Die Anwesenheit eines angeblichen Petrus-Hauptes in Rom des  13./14./15. Jahrhunderts ist bezeugt, zur gleichen Zeit müsste aber nach der von Villanueva gefundenen Urkunde eine solche Reliquie in Sant Pere de Rodes gewesen sein.  Wo war nun der “echte” Kopf des Apostels? 

Es gibt Zweifel, dass überhaupt Reste und das Haupt Petri gefunden wurden. Was Sant Pere de Rodes betrifft, ist meine Vermutung, dass die Mönche einen Schädel und Armknochen, der sich in ihrer Reliquiensammlung befand, zum Haupt und Arm des Petrus deklariertenDazu schufen sie die Erzählung von der Überführung der Petrus-Reliquien nach Sant Pere de Rodes. Vielleicht taten sie das sogar aus gutem Glauben, aber klar ist, dass sie ein Interesse daran hatten, über diese Reliquien zu verfügen. 

Was Rom betrifft, so ist zweifelhaft, ob Petrus dorthin kam, da den Märtyrertod erlitt und bestattet wurde. Die “Apostelgeschichte” berichtet, dass Paulus in Rom tätig war, aber von einem römischen Aufenthalt und Wirken des Petrus weiß sie nichts, obwohl sie sonst viel über Petrus erzählt. Sein Gang nach Rom und sein Tod dort scheint legendenhaft zu seinerst Notizen und Schriften um 100 und dem 2. Jahrhundert berichten davon. Auch die Identifizierung von Grabstellen und sterblichen Resten als Petrus-Grab und Petrus-Reliquien ist sehr umstritten. Der fundierte Wikipedia-Artikel “Simon Petrus” fasst das Ergebnis der wissenschaftlichen Diskussion so zusammen 

Man kann eine Anwesenheit des Petrus in Rom und sein Martyrium in der Stadt nicht ausschließen, aber auch nicht zwingend plausibel machen oder belegen.” 

Es bestehen ist also nicht sicher, ob sich je in Sant Pere de Rodes oder in Rom “echte” Petrus-Reliquien befanden oder befinden.

Wenn man annimmt, dass es eine authentische Haupt- und Armreliquie gibtneigt sich die Waagschale in der Frage, wo die Reliquien ihren Verbleib fandeneher Rom zu. Der Vatikan kann die ältere und stärkere Tradition vorweisen. Natürlich gab es auch hier schon früh das Interesse, die beanspruchte Stellung des römischen Bischofs unter den anderen Patriarchen mit einer Petrus-Legende, einem Petrus-Grab und Petrus-Reliquien zu stärken und zu begründen. 

Eine diplomatische Lösung der Frage fand der Rom treue Geschichtsschreiber Jeroni Pujades: er nahm an, dass Haupt und Arm des Petrus in Sant Pere waren, aber nach Rom zurückgekehrt seien. 

Meines Erachtens ist es auch nicht so wesentlich, wo und ob sein Grab verortet werden kann und seine Reste zu finden sein könnten. Wichtiger ist das Gedenken an einen Menschen, der vorbildhaft für den christlichen Glauben ist, wozu auch die Schwächen gehören, die Petrus nach den neutestamentlichen Zeugnissen zeigteDies Gedenken kann überall stattfinden, aber Gedenkorte wie Rom oder Sant Pere des Rodes können hilfreich dafür sein. 

Das Reliquienverzeichnis von Sant Pere de Rodes, wie es Villanueva exzerpiert hat (lateinisch) und in deutscher Übersetzung (Seiten werden durch Anklicken vergrößert)

In der Krypta – ein einst durch Reliquien geheiligter Ort 

Wir steigen nun in die Krypta hinab, die auch als Umgang angelegt ist. Sie wirkt mit ihrem Gewirr an massiven Pfeilern, runden Bögen, einer fächerförmigen Säule vor der Westwand und dem unregelmäßig geschichteten Mauerwerk urtümlich, grottenhaft. An der Westwand sehen wir eine Wölbung. Diese geht auf eine Absis der früheren, kleineren Vorgängerkirche zurück. 

Architektonisch war die Aufgabe der Kryptakonstruktion, das Gewicht des über ihr lastenden Chores zu stützen. 

Wir können uns gut vorstellen, dass dies hier die Höhle des Paulus Sergius warobwohl  - wenn dies zutreffen sollte -die Kryptagestaltung sie überlagert hat.  Wohl an der Westwand stand ein Altar, an dem der Heilige verehrt wurde und unter dem die angeblichen Hauptreliquien des Petrus ruhten.

Die Verehrung des Bischofs von Narbonne wurde im Laufe der Zeit zugunsten einer Marienverehrung verdrängtIm 17, Jahrhundert ist ein Altar der “Mare de Déu de la Cova” (Mutter Gottes der Höhle”) und eine Marienfigur bezeugt. Diese Figur haben die letzten Mönche bei ihrem Umzug von Vila-sacra nach Figueres 1817 in die Kapelle ihres dortigen Konvents mitgenommen. (Heute umgebaute Kapelle des Altenheims “Asil Villalonga”). 

Die Anfänge des Klosters – Ein Adliger steht am Beginn 

Die Grabtafel des Magnaten Tassi in der Kirche von Sant Pere de Rodes
Die Grabtafel des Magnaten Tassi in der Kirche von Sant Pere de Rodes
So überliefert der Pariser Erzbischof, Pierre de Marca, in seinem Buch: Marca Hispánica ... (1688) den Text dieses im Original nicht erhaltenen Epitaphs. Quelle; BVPB, Gobierno de España
So überliefert der Pariser Erzbischof, Pierre de Marca, in seinem Buch: Marca Hispánica ... (1688) den Text dieses im Original nicht erhaltenen Epitaphs. Quelle; BVPB, Gobierno de España

Wir kehren auf der anderen Seite aus dem Halbdunkel der Krypta in den Chorraum zurück. Beim Hinaufsteigen haben wir links eine in die Wand eingelassene beschriftetet Tafel entdeckt. Wir entziffern: 

“DEPOSITUS HIC TASSIUS ANTRO CORPORIS MEMBRA  / ALTI  NOBILIBUS  CLIENS  EN  ILLE  IACENTE / QUI  AUXILIANTE DEO HANC AULA[M] IN CAPUT EREXIT ...” -  Meine Übersetzung lautet: Hier in dieser Höhlung liegen Körper und Glieder von Tassius, eines Hohen unter den Adligen, und es ruht in dieser Grablege, der, welcher mit Gottes Hilfe jene [Kirchen-?]Halle in die Höhe (?) errichtete ...”   

