12.08.2021: Kulturspaziergang Vilabertran

Wir suchten eine Oase der Ruhe. In Roses und Empuriabrava drängelten sich die Touristen. Wir wußten, wenn nicht gerade die Schubertiade oder ein Popkonzert in Vilabertran stattfindet, trifft man hier meist auf nur wenig Besucher. Dabei ist die Canònica Santa Maria eine der schönsten Klosteranlagen in Katalonien.

 

Um der Tageshitze zu entgehen, fuhren wir früh los, Richtung Vilajuïga, dann auf die N 260, auf dieser biegen wir kurz vor Figueres rechts ab. Wir parken hinter der Canónica und nahmen erst einmal einen Kaffee in dem nahen Lokal "La Sínia" zu uns.

 

Dann machen uns über den großen Platz auf den Weg in das Dorfzentrum. Wir stoßen auf eine gemauerte Brunneneinfassung. Das ist eine der sogenannten Sínies

 

In und um Vilabertran wurde Wasser für Felder und Gärten aus Grundwasserbrunnen gewonnen. Im Kreis laufende Maultiere trieben ein Räderwerk an, mit dessen Hilfe Wasser – in diesem Fall – mit tellerförmigen Schüsseln (Platines) geschöpft wurde. Die Einrichtung und der Name geht auf die Araber zurück.

 

Wir schlendern in den Ort hinein, wenig Menschen, Einwohner, die ihren Geschäften nachgehen. Die engen, blitzsauberen Gassen (kein Hundedreck und Müll wie in Roses zu sehen) sind schattig und kühl. Wir kommen auf auf der Plaça Catalunya an, dem Zentrum des Orts. Einige Läden, Bars und ein großes, repräsentatives Gebäude mit geschlossenen Läden, vielleicht einmal das Rathaus.

 

Wir spazieren weiter. Wir haben ein bestimmtes Ziel, den Torre d´en Reig, der im Gassenwirrwarr etwas schwer zu finden ist. Wegzeichenschilder helfen uns weiter.

Vor einem der Häuser treffen wir auf einen Katalanen. Wir kommen mit ihm ins Gespräch und er lädt uns in sein Haus ein. Der Mann entpuppt sich als ein großer Sammler alter katalanischer Gegenstände. Als erstes sehen wir im Eingangsbereich eine Kutsche. Der Raum danach ist angefüllt mit Vorrats- und Trinkkrügen, katalanischer Keramik und Utensilien zu Weinherstellung.

Nach der unvorhergesehenen - aber willkommenen - Begegnung und Besichtigung  gehen wir weiter Richtung Torre d´en Reig. einer schönen Jugendstilvilla mit Garten und Turm. Heute sind darin Rathaus und Schule untergebracht. Leider stehen wir trotz (offenbar nicht angekommener) E-Mail-Anmeldung vor verschlossenen Toren - wegen Corona ist das Rathaus geschlossen. Sonst wurden wir immer sehr freundlich empfangen.

 

Torre d´en Reig: Modernisme-Anlage (Jugendstil) mit Turm und Park, erbaut 1909 von dem Forstingenieur Joseph Reig i Palau. Sein Neffe, der Maler und Kunstlehrer erbte das Haus und machte es zu einem Treffpunkt von Künstlern   ( u.a. Dalí) und Literaten. 1959 wurde die Anlage von der Gemeinde erworben und wird heute als Rathaus mit öffentlichen Einrichtungen und Schule genutzt.

 

Vom Torre ist es nicht weit zum Vorplatz der Klosterkirche. Auf dem Weg sehen wir das Muschelzeichen, das uns sagt, dass hier der katalanische Weg nach Santiago de Compostella vorbei führt. Ehe wir aber wie die Pilger die Canònica betreten, machen wir einen Abstecher zur Font del l´Abat Rigau.  Sie liegt etwas abseits von den Klostergebäuden, am Ende des verwilderten Gartens, den der Abt Cosme Damià i Hortolà anlegen ließ. Er trug anscheinend nicht umsonst den Namen "Gärtner" (Hortolà).