Offenbar ein Epitaph, eine Grabinschrift, abgefasst in rhythmisch-poetischer Form.

Von der originalen Grabaufschrift sind noch zwei kleine Reste erhalten und in die Tafel eingefügt worden. 

Der Text wurde literarisch überliefert, wenn auch widersprüchlich. Die Übersetzung ist in einigen Teilen stark umstritten. Pierre de Marca überliefert: "in caput erexit" (caput = Haupt). Das ist epigraphisch unsicher. Ohne diese Lesart auszumerzen, könnte sie poetisch-metaphorisch gemeint sein: (er erbaute die Halle) in die Höhe. Auch auf welchen Bau sich die Angabe "aula" bezieht, ist umstritten.

(Zur Diskussion: J. Alturo i Perucho / D. Rico Camps, Encara sobre la inscripció de Tassi del monestir de Sant Pere de Rodes, PYRENAE, núm. 46 vol. 1 (2015)   

Ob der jetzige Ort des Epitaphs die ursprüngliche Bestattungsstätte war, ist fraglich.

Wer war dieser Tassius, von dem es heißt, er habe "gleichermaßen Geheimnisse himmlischer Worte herabgebracht"? (Grabinschrift) ?

Sein Name führt uns in die Gründerzeit des Klosters zurück. Tassi war ein Adliger aus der westgotischen Oberschicht, der großen Grundbesitz in der Grafschaft Peralada besaß (in der auch damals die “Cella” Sant Pere lag). Offenbar muss er eine echte Wendung vom feudalen Magnaten zum spirituellen Führer vollzogen haben.

Er förderte das kleine Kloster; er und seine Frau stifteten der Mönchsgemeinschaft großzügig Ländereienum für sich und ihre Kinder “den Weg zum ewigen Heil vorzubereiten”. 

So geben oder verschenken wir unser Eigentum ... damit wir vor dem Richterstuhl Christi die Vergebung unserer Sünden erlangenzum Wohle und der Heilung unserer Seelen. (Villanueva, Viage ..., Tomo XVApéndice IX. / Jahr der Stiftungen: 925)  

Auch beschaffte er vom Papst  ein “Dekret” für das Kloster und vom fränkischen König eine “Regel”  - so die Grabinschrift.   

Nach dem Tod seiner Frau trat er und sein Sohn Hildesind 944 (?) in die Mönchsgemeinschaft ein, wo er eine führende Stellung einnahm. Unter ihm wurde der Bau der ersten noch kleinen Kirche des Klosters unternommen, wie - meines Erachtens - aus der Grabtafel zu entnehmen ist. Er starb 955 - wie auf der Grabtafel angegeben ist.  

Das päpstliche “Dekret”, von dem die Grabinschrift spricht, erwirkte Tassi 945 auf einer Romreise. Es sicherte dem Kloster die Unabhängigkeit zu (von der Abtei Sant Esteve de Banyoles und dem Bischof von Girona)Die Mönchs-Gemeinschaft wurde unter die Regel Benedikts (von Nursia) und die Leitung eines Abtes gestellt und war fortan direkt dem Bischof von Rom unterstellt. Rom hatte ein Interesse, Klöster an sich zu binden und gewährte im Gegenzug Konzessionen. Die königliche “Regel” bezieht sich auf die Bestätigung dieser Regelungen durch den fränkischen König, der damals die Oberherrschaft über die Grafschaften der karolingischen Marken” innehatte. 

Hildesind wurde 947 erster Abt des Klosters und später Bischof von Elna.

Unter seiner Leitung nahm das Kloster einen großen geistlichenkulturellen und ökonomischen Aufschwung – auch politisch mit einem sich immer mehr ausdehnenden  Klosterstaat, der Gerichtshoheit besaß. 

Der Aufschwung war auch den Grafen von Empúries-Roselló zu verdanken, vor allem Gausfred (gestorben wie Hildesind 991)der das Kloster unter seinen Schutz nahmihm reiche Schenkungen machte und päpstliche sowie königliche Rechte für die Gemeinschaft besorgte. Unter anderem vergab er an das Kloster die Fischereirechte im “Stagnum de Castilione, dem See, der sich früher zwischen Castelló d´Empúries und der Serra de Rodes erstreckte. 

Die Grafen förderten das Kloster, weil sie ein geistliches und geistiges Zentrum bilden wollten und sich dadurch eine Stärkung ihres Seelenheils und ihrer Herrschaft versprachen. Besonders die Klöster in den karolingischen “Marken” (Grenzgebieten) waren Zentren der Christianisierung und Kultur, aber auch der landwirtschaftlichen Kultivierung. Sie bildeten Bollwerke gegen die Andersgläubigen, in diesem Fall Muslime, die immer wieder in die Region einfielen. 

Die Förderung durch die Grafen brachte aber auch die Gefahr der Abhängigkeit und Übergriffe mit sich, gegen die sich die Äbte mit päpstlicher Hilfe zur Wehr setzten. So wirft Papst Benedikt VII. dem Nachfolger Gausfreds, Graf Hug I. ("Ugo comes") mangelnde Gottesfurcht vor und droht ihm mit "apostolischer Autorität" die Exkommunikation und den Kirchenbann ("anathema") an, wenn er nicht die zum "Erbgut" ("hereditas") des Klosters gehörige und von ihm besetzte Burg (San Salvador) Verdera ("Castellum Verdariae") herausgebe. Dasselbe kündigt der römische Bischof "allen anderen Invasoren in die Erbgüter Sancti Petri Rodensis" an. (Villanueva, Viage, Documentos XII.)

Von eben diesem Papst stammt die Bulle von 979die Pilgern die gleichen Ablässe zugestand wie bei einer Pilgerfahrt nach Rom. Benedikt VII. war ein der cluniazensischen Reform zugeneigter Papst und er begünstigte Klöster, die sich dieser Reform zuwandten. Es ging dabei um die Unabhängigkeit der Klöster von herrscherlichen Eingriffen und die strenge Beachtung der benediktinischen Regel. Dies zeigt den Geist, der die  Anfangszeiten des Klosters prägte. Die päpstliche Konzession zeigt aber auch, dass das “zu Ehren Gottes und des allerseligsten Schlüsselträgers Petrus” gegründete Kloster “auf dem Berge, der Rodas genannt wird”, bereits damals Pilgerziel war.  

Die Baugeschichte des Klosters – Zeugnisse der Aufschwünge und Niedergänge des Klosterlebens 

Im 16. Jahrhundert  wurde ein Abtshaus den Baulichkeiten des Klosters hinzugefügt. Quelle: https://patrimoni.gencat.cat/es/monumentos/monumentos/conjunto-monumental-de-sant-pere-de-rodes/conjunt-monumental-de-sant-pere-de-rodes. Bild: PepoSegura
Im 16. Jahrhundert wurde ein Abtshaus den Baulichkeiten des Klosters hinzugefügt. Quelle: https://patrimoni.gencat.cat/es/monumentos/monumentos/conjunto-monumental-de-sant-pere-de-rodes/conjunt-monumental-de-sant-pere-de-rodes. Bild: PepoSegura

Der wirtschaftliche Aufschwung, das Anwachsen der Mönchsgemeinschaft und der Zustrom von Pilgern führten zur Planung einer neuen großen Kirchund Klosteranlagen. Wohl um das Jahr 1000 begann der Neubau der Kirche - manche meinen unter Berufung auf die Grabinschrift schon unter Tassi. Die fertiggestellten Teile wurden 1022 unter dem Nachfolger Hildesinds, dem Abt Pere/Pedro (1008-1030) geweiht. 

Vermutlich wurden bald nach dem Bau des Chores auch der obere, den Mönchen vorbehaltene Umgang, und die Michaelskapelle mit Glockenturm angelegt. Ein weiterer Nordturm ist verschwunden. Wohl gleichzeitig errichtete man ein Refektorium und das Pilgerhospital (1021 ist ein Mönch bezeugt, dem die Gästebetreuung aufgetragen war)Diese Bereiche des Klosters wurden im Laufe der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts im wesentlichen fertiggestellt. In der zweiten Hälfte kamen der untere Kreuzgang und die Vorhalle zur Kirche hinzu. Damit waren die für das Mönchsleben und den Empfang der Pilger wichtigsten Bauelemente in ausreichendem Maße vorhanden. Das Kloster trat in seine Blütezeit ein, die bis ins 13. Jahrhundert dauerte. 

Die Baumaßnahmen gingen aber weiter. Im 12. Jahrhundert wurde ein neuer Kreuzgang errichtet (der alte wurde zugeschüttet und erst 1989 wieder entdeckt) und auf dessen Ebene ein Kapitelsaal und darüber ein Dormitorium erbautDas Refektorium wurde erneuert und mit einer größeren Küche und einem Vorratsraum verbunden.  Es folgten der Glockenturm im lombardischen StilZeichen eines geistlichen Mittelpunktesund der WehrturmZeichen der Wehrhaftigkeit und der weltlichen Herrschaft des Klosters. (Die Mönche selbst durften nicht kämpfen, aber dafür hatten sie ihre Knechte.) 

In dieser Zeit des Aufschwungs, Mitte des 12. Jahrhunderts erhielt der Meister von Cabestany den Auftrag, an Stelle der bisherigen Portalfassade der Kirche eine neue, repräsentativere zu schaffen. 

Im 14./15. und im 16. Jahrhundert wurde ein großer befestigter Palast als Residenz für die damals nur zeitenweise anwesenden Äbte gebaut (heute remodelliert), im 18. Jahrhundert Sakristeien zur Aufbewahrung von Messgewändern und  Messgegenständen an die Kirche angefügt. Im 17./18. Jahrhundert legte man – mit dem Aufschwung der Landwirtschaft - vor der Klausuund dem Hof große Wirtschaftsräume im Westen (heute Eingangsgebäude) und auch im Süden an. In einem zwischen den Türmen und um den Kreuzgang laufenden zweiten Stockwerk (außer an der Nordseite) wurden Einzelunterkünfte für die Mönche eingerichtet, die nicht mehr wie früher im Dormitorium zusammen schliefen.  

An den jeweiligen Baumaßnahmen lassen sich ökonomische und geistliche Aufschwünge und Niedergänge des Klosterlebens ablesen. Die Baumaßnahmen zentrierten sich in drei großen Etappen: dem 10. bis 11., dem 12. bis 13. und dem 16. bis 18. Jahrhundert. Dementsprechend gibt es drei Baukomplexe. Der älteste mit Kirche, unterem Kreuzgang und Refektorium, der nachfolgende mit oberem Kreuzgang, Dormitorium, Kapitelsaal, erweitertem Refektorium und den Türmen, der jüngste mit dem Abtshaus, den Sakristeien, den Einzelzellen der Mönche und den außerhalb der Klausur liegenden Wirtschaftsgebäuden. 