 

Mit dem aus dem Quellrohr fließenden Wasser benetzt sich der Leiter die Augen und berichtet, dass das Wasser als heilkräftig für Augenleiden galt. Er erzählt aber auch die Ursprungslegende der Quelle, die entsprang, als der Abt Rigau - Gründer der Canònica - durch einen heftigen Tramuntana-Wind vom Kirchturm geweht wurde. Dank seiner sich fallschirmartig öffnenden Kutte landete er unverletzt auf dem Boden. Natürlich war es die von ihm verehrte Gottesmutter, die ihn rettete und gleich auch noch der von ihm geleiteten geistlichen Gemeinschaft eine Quelle zur Bewässerung der Gärten schenkte.

 

Font del l´Abat Rigau: Die Quelle geht auf die Anfangszeit des Klosters zurück (11. Jh.), das Waschhaus (Rentador) auf den Anfang des 20. Jh., das dahinterliegende Wasserbecken (Bassa) stammt aus dem Mittelalter. Das ihm zufließende Wasser galt als heilkräftig (Augen). Der Sage nach ist die Quelle nach einem unfreiwilligen „Flug“ des Abtes Rigau vom Kirchturm bei seiner „Landung“ entsprungen.

Doch nun geht zum "Kloster" - aber ein Kloster ist es ja eigentlich nicht, sondern eine "Canònica". Das bezeichnet ein Gemeinschaft von zusammenlebenden Priestern. Sie haben keine Mönchsgelübde wie z. B. die Benediktiner abgelegt - dürfen also ihren Tätigkeiten außerhalb der Wohnanlage nachgehen. Sie leben aber auch nach geistlichen "Regeln", "kanonisch" mit dem kirchlichen Fachwort.

 

Erfreulicherweise treffen wir - wie erwartet - auf nur wenig Besucher außer uns. So können wir in aller Gemächlichkeit durch die Anlage streifen und unsere Beobachtunge und Entdeckungen machen.

 

Eine Aufgabe war, im Kreuzgang und am Eingang zur Kirche die einzigen Skulpturen zu entdecken. Sie sind sehr versteckt angebracht, denn der Reformorden des Abtes Rigau verpönte aufwendigen Skulpturenschmuck an den Säulen und Säulenkapitellen, wie er etwa bei den Benediktinern üblich war.

 

Wir ließen auch den harmonischen Eindruck der Säulenfenster des Kreuzganges auf uns wirken, der durch einige architektonische Tricks Platzbeschränkungen ausgleicht.

 

Auch die große lichte Kirche besticht durch einfache und harmonische Gestaltung, wie sie die fortgeschrittene Baukunst der späten Romanik möglich machte. Das bescheidene Epitaph des Königs Alfonso I.  und das kostbare gotische Vortragekreuz in der Grablegekapelle der Vizegrafenfamilie Rocaberti (Perelada) wies uns darauf hin, dass die Canònica sich der Gunst hochadliger Familien erfreute und auch eine Stätte bedeutender historischer Ereignisse war.

 

Lange verweilten wir vor den (leeren, weil von französischer Soldadeska entweihten) Sarkophagen des Gründers der Anlage, Rigau, und des bedeutenden Abtes des 16. Jahrhunderts, Damià i Hortolà. Dabei erfuhren wir einiges aus dem Leben dieser Äbte, u. a. von dem mißglückten Seligsprechungsprozess von Pere Rigau. Wie es heißt, sollen die Dokumente der päpstlichen Seligsprechung durch einen Schiffbruch verloren gegangen sein.