Der Schatz im Abtshaus

1989 fand man unter dem Boden des Abtspalastes ein Keramikgefäßdas dort versteckt worden war.  Es enthielt Silber- und Goldmünzen aus dem 14. bis zum 16. Jahrhundert. Sie stammten aus Regionen Iberiens, Aragonien, Kastilien, Portugal, aber auch anderen Gebieten Europas, Frankreich, Salzburg, Böhmen, Ungarn ... Der Fund zeigt einmal, dass das Kloster Gefährdungen durch Raubzüge ausgesetzt war – u.a. von türkischen Korsaren – aber auch, dass Sant Pere des Rhodes Ausgang des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit immer noch “internationales” Pilgerziel war. Der Münzschatz ist heute im Nationalen Kunstmuseum Katalonien (MNAC) in Barcelona zu sehen. 

Quelle: Blog del Museu National d´Art de Catalunya. El repte .. .
Quelle: Blog del Museu National d´Art de Catalunya. El repte .. .

Doch der zu vermutende Aufschwung im 16. Jahrhundert, der mit der Erneuerung des katholischen Glaubens und Reformen des Klosterlebens in der Gegenreformation zu tun haben könnte, war nicht von Dauer. 1697 wurde das letzte der “Jubeljahre” gefeiert, Zeichen des Niedergangs des Mönchslebens und des Pilgerzustroms, obwohl die Bautätigkeit noch weiterging. Räuberbanden, Durchzug von Kriegstruppen machten den Weg der Pilger zum Kloster und das Leben der Mönche unsicher.1720 hielten sich nur noch 8 Mönche ohne Abt - in den alten Gemäuern aufMit dem Wegzug der letzten Mönche 1798 nach Vila-sacra in die belebte Ebene des Empordà war das Ende einer nahezu tausendjährigen Klostergeschichte gekommen.

 

Die Kreuzgänge - ein Mittelpunkt des täglichen Lebens der Mönche 

Nach dem Blick auf die Anfänge und die Geschichte des Klosters setzen wir unseren Rundgang fort. Aus deTranssept treten wir in den unteren Kreuzgang ein. Mit den verbliebenen Galerien mit massiven Bogenkonstruktionen und Tonnengewölbe im Osten wirkt er urtümlich-romanisch, wie die Krypta. Die Galerien der Westseite sind verschwunden und der bei den Ausgrabungen entstandene Hohlräum unter dem oberen Kreuzgang wird durch moderne Stahlträger abgestützt. 

 

Hinter der Ostgalerie liegen die archäologisch unerschlossenen Rest eines rechteckigen Gebäudes aus der Spätantike. Manche meinen, dass dies der Tempel der pyrenäischen Venus gewesen sein könnte.

Zwei Wandmalereien - entschlüsselt

 

Über einem Bogen links vom Zugang fällt uns ein verblichenes Farb-Fresko auf hellem Verputz auf. Die Gestalten auf dem Bild sind nur undeutlich zu erkennen. Es wird aber bei näherem Zusehen klar, dass es sich um eine Darstellung der Kreuzigung Jesu handelt. Die Umrisse der oberen Teile des Kreuzes und des Gekreuzigten mit romanisch-ausgereckten Armen – mit Sonne und Mond darüber - sind zu erkennen. Die kleinen Kreuze der Mitgekreuzigten und die am Kreuzigungsgeschehen Beteiligten sind nur zu erahnen.

 

Aus zeitgenössischen und früheren Kreuzigungsdarstellungen wissen wir aber von einer feststehenden Bildtradition, die auch hier vorliegt. Eine der frühesten Darstellungen in dieser Kompositionsweise finden wir im syrischen Rabbular-Evangeliar aus dem 6. Jahrhundert (Illuminierte Pergament-Handschrift der vier Evangelien - Bild 3). In dieser Tradition stehen links am Bildrand Maria, die Mutter Jesu, und der Lieblingsjünger Johannes. Am Kreuz stößt Longinus Jesus die Lanze in die Brust, Stephanos reicht ihm den Schwamm (die Namen der Figuren sind legendenhaft). Unter dem Kreuz würfeln drei Soldaten um den Rock Jesu. Rechts am Bildrand steht eine Gruppe von trauernden Frauen. 

 

Das Bild ist Zeugnis der im Kloster gepflegten Kreuzestradition, aber auch der Malkunst. Das Bild könnte darauf hindeuten, dass es im Kloster Mönche gab, die in der Bildermalerei unterwiesen worden waren, die sie in der Buch- und Wandmalerei praktizierten. 

Links: Wandbild im unteren Kreuzgang von Sant Pere de Rodes - Rechts: Kreuzigungsszene in der Biblia de Ripoll

Rabbular-Evangeliar (586), Kreuzigung / Città del Vaticano, Biblioteca Apostólica Vaticana. Quelle: Wikipedia / Genadii Saus i Segura
Rabbular-Evangeliar (586), Kreuzigung / Città del Vaticano, Biblioteca Apostólica Vaticana. Quelle: Wikipedia / Genadii Saus i Segura

Ein weiteres Bild finden wir an einer Wand im Inneren der südlichen Galerie: die Darstellung eines Löwen. Das majestätische Tier hebt die linke Vordertatze - offenbar sprungbereit.

Der Löwe im unteren Kreuzgang von Sant Pere de Rodes - ein Christussymbol
Der Löwe im unteren Kreuzgang von Sant Pere de Rodes - ein Christussymbol

Nach dem “Physiologus (= der "Naturkundige"), einem um 200 n. Chr. entstandenen und im Mittelalter verbreiteten Text, der Tiere, Pflanzen und Steine christlich deutet, symbolisiert der Löwe Christus und seine Auferweckung.  

Wie der Löwe seine Fährte vor dem Jäger verwischt, so hielt Jesus Christus auf Erden seine Göttlichkeit verborgen. Wie der Löwe mit offenen Augen schläft, so schlief Jesus am Kreuz ein, aber seine Göttlichkeit wachte bei Gott im Himmel. Die Löwin wirft totgeborene Jungen, aber wenn der Löwenvater kommt, haucht er sie an und sie werden lebendig. So hat Gottvater den Sohn von den Toten auferweckt. (Physiologus I. Vom Löwen) 

Aufgang zum oberen Kreuzgang
Aufgang zum oberen Kreuzgang

Wir steigen zum oberen Kreuzgang hinauf. Die Bezeichnung “Kreuzgang” kommt wohl von Kreuz-Prozessionen der Mönche, die in seinen Gängen stattfanden. Den Kreuzgang als zentralen Durchgangsort zu den baulichen und geistigen Schwerpunkten des mönchischen Lebens beschreibt eine lateinische, in Hexametern abgefasste Inschrift an der Außenwand der romanischen Kathedrale “Notre-Dame-de-Nazareth" in Vaison-La-Romaine (Vaucluse / Provence), an die sich ein Kreuzgang anschließt: 

Obsequi vos fratres aquilonis  

                                   vincite partes ...” 

Inständig bitte ich euch, Brüder, überwindet die Gegenden des Nordwindes [woher das Böse kommt, aber auch die Kirche steht, als Bollwerk gegen das Böse] 

Indem ihr den Kreuzgang überschreitet, denn so werdet ihr zum Süden kommen [dem Bereich des Guten, aber auch des Refektoriums]  

Die dreifach Feurige [die göttliche Dreieinigkeit: Gottvater, Sohn und Heiliger Geist] möge das vierfältige Nest entzünden [die Klausur: Kirche, Kapitelsaal, Dormitorium, Refektorium] 

Dass sie den 12 steinernen Gefäßen beigegeben sei [den 12 Aposteln, die in den Säulen der Kirche repräsentiert werden]  

Friede diesem Hause! 

Der Kreuzgang war nicht nur Durchgangsort zu den wichtigen Gebäuden der Klausur, sondern auch ein zentraler Aufenthaltsort für Mönche und Nonnen in Frauenklöstern. Hier erholten sie sich beim Umhergehen, allein oder zu zweit, meditierten, dachten nach, beteten, lasen, reinigten sie sich aus hygienischen, aber auch rituellen Gründen, fanden symbolische Akte statt, wie die Fußwaschung des Abtes am Gründonnerstag (der nach dem Vorbild Jesu Mönchen die Füße wusch) ... 

Die Säulen romanischer und gotischer Kreuzgänge mit ihren Darstellungen an den Kapitellen erinnern an biblische und antike Geschichten und mit ihren Pflanzenornamenten an das Paradies. Kreuzgänge sollen mit ihrem zentralen Brunnen und einem Bewuchs mit ausgewählten Pflanzen und Bäumen das verlorene Paradies, den biblischen Garten Eden (1. Mose 2), und das kommende, wiederhergestellte Paradies im himmlischen Jerusalem abbilden (Offenbarung, 22). Überhaupt soll die ganze Klosteranlage ein Abbild des himmlischen Jerusalems sein und das Klosterleben eine – wenn auch unvollkommene  - Vorwegnahme des befriedeten, gottnahen Lebens im himmlischen Jerusalem. 

Der Kreuzgang in Sant Pere de Rodes stellt sich uns heute nicht mehr so dar, wie ihn die Mönche vor sich hatten. Er lag im 20. Jahrhundert völlig zerstört darnieder. Man hatte Säulen und Kapitelle geraubt und infolgedessen waren Bögen eingestürzt.  Das Ensemble wurde in mehreren Restaurierungen mit Hilfe von Beschreibungen und alten Fotographien fast komplett rekonstruiert. Ein Teil der Säulen und Kapitelle ist neu angefertigt worden, andere sind Fundstücke, die eingesetzt wurden, ohne dass man weiß, ob sie sich wieder an den originalen Stellebefinden. Man kann neu und alt gut am Material und Aussehen unterscheiden. 

Aus fernen Zeiten blicken sie uns von Kapitellen an: Mönche und ein König  

Wir begeben uns an den Ostflügel, wo zwei originale Säulenpaare mit Skulpturen-Kapitellen die Bögen stützen. Besondere Aufmerksamkeit findet bei uns ein Kapitell mit einer Gruppe von Figuren, die Mönche darstellen. Sie stehen eng beieinander und blicken starr in die Ferne aus Augen mit Bohrlöchern in den übergroßen Gesichtern der tonsurierten Häuptern. Der Abt hebt sich mit seinem Stab aus der Gruppe hervor. Die expressionistische Gestaltung der Figuren erinnert an den Meister von Cabestany. 

Die anderen skulptierten Kapitelle stellen biblische Erzählungen dar, Adam und Eva, Abraham, Kindheit Jesu, Auferstehung und vegetabile oder animalische Dekorationen, auch menschliche Köpfe. 

Kapitelsaal - Beprechungsort der Mönche 

Bei unserem Rundgang kommen wir an der Tür zum Kapitelsaal vorbei, der aber für Besucher derzeit nicht zugänglich ist. Im Kapitelsaal trafen sich die Mönche mit dem Abt frühmorgens zu Besprechungen über die Angelegenheiten des Klosters, auch der Lösung von Störungen im gemeinsamen Leben. Seinen Namen erhielt der Ort, weil zu Beginn jeder dieser Versammlungen Kapitel der Mönchsregel vorgelesen wurden.

Da wir uns hier nicht mit den Regeln des Lebens der Mönche beschäftigen können, gehen wir zum Refektorium weiter und tun das dort. 

Kapitelsaal 

Bildquelle: https://patrimoni.gencat.cat/es/monumentos/monumentos/conjunto-monumental-de-sant-pere-de-rodes/conjunt-monumental-de-sant-pere-de-rodes Foto: PepoSegura

Refektorium - So speisten die Mönche

Das Refektorium ist ein langgestreckter Saal mit Spitzbogendecke. Heute wird der Raum für Video-Vorführungen genutzt (bei unserem Besuch war er leergeräumt und es gab keine Video-Vorführung). Der Saal wird durch Fenster erhellt, vor allem eines am östlichen Ende des Saales. (Die Mönche sollten einen angenehmen Ausblick im Esssaal haben.)