 

 

Canònica Santa Maria: Eine klosterähnliche Einrichtung wurde von dem Priester Pere Rigau oder Rigall aus Rabós an einem kleinen Kirchlein in Vilabertran gegründet. Der Reformpriester sammelte um 1160 andere Priester neben sich, die nach der Regel (Kanon) des Kirchenvaters Augustin lebten. Die Regel fordert ein gemeinschaftliches einfaches und beispielhaftes christliches Leben. Durch Stiftungen von Adligen war der Bau einer großen Kirche möglich, die um 1100 vom Bischof von Girona geweiht wurde. Die Gemeinschaft erhielt die offizielle Anerkennung, bekam verschiedene Rechte und Rigau wurde als Abt eingesetzt. Die Canònica wurde viel von Pilgern und Ratsuchenden aufgesucht, Adlige hinterließen vor der Teilnahme an den Kreuzzügen ihr Testament und andere fanden dort ihre Grablege, alles verbunden mit Stiftungen.

 

Die spätromanische, nach benediktinischem Vorbild gestaltete Anlage mit Kirche (ein Glockenturm), Kreuzgang, Schlafsaal (Dormitorium), Speisesaal (Refektorium), Versammlungsraum (Kapitelsaal) und Wirtschaftsräumen drückt in ihrer einfachen und harmonischen Gestaltung den Geist der frühen Gemeinschaft aus. Ein außerhalb des den Kanonikern vorbehaltenen Bereichs gelegenes Hospitalgebäude aus dem 12. Jh. diente der Aufnahme von Pilgern und Pflegebedürftigen. Im 14. Jh. kam die gotische Grabkapelle der Vize-Grafen Rocaberti (aus Perelada) dazu, im 15. Jh. der Abtspalast. Das Kloster wurde befestigt. 1592 ließ Philipp II. die Canònica säkularisieren und in eine Schule umwandeln, mit den Priestern als Lehrer. Im 17. Jh. fügte man die „Capella dels Dolors“ (Kapelle der Schmerzen Jesus und Mariens) an. 1835 wurden die Anlagen vom Staat enteignet („desamortisiert“) und gingen in Privatbesitz über – bis auf die Kirche, die Gemeindekirche wurde. Das Abtshaus war ab 1901 evangelische Schule.

 

Betrachtenswert in der Rocaberti-Kapelle ist das große und kunstvolle gotische Vortragekreuz („Veracreu“). Es wurde vielleicht 1295 aus Anlass der kirchlichen Trauung von König Jaume II. und Blanca von Anjou in der Canònica gestiftet.

 

Am Eingang der Grabkapelle ist eine Tafel mit lateinischer Inschrift in die Wand eingelassen, die darauf hinweist, dass hier das Herz des ersten Grafen-Königs von Barcelona/Aragon Alfonso I. bestattet ist.

 

„Ich war Ildefonsus, ein Mächtiger unter den Mächtigen, nun bin ich nicht mehr, der ich einst war, es liegt hier der wichtigste Teil von uns.“

 

Sehenswert sind auch die Sarkophage der Äbte Pere Rigau (gest. 1114) und Cosme Damià i Hortolà (1493-1568). Letzterer war Konzilstheologe (Trient) und erster Rektor der Universität Barcelona.

 

 

Der Sarg des fast zum „Seligen“ erhobenen Rigau trägt die lateinische Inschrift in Versform:

 

„Es sei belehrt, der es nicht weiß, hier ruht der Abt Petrus. Und fürchte dich nicht zu irren, jener war Petrus Rigualli.“

 

Nach soviel geistlicher Sättigung verspürten wir ordentlichen Hunger und begaben uns über den Kirchenvorplatz wieder in das Lokal "La Sínia". Es hat seinen Namen nach einer im Inneren befindlichen Sínia. Der Wirt kennt uns von früheren Besuchen her,  was sich natürlich vorteilhaft bemerkbar macht. Seinerzeit haben wir vorzügliche Lammgerichte genossen. (Das Fleisch bezieht der Wirt von einem ihm bekannten Schäfer.) Diesmal wählte jeder, was er wollte, aber es schmeckte wieder alles gut und wir genossen den gemeinschaftlichen Ausklang der Exkursion.

 

Noch ausführlicher wird die Geschichte der Canònica in einem Blog-Artikel erzählt.