Am südlichen Ende lag wohl die Küche, von der aber nichts mehr zu sehen ist. 

 

Refektorium. Quelle und Bild wie oben (Kapitelsaal)

Im Refektorium nahmen die Mönche ihre Mahlzeiten an langen Tischen ein, zweimal am Tag, mittags die Hauptmahlzeit und abends eine geringe Speise, in der Fastenzeit nur abends. Schätzungsweise bot  das Refektorium für 20 bis 30 Mönchen Platz. Beim Essen wurde geschwiegen, allerdings auch auf einen Vorleser gehört, der aus erbaulichen Schriften vorlas, “geistliche Speise” sozusagen, die die leibliche begleitete. Der Vorleser, der zum wöchentlichen Dienst eingeteilwurde, nahm später sein Essen in der Küche ein. Küchendienst gehörte übrigens zu den regelmäßigen Pflichten eines jeden Mönches. 

Wie es beim Essen zugehen sollte, beschreibt die “Regel (Kapitel 38): 

“Es herrsche größte Stille. Kein Flüstern und kein Laut sei zu hören, nur die Stimme des Lesers. Was sie aber beim Essen und Trinken brauchen, sollen die Brüder einander so reichen, dass keiner um etwas bitten muss. Fehlt trotzdem etwas, erbitte man es eher mit einem vernehmbaren Zeichen als durch ein Wort. Niemand nehme sich heraus, bei Tisch Fragen über die Lesung oder über etwas anderes zu stellen, damit es keine Gelegenheit zum Unfrieden gibt. Doch der Obere kann zur Erbauung kurz etwas sagen.” 

(Wer dies einmal als Gast in einem Benediktinerkloster erlebt hat, wird eine ganz neue Qualität gemeinsamen Essens erfahren haben!)  

Was bei den Mönchen auf den Tisch kam, darüber später.

 

Die Benediktinerregel - so lebten die Mönche 

Prozession singender Mönche - auf einem Holzbalken aus dem Benediktinerkloster Sant Miquel de Cruilles (im Museu d´Art de Girona zu sehen)

Der Tageslauf der Mönche war durch Gebetszeiten geregelt, die mit Arbeit, Ruhezeit (mittags) und Lesung (abends) abwechselten. Es gab sieben Gebetszeiten (mit Psalmenrezitation) - in Anlehnung an Psalm 119,164. Sie begannen mit den Laudes (Gotteslob) in der Morgendämmerung und endeten nach Sonnenuntergang mit dem Komplet (Abendgebet). Die Nachtruhe wurde um Mitternacht mit der Vigilie unterbrochen (Früh-Messe).  Die Arbeiten bestanden aus den verschiedenen Aufgaben, die den Mönchen zugeteilt wurden. Auch körperliche Arbeit wurde den im mittelalterlichen Benediktinerorden meist adligen Mitgliedern zugemutet:

"Müßiggang ist der Seele Feind. Deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Stunden mit heiliger Lesung beschäftigt sein ... Wenn es die Ortsverhältnisse oder die Armut fordern, dass sie die Ernte selber einbringen, sollen sie nicht traurig sein. Sie sind dann wirklich Mönche, wenn sie wie unsere Väter und die Apostel von ihrer Hände Arbeit leben" - so heißt es in der Regel Benedikts. (Kapitel 48)

Das Motto der monastischen Tages- und Lebensgestaltung im Benediktinerorden ist: 

Ora, laboralege” - Bete, arbeitelese!” 

Nach einer Probezeit als Novize/Novizin legen Benediktiner(innen) folgende Gelübde ab: 

Stabililtas loci:

Beständigkeit in der Gemeinschaft und Gebundenheit an ein Kloster. (Das richtet sich gegen "Wandermönche".)

Conversatio morum suorum

Ablegung von schlechten und Christus widrigen Gewohnheiten, neue Lebensorientierung und disziplinierte Lebensführung nach den Christus gemäßen Weisungen der Regel. 

Oboedientia:

Gehorsam gegenüber dem Abt, Klosteroberen und älteren Brüdern, die ihrerseits an die Wahrnehmung der ihnen übertragenen Verantwortung gebunden sind. Die Regel betont, dass sie einmal  "Rechenschaft" über ihr Verhalten ablegen müssen. Zur Oboedientia gehört auch die Verpflichtung auf die Regel. 

Wie das Klosterleben im einzelnen gestaltet ist, führt die Regel in 72 Kapiteln aus (deutsch / lateinisch).

Die Regel der Benediktiner wurde von Benedikt aus Nursia (Umbrien) gestaltet, dem “Vater des abendländischen Mönch- und Nonnentums529 gründete er – nach Studium in Rom und Einsiedlerzeit - auf dem Monte Cassino (Provinz Frosinone) das benediktinische Ursprungskloster, ein Gemeinschaftskloster, in dem Mönche nicht als Einsiedler oder Wandermönche, sondern sesshaft und gemeinschaftlich  unter der väterlichen Leitung eines Abtes lebten. Für das Zusammenleben verfasste er seine Regel. 

Die Regel gibt dem Mönch und der Nonne “die Werkzeuge der geistlichen Kunst”, an die Hand, wie das Kloster eine "Schule" und “Werkstatt der geistlichen Kunst sein soll. An der Spitze dieser Kunst steht die einfache, aber nicht immer leicht zu realisierende Doppelregel, die Jesus den Menschen als Zusammenfassung der Gebote Gottes gegeben hat (Mk. 12, 29 ff.): 

“Vor allem: Gott, den Herrn, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Ebenso: Den Nächsten lieben wie sich selbst. (Kapitel 4) 

Ob es den Mönchen immer und allen gelungen ist, nach den Regeln ihres Ordensgründers zu leben, ist zu bezweifeln – es liegen ja genug Zeugnisse vom Verfall monastischen Lebens vor. Auch in einem Kloster leben Menschen mit ihren Schwächen - die Benedikt übrigens berücksichtigtAber es gab immer wieder Mönche und Äbte, die ihre Schwächen überwanden und vorbildlich lebten. Auch fanden immer wieder Reformen im benediktinischen Mönchtum statt, die dem Verfall des Klosterlebens entgegen steuerten. So die cluniazensische Bewegung, von der wohl auch die Anfänge in Sant Pere des Rodes beeinflusst warenund später die Zisterzienser. 

Mönche beim Stundengebet oder bei der Messe und bei täglichen Verrichtungen. Buchminiatur, London, Brit. Lib. 18192
Mönche beim Stundengebet oder bei der Messe und bei täglichen Verrichtungen. Buchminiatur, London, Brit. Lib. 18192

Mäßigkeit - eine Empfehlung Benedikts 

Wir verlassen das Refektorium und treteüber den Kreuzgang in den früheren Empfangsraum des Klosters an der Westfront der Klausur ein. Wir fragen uns, wer sich hier wohl und aus welchen Gründen in langen Jahren beim Bruder Pförtner gemeldet haben mag. Antworten finden wir in der Geschichte von Sant Pere des Rodes. 

Vom Empfangsraum gehen wir weiter nach Süden in eineRaum, der als Vorratsraum für die Küche benutzt wurde. Die Zisternengrube und ein “Kühlraum” unter einem Aufbau weisen auf diese Funktion hin. Wir rätseln wozu der steinerne Aufbau mit Treppe wohl gedient hat ? Es gab einige Vermutungen, z. B. dass auf ihm Brot gebacken wurde, aber die Frage blieb für uns letztlich offen.  

Hier ist die Gelegenheit etwas darüber nachzutragen, was die Mönche bei den Mahlzeiten zu sich nahmen und was in diesem Raum gelagert, vielleicht auch schon zubereitet wurde. Die “Regel” gibt darüber Auskunft: 

Kapitel 39: Das Maß der Speise  

Nach unserer Meinung dürften für die tägliche Hauptmahlzeit ... für jeden Tisch mit Rücksicht auf die Schwäche einzelner zwei gekochte Speisen genügen ... Zwei gekochte Speisen sollen also für alle Brüder genug sein. Gibt es Obst oder frisches Gemüse, reiche man es zusätzlich. Ein reichlich bemessenes Pfund Brot genüge für den Tag ... War die Arbeit einmal härter, liegt es im Ermessen und in der Zuständigkeit des Abtes, etwas mehr zu geben, wenn es gut tut. Doch muss vor allem Unmäßigkeit vermieden werden; und nie darf sich bei den Mönchen Übersättigung einschleichen ... Auf das Fleisch vierfüßiger Tiere sollen alle verzichten, außer die ganz schwachen Kranken.  

Kapitel 40: Das Maß des Getränkes  

Jeder hat seine Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so ... mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Schwachen meinen wir, dass für jeden täglich eine Hemina Wein genügt (römisches Maß: 0, 274 Liter – also auf schwäbisch ein reichliches “Viertele”) ... Zwar lesen wir, Wein passe überhaupt nicht für Mönche. Aber weil sich die Mönche heutzutage davon nicht überzeugen lassen, sollten wir uns wenigstens darauf einigen, nicht bis zum Übermaß zu trinken, sondern weniger. Denn der Wein bringt sogar die Weisen zu Fall. Wo aber ungünstige Ortsverhältnisse es mit sich bringen, dass nicht einmal das oben angegebene Maß, sondern viel weniger oder überhaupt nichts zu bekommen ist, sollen Brüder, die dort wohnen, Gott preisen und nicht murren.  

Dazu mahnen wir vor allem: Man unterlasse das Murren. 

 

Was bei der Regel des Benedikt hier und durchweg auffällt, ist die Rücksichtnahme auf die Schwachen und die Empfehlung der Mäßigkeit (eine der Kardinaltugenden), etwas, was im Mittelalter nicht selbstverständlich war und heute auch nicht ist.. Die Essensempfehlungen Benedikts erscheinen nach heutigen Ernährungsgesichtspunkten durchaus sinnvoll.

Mönchsgerichte: kleine Portionen, (gekochtes) Gemüse, Obst, Salat, Hülsenfrüchte, Getreidebrei, Schwarzbrot, etwas Käse, außer in Fastenzeiten Geflügel, Fisch - und einen halben Schoppen Wein mit Wasser vermischt.  Die Qualität der Nahrungsmittel war gesichert, den die Klöster versorgten sich im wesentlichen selbst.

Bild: "Der Heilige Benedikt speist [bedient] die Mönche [bei Tisch]" von Giovanni Antonio Bazzi (um 1500), aus einem Freskenzyklus im Kloster Monte Oliveto Maggiore (Toskana). Hund und Katze, die sich um Essensreste streiten, zeigen, wie Mönche sich nicht verhalten sollen.

Wir fragen uns, ob die Pilger, die hierhekamennicht nur von der Last von “Sündenstrafen” erleichtert davon gingen, sondern auch etwas vom christlichen Leben und den sinnvollen Lebensgewohnheiten der Mönche und Heiligen, deren Reliquien sie verehrten, mit in ihr alltägliches Leben nahmen. 

 

Eine zweite Ebene der Klausurbaulichkeiten 

Eine moderne Wendeltreppe im Glockenturm führt uns auf eine zweite Ebene der Gebäude um den oberen Kreuzgang. Wir blicken in den Himmel über uns, die Dächer fehlen. Von den ehemals hier eingerichteten Einzelzellen ist nichts mehr zu sehen, außer Spuren von Kaminen an Wänden. Wir gehen zum Wehrturm, dem letzten Zufluchtsort beim Eindringen von Plünderern in das Kloster. Wir sehen die Luke in der Decke des Untergeschosses, in die man nur über eine Strickleiter gelangen konnte. Sie wurde im Notfall hochgezogen. Oben am Turmäußeren ragen Kragsteine hervor, die einst einen hölzernen Wehrgang trugen.  

Geht man vom Turm weiter nach Osten, gelangt man an ein Restaurant und eine Aussichtsplattform, die bei gutem Wetter eine sehenswerte Umsicht auf die Klostergärten und die Umgebung des Klosters bietet. 

Wir gehen zurück zur nördlichen Seite und finden in einem verglasten Gehäuse eine schwierig zu begehende, enge und steile Treppe, die in den oberen Umgang des Chores hinabführt. Wir finden verwaschene Wandbilder, die schwer zu deuten sind. Durch ein Fenster in der Mitte des Umgangs haben wir einen Blick von oben in das Kirchenschiff mit seinen Pfeilern und Säulen bis hin zum Portal. Er gewährt uns eine andere Perspektive des Kirchenraumes als vom Haupteingang aus gesehen. Von hier aus konnten Mönche das Geschehen in der Kirche gut beobachten. 

Wir werfen einen Blick durch die Gitter in die verschlossene "Martinskapelle". Angeblich war unter den Reliquien im Kloster der geteilte Mantel dieses Heiligen - was wohl zu der Darstellung der Geschichte von der Mantelteilung in der Kapelle führte. (Sonst wurde der Mantel - "cappa" genannt - als Reichsreliquie der Merowinger und Franken in Frankreich verortet - in verschiedenen "Kapellen".)

Der heilige Martin von Tours (*um 316 in Ungarn / +397 in Tours) war römischer Soldat, Eremit, Asket, Klostergründer, Bischof, großer Beter, ist Vorbild der Nächstenliebe, Patron der Armen, Reiter, Soldaten, Reisenden, Gefangenen und auch der asketisch lebenden Mönche und Priester.

Der Raum hier erhielt seine Bezeichnung von dem Fresco, aber wozu er tatsächlich diente, ist unklar. (Eremitenklause? Sakristei für die Michaelskapelle?)

Dann gelangen wir zu einer steilen und engen Treppe. Erneut ist Vorsicht geboten. Über sie steigen wir in die große, altertümlich wirkende Michaelskapelle hinauf.Vom Marmoraltar, an dem Messen gefeiert wurden, sehen wir noch Reste am Boden, ebenso sind vom Leuchter an der Deckeder über dem Altar hing, nur noch steinerne Befestigungsarme zu erkennen.  

Der Erzengel Michael gilt als endzeitlicher Bezwinger Satans (Offenbarung 12,7), außerdem wird er als Anführer der himmlischen Heerscharen, JenseitsgeleiterSeelenwäger im Jüngsten Gericht und als Schutzengel der Pilger angesehen (Tobias-Erzählung im biblisch-apokryphen Buch "Tobit"). Also durchaus Gründe, ihn hier im Kloster zu verehren. Auch ist die Einrichtung einer Michaels-Kapelle an erhöhter Stelle kaum zufällig, wird doch damit dem mächtigen Erzengel der Schutz der gesamten Klosteranlage anempfohlen.

Sowohl Michaels- als auch Martin-Heiligtümer sind Pilgerziele gewesen. 

Kapellen, Schutzpatrone und Fresken

Blick durch das Fenster im oberen Chorumgang der Kirche Sant Pere de Rodes in das Kirchenschiff
Blick durch das Fenster im oberen Chorumgang der Kirche Sant Pere de Rodes in das Kirchenschiff

Über den Umgang kehren wir wieder in die zweite Ebene der Gebäude zurück. Von dort aus gibt es mehrere Möglichkeiten, in den Vorhof der Klausur und zum Ausgang aus dem Klosterareal zu gelangen. 

Unser Spaziergang durch die Anlage des ehemaligen Klosters und die Reise durch seine Zeiten ist zu Ende. Die alten Gemäuer haben einiges zu erzählen, man muss es aber erschließen. Dazu wurde dieser Bericht geschrieben. 

Der Nebel hat sich gelichtet und wir wandern zum Parkplatz zurück. Ob sich alle in unserer Gruppe beim anschließenden Mahl in einer Gaststätte in Garriguella an die Empfehlungen der Benediktinerregel gehalten haben, lasse ich offen. Schweigen herrschte beim Essen jedenfalls nicht, aber es  waren ja keine Mönche und Nonnen, die da zusammensaßen. 

Wir leben nach anderen Regeln, aber vielleicht täte es uns und unserer Gesellschaft gut, einiges von den monastischen Lebensregeln zu lernen und zu übernehmen.  

Und was können wir vom mittelalterlichen Pilgertum mitnehmen? Mönche und Pilger einte ein spirituelles Interesse: die Sorge um die "Heilung der Seele". Sie wollten "Frieden" für ihre Seele finden. Sie fanden das - wenn überhaupt - auf Wegen, die uns fern liegen. Uns beschäftigen meist andere Sorgen. Aber vielleicht sollten wir uns mehr um unsere "anima", unsere "Seele", kümmern, auf ihre Bedürfnisse achten, auch die spirituellen. Wir haben nicht nur für unser leibliches Wohlbefinden, sondern auch für das Wohl unserer Seele eine Verantwortung. Nehmen wir ihre Signale wahr und den Dialog mit ihr auf, dann können auch wir einen Weg zum inneren Frieden finden.

Die Gruppe der "Kulturspaziergänger" beim Abschlussessen
Die Gruppe der "Kulturspaziergänger" beim Abschlussessen
Der Guide
Der Guide

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So - um 1900 - sahen die Klosterruinen vor den Restaurierungsarbeiten aus. Katalonien pflegt sein historisches Erbe, auch mit Hilfe Europas. Bildquelle: Wikipedia

Literatur:

Sónja Masmarti i Recasens

Sant Peres de Rodes, Lloc de Pelegrinatge

Internetzugang: Sant Pere de Rodes, lloc de pelegrinatge - Museu d'Història de Catalunya

 

Web

Conjunto monumental de Sant Pere de Rodes

 

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